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Central-Verein-Zeitung · 1928-11-23 · 47 (23.11.1928) · p. Seite 658

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
47 (23.11.1928)
Date
1928-11-23
Page
Seite 658 (sequence 2)
Language
German
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*53 historischen Faktums zu tun. pntexn mit einer freien eetischerr Erfindung, die nur nzelheiten aus ganz anderem Wirklichkeitszusammen- Hang benutzt Hut. Von den Tatbestands- Abweichungen sind zwei über «lies wichtig und entscheidend: Erstens wird im Fall Maurrzrus gar nicht die Schwiegermutter des Mannes ermordet, JIndern seine Frau. (Gelieben ist nur die unerwartete Rückkehr des Verkleideten und die Anwesenheit einer jüngeren, leidenschaftlich geliebten Schwägerin auf dem Schauvkatz der Tat.) Dann aber spielt im Fall Maurizius eine Figur eine Hauptrolle, die im Fall Hau vollkommen gefehlt hat: Es gibt einen Hauptzeugen: Gregor Wa - r em m e. Die Bedeutung dieses Zeugen, der beschwört, er habe gesehen, wie Maurizius den Revolver gehoben hat, und er habe ihm selbst die Waffe entrissen, diese Bedeutung ist so stark, daß man im Falle Maurrzius eigentlich gar nicht mehr von einem .Indizienbeweis" sprechen kann. Hier ist ein Tatzeuge vorhanden, der einfach alles entscheiden muß. Waremme schwört, und so lange jein Schwur 1 C53 Die Schmach der Friedhofssdiändungen. te? st w m sprecliso. steht, ist bie Derrrrteilung des Maurizius gar nicht zu vermeiden. — Tie alles verändernde Erfindung dieser Gestalt ist bei Wassermann wohl ans zwei Motiven erfolgt. Einmal aus einem künstlerisch - technischen. Es mutzte ein fester Punkt geschaffen werden, an dem der ganze Prozeß anzu greisen und'aus den Angeln zu heben war. Im historischen Fall Hau hätte solcher Punkt tatsächlich gefehlt. Aber wenn jetzt Etzel, der junge Sohn des Oberstaatsanwalts von Andergast, beschließt, im jäh ausschießenden Wahrheitsenthusiasmus seiner 16 Jahre, den verschollenen Zeugen Waremme wiederzufinden und ihm nach!8 Jahren das Geständnis feines Meineids zu entlocken, so kann damit allerdings unbedingt und endgültig die Unschuld des Maurizius bewiesen werden. Ter Kampf dieses kleinen Etzel, der tatsächlich dem Waremme das Ge- Üäudnis entreißt,' zugleich aber durch seine Flucht die Haltung feines Vaters (der einst als Staaatsanwalt durch die Verurteilung des Maurizius seine Laufbahn begründete), so erschüttert, daß dieser Mensch der völlig entseelten staatlich offizieller Sachlichkeit in den menschlichen Abgrund des Falles Maurizius versinkt — der Kampf dieses kleinen Etzel ist das eigentliche Thema des Wnssermannscheu Werkes. Für uns hier ist wichtig das zweite, viel persönlichere Motiv zu verfolgen, aus dem Wassermann zu der Gestalt des Waremme gekommen sein dürfte. Waremme heißt eigentlich Georg Warschauer aus Thorn und ist Jude, find er ist die zu äußersten Konsequenzen getriebene Darstellung eines Typs, der Wassermann schon von jeher beschäftigt hat. — Georg Warschauer ist der Sohn eines emanzipierter: Juden; aber nur um so mehr sitzt der Stachel der versagten wirk, kichen Gleichberechtigung in ihm.Mit ganz außerordentlichen geistigen Energien begabt, sieht er sich doch von jeder Führerstellung ausgeschlossen innerhalb der abendländischen Welt, der er nach Lobensmöglichleit und Bildung angehört. „Wasl ich, ich mit meinen Gaben, mit meinem Verstand, mit der Glut in rmimm Innern, ich sollte nicht, unter keinen Umständen, sagen wir beispielsweise: auf einem Ministerstuhl sitzen? * Nein, unter gar keinen Umständen, Präsident einer Wissenschaft, lichen Akademie fein? Und das hieß, sich hoch der steigen, wem Lieber, das waren schon Phantasievräiensic-nen, mein Ehrgeiz durste sich nicht einmal an eine Professur wagen. Unter keinen Umständen konnte ich zu der Geltung gelangen, die der mittelmäßige Kops, sofern er nur nicht das Femezeichen trug, als jj Das Echo unserer Rundfrage, jj Adolf v. H amack: H Dass Ihre Zeitung alles versucht, um den empörenden Grabschändungen und Ü Beleidigungen enfgegenzu wirken, ist selbstverständliche Pflicht; aber von einer ff Unterstützung dieser Aktionen durch die Männer, an welche sich Ihr Schreiben g| richtet, verspreche ich mir nichts; denn die verführten jugendlichen Verbrecher H hören deren Stimmen nicht, und die intellektuellen Urheber wollen sie nicht hören. §§ Ich weiss daher gegen diese Gemeinheiten und Verbrechen meinerseits kein anderes §§ Hilfsmittel, als sie als solche und als Kulturschande zu bezeichnen; aber was wird H das helfen? Aufspüren der Uebeliäter und strenge Bestrafung sind die einzigen §§ Gegenmittel und bessere Erziehung der Jugendlichen. f§ Wilhelm v. Scholz: U Es bedarf keines Wortes, dass die geschilderten Friedhofsschändungen und H Ueberfälle — die man immer wieder am liebsten ins Reich der Fabel verweisen §§ möchte, wenn nicht ihr Zeugnis das Geschehensein leider bestätigte bei den §f Tätern den beklagenswertesten Seelen- und Charakterzustand voraussetzen. Mir H ist Rassendünkel, Rassenfanatismus indessen etwas so völlig Fremdes, dass mein H Nicht verstehen dieser Rohheiten fast noch meinen Abscheu übersteigt. §g Dr. Marie-Elisabeth Liiders, M. d. R.: Ü Entsetzt, erschüttert und beschämt steht man dem grauenhaften Zerrbild des fj Menschen gegenüber, zu dem sich die herabwürdigen, die Friedhöfe schänden, M Gräber zerstören, Totenhäuser berauben, ja selbst die Ruhestätte unschuldiger §f Kinder nicht schonen. — Sie alle sind auf Christi Namen getauft worden; es wird Ü uns, die dem Bekenntnis jener angeboren, schwer, sich auch für diese an die letzte jj fürsprechende Bitte dessen zu erinnern, den sie verachten und verleugnen: „Vater, 1 vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun." Il^nrninraini;;^^ selbstverständlich zu beanspruchen hatte. Der Gedanke machte mich toll/ Das stachelt Warschauers Ehrgeiz wirklich bis zur Tollheit. Schon in frühen Jahren läßt er sich von einer sozial zrueiselhasten katholischen Person adoptieren. Er verwischt mit ingrimmiger Bemühung seinen Ursprung: er findet Beziehungen zu den führenden Gewalten sowohl der katholischen Kirche wie des politischen Deutschland; er arbeitet mit Kaiser und mit Papst. Er ist Philosoph und Literat, Politiker und Soziologe. Ersteigert seinen nationalen und religiösen Fanatismus bis zur Idee eines heiligen Krieges, durch den Deutschland die Weltmachtstellung erringen wird, er wird der „Peter von Amiens" dieser Kreuzztrgsbewegung. Er gewinnt hypnotische Macht über Hunderte von Menschen — und inmitten dieses stürmischen Aufstiegs bricht er zusammen. Sein Schicksal ist mit dem Fall Maurizius verknüpft. Anna Jahn, jene schone, in aller Versührungskraft der Jugend schillernde Schwägerin des Maurizius, hat es ihm angetan, er hat sie mit Gewalt nehmen wollen, aber sie hat sich, ohne von ihm in Wahrheit loszukommen, in Maurizius verliebt. In diesen Kunsthistoriker, der— in allem Waremmes Gegenstück — im lässigen Spiel dahinleüt, in den sentimental verlogenen, ansp^annungslosen Weichling. Ta Maurizius die Schwägerin liebt, aber viel zu wenig Selbstgefühl besitzt, um zu merken, daß auch sie ihn liebt, wird die Leidenschaft des Btädchens fast zum Haß. Und remme aber sie rettet und durch seinen Meineid die Schuld aus Maurizius wirst. Waremme zieht dann mit der Anna Jahn durch die Welt; aber sie ist eine lebende Leiche, ihre Seele ist verdorrt. — VerdorrleSeele.die nur um den Preis des Lebens noch einmal blühen kann, das ist ja überhaupt das innerste Thema dieses Buches — und hier liegt der wahre Zusammenhang mit dem Buche über „Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens". Wie Anna Jahn so haben aus sehr entgegengesetzten Gründen auch Mauritius, and) der Herr von Andergast ihre Seele verloren: das heißt eine innerlich verpflichtende, wahrhafte, religiöse Beziehung zur Welt; und nur Erfahrungen von wahrhaft tödlicher Stärke können

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