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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1927-11-16 · 8-9 (16.11.1927) · p. Seite 675

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
3 (1927)
Issue
8-9 (16.11.1927)
Date
1927-11-16
Page
Seite 675 (sequence 3)
Language
German
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19 klärung", Zeitgeist), die den Glauben und die Temuk. die Ehrfurcht und die Seligkeit in der Kindesseele Au untergraben drohen. Tas Fernhalten solcher schädlichen Einflüsse lst daher eine Zwar schwierige, aber sehr bedeutsame jüdische Erziehungsaufgabe. Gelingt es, ein echt jüdisches, religiöses Familiemeben zu gestalten, ist die Gemeinde wirklich traditionell, jo ist gerade im empfänglick-en Kindesaller durch die hohen Feiertage mit den einleitenden Slichaustagcn in jedem Jahr erneut Gelegenheit zu tiefster, religiöser Einwirkung gegeben. Tie Bildung des Gcmütslebens ist aber keine rein passive, nur bedingt durch die Gesülsiserllbniys des jugendlichen Menschen, sondern die Kräfte der Setbstb-esinnimg müssen gestählt werden, damit die Selbsterkenntnis des eigenen Wesens hinsührt zur Läuterung des Charakters. Tie moderne Erziehung in Deutsch.and in nichtjüd:sä)cn Kreisen krankt, seitdem die religiösen Formen oft abgestreisL sind, an einem erschreckenden Mangel bewußter Gemülsbildung, die der unbewußten passiven ha", die Kunst teilweise an Stelle der Religion übernommen. Jedes Gebet soll für den Juden eine Prüfung des Ich, Einkehr und Umkehr werden. Am'gabe der Unterweisung in Elternhaus, Schale und Synagoge ist es, unsere Kinder zu lehren, ihr Ich nicht zu vertieren, jene große Kunst, die die mittelalterlichen jüdischen Religionsphilosophen cUe^edduun banoreLeb nannten, Abrechnung mit der Seele. Wenden wir uns nun der dritten großen Erziehungsaufgabe, der Bildung des Geistes, zu und erkunden die Wege ihrer Lösung. Da ist es schon eine kleine sprachliche Eigentümlichkeit, die uns einen wichtigen Fingerzeig gibt. Für den gesetzestreucn Juden heißt „Lernen" schlechthin Beschäftigung mit der göttlichen Lehre und ihren Erklärungen. Für den Juden gibt es keinen Abschluß in der Bildung, kein Fertigiverden. Der größte Gelehrte heißt auch noch: kalmick elioebom, „Schüler". Zwei Forderungen der modernen Pädagogik vornehmlich sind von jeher beim „Lernen" verwirklicht worden, die der Einheits- und Arbeitsschule. Ein altes jüdisches Volkswort sagt: „Geht besonders sorglich um mit den Kindern der Armen, denn von ihnen geht die Lehre aus". Nach jüdischer Rechtsvorschrift ist jeder Tauronnterricht kostenlos zu erteilen. Tie älteste jüdisch höhere Schule Deutschlands, die i:n Jahre 180ö gegründete Talmud-Thora-Realschule in Hamburg, hat in neuerer Zeit diese Forderung wohl als erste Schule verwirklicht: jedes Gemeindemitglied hat unabhängig von seiner wirtschaftlichen Lage das Recht, seinem Kind eine Nealschulbildung zuteil werden zu lagen. Wie selbstverständlich die Forderung der Erarbeitung im Gegensatz zum passiven Ausnehmen ün gesetzestreuen Judentum stets gewesen ist, zeigt wiederum der Sprachgebrauch des Wortes Lernen. Man sagt nur dann von einem, er könne „lernen", ivcnn er befähigt ist, selbständig sich den inhaltlich und formal schwierigen TerL des Talmuds zu erarbeiten. Wie vielseitig auf Grund des Erziehungszieles die Bildung des jüdischen Geistes sein mutz, geht schon aus den Namen der hebräischen Fächer hervor, die in der Schule gelehrt werden: hebräische Grammatik. Bibel, Psalmen. Proplzetenlcktüre, Gebetübersetzen, Mischna-Talmud. Gesetzeskunde, biblische und nach biblische Geschichte, erste Einführung in die Fragen der jüdischen Philosophie Es bedeutet eine nicht zu unterschätzende Weitung der Spracherkenntuis, dich die jüdische Jugend neben den Sprachen aus dem indogermanischen Kreis auch noch Vertreter des semitischen, so ganz anders gearteten, kenuenlernt: das Hebräische und das Aramäische. Bon dem gewaltigen Vergleich-material, das den jüdischen. Schülern durch Kenntnis der jüdischn Kultur in die Hand gegeben ist, wird noch Zu sprechen sein. Tas Talmudstudium bringt eine Schärfung des Verstandes mit sich, die der durch Matljematikstudium erreichten an die Seite gestellt werden darf. Psalmen und Prophetenleklüre bieten neben der religiös vertiefenden hohe künstlerische Anregungen. In der Art, wie all diese Lehrgegenstände an die Jugend herangebracht werden, übernimmt die jüdische Schule gern Ergebnisse der pädagogischen Wissenschaft und ihre Forderungen. Um nur eines Zu nennen, sucist man in den letzten Jahren für den Anfangsunterricht nach einer kindgcmäßen Methode, die die besten Erkenntnisse der Kindespsychologie berücksichtigt. Es sei hier erinnert an einen Versuch, der diesen Forderungen in hohem Matze Zu entsprechen sckd'iut, an die Fibel der Lehrer Mandelbaum und Rothschild „Xurb ^vesirucbo" siVerlag Talmud-Thora-Realschule. Hamburg). Al^er die Bildung des Geistes besteht nicht nur in der Kenntnis der jüdischen Kultur, sondern besonders in Deutschland auch in der Schaffung eines harmonischen weiten Weltbildes. Es sei hier nur der Vollständigkeit halber noch erwähnt, daß neben der Schule das gesotzestreue Kind im Elternhaus oder in Privatkurseu, LekuHm, eine Vertiefung seines jüdischen Wissens erhält. Man hört so vielfache Klagen über die Entfremdung zwischen Vätern und Kindern. In ungeahnter Weise weiden alle durch Alter und Erfahrung vorhandenen Unterschiede ülwrörückL, wenn gemeinsam „gelernt" wird. Die Lage der deutschen Judenheit. die durch die Emanzipation herbeigeführte Hinwendung zu deu Gütern der allgemeinen Kultur, ist kein Erstmaliges im Ablauf unseres geschichtlichen Daseins. Tie Zeit, als die Juden in Spanien unter der Maurcnherrschaft mit der hochentwickelten islamischen Kulturwelt in Berührung kamen, kann mit all der Vorsicht, die historischen Vergleichen geziemt, doch als Parallele angesprochcu werden. Wir meinen. Daß jede Generation erneut die Pflicht hat. die jüdische Kultur mit den besten Erkenntnissen der allgemeinen zu vereinen. Eine wirklich wissenschaftliche Welterfasiung ist kein Feind der religiösen. Nur in der weltlichen jüdischen Schule, an der Lehrerpersönlichkeiten wirken. die Kenntnisse der allgemeinen Wissenschaften mit jüdischen vereinen, kann eine Erziehung in aufbauendem Sinne gelingen. Nur dort können wir einigermaßen unsere Kinder schützen vor den Furien innerer Zerrissenheit, da kann die uns vom Schicksal gegebene geographische Verbundenheit mit Deutschland Zur beglückenden geistigen Erweiterung werden: zu wohnen in den Zelten Israels und ausgeschlossen zu sein für die hohen Kulturgüter der Menschheit. Aber nur wenigen gelingt es, in sich und bei den Seinen eine harmonische, echtjüdische Persönlichkeit zu entwickeln. Unsere Uebersckjau hat uns gezeigt, daß die Methoden der jüdischen Erziehung Wege sind, die hiuführen zu dem Ziele, Juden zu bilden, die vollendetes Menschlum in jüdischer Prägung aufweisen sollen. Erziehung zum Iuöen. Bon stutZ. iriOrl. Qt Azurn. Alfred Wachsmann. Wenn ich heute einen Artikel über Erziehung der jüdischen Jugend lese, so fallen mir regelmäßig Zwei Widersprüche aus. Mau proklamiert speziell jüdische Erziehung, jüdischen Geist und vcr'-chließt sich anderseits nicht der Forderung, die traditionellen, heute zwangsmäßig empfundenen Formen zu verneinen. Wenn man sich aber klarmacht, daß unter unserer Tradition stets das Durchwehen mit jüdischem Geist, das tiefe Erleben des jüdischen Menschen im jüdischen Familienleben verstanden wurde, so resultiert für die Handhabe heutiger Erziehung entweder jüdischer Memch oder etwas Neues. — Daß dieser „jüdische Mensch" mehr gefühlsmäßig ermßt wird, etwa wie ein moralischer Mensch, ergibt die Tatsache, daß wir einen Menschen, von einer Anschauung überzeugt, nicht nach dieser Erkenntnis benennen. Wir kennen all exumplnm keinen Tarwinisthen oder idealistischen Menschen (wenn Idealismus philosophisches Problem ist). Ta also jüdischer Mensch nicht der ist, der jüdi'chs Weltanschauung gcdankenmäßig sein eigen nennt, und für einen C. V.er nicht der, der unbedingt nationaljüdisch eingestellt ist, so diktiert das Gefühl diese Bezeichnung. Daraus erkennen wir aber nur eine ganz einseitige Erziehungsmöglichkeit: das Kind muß den jüdischen Menschen erleben, jüdisches Gefühl, jüdische Liebe empfinden. Wie das ohne Tradition ermöglicht wird, weiß ich nicht. Wer also den jüdischen Menschen erziehen will, braucht die Tradition. Wer sie aber aus irgendwelchen Gründen ausgefchaltet haben mag, muß infolgedessen seine Erziehung auf einer anderen Grundlage als der des jüdischen Menschen ausbauen. Wir wollen unter jüdischer Religion nicht eine irgendwie gefühlsmäßig begründete Einstellung sehen. Wir verstehen unter Religion keine Seeleneigenschaft. sondern eine Weltanschauung, die uns unser Verstand oder unsere Vernunft gebietet. Wenn auch der Ursprung der Religion im Gefühle wurzelt, so steht doch später Idee gegen Idee. Wie Pazifismus. Dualismus usw. durch die rakio diktierte Systeme geworden sind, so auch die Religion, so auch die jüdische Religion, die sich von der Idee des Christentums unterscheidet in Hauptpunkten wie Trinität, Diesseits oder Jenseits, Memch als Lbjekr oder Subjekt. Erlösung oder Gesetz usw. (Die Voraussttzung dieser Einstellung ermöglicht erst eine danach gerichtete Gestaltung des praktischen Lebens, eventuell ein Erleben der Religion.) Um also bewußte Juden zu erziehen, die nicht wankelmütig und indifferent werden, weil sie eben ohne ratio ganz gefühlsmäßig belehrt wurden, heißt es: Erziehet eure Kinder zu Juden, nicht weil eure Vorfahren es waren, sondern weil ihr sie überzeugen wollt, daß sie jüdische Weltanschauung gedanklich bekennen müssen. Nur diese Reife allein, die man von einem Menschen dieses Jahrhunderts verlangen kann, eröffnet den Ausblick auf wahre Kerntruppen. Wir wissen aber, daß wir von der jüngeren Jugend nicht fordern können, Probleme, roenn auch noch so mundgerecht geforurt, zu wälzen. Daher ist die einzige und gesunde Konsequenz, die Erziehung so handzuhaben, daß erst einmal auf die Heranbildung zu einem moralischen Menschen Wert gelegt wird, und daß unserer jüdischen Idee, die gewiß später gemeinschastsbindend wirken mag, in tendenziösen Erzählungen Ausdruck gegeben wird. Später von einem zu bestimmenden Alter ab (die Darmizwoh wäre dafür wohl verfrüht), halte die gedankliche Arbeit einznsttzen. Ter Fehler bisheriger Erziehung zum Juden war eben die lleberbetonung des Gefühls. Neben dem Streben nach VervoLkonnwmmg zürn „Menschen" lege ich ausschlaggebenden Wert für den bewußten. Juden in der Bestimmung des Problems. Dann bin ich gewiß, daß die selige Kindheit nicht mit politischer AlLUugheit gemordet wird und daß Mädel und Jungen, so roh und unreif sie gebacken, mit flammender Begeisterung, mit Abenteurerlust und Hang am Aeußeren fanatisch für Religion und Partei Propaganda treiben. Ich habe mit gutem Grund alle Streitfragen jüdischer Parteiprogramme, alle Tisferenzicrungsmöglichkeiten eines Deutschen und Juden, Probleme der Schule, Sprache und dergleichen, nicht berührt, weil sie wirklich sekundärer Natur sind. Für uns kam es hier darauf an. die Basis der jüdischen Erziehung zu sundamenliereu, den Kerninhalt herauszujchälen — und jede weitere Formgebung möge Inhalt anderer Zeilen sein.

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