Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 47 (23.11.1928)
- Date
- 1928-11-23
- Page
- Seite 661 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nachrichten vom Tage. zeigt ein Vergleich seiner Reden in Nürnberg und in Berlin seine Führerqualität. aber auch seine rücksichtslose Demagogie in hellstem Lichte. Schweriner. Hitler spricht. In Berlin: Etzamave. — In Nürnberg: Fanfare. Hitler-Versammlung in Berlin. Die erste öffentliche seit Bestehen der N.S.D.A.P. Tr. Goebbels versteht sich auf Retlame. Acht Tage vor der Versammlung beherrschen Riesenptakate die Litfaßsäulen: „Hitler spricht!" Zum Einheitspreis von einer Mark. . . Von 6 Uhr ab strömen am letzten Freitag (16. November) die Massen unaufhaltsam Zum „SPortPala st". Schon eine Stunde vor Beginn der Versammlung muß der Riesenraum polizeilich geschlossen werden. Ein Heer von S ch u tz P o l i z e i b e a m t e n — Polizeipräsident Zörgicbe! ist persönlich zur Stelle — ist aufgeboten, so daß Ruhestörungen Überall vermieden werden. Demonstrierende Kommunisten werden ohne große Mühe in die Nebenstraßen abgedrüngt. Braunhemden sieht m a n nur i n v e r sch rv i n d e n d geringer Zahl, dagegen sehr viel gutes Mittelstandspublikum beiderlei Geschlechts, das sich ein Fett aus Hitlers erstem Auftreten in Berlin verspricht. Ein Trupp Werwolf, der sich am Wittenbcrgplatz versammelt hat, erscheint in geschlossenem Zuge. Sie kornmen ans Sympathie für Hitler, ebenso wie viele hundert Stahlhelm an gehörige, die sich Zur Feier des Abends mit ihrem Abzeichen geschmückt haben. Selbst der alte General a. D. Watter, von der Ruhr her bekannst will dabei sein, wenn Hitler spricht. Während sich die kleineren Veranstaltungen der N.S.D.A.P. in Berlin oft bis Zu 90 Prozent aus Jugendlichen zusammensetzen, ist die Zahl der Nichtwahlderechtigtcn nn Sportpalast äußerst klein. I n s gesamt füllten etwa 12 0 0 0 P ersonen den größten B e r - s a m in l u n gsra u m V c r l i n's. Die A u s s ch m ü ck u n g des Saale s verrät bereits, daß Hitler keine radauantisemitische Rede in Berlin halten wird. Zahlreiche Transparente tragen die Inschrift: „Not kennt kein Gebot", „Hitler macht uns frei von der Dawesf i a X> er c i"^ „11 n je r d i e Zukunft", aber nichts von den Juden. Zwei Standarten und dreizehn Fahnen nehmen zu beiden Seiten des Rednerpultes Aufstellung, von dem aus Hitler, jubelnd begrüßt, in etwa eindreiviertelstündiger Rede über zehn Jahre zurückblickt . . . Nicht die Wirtschaft könne ein Volk wieder hochbringen, führte er ans, sondern allein die Macht. Machtgewinnung und Führerverfönlichkeit sei daher das Gebot der Stunde. Erft wenn mit dein Pazifismus und Marxismus aufgeräumt würde, könne Deutschland zu einer Machtstellung gelangen, die größer und freier als die der früheren Kaiserreiche gewesen sei. Kein Parlament könne große Probleme lösen, sondern nur eine B e - w e g u n g, die zuin Ausdruck bringt, was Millionen Deutscher glauben und fühlen. Nur eine solche Bewegung sei inrtanbe, ein Volk durch Kampf zur Freiheit zu führen. Die heutige Welt sei beherrscht von dem Internationalismus, der R a s s c n s ch a n d e und dem demokratischen S y st e m- Auch das „i n t c r it a i i o n a l e Judentum* spiele hierbei eine Rolle. Die Hitler-BeioeMrng führe den Kampf für deutsche Sitte gegen den Internationalismus: ne sei die erste wahrhast nationale, die auf Wahrung reinen Blutes gerichtet sei. Ter Nationalismus kenne keine Wahlen, sondern nur die Autorität der Führer. Das deutsche Volk habe immer wieder Männer gesunden, die es ans dcm Elend zu neuem Ruhm geführt haben. Auf diesen Ton war Hitler in Berlin gestimmt. Er wollte sicherlich moralische Eroberungen machen, um Tr. Goebbels „Wirken" ein wenig abzuschwächen. Scnsationshascher, die eine Kapnzinade grob-judenfeindlichen Stils erwartet hatten, kamen nicht auf ihre Kosten. Das Wort „Jude" ward kaum gehört. Kein Wunder, daß die äußere Begeisterung am Schluß der Hitlerschen Rede bei vielen stark Enttäuschten nicht groß war. Als Hitler unter den Klängen der Musik den Sportpalast verließ, und die dort ausgestellten 8. A.-Leute schrien: „S t r a ß e frei für H i r! e r!':, brauchte ein freundlicher Schupomann nur lächelnd abzuwiuken: „N u r ruhig, meine Herren, das b e st i m m e n w i r l~ Wir Hörern daß Hitler demnächst in alten Stadtteilen Berlins sprechen will. Wird er dann sein wahres Gesicht Zeigen? Vor mir liegt ein ausführlicher Bericht über die Rede Hitlers im Kolosseum zu Nürnberg, auf die wir bereits in der letzten Nummer dieser Zeitung hingewiescn haben. S i e war auf F a n f a r e n L o u gestimmt; sie zeigte Hitlers w a h r e s G e f i d) t : „Wenn Der Arier seine fttiUur hochbrachtc, so bat der Jude daran übcrllat:pi feinen Anteil. Der Jude hat niemals etwas geleistet, er hat immer anr .Körper eines Walkes schmarotzt, bat da mittels feiner natürlichen Gemeinheit geerntet, uw Der Arier gesät hat. Wo auch nur der kleinste Raum ist, den Bolkskörpcr wie ein Vampir anszusangen — dahin verkriecht sich der Jude, um zu gewirnreir und die Kraft eitles Volkes zu töten . . . Das Parlament ist eine Erfindung der Juden, cs muß einer rrationa!lo;ia!istischen Diktatur weichen . * . Es gibt keinen Staat, der die Juden dulden kann, wenn er dem Volk zu dienen gewillt ist." Mit solchen Faufarcntönen vergleiche man die sanften Weisen in Berlin. Wenn Hitler hier „sich jeweiliger Volksstimmung anpassender Demokratie" die „h e r o t jdj e G c st e des Führers" entgegenstellt, der für seine Neberzengung zu leben und zu sterben bereit ist — so sprach er im „Sportpalast" —, dann beschlagnahme des „Stürmer". StitttalmorDbehaupLungen — Angriff gegen Staatsanwalt Rosenöaum. Tas Rätsel der Ermordung des Primaners Taube in Gladbeck ist durch die Schwurgerichtsverhandlung gegen Husmann nicht gelöst worden. Ern nicht aufgeklärter Mord veranlaßt t?51ftiefte Gehirne in 1K) Prozent der Fälle zur ..Indikation" auf Ritualmord. Seit Wochen also ist der unrühmlichst bekannte „Stürmer" des Herrn Streicher Wortführer der gesamten völkische'.: Prelle bei der Behauptung, in Gladbeck sei ein „Ritnalmord" geschehen. Ter jüdische Staatsanwalt Rosen bäum habe als Jude ein Interesse daran gehabt, die Untersuchung in eine falsche Richtung zu lenken. Tie Nmmner 46 des „Stürmer" verbreitet sich auf neun Zeitungsspalten ü(>er das Thema und bezieht längst gerichtlich oder in anderer Weise ausgeklnrw Mordfälle. wie die von PoLna und Könitz, sowie die völlig als Lügen entlarvten Fälle in Warschau und Tobrzpn, ja sogar den unaufgeklärten Breslauer Kindermord in seine Beweisführung mit ein. Was zu den zuletzt genannten Fällen zu sagen ist, haben wir in unserem Aufsatz „Urkunden, die an klagen" schon vor mehr als zwei Jahren an Hand amtlicher Dokumente ausgesprochen'). Das hindert den „Stürmer" natürlich nicht, seine Behauptung erneut vorzubringen. Unsere Nürnberger Ortsgruppe hat wegen des genannten Aufsatzes Strafanzeige erstattet. Daraufhin ist die Beschlagnahme der Nummer erfolgt. Es ist Zn hoffen, daß der Beschlagnahme ein gerichtliches Verfahren folgt, in der die „Stürmers- Redaktion genötigt wird, ihr „Material'" vorzuweisen. Die nationalsoZiaiistische Bewegung in Gsirveftfalrn. Im Landesverbands O st w e st f a l e n des Central- Vereins, besonders in Minden-Ravensberg und den beiden Lippe, macht )id) in letzter Zeit ein.erhebliches Anschwellen der nationalsozialistischen Agitation geltend, die daraus hinzielt, auf dem flachen Lande Zellen zu bilden, von denen aus die Bewegung vorgetragen und verbreitet werden soll. In der zweiten Halste des Monats Oktober haben an zehn Tagen 15 nationalsozialistische Veranstaltungen stattgesunden, von denen nnr zwei an größeren Orten (Bielefeld und Herford) vor sich gingen. Bei allen anderen Orten handelte es sich um kleine Städre. Flecken und Dörfer. Besuch und Einstellung der Hörer zu den Vorträgen war keineswegs einheitlich: sie schwankten sehr erheblich. Selbst eine „Kanone" wie Münchmeher (Borlunn mußte sich in Scho tmar mit 50 Zuhörern begnügen, von denen mehr als die Hälfte auswärtige jugendliche Parteigenoffen waren. In Bielefeld dagegen Hatte er ein volles Haus. "Alle politischen Parteien wurden von ihrn am das hestigste angegriffen, vor allem die S. P. D. Sein Hauptaugriü wendete sich gegen die Inden. Tie ältesten antisemitischen Ladenhüter. wie die Schuld der Inden am Kriege, der jüdische Kapitalismus, die Synhedrionstagung von 1905 — die den Weltkrieg und die Entthronung des deutschen und des russischen Kaisers bösch losten habe und dieser nach Warschau verlegte —, heftige Anklagen gegen Talmud und das Kolnidre-Gevet mußten herhalten. Neu war die Behauptung. Napoleon I. habe den Inden die Gleichstellung in allen eroberten Ländern versprechen müssen, dafür hätten die Juden seine Kriegszüge finanziert. Auch die angebliche Bestätigung der Echtheit der „Protokolle der Weisen von Zion" durch das Britische Museum in London wurde der staunenden Zuhörerschaft vorgewiesen. Von Jntereffe '.rar sein Eingeständnis: „Wir Nationalsozialisten lehnen jede Arbeit im Reichstag ab. W i r l a s s e n n n s nur rv ä h! e u, u nt i nt L a n d e u m Herreisen z u k ö n n e u." Außer Münchmeyer sprachen in verschiedenen Verstümmlungen Reichstagsabgeordneter Wagner — der nur in Herford eine größere Anzahl Zuhörer hatte —, Laudraasabgeordnester Kausfm a n n. G engl e r (Bamberg\ und 3 t u b c n i f o tu f l p (Berlin st Wagner behauptete rrn Gegensatz zu Vii'mchn'.ener, daß einzig rnrd allein die nationalsozialistischen Abgeordneten rm Reichstage'wirtliche Arbeit leisteten, während die übrigen Mitglieder des Reichstags sich im Reichsragsrestaurant vergnügten. Alle, ohne Ausnahme. seien Lumpen, die in ihre Taschen arbeiteten und das Volk verkauften. Als in der mäßig besuchten Versammlung G e n g I c r s in Bnckebnrg das Schlußhoch aus Hitler ausgebracht wurde, «tischten sich laute „Pfui! "-Rufe hinein, die von den Natioualsozialistcn mit dem Gegenruf „Feiglinge!" beantwortet wmrdcu. Zu Kundgedungen irgendwelcher Art ist es nirgends gekommen. Tie Presse hat. soweit uns bekannt geworden ist — von drei Füllen abgesehen —, keinerlei Berichte über die Versammlungen gebracht. *) Dgl. „C. B.-Zeitung" 1927. Nr. 17.