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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1928-11-23 · 11 (23.11.1928) · p. Seite 36

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
4 (1928)
Issue
11 (23.11.1928)
Date
1928-11-23
Page
Seite 36 (sequence 4)
Language
German
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36 HIe/r/' i8c/rutr cle? ckrrge/rck/ Von Lnic/' VracLek Eine der Fragen für unsere Jugend ist der Kampf der Jugend um Irrgendschutz. um Jttgendrchutz'oestimnmngem Es iit heiligste und höchste Pflicht auch sämtlicher jüdischen Jugendverbarrde, diesen Kampf zu führen, zu unterstützen. Wenn der jüdische junge Mensch die Schule verlädt und nicht studiert, so wird er sofort in den Mechanismus des Wirtschafte üpparates eingezrvängt. Mt großer Be-geisterung^stürzt sich gerade der jüdische Junge in seine Tätigkeit. Es ist die Freute, selbst Geld Verdienen Ar können, es soll der Anfang sein zu treuem Leben. Aber wie steht dieses neue Leihen in Wirklichkeit aus- Wir luinen, das; besonders die Lehrlinge und jungen Au Mellten keinen pünkttiä)en Geschäft sschluß kennen. Müde und abgespannt kommen sie aus dem Bureau oder der Werkstatt. Sie sind zu müde, an unseren LMnübenden aktiv terlzunehmen. Sie h-aben keine Zeit mehr, jüdisch Volkshochschulen oder Vorträge über jüdisches Winen zu besuchen.^ Ta Horen wir so oft den Entwurf: Lehrjahre sind keine Herreni-ahre. Sind derartige Reden nicht zu riefst unjüdisch? Wäre es nicht gerade typisch jüdisch zu sagen: meine Jugend war schwer, aber unsere Kinder sollen es bester haben? Tarum müssen wir als jüdische Jugend die ForderunI stellen: Nach dem achtstündigen Arbeitstag verlangen wir pünktlichen Feierabend. Das Wichtigste für die Entwicklung des jungen Menschen im Bund ist die jährlich: Große Fahrt. TarmL ist es aus. wenn die Lehrzeit beginnt. Ist es nicht eine Ungerechtigkeit, daß der Lehrliwg im ersten Lehrjahr drei oder höchstens sechs Tage Urlaub erhält? Schon wieder müssen wir Horen: „Zu meiner Zeit ist's auch nicht besser gewesen/ Jedoch zu der Zeit, als unsere Väter noch Lehrlinge waren, war das Verhältnis zum Lehrherrn ein persönliches.. Heute ist das tzanz anders. Tie Freude am Werk, mit der unscreMäter an dre Arbeit gingen, hört immer mehr und mehr auf. Tie Freude muß ja aufhören bei den heutigen Großbetrieben, in denen der Angest^lte zu einer Nummer wird. T-arunr muß unsere xveite Forderung lauten: längere Urlaubs zeit! — Werden durch unser Zutun diese Forderungen erfüllt, so können wir sagen, daß wir ein Stück praktische Arbeit, Kulturarbeit, geleistet haben. Wir haben aber auch ein Stück jüdische Arbeit vollbracht im Kampf um die Gerechtigkeit. Uckmonck /?/§§§ LeLsnwL/rr'§§e/r/'/fl Vorr Fereckeiakr Zwei Wege gibt es, um schwer überschaubare Gebiete des geistigen Lebens zu erforschen. Den Weg des Gemeswisienschaftlers, der hinter der Vielfältigkeit der einzelnen Lebcwserscheinungen Das gültige Gesetz sucht, und den Weg des dichterisch Gestaltenden, der eine solche Einzelerscheinung durch zufammenfastenLe Tarstellung zrnn Symbol des Ganzen erhebt. Die reinste Form dieser Gestaltungsweise muß man in der Gestaltung des eigenen Erlebens sehen. Eins solche Autobiographie zu schreiben, hat schon immer zu den schwersten Aufgaben des schreibenden Menschen gehört, denn die bedingungslose Ehrlichkeit, die hierfür nötig ist, ist nur von wenigen Mnz Großen aufgebracht worden. Wenn es aber auch nicht glückt, sein eigenes Leben zum Symbol menschlichen Lebens schlechthin Zu machen, so wird es doch eher gelingen, wenigstens der engeren Gruppe, der der Schreibende angehört, ein gleichnishaftes Leben vor Augen zu stellen. Leicht ist das aber auch nicht; auch wenn, oder gerade wenn man — als Leser — mit seinen Neigungen mehr auf der .Seite des dichterisch Gestaltenden steht, wird man nicht ohne Herzklopfen an die Lektüre einer Schrift Herangehen, in der ein Schriftsteller, der einem lieb geworden ist, den Versuch eines solchen Bekenntnisses macht. - Wir durften vor Jahresfrist auf das Buch „Der kleine Prophet' rvou EdrnondFleg Hinweisen. Heute liegt uns von diesem Dichter, der sich schnell auch unter der deutschen Jugend einen großen .Freundeskreis erworben hat, eine Beksnntnisichrift „Warum ich Äude bin"-) vor. ' Die äußere Form der.schrill ischdurcL ihr Motto gegeben: „Meinem .Enkel, der noch nicht geboren ist": sie wird durckaeheus gewahrt, indem -sich Flog Ln direkter Rede an seinen Ente! werdet. Das is: eines der Kernen Kunstmittel, mit denen sich der Auwbiogravh ein intimcrcZ Publikum für sein Bekenntnis sichern möchte. Aber in einem ticstien Sinne ^erschwert er sich dadurch gerade seine Aufgabe: denn bedingungslose Offenheit ist fast immer nur vor dem namenlosen Fremden möglich.?"Nd ^so leidet auch Flegs Schrift etwas darunter, daß sie — Vielleicht mit Kückstcht aus den fingierten Zuhörer — eins fast zu glatte Darstellung und -Lösung gibt. Trotz dieser Vorbehalte wird man sie mit großer Anteilnahme lesen. Er beginnt mit der Schilderung des Elternhauses, iw dem Esi^usAmchs, ejsr^in Hmrs van kultivierten Isttnickan, denen aber eigentlich die tiefere. Beziehung zu ihrem Judentum stblt. Formen werden aus Getvohnheit gehalten, mit der Zeit löstn auch sie sich, da sie von krrrem Willen mehr getragen werden. Immerhin aber — Krall der Tradrtion -- auch hier noch ein Abglanz alter Claubcnsststigkeit, stark .doch genug, um auf bas Gefühlsleben des Kindes zu wirken. Ter Vierzehnjährige hat ein ganz typisches Erlebnis: der junge Mensch, um besten kete relrgrsse Bedürfnisse sich nrernand recht gekümmert hatte, lernt mit Er.chuitLwung die Evangelien kennen, empfinde! fern Jndestin als schwere Belastung und rettet siech schließlich in die kühle Atmosphäre I» Frankreich erschienen bei ..l^ LLirion? 6 s?r-rn-e". in deren S-strif- Deutsch in „Der Dcorgr rrch JuhrgLr-.g L, Hest 3 2,.^' Philo-BerlüL. Berlin 58.. Lindenstraß- 1Z, bringt in Kürze die Schrift ü!Z Buch heraus. Boraushcsrcilungea schon jetzt erbrrerr. wissenschaftlicher Betrachtungsweise, wie sie ihm die naturwissenschaftlichen Nationalisten des Jahrhundertbeginnes bieten. Seine Gefühl örvelt gibt sich einstweilen mit einem leichtgewonnenen Aesthetizismus zufrieden. Alles zusammengehalten durch einen Kreis gleichgestimmter Freunde. Da bringen ihn zwei Erscheinungen des öffentlichen Lebens wieder dem Judentum näher. Zunächst eine „negative": das Aufflammen des Antisemitismus in der Drehfus-Affäre, die ganz Frankreich erschüttert. Als im Verlauf des Kampfes ein Aufruf gegen Die Ungesetzlichkeit des Verfahrens um Stimmen wirbt, unterzeichnet ihn der junge Student und ist sich ganz der Bedeutung der Tatsache bewußt, daß ihn seine erste öffentliche Handlung ans die Seite des mit unerhörter Wucht bekämpften Juden stellt. Dazu führt ihm noch sein bester Freund, Christ und Ttxoretiker des Rasscgedankens, die Verschiedenheit des Juden und Nichtjuden vor Augen, wo er Gleichheit und Einheit zu finden geglaubt hatte. Und nun wird sein positiv-jüdisches Fühlen geneckt durch die Bekanntschaft mit dem Zionismus. Aber kaum in das Ringen um die Problematik des Judentums gestellt, hat er den Ausgangspunkt schon überwunden. Er besucht den Baseler Zwrnstenkongrcß, und unter den Juden aller Länder erkennt er: „Angesichts all dieser fremden Gestalten geschah mit mir, was geschehen mußte: ich fühlte mich als Jude, im hohen Grade als Jude, doch ich fühlte mich zugleich im hohen Grade Franzose, Franzose aus Genf, aber Franzose." llnd er resümiert: „Was war also für mich der Zionismus? Sie konnte mich begeistern, sie begeistert mich noch immer, diese Wundertat Israels, die ganz Israel angcht: drei Millionen Inden werden hebräisch sprechen, werden als Hebräer leben auf der Erde deß Hebräers! Aber für zwölf Millionen Juden, die zerstreut auf der Erde bleiben, für sic alle und für mich selbst blieb die tragische Frage bestehen: Lisas ist das Judentum? Was soll ein Jude tun? Wie ist man Jude? Warum ist man Jude?" Und nun sucht Flcg die Antwort auf diese drängenden Fragen, indem er sich für Jahre zurückzieht zum Studium des Judentums in seinen Schriften, seiner Sprache, seiner Philosophie und seiner Lehren. „Ich weiß genug, um überzeugt zu sein, daß man das Jrrdentum nicht kennt, rvenn man das Hebräische nicht versteht." — Ter Fluß der Darstellung wird von einigen Seiten tagebuchartiger Aufzeichnungen unterbrochen, die ein Bild seiner Studien geben sotten. Sie kreisen um den Begriff der Einheit Gottes als Cvmbol der Einheit der Menschen, die als die Grundlage der jüdischen Religion angesehen wird. „Und iocnn ich im Gewissen meines Stammes forsche, was meine Pflicht als Jude ist, gibt mir sein Gott die Antwort: „Deine Pflicht als Jude ist deine Pflicht als Mensch."— T-er Krieg erweckt in Flog, wie in vielen anderen, die Hoffnung auf einen wirklichen allgemeinen Frieden nach dem Kampfe. Als er vor den Trümmern dieser Hoffnung steht, erwacht in ihm noch stärker der Glaube an die Friedeussendung Israels. Um sein erstarktes Judentum vor sich selbst zu erweisen, prüft er es an den Einwanden feiner Gegner. Es bleibt ihm nur eine wahre Ursache des Antisemitismus: „Der Anspruch der Juden, Juden Zu sein." Und nun erhebt sich die alte schwere Frage nach der inneren Berechtigung dieses Sonderssins. Er versucht die Antwort aus der geschichtlichen Entwicklung herzuleiten (wobei sich so elegante Formulierungen ergeben wie diese: „Es ist Holland, wo aus ihrer alten Bttfflik ein neuer Gedanke geboren wird: dann ist es Polen, wo aus ihrer alten Religion eins neue Mystik geboren wird"). Und er faßt die Untersuchung Ln dem Gedanken zusammen: „So hat sich eine Rasse gebildet, welche die Laster wie die Tugenden der anderen Raffen besitzen mag, die aber ganz sicherlich die menschlichste aller Rassen ist." Sv findet er die schöne Antwort auf die Frage, von der er ausging, der Frage nach der Eristenzberechtigung der Juden, in einer erneuten Welt: „Allein das Judentum hat die zwiefache göttliche Botschaft der göttliche und der menschlick>en Einheit in ihrer ganzen Reinheit bewahrt: und es hat auf dem Weg, der zu ihrer Erfüllung führt, durch seine Geschichte vor der übrigen Menschheit einen Vorsprung gewonnen, den es um der anderen, wie um seiner selbst willen bewahren muß: denn während die uralten Wahrbeiten so diele heidnisch gebliebenen Herzen nnr matt schlagen lassen, sind sie für den Juden das Blut selbst, das sein Herz zum Schlagen bringt." Und nun kann er in einer Folge wunderbar geformter Bekenntnissätze sagen, warum er Jude ist. von denen der schönste ist: „Ich bin Jude, weil für Israel die Welt noch wicht vollendet ist: die Menschen sind's, die sie vollenden." Wir sehen: Keine Schrift, die systematisch den ganzen Kreis jüdischer Problemstellungen erfassen will. Ein Bekenntnis eines jüdischen Menschen unserer Zeit. Kein ganz großes, ganz allgemein-gültiges. Aber die Schrift eines warmempfindenden, Liefveligwsen Menschen, die man nur mit Anteilnahme lesen kann. Und liebenswert allein schon um des stolzen Satzes willen, mit dem Flog schließt: „Mögest du es aber nun verlassen oder ihm folgen: Israel wird bestehen bis Zu den letzten Tagen." Die Deutsch-jüdische Jugcrrdgemcirrsclxrst hielt am §1. Oktober einen Bundessührerrat ab. Der Rücktritt t'er bisherigen Dundcsleitung machte die Wahl einer neuen B u n d e s l e r t n u g notwendig. die sich nunmehr wie folgt zusammensetzt: Werner Rosen stock (Berlin), Herbert Linde mann (Leipzig) und Peter Bl ach stein (Dresden). Man besprach die Ivcitere Arlxit des Bundes, seine Festigung und seinen Ausbau. Die Tagung bewies, daß die einzelnen Ortsgruppen in sich ae festigt sind und daß auch der starke Zusammenhang zwischen ihnen ein gemeinsames Vundcsgefühl erstehen ließ, und es steht zu hoffen, daß die gefaßten Pläne und die ausgetausch-teu Anregungen den Bund ein gut Stück vorwürtstrciben werden! Das Jüdisch^ Jugendheim Berlin-Wilmersdorf, das unter dem Protektorat der Jüdischen Gemeinde steht, wurde am 5. sstovem.ber eröffnet. Es soll jungen Juden des Berliner Westens an jüdische Inhalte zu binden versuchen. Heinz Graupe und seinen Freunden ist es gelungen, die Räume der Mittelstandsküche, Pfalzburger Straße 60, zu diesem Zweck zu erhalten, Räume, die es ermöglichen, auch eine größere Anzahl junger Menschen verschiedenartig (schriftliche Betätigung, Tischtennis, Quartett usw.) zu beschäftigen. Wir hoffen, daß es dsr Hcimlcttung gelingen wird, die in Betracht kommende Jugend heranzuholln und das Heim zu einem Mittelpunkt der jüdischen Jugend des Berliner Westens zu machen. M. D. Verantwortlich für die Beilage „Von deutsch.jüdischer Irgend": Alttetz Hirschbsrg (Beclin.ChLrlottenvurg). Druck vsu Rudolf Mosst, Berlin LN' 19.

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