Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 47 (23.11.1928)
- Date
- 1928-11-23
- Page
- Seite 660 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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660 Zur Geschichte imb Theorie des Antisemitismus» Von Dr. Fritz Frievlaenver (Berlin). Die Bücher über den AntisemitiLm»? sind Legion- Jedoch handelt es sich bei dieser taft zu reichhaltigen Literatur meistens nur um eine Analyse und Deutung des Äntistmitismus, sofern er als psychologisches Problem einer Lösung harrt. Besonders nachhaltig ist dabei der Einfluß, den die verhältnismäßig neue Wissenschaft der Sozi ologie aus jene Fragestellungen gewonnen hat: sie hat die ziemlich verfahrene oder gar sestgefahrene Theorie um fruchtbare §e* sichtspunkte bereichert und dadurch eine A u j l o ck e r u n g des ganzen Problemkreises bewirkt. Dagegen tritt die zusammensasiende Darstellung der geschichtlichen Entwicklung des Antisemitisums weit zurück. Um so lebhafter ist daher der große Artikel „Antisemitismus" zu begrüßen, den der soeben erschienene zweite Band der monumentalen „E □ c y e I o p a e d i a Juda i ca“ (Verlag Eschkol A.-S.) enthält. Dieser umfangreiche Artikel stellt an sich ein kleines Buch dar; und wenn es auch unbillig wäre, von ihm eine erschöpfende Behandlung des ebenso schwierigen wie weitschichtigen Problenrs zu verlangen, so wird man doch über keine wesentliche Enwicklungslinie des historischen Prozesses vergeblich Belehrung suchen. Ter eigentliche Wert der Monographie liegt einmal in der zusammenfafsenden Einstellung, die einen Rundblick auf das weiteGediet gestattet, und sodann in dem überparteilichen oder, wre man sagt, objektiven Standpunkt der einzelnen Bearbeiter. Es ist der Redaktion der Enzyklopädie insbesondere zu danken, daß sie, wie das Vorwort hervorhebt, an dem einzig möglichen Grundsatz der Sachlichkeit auch in diesem Falle sestgehalten hat. Don den Bearbeitern der einzelnen Abschnitte seien Dr. B. Jacob (Dortmund), Antisemrtismus im Altertum unbin Deutschland, Tr. E. Jacob (Saarbrücken), Mittel- (Schluß von Seite 659.) Gestaltung. Es gibt hervorragende Kopfe im Judentum wie auch außerhalb desselben, die der Meinung sind, daß das Vorspiel. die^Eeschichte des Sabatai Zewi, einer der wichtigsten Anläße zur ganzen zionistischen Bewegung war. Fünfundzwanzig Jahre spater, in der Zeit der schlimmsten geisügen Verfolgung, habe ich mit meinem autobiographischen Buch ein nicht zu übersehendes Signa! gegeben und den Deutschen gesagt, was sie vielleicht nie vorher vernommen hatten. Fast in jedem meiner Romane findet sich, in einer Gestalt oder meiner sozialen Konstellation, die nicht mißzuverstehende Darstellung eines welthistorischen Unrechts, damit verbunden der unüberhörbare Ruf nach Gerechtigkeit. Ich erinnere Sie an den Raub des Juden- Mädchens im „Moloch", an die Agathon-Episode in der „Renate Fuchs", an die Figur des Benda im „Eänsemännten", an die Ruth Hoffmann im „Christian Wahnschasfe": : denn das aüt% nichts? Haben jene gewissen Kreise das alles vergessen? Ist ein menschliches Antlitz, eine geformte Seele, rin gedeutetes Her), eine mitwandelnde, obschon nur gedichtete Person nicht wirklicher, existenter, tragfähiger, lebenswahrer' und infolgehejfen (relativ!) unsterblicher als eine politische Gesinnung und die erklärte Zugehörigkeit zu ihr? Ich habe mich niemals aus eine Gesinnung einschwören lasten und werde mich stets weigern, es zu tun. Es ist nicht meines Amtes. Meines Amtes ist es zu schauen. Wer die Jmportanz davon verkennt, der lebt in einer traurigen Finsternis, und kehrt er sich dann von mir ab, so kann ich . es kaum beklagen. Wenn die Juden dem Beispiel des nationalen Chauvinismus folgen, das ihnen die andern Völker allerdings ununterbrochen geben, so richten sie sich selbst. Als ich vor anderthalb Jahren in Chicago eine ganze Nacht lang mit Chaim Wachmann zusammensaß und mit ihm über alle diese Probleme sprach, sagte er mir lächelnd: ich billige Ihnen zu, was ich keinem andern zubilligen würde, denn Sie folgen Ihrem Gesetz, und es obliegt mir, nicht mich Ihnen in den Weg zu stellen, sondern dieses Gesetz zu ergründen. Damit drückten wir uns die Hand. Ich bin Ihr sehr ergebener Jakob Wassermann. Da nationaljüdische Zeitungen neben sachlichen Angriffen auch persönliche gegen Jakob W a s s e r m a n n richten, in denen sie auf Grund der Tatsache, daß sein jüngstes Kind nicht jüdisch ist, die Wahrhaftigkeit seiner Stellung zum Judentum bezweifeln, so hat Jakob Wassermann von sich aus sich zu uns über diese Beschuldigungen geäußert. Aus Zurückhaltung Privatverhaltnisien gegen* -über Hollen ich cs für wenig vornehm, diese Dinge hier des längeren auszubreiten. Wir können aber hier ausdrücklich erklären, daß niemand berechtig! i ft, gegen Jakob Wasser:n a n n aus der Sachlage irgendeinen Vorwurf zu erheben. alter und Neuzeit in West- und Mitteleuropa. Dr. Ludwig Dato (Wien), O e st e r r e i ch, Tschechoslowakei, Ungarn, Dr. M. W i s ch n i tz e r (Berlin), Rußland und Orient, Lucien Wolf (London), England, und Dr. Rafael Selig mann, Theorien überden Antisemitis mu s erwähnt. Der eigentlich ungenaue Begriff des „A n t i s e m i t i s m u ist erst ziemlich spät, nämlich im Jahre 1879 durch Wilhelm Marr geprägt worden. Eonstautin Brunner, wohl der geistvollste Denker unter denen, die neuerdings das Problem angepackt haben, vermeidet ihn absichtlich und setzt dafür den treffenderen Begriff des Judenhasses ein. Der antike Antisemitismus läßt sich nicht auf wirtschaftliche Beweggründe zurücksührcn, dagegen ergab der W e l t g e g e n s a tz, in den das konservative Judentum zu der Kulturpropaganda des Heile n i s m u 8 geriet, immer schärfere Reibungssiachen: so kam es auf äghptisc!)em Boden, vornehmlich im hellenisierten Aterandricn, zu schweren Judenverfolgungen. T<r Verlust der jüdischen Staatlichkeit ließ die religiöse Sonderstellung des Judentums noch deutlicl)er hervortreten: als die Abgabe für den Tempel in Jerusalem durch römischen Machtspruch in den f i 9 c u s j q d a i c u s umgewandelt wurde, entstand die e r st e Juden st c u c r. Tie Herkunft der Juden war den übrigen antiken Völkern ein ungelöstes Rätsel: merkwürdige Bräuche, wie die Heiligung des Sabbats^ die Beschneidung sowie die Speisegesetze, erhöhten nur die Empfindung der Fremd- und Andersartigkeit und trugen viel zu dem Vorwurf der Absonderung bei. Der jüdische Eotte-gkaube wurde geradezu als eine barbarische Gottlosigkeit in Verruf getan, und gegen seine Bekenner erhob man die groteske Anklage, sie seien einem „Eselskulte"" ergeben. In einer derartigen Atmosphäre konnte die entsetzliche Dlutlüge entstehen, und das schmählichen Gerede vom „foetor jud-aicus*, von besonderem „Jndengeruche', kam ebenfalls im Umlauf. Während der Antisemitismus im Altertu me immerhin keine durchgehende Erscheinung war, bildete er im sogenannten Mittelalter die Regel. Je. mehr das Christentum zur Staatsreligion und zur ecclesia militans wurde, desto lauter und feiudseltger suchte man den netten Glauben auf Kosten der älteren Mutterreligion herauszustreichcn. Eine judenfcindliche Gesetzgebung kommt aus und bezweckt schon in den ersten Stadien des Mittelalters eine Entrechtung der Juden. Sie sollen weder öffentliche Aemter bekleiden noch christliche Sklaven halten; ferner wird die Mischehe ihnen untersagt. Kaiser Justinian, der große Schirmherr des Rechts, ist es, der zuerst einen Eingrif in das religiöse Leben der Juden vornimmt. ' Ter mißverstandene Talmud wurde schon diesem Herrscher zum Stein des Anstoßes. Doch all dies war noch geringfügig im Verhältnis zu der spateren Judcnpolitik der päpstlichen Kirche. Die brutale Unterdrückung und Entrechtung der ^Judcn ist das bewußte Ziel des kanonischen Judcnrechtes, das auch für dst verhängnisvolle Absonderung der Christen von den Juden verantwortlich ist. Die große Gkaubsnsbewegung der Kreuzzüge befleckte sich mit den furchtbaren Greueln der Judenverfolgungen, deren unsagbare Schaden selbst heuie nvch nicht verwunden sind. Ter „gelbe Fleck", jenes charakteristische Judenabzeichen, sowie die erniedrigende Zeremonie des .Hudeneides" stellen die äußerlich sichtbarsten Merkmale der jüdischen Schande dar. Tie alten Beschuldigungen gegen die Juden werden in verstärkter Tonart wieder aufgrnommcn und durch neuartige vermehrt: die Beschuldigung des Ritualmords, der Hostienschändung, der Brunnerrvergiftung und der „Schmähung' des Christentums bot den willkommenen Anlaß zur Judenhctze. Im Gegensatz zum antiken weift der mittelalterliche Judenhaß vorwiegend wirtschaftliche Ursachen ans: die ungerechtfertigte Wucherbeschuldigung spielt dabei die Hauptrolle. Schließlich suchte sogar die Kirche dem Unheil. twi§ sie verschuldet hatte, zu steuern; allein sie vermochte die Geister, die sie selbst gerufen hatte.^ jetzt nicht durch ihre päpstlichen Schutzbullen zn bannen. Die Hoffnung der Juden, daß der Anbruch des neuen Zeitalters der Reformation auch für sie der Beginn einer neuen und besseren Zeit sein werde, erwies sich als trügerisch. Luther setzte sich zivar anfangs für sie ein, später schlug er aber denselben judenfeiudlichen Ton cm wie sein katholisckrcr Todfeind Eck. Wenn auch nach der Reformation die Verfolgungen nachließen, so fand die judenfeinMirfK Gesinnung dock) in einer ausgedehnten Literatur ihren Niederschlag; ein Arsenal der Verleumdungen errichtete Eisenmenger in seinem „Entdeckten Judentum". Wie ungesickzert die staatsrechtlickze Stellung der Juden war. das zeigen die zahlreichen Judenordnnngcn des 16. und 17. Jahrhunderts. Die staatsbürgerliche Emanzipation bewirkte eine acroaltige Veränderung in der Lage der Juden, so daß sich der Antisemitismus nach neuen Argumenten umsehen mußte. Jedoch die Anklagen und Vorwürfe der Judenfeinde konnten vor dem Richtersprnch der Geschichte nicht bestehen. Ter Einwand der religiösen Andersartigkeit der Juden wurde dadurch widerlegt, daß der moderne Rechtsstaat eben nicht bloß ein ch r i st l i ch - k o u f e s s i o - nelle r Staat war. Ter Eimoarrd der nationalen Fremdheit der Juden verlor angesichts ihres Hinein wachse ns in die deutsche Kultur seine Berechtigung. Ebcnsolveilig stichhaltig waren die in ökonomischer Hinsicht erhobenen Anklagen; denn das Verhalten der Juden aus diesem Gebiete wurde durch'die kapitalistische Wirtschaftsentwicklung allgemein. Zuletzt wurde die Nassen thevrie in den Dienst des Antisemitismus gestellt. Freilich machte die juden feindliche Agitation noch moralische Gegenkräfte mobil. Ihnen gab Nietzsche Ausdruck, wenn er den Antisemitismus als „d re th P r f che F o r m d c s O b f k u ra n ti s - mus" brandnmrkte; Mommsen geißelte ihn als die größte Dummheit und die größte Nichtswürdigkeit des Menschengeschlechts; der Antisemitismus ist die Gesinnung der Kanaille, und Kanaille bleibt Kanaille/ (Ein zweiter Aufsatz folgt.)