Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 8-9 (16.11.1927)
- Date
- 1927-11-16
- Page
- Seite 676 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Der kleine Prophet. Von Friedrich Brodttitz. E8 ist das Geheimnis jeder wahren Kunst, daß sie uns über die Enge des Einzelproblems, die einmalige Bedingtheit hinwegsührt zum Allgemein-Menschlichen, daß sie uns neben dein bunten Wellenspiel der Oberfläche die Liefe sehen läßt, die alles tragt. Im Gegensatz zur zweckgebundenen Tendenz, die nur neue, künstliche Grenzen zieht, ist sie die M i t t l e r i n, vvr deren Blick die Lcheidewände jucken, um das gemeinsame menschliche Geschick desto klarer zur Darstellung zu bringen. So halten wir uns für berechtigt, heute kurz aus ein Buch hinzuweisen, das uns ein wirksame? Beispiel hierfür zu sein scheint: „Der kleine Prophet" von 6 dmond Fl eg*). Es führt uns nach Paris in ein Haus kultwwrler Juden oder wie sie sich selber Lieber nennen Israeliten. Ihr einziger Sohn, Claude, berichtet in tagebuchartigen Aufzeichnungen von seinem äußeren und inneren Erleben. In dieser überaus glücklich durchgesührten Form zieht so das Leben eines jungen Menschen an uns vorbei, «argestellt von einem Künstler, der nicht mehr in den engen Vorstellungen vom „kindlichen" Denken befangen ist, der weiß, daß die frühen Erschütterungen des jungen Menschen oft den Grund einer ganzen tragischen Entwicklung legen. So laßt er aus einer ganz unscheinbaren Begebenheit, die dem fünfjährigen Kinde den ersten Begrisj von der besonderen Situation des Juden vermittelt, eine immer großer werdende seelische Not wachsen. Er sieht sich von allen Leiten als,Jube" betrachtet, ohne sich selber darunter etwas Positives vorstellen zu können. Er wird zehn, fünfzehn - Jahre, und immer größer wird die Frage nach dem Inhalt dieses Judentums. Dos Elternhaus beantwortet sie nicht, der kühl-ironische Later und die Lberbesorgis Mutter ahnen nichts von ihr, könnten sie auch nie beantworten, weil sie sich bewußt allen Elementen ihres Ursprungs entfremdet haben. Da wird Claude von dem Zauber des katholischen Kultus gepackt, der ihm durch eine schwärmerische Jugendfreundin nahegedracht wird. Eine für religiöse Vorstellungen sehr empfindliche Seele empfängt die ersten, leisen Erschütterungen. Aber immer wieder steht das Gefühl des Andersseins in ihm auf, zerrt ihn zwischen mystischer Hingabe und folterndem Nachdenken hin und her. Ein katholischer Geistlicher, an den Claude sich in seiner Hilflosigkeit wandte^ ist es, der ihm den ersten klugen Ncck gibt. Er stellt ihm als erwünschtes Ziel der reiferen Jahre zwar die Bekehrung hin. sagt ihm aber: ,^Bis dahin, sei ein Jude, mein Kind, sei ein Jude!" Ja. was ist das, ein Jude sein? Es ist rührend geschildert, wie dns Kind sich statt bei seinem versagenden Vater bei besten Büchern Auskunft holen will. Aber da gibt cs zwar alles: „Heber Feuer und Wasser, über Kunst und Rechtswissenschaft, über Philosophie und Mythologie, über den Brahmanismus. . . . über die Lappländer, über die Indianer, über die Neger!. . . über die Juden: nichis." „Und Papa ist ein Jude!" schreibt er schlicht unter diese Aufzählung. Da wird er durch einen Mitschüler auf den Zionismus hmgelenkt. Er steht zum ersten Male erschüttert die Straßendierkel der Ostjuden. er Hort vom Aufbauwerk. Aber für sich selber kann er da nicht mit: „Der Vater meines Großvaters war zu Zeiten Louis Philipps Tuchhandter in der Rue Turbigo. Der Vater meines Vaters war Eambettas Freund. Und mein Vater hat vier Jahre lang wie ein Held gekämpft. . . Und das alles, damit Jerusalem meine Heimat werde? — Ein Vaterland habe ich. Was mir not tut. ist ein Gott!" — Bei einer Hochzeit in der Verwandtschaft lernte er zum ersten Male einen jüdischen Gottesdienst kennen; er sieht sich hier einer ganz neuen Welt gegenüber. Zur Enttäuschung und zum Erstaunen seiner Eltern bittet er um Neligion-unterrrcht. Die Geschichten der Bibel lieft er mit glühender Empfänglichkeit. „Sie haben mich Cornelius Nepcs, L'enophon, Kipling und Jules Verne lesen lassen, und diese schönen Geschichten haben sie mir vorenthalten." — Freunde hat er keine, seine Mitschüler find bei den „Psadsindern", auch er macht eine Weile mit, erber ohrre die Fähigkeit zum Aufgehen in der Gemeinschaft. Sein Judesein trennt ihn immer wieder. Und nun kommen neue Ent- Läuschungen aus der neugewonnenen Welt des religiösen Judentums: der stumpfsinnige Neligronslehrer. der „mutlose" Rabbiner, der auch lieber das schwächliche Wort „Israeliten" für Juden gebraucht, die schreckende Strenge des starren Gesetzes. So könnte man für diesen rrnendlich einsamen jungen Menschen verzweifeln, wenn er nicht, unbelastet von den Theorien der Alten, selber die schlichteste und darum natürlichste Lösung fände: „Ich will das tun, was nur oer gute Pfarrer gesagt hat: ich will ein Jude sein.* — Das wäre in knappen Umrissen der Inhalt des Buches: was seinen Zauber ansmacht, läßt sich durch Beschreibung nicht wicdergeben: die feine Einiühlung in die Vorstellung-- und Erlebeuswelt eines jungen Menschen. Ein kleines Buch, in lichtem Truck, noch nicht AH'Seiten, liest es sich schnell durch. Ist es ein ästhetischer Genuß, der übrig bleibt? Ach nein, sehr viel mehr! Das LEerk erweist sich als künstlerische Schöpfung. weit es uns tief menschlich rührt. Es zeigt die Gleichheit jüdischen Menfchenschicksals, die durch Landesgrenzen nicht getrennt wird, und darüber hinaus die Gleichheit der um religiöses Erleben ringenden Seele des jungen Menschen. Es ist ein nach denk- *) Aus dem Französischen Übersetzt von Mimi Zuckerkand!. Verlag R. Piper, München 1227. /i/LS/rck mr/L c/sc/r rr^c/e^ vs/r ror/r s/r/s/r^e/r r/ncl /nc/rUkrrM ck's Hocx/rsn c/lli-eHmüc/ren. rrrr/rer/ c/sL nrc/ck rnrr/ rck /<3/rL§/ e//ren e/s/Änf sc» /srr/L?// /)re Frerrckce ver/orerr/ Lesen rnercke/r ün/rrer sknm/?/ §e/ce/rr/ küre/ /rr/iSLrrs rm/rrsr Zu ZLkermsn/r snr /«r/rrrsr7 LZLZ. liches Buch für mancherlei Leute: für Eltern, die ihre Kinder vor „Auseinandersetzungen" bewahren zu müssen glauben, um sie ihnen nur desto schutzloser auszuliesern; für Erwachsene, die im Kinde noch immer ein unfertiges, unselbständiges Wesen sehen wollen, das keine wirklichen Sorgen kennt und seelische Not noch nicht erlebt; und nicht zuletzt für uns Junge, die wir hier eine neue Bestätigung dafür finden, daß der junge Mensch ohne EemeinfclzafL mit anderen das einsamste Wesen unter uns ist, preisgegeben der schiversten inneren Not. — Für diese künstlerische Darstellung eines jüdischen Menfchenschicksals können wir deutschen Juden nur dem französischen Juden Edmond FLcg brüderlich danken. „Nerrr Wege der Jugenö." Beranstaktung Der „Europäischen Tribüne". Unter diesem Motto veranstaltete die „Europäische Tribüne' am 10. November eine Juaendversarrnnlung im ehemaligen Herrenbaus. Führer der Jugend sollten Rechnung oblegen vom Wollen der Jugend, und sie sollten in diesem Zusammenhang ihre Stellung zur paneuropäischen Idee rnanifcstieren. Tie Ausführungen der einzelnen Redner bctviesen, wie stack die Sehnsucht nach diesem Ziele in der Jugend lebt, und sie zeigten vor allem, wie stack der Wille ist, auf neuen Wegen zu ihm zu gelangen. „Paneuropa als Salonmanöver verdammen wir", führte Fritz Täuber in seiner Einleitung aus, und die Sprecher der Bünde ließen diese selbe Einstellung durchblicken. So erfreulich es auf der einen Seite ist,- daß sich einmal sämtliche Bünde, unabhängig von ihrer politischen Disserenzieckheitz zn gemeinsamer Kundgebung zusarnmcnfinden sollten, so ist es aus der anderen Seile um so mehr Zn bedauern, daß der Sprecher der rechts eingestellten .Deutschen Freischar' im letzten Augelchtick verhindert war. Denn dadurch bekam die Versammlung, Wider den Willen der Veranstalter, ein etwas einseitiges Gepräge. Für die indische Jugend sprach Georg Lubinski, der Geschäftsführer des Reichsausschuves jüdischer Jugend verbände. Nachdem er erst die Prädestinierthert der jüdischen Jugend für den Gedanken europäischer Verbrüderung hervorgckwben Halle, ging er auf die Differenzierungen im jüdischen Leben der Gegenwart ein. Der reiche Beifall bewies, daß feine inhaltlich und formal ausgezeichneten Anführungen zur Verständigung mit der nrchhüdischen Umwelt erfolgreich bel-getragen hatten. Die übrigen Redner brachten außer der Rechtfertigung ihres Bekenntnisses zur paneuropäischen Idee die der Ideologie ihrer Bünde, ohne jedoch kierin Gedanken zu äußern, die nicht schon bei verschiedensten Gelegenheiten von anderer Stelle zum Ausdruck gebracht worden wären. Wesentlich war einzig und allein von diesem Gesichtspunkt aus der Sprecher der j n n gp ro! e t a r r s ch e n Bewegung, der scharf die lllasscngegenfähs der Gegenwart betonte, sich aber mir derselben Schärfe gegen einen phhsischenKcrmvf zwischen den Klofsen wandte. Nein äußerlich war es eine gewisse Ironie des Schicksals, daß gerade er. der sich gegen die „Gültigkeit" in der bürgerlichen Jugendbewegung wandte, selber dir größte geistige Beweglichkeit au den Tag lcgle, indem er als einziger Redner frei von Manuskript und unter Stellungnahme zu fernen Vorrednern sprach. Zum Schlüsse sprach Günter Beder von der „Frensburg- Arbeitsge mein schüft friedensbereiter Jugend". D iese Arbeitsgemeinschaft umfaßt Führer von jungnationalcn bis jungprolctarischen Bünden mit der Zielsetzung, eine Verständigung innerhalb der deutschen Jugend, und von dieser zur nicklldculscken mnubahnen. Dos diesjährige Frcusburger Lager, in dem sich etwa lchtz deutsche und ausländische Jugendsührer zu gemeinsamer Ars spräche fanden, war der erste Anfang zu dickem VerständiLungswerk. dessen Erfolg man gar nicht sehnsüchtig genug erbosten kann. Ten Veranstaltern aber gebührk Dank, in dieser Versammlung die „Tribüne" für wechselseitiges Kennerrlernen geschossen zu haben. -rk. Die Derrt?ch-Jüdisck>e FugerrDgenwinschast veröffentlicht ein Werbe, bla LI, das uns einen Einblick irr das Lrollcn des Bundes und in die Arbeit zur Verwirklichung der BnnLesides'. gibt. Zn iugendlrch.lebendigen Aufsätzen lesen wir da von biindrscher Lebensform, die das Nene neben das Düte den de stellen will, die nicht nur das Alte negiert, sondern mit positivem Ausbau» willen Neues schaffen will. Aufsätze über Heimabend. Fahrt, Arbeitsgemein, schaft, Züngerenarbeit, Ensrt uns Judentum vervollständigen das wohl, gelungene Heft, um besten Entstehung sich Marlin Eobolker und Werner Rosen, stock besonders verdient gemacht haben. A. L. Die Agndahs-Frsroel-JunenvorgarrrscrUorr hält ihren Bundes- und Dclegiertentag vorn 2 4. bis 2^. Dezember in Frankfurt o. M. ab. Folgende Themen werden behandelt: „Die Politik der Agudahs-Iisroel", ürnrr „Die Aufgaben der Agudahs-Zisroel-Jugerdbcwegung", „Unsere Einstellung zu Erez Israel", „Die sittliche Ertüchtigung der Jugend". Verantwortlich für die Beilage „Von hruisch-ILdischer Jugend": Alfred Hirsch, berg (BerUn-ChackoUenburL). DvuL von Rudolf Moste, Berlin 12.