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Central-Verein-Zeitung · 1928-11-23 · 47 (23.11.1928) · p. Seite 663

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
47 (23.11.1928)
Date
1928-11-23
Page
Seite 663 (sequence 7)
Language
German
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663 Um aber aus das Allgemeine des Problems zu kommen: T^a3 JudentllM, und das hat Löwenthal sehr richtig ausgedrückt, kann nur als Gesamtheit begriffen werden. Das Leid einer Gemeinschaft jedoch zu dramatisieren, ist ein Untersangen. an dem selbst die größten Künstler gescheitert find. Tie unzähligen Gesichtspunkte und Einzelheiten, äußeren und inneren Momente, die zufammenklingen müssen. um ein wahres Bild zu gestalten, können vielleicht in einem Roman zusammengetragen werden. In einem Drama sind fast stets Gestalten, die sich von der Allgemeinheit im Guten oder Bösen unterscheiden, die Träger der Handlung. Wenn man sie zudem noch als Juden auf die Bühne stellt, so geschieht es meist, um sie noch in besonderem Maße Zu kennzeichnen. Las Ausschlaggebende hierbei ist. daß viele menschliche Probleme im Jüdischen noch vertieft, noch tragischer gestaltet werden. So kann letzten Endes vom jüdischen Standpunkt aus nicht beklagt werden, wenn Juden auf der Bühne erscheinen. Nur dann, wenn man unsere Seele verzerrt und unser Wollen gefälscht auf den Brettern, die die Welt bedeuten, zu verkörpern sucht, sollen wir uns wehren. Tenn stets ist für den Künstler die Kunst, und das heißt die Wirkung auf die Masse, das Ausschlaggebende. Hans Oppenheimer. Heinrich Heine-Memoiren. Eine Würdigung. Don Dr. Hugo Luchmanskr. Herbert Eulenberg, der erst letzthin wieder sich in diesen Blättern laut und leidenschaftlich Zu seinem berühmten rheinischen Landsmann Heinrich Heine bekannt har, läßt soeben im Remdrandt- Derlage (Berlin-Zeylendors) ein — reizend ausgestattetes — Buch unter dem Titel .Heinrich Heine-Memoiren^ erscheinen. Wie steht es um Hernes Mernoiren? Sie bilden, im Gesamtwerk des Dichters, nur einen schmalen Torso, der erst im Jahre 1884 zur Veröffentlichung gelangte: ein Stückch-en selbsterzählter Jugendgeschichte. mit der lachenden Trane im Wappen des Erzählers: eine fragmentarische Rückschau auf fröne, heimatliche Erlebnirie, die durch die liebevolle Charakteristik der Familienmitglieder. insbesondere des Vaters Samson Heine („Er war van allen Menschen derjenige, den ich am meisten auf dieser Erde geliebt") ihre persönliche Färbung erhalt. Was über diese autoöiograph: sch? Skizze hinaus beim Ableben des Dichters aller Wahrschein: ich keil nach an Memoiren noch vorhanden war, ist nach der Ansicht Ernst E! st e r s. des berufensten Heine-Forschers, von den Erben, denen auch der wach'ende Nachruhm chres großen Namenträgers keinerlei posthume Verpflichtungen auszuerlegen schien, entweder vernichtet oder in wohlbetzüteten Gewahr, sam genommen worden. Der äußere Umsang des Buches, das Herbert Eulenberg als Heines Memoiren herausstellt, gibt zunächst der Vermutung Raum, als ob er den für verloren gehaltenen oder verborgenen Schatz, der von Heine selbst als der Roman seines Lebens, als die Krone seiner Werke bezeichnet worden ist. gehoben habe. Indes belehrt schon ein flüchtiger Einblick, daß es sich hier nicht etwa um entdecktes Neuland handelt, sondern um längst wohnbar gemachtes Gebiet, aus dem der stolze Lebensbau Heines sich noch einmal erhebt, dcr Betrachtung von außen und von innen zugänglich. Tie Bausteine zu dem stattlich eingerichteten Hause worden von überall her aus des Dichters Werken zusammengetragen, aus früher und später Lyrik, aus den Reisebildern. den politischen und feuilletonisti scheu Pariser Berichten, einzelnen Bünden des „Salon" und natürlich auch aus jenen Prosa schritten, die sich in ihrer mensch-ich individuellen Haltung dem Charakter von Memoiren am meisten annäffern, dem Buch- Le Grand und Den in der schlimmsten Zeit dcr Mütratzcngrust abgefahren „Geständnissen" (wobei man bedauern mag, daß nrr die mit Heines Werken weniger Vertrauten nur selten die Quellen an^eben werden). Auch dem Juden Heine wird in dem Eulenberaschen Buche der ihm aMup rende Platz angewiesen: dem rurr scheinär verlorenen Sohne Israels, der sich zwar äußerlich vom Glauben seiner Väter lo-llöste, dessen Spottlust sich auch in manchen Bosheiten und Unziemlicksteiten über das „Urübelvolk" Lust machte, der ober in seines Herzerr stets Jude, blieb, doll Bewunderung für den tausendjährigen schmerz dos Judentums, und der in seinem Testament die reuigen Worte niederschrieb: „Ich sterbe im Glauben an einen einzigen Gott, den ewigen Schöpfer dcr Welt". — Heines Werke sind, in viel erheblicherem Ausmaße als die Werke anderer Dichter, eine einzige große Konfession. So müßte denn, wenn man mit dem Begriff Memoiren — in weitestem Sinne — das literarische Bekenntnis aller äußeren und feeli'ch-goiftigcn Lebens- Vorgänge' verbindet, fast das gesamte Werk Heines in ein Memoirenbuch ausgenommen werden, Eulenberg hat es indes geschickt verstanden. seinen Stoff' .zu umgrenzen, sich in dcr Auswach! auf das Wesentliche zu beschränken, Lücken nicht allzu sehr fünften: zu machen und größere Sprünge Zu vermeiden. Ster eines hat er nicht bedacht: er laßt den toten Heine in der krslig fingierten Vorrede nn der das geübtere Ohr allerdings manchen hc ine fremden Klang vernehmen wird) die Versicherung abgeben, der Herausgeber seiner neuen Memoiren habe sich „ruckst mit mein einzigen eigenen Wort" hervorgedrängt. Statt dessen nimmt Eulenberg,. rn dcr Maske seines Schutzpatrons, den Leser fauft <un Arme und geleitet ihn. wie ein liebenswürdiger Cicerone, mit ein paar kurzen Komplimenten und Ertiarungen von dem einen Eigens YcrXeufsstiJUn in aS<n grZuersn Städten Deutschlands. Erhältlich in all in Sps%klg<s<häfUn. Raum des Memoirengebäudes in den anderen, und wenn er in den letzten San! gekommen ist, ruft er den „lieben Freunden und süßen Freundinnen" DLschiedsworte zu, bei denen man nur in dem bekannten, aus den Originalmenwiren entlehnten Wortspiel „Henri Lern6 — an rien“ Len wahren Urheber wiedererkennt. Immerhin: Heines weitumfassende, in viele Bezirke des Lebens und Dichtens eingreifende Persönlichkeit wird, im Spiegelbild eigener LusZeichnungen, erneut lebendig. Harry Gras Kesiler: Walther Nathenam« Sei« Lebe« rrnd sein Werk. (Vertag: Henn. Klemm A.-G., Derlin-Grunewald.) Die Literatur über Walther Rathenau hat Graf Kctzlcr durch ein meisterhaftes und verdienstliches Werk erfreulich bereichert. Wer Rathenau in seiner Bedeutung ermessen will, wird stets seine Persönlichkeit m den Mittelpunkt "stellen müssen. Gras Keßler löst diese von ihn: richtig erkannte und betonte Aufgabe mit erstaunlichem Fleiß unter Verwertung einer Fülle treffender Zitate aus bekannten und weniger bekannten Schriften Rathenaus. Keineswegs bietet er etwa lediglich eine wssammenhanglose Aneinanderreihung der Gedanken dieses großen Menschen und Künstlers; mit feinem psychologischen Verständnis und aus hingebender, leuchtender Verehrung ersteht vielmehr eine plastische Verkörperung der Gesamtpersönlichkrir. deren Tragik bis m die feinsten Wurzeln nachgeprüst wird. Wieder nimmt das prophetische Format des Genies den Leser gefangen und erneut lehnt sich der Gerechtigkeitssinn gegen das grausame Schicksal aus, das diesen glühenden deutschen Patrioten von Mörderhand fallen ließ. „Hätte er (der überlebende Techow) meinen Sohn gekannt, den edelsten Menschen, den die Erde trug, so hätte er eher die Mordwaffe auf sich selbst gerichtet, als auf ihn." So schrieb in klassischer Größe die Mutter dos Toten an die Mutrcr des Täters. Verblüffend wirkt die Hellsichtigkeit. mit der Rathenau schon unter der wilhelminischen Aera die den meisten verborgen gebliebenen politischen und gesellschaftlichen Schäden erkannte. Großzügig wird seine Orc^knisatron der Rohstoffverwrgung im Kriege geschildert, die ti gegen starke Strömungen durchsetzte. Richtig erkannte er. was heute Gemeingut aller Unvoreingenommenen ist: den Fehler des überstürzten Wafsonstillstandsangebotes, dem gegenüber er zur nationalen Verteidigung aufrief. Gut herausgearbeitet wird die gedankliche Grundlage der „Erfüllungspolitik". die er letzten Endes geschaffen har. Ob Rathenaus Ansichten und Theorien, namentlich wirrschafrlicher ' und philosophischer Art. neu oder richtig waren, :st nebensächlich. Vielleicht gibt es völlig neue Gedanken überhaupt nicht, und die Originalität eines Denkers liegt nicht in dem. was er denkt, sondern wie er es denkt, und vor allem in der Tiefe des Erlebnisses, aus dem er schöpft. ..Was Menschen sich zu sagen haben, auch wenn es die Form von Meinungen an nimmt, sind Erlebnisse/ Wissenschaftliche Beweise für seine Konstruktionen hat Rathenau immer verschmäht und sich stets auf die Sicherheit seines Blickes, seiner Phantasie und Intuition gestützt. So gleicht er, wie ohne Lebertreibung gesagt werden darf, im Aufbau seines Werkes, in der Wucht feiner Sprachgcstaltung, in der Ahnung künftiger Geschehnisse und rn der hingehenden Liebe den ..neuen MenfcheiG und seine Seele den großen Propheten des Alten Testaments. Bezeichnend beginnt sein Eintritt in die Oesscntlichkeir mit dem Aussatz „Höre. Israel", einer Auseinandersetzung mit seinem eigenen und dem Judentum überhaupt. Für ihn liegt die Lvstrng der deutschen Judenfrage nicht in der Besoitrgung des aesellschaftlichen Boykotts, des Maats-bürgertums zweiter Klasse, nicht in dcr Beseitigung aller Beschränkungen oder im Ueöertritt zum Christentum oder im Zionismus. Bewußte Selbsterziehung einer Rasse zur Anpassung an fremde Anforderungen bedeutet für ihn die Lösung, Anpassung jedoch nicht im Sinne der Darwinschen Mimikry. Das Ziel dos Pff'ozesse-Z sollen nicht imitierte Germanen, sondern deutsch geartete und erzogene Juden sein. Diese Lösung hat Rathenau mrsgeöaut. als er Rasseng-egensätzeu eine Liefere Bedeut'.mg absprach und nur noch einen Unterschied in der Gesinnung auerkannte. den Unterschied zwischen Menschen, die aus Furcht, und solchen, die aus Mut handeln. „Ich Lin der Ueberzeugung/ schreibt er an einen völkisch gesinnten Freund während des "Krieges, "„daß Glaube, Sprache. Geschchte und Kultur hoch über den physiologischen Dingen der Dlutmischung stehen und sie ausgleichenB Und weiter: „Du sagst gewöhnlich: Mein Voll* und Jein Vollst Mein Volk sind dre Deutschen, niemand sonst. Die Juden sind für mich ein Stamm wie Sachsen und Bayern. Für mich entscheidet für die Zugehörigkeit

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