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Central-Verein-Zeitung · 1928-11-23 · 47 (23.11.1928) · p. Seite 657

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
47 (23.11.1928)
Date
1928-11-23
Page
Seite 657 (sequence 1)
Language
German
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m Serlkn, 23. November 1925 VIL Jahrgang ♦ Nr. 47 <!nz«laommrr IS pfeoar 5^/ 2j <r> <r.A MWM rat“ We.1ü Allgemeine Z.enun£> des dudenturas iÖicrtcJiatjreaPouucuieitt 1,20 WE<\ UUäübi. SBcftcOgeli). Verlag rr. SchrifLleituug: Berlin LW 66, Lindenstr. .:. Fernsvrecber: Arut Dönhoff 3594,3595. .:. VssrsSeckfonto: Drrl::: 30472. .:. Dank'onls: Dresdner Ban2, Lech s-el- ' sttibe ü, Berlin SW 68, Lindenstr. 7, und von Goldschmidt-RotbschilL L Co., Berlin W 8. _ Alleinige Anzeigenannahme: Annrneen.E^edition Rudolf Masse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anreigenpreise: für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Norrnalzeilenmeuer Nr. 4, FarnilienanzeiL'^ und Stellengesuche (nicht SLellenangebvrr) sllr Mitglieder d. Zentralrereins 0,45 2&*,t die rnru breite RrUameseile 4^.) miiwsEffliaM 5 _ (C-A > 4 t S^w v'®' Von Julius Bab. Uober das Maß hinaus, in dem das neue Buch eines namhaften Autors die Leserwelt selbstverständlich zu beschäftigen pflegt, hat die letzte Publikation Von Jakob Wassermann in Deutschland Aussehen erregt. Biel gepriesen, auch viel angeiochten, vor allen Dingen aber gelesen in einem keineswegs häufigen Maße ist „Der Fall Mauritius". Die große Wirkung hat eine doppelte Ursache, eine innere und eine äußere. Die innere Wirkung stammt daher, daß ein Thema, das unsere Gegenwart ganz besonders beunruhigt, zur Diskussion gestellt wird. Daß es sich um die Kluft zwischen Rechtsgesühl und Rechtspflege, zwischen dem Menschen als Eottesgeschöpf und dem Menschen als staatlich juristische Konstruktion handelt. Dies ist übrigens, so sehr gewisse heutige Ereignisse und Zustände just dieses Thema aktuell erscheinen lassen, keineswegs eine lediglich akute Tiskusston. Seit Mahadoe, der Herr der Erde, herniederstieg, um „Menschen menschlich" zu sehen — menschlich, d. h. nicht mit den Augen der staatlichen Zwangskonstruktion —, seitdem haben die Dichter niemals aufgehört, als ihr oberstes Amt Erfüllung dieses Auftrages zu empfinden: Immer wieder den Menschen, die in der bloßen Erfüllung staatlich enger Begriffe zu erstarren drohen, den reicheren Inhalt, die tiefere Verantwortung zum Bewußtsein zu bringen, die im Wesen des Menschen tatsächlich enthalten ist. Man könnte ohne allzuviel Gewalt die ganze Geschichte der Dichtkunst ans der Erfüllung dieser einen Ausgabe ableiten: sie erhält lebendig am Menschen, was die rein staatliche Existenz in Vergessenheit zu senken droht. Mit einer Untersuchung, ob und wie weit Wassermanns Roman als Kritik heute herrschender Rechtsverhältnisse Gültigkeit und Bedeutung hat — mit einer solchen Untersuchung ist also aus keinen Fall über Wert oder Unwert dieses Buches abzusprechen. Immer hat der Dichter das Recht und die Möglichkeit, im Leben seiner Zeit Sinnbilder zu finden für die furchtbare Unzulänglichkeit des staatlich und juristisch filierten Lebens, diese Unzulänglichkeit, die immer da war und immer da sein muß. historischen Faktum, das ihn noch heute leidenschaftlich stark beschäftigt. Gewiß hat er sich in seinem Vortrag die volle Freiheit des Dichters erlaubt. Aber sein Ziel war doch, während er hier ein Srnnbol für die „Trägheit des Herzens" schuf, für die Wahrheit zu zeugen, die wo zielte Wahrheit im geschichtlichen Fall, der brennend vor seiner Seele stand. Es ist also einigermaßen nahe gelegen zu wähnen, auch hier handelt es sich mindestens zugleich um ein Bekenntnis Wassermanns zum Fall Han. Und wenn der Dichter die Unschuld seines Maurizins verkündet, so iuoLlc er damit zugleich sagen, daß er jenen unglücklichen Rechtsanwalt Hau für unschuldig halte, der anno KOT wegen Mordes an seiner Schwiegermutter, Frau Geheimrat Motiror. zum Tode verurteilt wurde — durch einen wahrhaft erdrückenden Indizienbeweis, aber ohne seine schuld je einzngeftehen. Han ist begnadigt worden und nach achtzehn und einem halben Jahr wurde er aus dem Zuchthaus entlassen, besaß aber nicht mehr die Kraft, sich ins Leben zurückznnnden, und endete durch Selbstmord im Winter 1923.26. Wassermann hat nicht nur den großen Umriß seines Fall Maurizins von diesem Fall Hau übernommen, er hat viele an sich unwichtige Kleinigkeiten für seine Darstellung benutzt, und zuweilen «wahrscheinlich ganz unbewußt; i find aus den Schriften, die Han nach der Entlassung über l feinen Fall veröffentlicht hat, sogar wörtliche Wendungen in Wassermanns Text übergegangen. Aber bei alledem kann absolut nicht die Rede davon sein, daß der Fall Maunzius eine noch so freie dichterische Darstellung des Falles Hau in Tenn ganz abgesehen von der inneren Umgestaltung der beteiligten Hauptpersonen — schon in der äußeren Konstruktion des Falles gibt es so völlig verändernde Abweichungen, daß (wie immer Waiierrnann persönlich über den Fall Hau denken mag) jedenfalls aus diesen! Fall Maurizius für jenes historische Faktum gar nichts gesolgert werden kann. Maurizius ist allerdings unschuldig, aber schon die äußeren Prozeßtatfachen liegen bei ihm ganz anders wie bei Han. Hier haben wir es nicht mit einer dichterischen Ausformung eines Ter äußerliche Grund für den großen Erfolg dieses „Fall Maurizius" aber ist, daß hier mit außerordentlicher Vortragskunst ein Kriminalfall aufgerollt wird, und zwar einer, der sehr stark au eine berühmte Rechtsaffäre der deutschen Vorkriegszeit erinnert, ein Fall, der doch erst vor drei Jahren ganz eigentlich zu Ende gegangen ist: der Fa l l H a u. Der Fall Halt Ntllß in seinem Verhältnis zum Fall Maurizius abgegrenzt werden, rmd das ist besonders deshalb nötig, weit der beste Ruhm Jakob Wassermanns vielleicht heute noch aus seinem E a s p a r - H a u s e r - B u ch beruht: und dort, in der Behandlung eines einst weltberühmten Krinünalfalles lagen die Dinge ganz anders. In seinem Buch von Kaspar Hauser 'hat Wassermann wirklich Stellirng genomnten zu jenem &%s iß M? & m ' »zs ws* vs Vs e i N P Aeusserungen zu den Friedhofsschändungen von Wilhelm v. Schatz, Adolf v* Hernach, Marie-Elisabeth Luders. — Beiträge von Jahob Wassermann, Df. Fritz Friedländer, Dr. Hugo JLarftmansfcr, Professor Adolf Weissmann* i i i

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