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Central-Verein-Zeitung · 1928-11-23 · 47 (23.11.1928) · p. Seite 659

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
47 (23.11.1928)
Date
1928-11-23
Page
Seite 659 (sequence 3)
Language
German
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Jakob Wassermanns Antwort j an den Zionismus. Die Veröffentlichungen der Reichenhaller Rede Jakob Wassermanns unter der Ueberschrist „Judentum" in der „C. V.-Zeitung" Rr. 37 und 33 hat die Gegner seiner innerjüdrsclxrm Haltung wieder einmal aus den Plan gerufen. In der zionistischen „Seldstwehr" und in der „Jüdischen Rundschau" hat sie Dr. Felix Weltsch vornehm, in der Wiener „Neuen Welt" der Herausgeber Rudolf Stricker schwer beleidigender Kritik unterzogen. Aehnlich wie nach Erscheinen von Wassermanns Bekenn tmsschrist „Mein Weg als Deutscher und Jude" wurde ihm der Vorwurf gemacht, daß seine Treue zum Judentum lediglich aus der Not der Zeit geboren sei. Sein Bekenntnis sei deshalb zeitgebunden und nicht überzeugend. Der Zweite Ginnend richtet sich gegen Wassermanns Anschauung vom Wesen und der Zukunft des Judentums. Statt seine Darlegungen als Bekenntnis einer dichterisch schassenden Persönlichkeit, als abstrakt geistige Schöpfung, zu werten, zerren feine innerjudisehen Gegner sie auf das Prokrustesbett ihres politischen Programms. Jakob Wassermann hat an Dr. Weltsch, den Redakteur der „Selbstwehr", in der diese Angriffe zunächst unter dem Titel „Jakob Wassermanns Kampf mit dem Judentum" erschienen, nachstehenden Brief gerichtet, den er der „(L V. - Zeitung" zum Abdruck zur Verfügung stellt: Alt Lu s l ee, am 23. Oktober 1928. Sehr geehrter Herr! Ich stelle Ihnen für Ihre Zeitung folgendes zur Verfügung, das Sie ganz oder zum Teil abdrucken können, nach Ihrem Belieben. Ich habe die Portion Schmutz, die wir Herr Stricker ins Gesicht warf, nicht näher unrersuchh weil . h mich mit solchen Bassefsen aus Grundsatz nicht befape und aus derUeberschrift und den Anfangszeilen des Artikels schon sehen konnte, aus welchem Niveau der Mann kämpfte; soweit konnte ich mich nicht hinunter begeben. So erfuhr ich erst aus Ihrem Brief zu meinem großen Staunen, in welchen giftigen Niederungen sich der Herr bewegt und daß er vielleicht gar erwartet, ich solle mich mit ihn irr Auseinandersetzungen über mein Privatleben einlassen, was mir nicht im Traum einsüllt. Das gehört an eine andere Stelle. Sie schreiben, daß meine Aeußerungen über den Zionismus oder gar meine ganze Haltung Zu diesem Problem in gewissen jüdischen Kreisen schmerzlich empfunden worden ist. Es ist mir nicht ganz verständlich. Ich habe mich zeit meines Lebens zu meiner Abkunft, zu meiner Gemeinschaft, zu meinem innersten Gefühl und zu meiner Ueberzeugung öffentlich bekannt. Am Anfang meiner literarischen Laufbahn steht ein Buch wie „Die Juden von Zirndorf", und ich zweifle, ob ein dichterisches Denkmal dieser Art vorher im Judentum zu finden ist als Manifest sowohl wie auch als ^Fortsetzung von Seite 6SS.) sie ihnen wiedergeben, llnd auch Waremme hat seine Seele verloren, hat sie im Feuer seines übermenschlichen Ehrgeizes verbrannt, und erst wenn er in seiner leidenschaftlichen Liebe für den Westen bis zum letzten Punkt, bis nach Amerika, vorgestoßen ist und hoffnungslos enttäuscht zurückkehrt, fängt auf seinem Rückweg von Westen nach Osten, unter einer Schutzdecke von zynischem Nihilismus, sich vielleicht doch wieder etwas wie eine Seele in ihm zu regen an. Ist nicht die Sympathie, die der kleine Etzel ihm einflößt und durch die allein er sich zum Geständnis herabläßt, ein Zeichen? Wer ist Waremme? Dieser brutalmächtige Mensch ohne Seele? Wassermann hat im „Fall Maurizius" einmal den schönen und Liefen Satz formuliert: daß der einsame Mensch überhaupt keine Seele und keinen Gott haben könne, da Seele ein Ergebnis der zwischenmenschlichen Wallungen, der Liebe, sei! Waremme hat sich selbst zu einer Einsamkeit verurteilt, die schlimmer ist als die Zuchthauszolle des Maurizius. Er wollte dastehen, „als wäre der Mensch Urheber seiner selbst und nur sich selbst verwandt". Er muß so ^gewiss zugrunde gehen wie Shakespeares Eoriolan, aus dopen Munde diese Worte eines rasenden Entschlusses stammen. Hat diese Gestalt eines völlig Losgelösten, trotz ihrer abnormen Hochgetriebenheit durch ganz besondere Geisteskräfte, nicht etwas Typisches für den modernen Juden, der aus einer alten religiösen und sozialen Bindung entlasten ist und sich keiner neuen wahrhaft eingefügt sieht? Steht nach Wesen und Schicksal dieser Waremme nicht als Möglichkeit und Gefahr über vielen seiner Glaubensgenossen? Wassermann hat selbst in einer Betrachtung, die in diesen Blättern zum Abdruck gelangte, gesagt: „Dem oberflächlichen Blick könnte es scheinen, als sei damit der Typus des Renegaten verkörpert, und zwar in seiner höchsten geistigen Vervollkommnung, in einem Anflug dämonischer Genialität . . . Genau betrachtet stellt Waremme eine moderne Personifikation des Ahasvergedankens dar/ Aber durch diese Oberfläche geht denn doch wohl notwendig der Weg zu dem, was Wassermann als den Kern seiner Gestalt empfindet. Denn wenn Ahasver ein Sinnbild der tiefen 'Heimatlosigkeit im Judentnm ist, so ist die moderne Ausprägung dieses Typus eben der Zustand des Juden, der sich von seiner Vergangenheit losgerissen hat, mit seiner Einpassung in eine andere Wett nicht jurn Ziele gelangt ist, imfr der also alleinsteht. „Wenn einer bloß aus sich selbst steht, steht er aus nichts." Er muß also ins Bodenlose fallen, unter Umständen bis in Verbrechen und in Selbstzerstörung. Wenn mithin die Waremme-Geftalt gewiß nicht als typisches Exemplar einer häufig anzutreffenden Gattung, aber als Sinnbild für furchtbare Möglichkeiten, für äußerste Gefahren, die im modernen Judentum liegen, Gültigkeit hat — was ist damit bewiesen? Nichts, wogegen jüdisches Selbstbewußt s e i n Protest erheben sollte — und nichts, worauf sich zu stützen I u d e n f e i n d s ch a f r ein Recht und eine Möglichkeit hätte. — Wassermann hat schon vor langer Zeit, vielleicht nicht als einziger, aber mit besonderer Klarheit und Kraft, die Erkenntnis ausgesprochen, die er auch setzt wiederholt, daß der Jude ein Mensch der extremen Möglichkeiten ist, „der gottloseste oder der gotterfüllteste aller Menschen". Es ist dies eine Erkenntnis, die seit hundert Jahren schon in der europäischen Literatur zum Ausdruck gelangt, wo nichljüdische Menschen sich mit der Darstellung von Juden, die mit ihnen leben, beschäftigen. Das beginnt schon bei Gustav Frey tag in „Soll und Haben", mit diesem Geaensatzpaar Bernhard Ehrenthal und Deitet Jtzig, geht bis zu ganz entsprechenden Gruppierungen in Meyrinks „Golem", und ist vielleicht am großartigsten verkörpert durch Gebrüder Busch in Z o t a s „L’Argrent". Ueberall, und bei Zola sogar noch in letzter Persönlicher Blutnähe: der Jude, der zur allererhabensten Hingabe, und der andere, der zur'furchtbarsten, fühllosesten Selbstsucht befähigt ist. Tie gemeinsame Wurzel, aus der diese beiden Stämme aufschießen, ist die wohl in Jahrtausenden erworbene und vertiefte Fähigkeit Zur unbedingten Konsequenz, zu zähester Verfolgung eines einmal eingeschlagenen Weges. „Der Jude ist dazu da, um abzurechnen", sagt Wassermann. Ob er seine Rechnung mit dem Guten oder mit dem Bösen macht, das wird davon abhängen, ob die religiöse Kraft in ihm wach ist, die einfügende, verbindende, Liebe erzeugende Kraft — mag es nun die in der Synagoge geheiligte oder die eines neuen Wettgcsühls sein. Ter Jude, der sich vom alten Bunde losgeripen und keinen neuen gefunden hat, gerät in die Wüste" ins Lieblose und Böse, wird um so böser, je genialer er ist, wird in letzter Möglichkeit: Waremme. Diese furchtbare Gefahr wird aber mitverschuldet von allen, die die bindungswilligen Kräfte des Judentums immer wieder durch Haß und Hochmut zurückstoßen, die zu den durch jahrtausendealten Druck schon gefährlich gereizten und oft überreizten Explosionskräften jüdischer Art noch immer neue Reizungen des Bösen fügen. Wir (eben im Zeitalter der angeblichen Emanzipation — aber die Bürgerrechte zurücknehmen — „es wäre wenigstenein ehrliches Verfahren, cs wäre lobenswerter als ... als Grabsteine in jüdischen Friedhöfen zu demolieren, meinen Sie nicht? Friedhöfe schänden . . . Das ist neu in der Kulturgeschichte, he? Vernier cri. Ich finde, daß dagegen alle Brunnenvcrgiftungs- und Ritualmorderzeffe zwar blutrünstige und hirnlose, aber, wenn man großzügig denkt, durch Wahn und Leidenschaft entschuldbare Veranstaltungen waren, was finden Sie? Sehen Sie, das mit den Grabsteinen ist ein Symbol, infernalisch, einzigartig. Haben Sie mal beobachtet, wie sich auf einem verbrannten Blatt Papier die letzten Funken verlaufen, ehe es ganz schwarz wird? So ist es. Die letzten Funken von Würde, iLelbstachtuug, Anstand, Humanität oder wie die Schvindelworte sonst noch lauten, verlausen sich, und alles wird schwarz." Auch das steht in Wassermanns Buch „Der Fall Maurizius". Es sind Worte, die Waremme-Warschauer spricht, und sie deuten etwas an von der Mitschuld, die die außerjüdische Welt hat. lveun von den elementaren Möglichkeiten des Judentums zuweilen die gefährliche, die zerstörende in jener Form ausbricht, deren dämonisches Sinnbild Georg Warschauer genannt Gregor Waremme ist.

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