Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 47 (23.11.1928)
- Date
- 1928-11-23
- Page
- Seite 662 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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HtzS Vli# ievl D«S unübertroffene Hotel, Das als einziges KocbbrunrrenDBavHarrS Wiesbadens direkte VovVeltffarkeZuleitnna ans de«, weltberühmten Kochbrunnen erhält. Palast-Hotel Badliaus üiesbaders. Doller Vinterkur-Bet rieb. 20) Zimmer von 5 bis 8M. und mit voller Pension 12 big 15M. einschl. Thermalbad und Trinkkur (Liruerpreise). Besitzer und Leiter: Otto S rh i ü. saaeraaßms ^u-en auf -er Sühne. In Nr. 39 der „C. D.-Zeitung" vom 28. September hatten wir Im Zusammenhang mit kritischen Besprechungen der Bühncnwerlr „Ter rote General" von Hermann Ungar im Theater in der Köniagrätzer Straße in Berlin und „Ton in des Töpfers Hand" dsn T^odore Dreiser im Renaissancetheater (Eharlottenbnrg) eine Aussprache über das jüdische Problem als Bühnenstosf er- Dsfnet. Dabei war auch die Frage gestellt worden, ob die Glaubhaftigkeit der in diesen Dramen dargestellten Konflikte erst durch das jüdische Element bedingt sei. „Der rote General" wird zurzeit reicht mehr aufgesührt, wohl aber findet noch allabendlich die Ausführung des Drerserschen „Ton in des Töpfers Hand" in der hervorragenden Premierenbesetzung statt. Auf unsere Anregung ist uns eine Reihe von Zuschriften zugegangen. die sich in Einzelheiten so deckten, daß wir pe im folgenden mit Erlaubnis der Verfasser nur auszugsweise wied-ergeben: Heinz Sommerfeld (Berlin): „Welche Veranlassung, welcher Grund liegi vor, diese Schauergeschichte „Ton in des Töpfers Hand4 in jüdisches Milieu zu verlegen? Der Ablauf der Handlung isl nickt geeignet, auf diese Frage befriedigende Antwort zu geben. Der jüdische Mörder, eine im “Leben besonders selten verkommende Erscheinung, ist eine der wichtigsten Figuren im Stück* Der junge Jude Isidor muss kerludten, Kindermörder aus sexueller Verirrung zu sein. Dia ganze Familie sehen wir, um den kranken Spross der Familie vor Irrenhaus und Strafe zu bewahren, Meineid um Meineid leisten. Den Zuhörer, und besonders den jüdischen, wird ein Gefühl der Scham, wenn er dies mit ansehen muss, überkommen. Dieser von Dreiser so viel gepriesene Familiensinn scheint mir viel eher ein Dokument der Verletzung der heiligsten Gebote jüdischer Religion, SUte und Moral zu sein. Dieses Drama scheint mir zu den gefährlichsten, den Antisemitismus f ordernden Schauspielen zu gehören.** Emst Mosewius (Berlin): „Jeder Konflikt, auch der dfler j üdisch sie, selbst der rein rdigiöse Konflikt innerhalb der jüdischen Familie oder der zwischen Vaterland und Stammeszugehörigkeit ist zugleich ein Symbol für das damit im Zusammenhang stehende allgemein menschliche Problem. Es liegt im Wesen der Bühnenhandlung, dass sie in die Bezirke des allgemein Menschlichen erweitert werden kann. — Beim „Roten General“ wird (vom Dichter) der alte Fluch gezeigt, der auf dem Juden lasten seih und der auch den durch seine Leistungen Hervorragenden nicht vor bitterer Zurücksetzung und nicht vor dem Fremdheiiserlebfds bewahrt. Dieses Schicksal sieht und fällt mit dem Judesein des Helden. Die Beziehungen zum allgemein Menschlicken können nur insofern her gestellt werden, als das jüdische Problem ein Menschkeitsproblem überhaupt ist. Der jüdische Einschlag ist hier unentbehrlich, um die Handlung glaubhaft und in sich geschlossen erscheinen zu lassen. — Anders liegt dies bei dem Dreiserschen Werk. Dieser Stoff könnte, von einigen Nebensächlichkeiten abgesehen, jederzeit in ein völlig anders geartetes Milieu verlegt werden, ohne cn Glaubhaftigkeit itnd Geschlossenheit zu verlieren. Handlung und Konflikt sind hier keineswegs durch ihr jüdisches Element bedingt. Dass jedoch durch solche Anschauungen dem Judentum geschadet werden könnte, ist nicht anzunehmenP Hm Loewenthal (Neuss): „Die Kunst kann aus zwei verschiedenen Wurzeln erwachsen. Entweder strömt sie aus der Idee und verkörpert sich in Religion und Eikos. Dann ist sie Ausdruck seelischen Wolfens des Künstlers. Sie hat als Ziel eine Mission zu erfüllen, durch ihre Idee zu überzeugen. Die Kunst kann aber auch zum anderen der Schmerzensschrei einer gequälten Seele sein. Sie steht dann stets mit der Frage „Warum** vor uns, sie will den, der eine Schuld eder eine Not verursacht hat, anklagen. Dieses doppelte Schicksal des Judentums hat man in der dramatischen Kunst zu erfassen versucht. Im „Uriel Acostai\ im rJLoien GeneralUnd doch, sagt man, fehlt diesen Werken etwas, um Ausdruck eines nur jüdischen Konflikts zu sein. Und das fei richtig. Denn ist der rote General nicht ein durchaus abendländischer Intellekt netter und ist auf der anderen Seite Faust nicht ein ruheloser Ahasver? hn abendländischen Individualismus hat man vergessen, dass das jüdische Leid das Leid einer Vielheit, einer Gemeinschaft ist, und nicht das Geschick eines einzelnen Menschen. Das Drama, das den jüdischen Konflikt und die jüdische Seele erfassen will, darf keinen Intellekiu eilen, keinen Revolutionär schildern, es muss die Leiden der Gemeinschaft dramatisieren und darf diese Vertreter höchstens durch ihre Führer personifiziere nP Dr. Richard Elh (Dresden): „Man sollte sehr vorsichtig und sparsam damit umgehen, Juden auf die Bühne zu bringen — aus äusseren n ie aus inneren Gründen. Die äusseren betreffen das Darstellerische. Der Bühnenkünstler, namentlich in der Provinz, hat für gewöhnlich nicht den Takt und die feine Kenntnis der jüdischen Psyche, um die Gestalt des Juden lebensrvahr zu formen. Gar zu leicht verleitet das Streben tiach Effekt, nach Publikumstvirkung zu Vebertreibungen, die dann aus dem Juden eine billige Karikatur, einen Gegenstand des Spottes, der Abneigung machen. Aber selbst wenn das Spiel — wie das hei den in Berlin jetzt auf gef ährten Stücken der Fall sein soll — erstklassig ist, bleiben doch Befürchtungen massgebend, die auf dramaturgischem Gebiete, d. h. dem der Beeindruckung des Publikums durch das Drama selbst, liegen. Wir sind eine Minorität, und das legt uns wie allen Minderheiten die Verpflichtung auf, uns nicht vorzudrängen, uns nicht als wichtiger erscheinen zu lassen, als wir tatsächlich sind. Auch der nicht Uebelwolfende kommt, wenn er ohne ersichtliche Veranlassiuig öfters Juden auf der Bühne sieht, leicht zu der abfälligen Ansicht: Aha, schon wieder ein Jude — überall müssen doch Juden dabei sein, oder: So (schlecht nämlich) kann auch nur ein Jude sein, kurz das alte Lied: der Jude wird v erb rannt! Wozu diese Gefahr heraufbeschwören, sofern das Stück — und darin liegt ja die Fragestellung — nur zufällig Juden, wenn auch vielleicht typische, auf die Bühne bringt, Menschen, die nebenbei auch Juden sind? Etwas ganz anderes ist es, nenn es sich um die dichterische Behandlung des jüdischen, noch schärfer umgrenzt, des deutschjüdischen Problems handelt. Worin es besteht, braucht hier nicht erst gesagt zu werden. „Was sie verunziert, es ist unser Werk; wir lähmen sie und grollen, wenn sie hinken “ sagt in der „Jüdin von Toledo“ treffend der König, derselbe, dem Grillparzer an anderen Stellen das Geständnis in den Mund legt, dass er dieses „Volk“ nicht liehe. Gewiss war der Dichter, den man dennoch lieben muss, kein Philosemit, er v:oUle aber mit dieser Zwiespältigkeit wokl mehr die schwankende Urteilsfähigkeit des verliebt cn Königs charakterisieren. Leo Hirsch hat an dieser Stelle kürzlich beklagt, dass noch kein Buch existiere, welches klar und überzeugend das furchtbare Dilemma schildert, in welchem sich der sein Vaterland liebende deutsche Jude tagtäglich befindet. Genau so wünschrnstvert sind im Gegensalz zu den vorher genannten solche Bühnen werke, die mit der dem Theater eigentümlichen Suggestionskraft bewusst Juden als Juden und daneben als Menschen zeigen, auf dass ein jeder, der im Theater sehen, hören, fühlen (mitfühlen) will, endlich einmal die furchtbaren Leiden erkenne, die der jüdische Mensch — er kann auch ein Mensch sein — durch seine ihn nicht kennende oder absichtlich missverstehende Welt erduldet. Dieses wäre ein Verdienst, das andere aber ist. wenn auch manchmal packend gestaltet und mit künstlerischer Vollendung Seelenabgriinde crschliessend, überflüssig und, in Deutschland wenigstens. wo wir Juden noch immer schwer um Anerkennung ringen, eine Gefährt‘ Wenn mau diese Antworten überprüft, so muß man vor allem feststellen, daß sie alle weniger vom dramatischen als vom rein gefühlsmäßigen Standpunkt aus geschrieben sind. Das drückt sich schon darin aus, daß allgemein Dreisers „Ton in Töpfers Hand" als u n j ü d i s ch a b - gelehnt, dagegen U n n o r s „Roter General", der einen edlen Typus von Menschen darstellt, als jüdisches Problem anerkannt wird. Ich habe bereits in meiner Besprechung der Dreiserschen Tragödie anzudeuten versucht, warum die Tragödie in jüdisches Milieu verlegt worden ist. und ich kam zu deru^Er^buis, daß cs Dreiser deswegen getan hat, um die dramatische Wucht zu steigern. Ein Meineid in jüdischem Milieu, ein Mord in einer jüdischen .Familie, das stellt eine Steigerung der gegebenen Tatsachen dar: das Haupt der Familie schwört diesen Meineid nicht. Er, der! di? beste jüdische Tradition verkörpert, während alle anderen j Glieder der Familie dem Judentum ferner steljen, sagt die W ah rj heit und weiß genau, daß er damit nicht nur den Sohn der irdij fciH’n Gerechtigkeit überliefert, sondern die ganze Familie ' d e m Zuchthaus e n 1 a e g e n f ü h r t.