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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1928-11-23 · 11 (23.11.1928) · p. Seite 33

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
4 (1928)
Issue
11 (23.11.1928)
Date
1928-11-23
Page
Seite 33 (sequence 1)
Language
German
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i W i!! LilüAS öss- Verlin, 23. November 1H2S Fahrgang 4 WM No/r //e/mllitk ^Vat/ran» /?. §ker/r unck Sric/r 6o/r/r /ugenr/ rrnck /ff/er rmc/ m ßkerc^cr ^eirL an c/en r^es Lezuft wa /i /, Bc/u/s Festa/iunF. §e/a/r /, r / ck u n K m/erern'crl. X/ä>an§ cr'rcrcf ^ragc/r. /ü> e/rS a'ez /u§enc/aU55c/r25S emen t/n/e5QU55c/rllL.; un/cr 'pon //ckmut/r /Vükäan ew§crc/2i /ra/, ro//en «/re /§/§enc/en Oertfage tkrenen. Ku/ an ckie „Zttsn" Vo/r //ekmuk/r 7^ai/rcr/r sZ/Mnölll-g) Die Berufswahl ist für den jungen Menschen, für seine Eltern und Erzieher eine der schwierigsten und verantwortlichsten Fragen für das ganze Leben. Sie birgt eine Entscheidung in sich, die zumeist für Jahre und Jahrzehnte bindend ist und von der man sich spate rnur nach schweren äußeren und inneren stampfen und unter zeitlichen und wirtschaftlichen Opfern freimachen kann, wenn sie fehlerhaft getroffen ist. Mannigfache Bedingungen spielen eine wichtige Rotte. Ter Wunsch und die gegebenen Möglichkeiten stehen oftmals in krassem Widerspruch. Häufig ist bei jungen Menschen der Wille, einem Berufe entgegenzuarbeiten, größer als die dazu nötigen geistigen Fähigkeiten. Nicht selten zwingt die wirtschaftliche Lage die Jugend, in Berufe zu gehen, die nicht ihrem Wunschbild entsprechen und denen sie innerlich fremd und ohne Schaffensfreude gegenüberstehen. Ost wird der Weg zu einem bestimmten erwünschten Berus den jungen Menschen durch die Ettern versperrt. Leider ist nicht immer die sachliche Berücksichtigung der Eigenarten und Fähigkeiten des Kindes das leitende Motiv, sondern alte, überlieferte Vorurteile, falscher Ehrgeiz, Gewohnheit und Mangel an Mut bestimmen hier manche Eltern zu Entscheidungen, dre den Jungen die Freude am Berus, die Kraft des Schaffens und die begeisterungsvvtte Hingabe an das eigene Werk rauben. Das schasst unharmonische Menschen. Hier tut Hilfe für die Jungen Not. Beratung in Berufssragen ist eine der wichtigsten Zeitforderungen. Große Unterschiede bestehen in dieser Beziehung nicht für die jüdische und die nichtjüdisch» Jugend. Dennoch kommt für die erstere ein trauriges Moment hinzu. Die Tatsache ihres Judeseins stellt ihnen oftmals unüberschreitöare Schranken. Theoretisch stehen heute alle Berufe uns Juden offen —- in der Praxis sind uns unendlich viele versperrt. Handwerksmeister stellen keine Juden ein aus Unkenntnis und übler Beeinflussung, Kausleute aus Angst und Haß, Akademiker aus traditionell überlieferter Abneigung. Nicht überall, aber in vielen Kreisen, insbesondere in einigen fcharfbestimmtcn. Das traurigste Kapitel sind aber jene edlen Juden, die aus Mangel an Rückgrat es nicht fertig bringen, wenn sie leitende Stellungen einnehrnen, Juden bei sich e i n z u st e l l e n. Auch hier sind es nicht Einzelfalle, es sind viele zu nennen. Jüdische Prosenoren. die Juden als Assistenten ablehucn — weil sie sonst als „verjudet" gelten würden —, jüdische Kausleute, die bei ihren Kunden bester angeschricben zu sein hossen, wenn sie judenreine Angestelltenschaften aufweisen, jüdische Industrielle, die in ihre Leitenden Stellen keine Juden hereinnehmen, weil sie dadurch beyere Beziehungen mit nichtjüd:scheu Firmen erwarten all dies sind Tatsachen, die wir alltäglich erleben. Tie starke Abwanderung in die akademischen Berufe, die durch die wirtschaftliche Besserstellung, aber auch durch die Opferwilligkeit des jüdischen Mittelstandes bedingt war, hat der ohnehin schon auf wenige Berufe beschränkten jüdischen Schichtung geschadet. Es muß in Zukunft etwas geschehen, was nicht nur für die nähere, sondern auch für die fernere Zeit vonnutzen für die Gesamtheit ist. Es darf nicht sein, daß das Judentum durch eine einseitige Berufsgliederung sich aus der G e s a m t sch i ch t u n g h e r a u s st e l l t. Alters- und Jugendorganisationen wüsten Hand in Hand arbeiten. Es muß sestgestellt werden, wieviel junge Juden alljährlich in die einzelnen Berufe hineingchen und welche Fortkommensmoglichkeitsn sich ihnen dort bieten. Man muß erkennen, welche Berufe überfüllt sind, welch andere den jungen Juden vssenst-hcn. Hemmnisse, die durch antisemitische Einrichtungen geschaffen sind, müssen mit Hilfe der alten bewährten Organisationen aus dem Wog geräumt werden. Tie Aussichten für neue Berufe bedürfen einer genauen Schilderung der Anforderungen und Aussichten. In der nächsten Zukunft gilt es, eine Einrichtung ins Leben zu rufen, die sich mit der Bern ssfrage der deutschjüdischen Jugend befassen wird. (Tie Dissertation eines Nativnalökonomen hierüber wäre meines Erachtens eine dankbare Aufgabe.) Bestrebungen, wie solche auf dem Siedlungsgebiet, rnüpen weiter ausgebaut werden. Die Belehrung über den Wert des Handwerks muß in breitere Schichten hineingetragen werden. Wir müssen versuchen, die Möglichkeiten in den kaufmännischen und akademischen Berufen zu ergründen. Dabei kann schon jetzt nur dringendst vor dem Studium der Jurisprudenz und Medizin gewarnt werden. Tie Ausrichten sind schlecht und drohen immer ernster zu werden. (Der kurzfristige Mangel an jüngeren Kräften, z. B. in der Medizin an Medizinalprakukanten, darf da nicht täuschend wirken.) Nur wer mit unzerstörbarer Liebe diesen Bernsen entgegenstrebb sich auf schwere materielle Kämpfe und mannigfache Enttäuschungen gefaßt macht, sollte diese Berufe ergreifen. T-er richtige Beruf nur gibt rechte Lebensfreude. Er befriedigt den Arbeitenden selbst und läßt ihn für die Allgemeinheit von Nutzen sein. Nur der wird sich innig gebunden fühlen an seine heimatliche Scholle, der Aufgaben sicht, die an ihn gestellt sind und die er dank seiner Eignung erfüllen kann. Sie lasten die Häßlichkeiten des Alltagskampfes vergessen und die Enttäuschungen leichter überwinden. Ten jungen deutschjüdischen Menschen den Weg zum rechten Beruf zu verhelfen, wollen wir uns mir als Aufgabe stellen. Wir rechnen damit, daß die „Alten" uns unterstützen, und hoffen, daß sich in jüdischen Reihen keiner findet, der den jungen Juden den Weg mit versperrt, weil pe Juden sind. LeF-ll/§u,'Qkl unci Lsru/su-u/rLc/r Vo/r HsitteLxo/rrckie/r/'e/' //. §ie/-/r Tie richtige Wahl des Berufs für den ins Leber; tretenden Jugendlichen ist ein Problem von höchsier Bedeutung für den einzelnen wie für die Gemeinschaft. Tarurn will auch Georg Kerschen st einer, der hervorragende Pädagoge und Organisator der Berufsschule, die Berufsbildung zum Ausgangspunkt aller Bildung machen. Was unter normalen Verhältnissen wünschenswert ist, nämlich die Ueberführung der Jugendlichen in den ihren Anlagen und Internen entsprechenden Berus, wird angesichts der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage zur Notwendigkeit. Uebervölkerung, Stagnation im Wirtschaftsleben und im Zusammenhang damit das katastrophale Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage in allen Berufen haben einen erbitterten Konkurrenzkampf gezeitigt. Und für uns Juden wird die Krisis noch verschärft durch die immer weiter greifende, systematische Absperrung gerade von solchen Berufen, die noch einige Aussicht aus Fortkommen bieten. Unter solchen Verhältnissen kann naturgemäß nur auf Erfolg rechnen, wer imstande ist, seine Energiequellen restlos auszuschöp'sem Wo aber könnten sich diese Energien deutlicher offenbaren und besser auswirken als im angemessenen, f r e i a e w ä h l t e n Berus? Darum haben Wissenschaft und Praxis Erforschung der Berufsideale der Jugendlichen, wie auch der Feststellung ihrer Eignung zum gewählten Beruf schon seit Jahren ernste Aufmerksamkeit gewidmet. Die theoretische Psychologie sucht die Struktur des Berufswnusches, seine psychologischen und soziologischen Bedingungen, zu ersorscheu, und die Praktische Psychologie hat die Psychotechnik geschaffen, die mit geradezu raffinierten Methoden die psychophysische Eignung der Berufsanwürter Prüft. Tie umfangreichste Untersuchung der Berusswünsche der Jugendlichen ist vor kurzem verössentucht wordenJ. Die pädagogisch-psychologische Arbeitsgemeinschaft von Lehrern an den höheren Schulen in Leipzig hat eine Erhebung veranstaltet, die sich aus fast 14 0 0 0 Schüler höherer Schulen aller Gattungen, *) Brrufswänsche und Zukumrsplüne der Zugend an. höheren Sännen, öerauogegeben von Lkeodor Friedrich und Wowemar Voigt. Ferd. Hirt, Breslau, 1ß2s. 495 Seiten.

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