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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1927-11-16 · 8-9 (16.11.1927) · p. Seite 674

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
3 (1927)
Issue
8-9 (16.11.1927)
Date
1927-11-16
Page
Seite 674 (sequence 2)
Language
German
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16 Gesinnung, sondern nur noch in der Kleidung liegt, daß damit die große Ausgabe der Jugendbewegung unerfüllt geblieben ist. lieber die Vermeidung dieser Gefahr, die ja in nichtjüdischen und jüdischen Bünden in gleicher Weise vorhanden ist, lassen sich keine allgemeingültigen Regeln aufstellen. Dazu ist die Entwicklung in den einzelnen Bünden und Gruppen zu stark differenziert. Nur eins sei ganz allgemein erwähnt: Das Durchringen zur Form der Jugendbewegung und des Jugendbundes ist einmaliges Erlebnis, das sich nicht von Generation zu Generation konservieren läßt. Damit ist aber nicht gesagt, daß jegliches Turchringen zu einer Auffassung innerhalb der Bünde „erledigt" ist. Und hier gilt es, Aenderung zu schassen. Der Führer darf nicht autoritärer Vertreter von Anschauungen sein, zu denen er die Gruppe gleichsam überredet, sondern seine Hauptarbeit muß darin bestehen, den Geführten aus das Problem hinzulenken. Von diesem ersten Anstoß an jedoch ist seine Mission zunächst erfüllt, und er muß sich in eine mehr beobachtende Stellung zurückziehen. Dadurch wird der Geführte vor die Notwendigkeit gestellt, mit sich selbst die Dinge abzumachen und sich selb st zu einer Anschauung durchzuarbeiten. Diese wird um so sester sein, je größer die Schwierigkeiten des Weges waren, und gerade in dem ständigen Prozeß von Verneinung zur Bejahung liegt der Hauptwerk einer gesunden Entwicklung. Nur durch eine derartige Aujlockerung des Führervolkverhältnisses ist eine wirklich gesunde Entwicklung des einzelnen Menschen gewährleistet. Schaltet man das Problematische vollkommen aus. so ist ein un geistiger Jugendbund die Folge, und überlaß? man die Lösung der Probleme zu großen Teilen dem Führer, so wird den Geführten das Wesentlichste in ihrem Entwicklungsprozeß, das „Stirb und Werde", vorenthalten. Auf diese Gefahrenquelle sollte aufmerksam gemacht werden. Es sollte ferner gezeigt werden, daß die Bünde, die Jüngerenarbeit leisten, sich über die entwicklungsmäßig verschiedenen Voraussetzungen der Aclteren und der Jüngeren klar werden muffen. Aber wenn auch die Jüngeren aus anderen Motiven in der Bundesarbeit stehen als die Aelteren. wenn auch das revolutionäre Element der positiven Kleinarbeit Platz gemacht hat, so darf deshalb keinesfalls eine Verwischung der Grenzen cintreten, sondern die Jugendbewegung muß sich klar sein, daß sie eine Etappe ihres Weges zurückgelcgt hat. daß sie aber noch lange nicht an jenem Ziel ist. das Gertrud Bäumer dahin formuliert hat, „in dem säncksalsvollen Entscheidungskampfe zwischen Menschentum und Zivilisation die Wagschale zugunsten des Menschentums sinken zu lasten"! Don Derrrharv S. Jacobson (Hamburg). Dieser Aufsatz wurde uns von seiten der Agudab-Jugend zur Verfügung gestellt. Lurch ihn rundet sich das Blld ad. das wir in diesen Blättern von der Erziehung junger Menschen zu Juden durch Darstellung der Arbeit in den Bünden zu zeichnen versucht haben. Die SchristLeitung. . Die Geschichte der Erziehungswissenschaft ist die Geschichte der Erziehungsziele und der Wege zu ihrer Verwirklichung. Gerade das 20. Jahrhundert, gekennzeichnet durch das Schlacworl ^Jahrhundert des Kindes", hat eine nie gekannte Hinwendung der Wipemchast und des Staates zu Fragen der Erziehung und Seelenkunde des Kindes gebracht. Das gesetzestreue Judentum, bei aller Aufgeschlogenheit für die Fragen der Zeit, kann Anregung und wirkliche Förderung nur gewinnen aus der Beschäftigung mir der Methodenfraee, da das Erziehungsziel in seinen Hauptlinien durch Lehre und jahrtausendjährige Geschichte fest Umrissen ist. Eine Schilderung der Methoden der gesetzestrcuen jüdischen Erziehung der Gegenwart in Deutschland und damit verbunden Hinweise auf gleichlaufende Richtungen der pädagogischen Strömung unserer Tage dürste daher nicht ohne Anreiz sein. Methoden. Wege können nur aufgezeigt werden, wenn das Ziel klar ackennzeichnet wird. Für den üderzeugungstreuen Juden, für den Offenöcrrung am Sinai, Wunder und Propheten unumstößliche religiöse Gewißheiten bedeuten, heißt Erziehen: Ten Willen des jugendlichen Menschen an die Erfüllung der göttlichen Gesetze gewöhnen und ihn befähigen, sich in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen, das Gemütsleben neben der Empfänglichkeit für die allgemeinen Cemütswerte besonders zu bilden für die religiösen, wie Andacht, Demut und zugleich Verantwortlichkeit der sittlichen Persönlichkeit vor Gott, und endlich den Gei st aufnahmefähig Zu gestalten für die geistige Welt des Judentums, wie sie sich widerspiegelt in Bibel und Talmud, in dem reichen Schrifttum einer fast dreitausendjahriaen jüdischen Kultur. Für den deutschen Juden, oder richtiger den Juden unserer Zeit, kommt noch eine besondere DÜbungsaufgabe hin,zu, die Schaffung der geistigen Möglichkeit, jüdische und nicht jüdisch (besonders europäische) Kultur zu vereinigen. Wie wird diese große, gewaltige Erzichunasausgabe gelöst, welche Weg? werden vmgcschlagen? Tie Erziehungsbedingungen sind an äußeren und bewußten: Elternhaus, Schule und Gemeinde, an unbewußten: die vielfachen Umgebungseinslüste, und an inneren: die seelischen Beschissenheiten des jugendlichen Menschen. Ein Erziehung?- werk hat im allgemeinen in dem Maße Erfolg, als es gelingt, die Erziehungsbedingungen bewußt im Sinne des Zieles zu gestalten und die unbewußten auf ein Mindestmaß zu beschränken. In dieser Erkenntnis liegt das unabnnusliche- Lebensrccht der Bekenntnisschule und in erhöhtem Maße das einer jüdischen gesctzestreuen, da das gesetzcstreue Judentum mehr als ein Bekenntnis ist, es ist eine rcliaiös-kuturelle Lebensform. Wir aesttzcs treue Juden brauchen jüdisch, weltliche Schulen (im Gegensatz zu Neligiousschulen) nicht vornehmlich, um ausgedehntere Kenntliche der jüdischen Wissenschaften zu vermitteln, sondern vor allem, um die Schule, neben dem Elternhaus die wichtigste Erziehungsbedingung. nach den Erfordernissen unsere? Erziehungszieles in allem zu gestalten, und um ihr nach Möglichkeit jeden störenden Einfluß fernzuhalten. Tie Wichtigkeit dieser Forderung, der Gestaltung der Erziehunasbedingungen au? Grund des Zieles, wird von den Forderungen der modernen Pädagogik kräftigst unterstützt, mau denke nur an Landerziehunasheime, Schulgemeinden, wie Wickersdorf. . Die Bildung des Willens beginnt bei der jüdischen Erziehung schon im zarten Kindesalter, und bis zum letzten Lebens tage hat der gesetzestreue Jude seinen Willen zu stählen und zu bewähren, um in allen Lebenslagen ein treuer Hüter des Gesetzes zu sein. Für diese Willenserziehung in früher Jugend hat die hebräische Spracke einen besonderen Begriff geprägt: cbirmueli, Gewöhnung. Weihe, Rüstung. Der Talmud lkäckclusclun 30 u) sieht in der heiligen Schrift in einem Weisheitsspruche Salomos die Pflicht dieser Gewöhnung im frühen Kindesalter ausgesprochen: „Gewöhne den Knaben am Beginn seines Weges, so wird er nicht davon im Alter abweichend (Spr. 26- 6.) Ist die Sprechsähigkeit des Kindes einigermaßen entwickelt, so lehren Pater und Mutter es in hebräischer Sprache: „Die Lehre hat uns Mosche anbesohlen als Erbaut für die Gemeinde Jakobs" (5. B. M. Kap. 33, Vers 4) und d-en ersten Vers des Schemcchgedetes (Talmud, Lutzkn 42n). Man hat oft gegen diese Erziehung zu Pflichten in einem Alter, da der kindliche Geist den tieferen Sinn der Pflichten noch nicht begreifen kann, den Einwand erhoben, sie sei sinnlos und schädlich und führe zu einem gedankenlosen, gewohnheitsmäßigen religiösen Verhalten. Eine der bedeutendsten Erkenntnisse der neueren Seelensorschung gibt rins eine wertvolle Handhabe, diesen Eiuwand zu entkräften. Tie Arbeiten Freuds lenken unsere Aufmerksamkeit auf das Unbewußte und seine Bedeutung für die Erziehung. Tic religiösen Pflichten mit ihren TatzeickM gestalten die formsähige Seele des Kindes, geben eine Verankerung mit den tiefsten Gruudkrästeu. die im Unbewußten schlummern, die sich wirksamer erweist als die ausschließliche Beziehung aus die erkennende Kraft des Geistes. Ten wertvollsten Dienst neben der rein religiösen Bedeutsamkeit leistet diese Gewöhnung an die religiösen Pflichten der allgemeinen Erziehung zum charaktervollen Menschen. Wir erinnern nur an dis Speise- und Sabbatgesetze, die als selbstverständliche Folge eins Beherrschung des Eß- und Erwerbstriebes mit sich bringen. Im jungen Juden soll das Bewußtsein geweckt werden, daß die Inden aller Länder durch gemeinsames Schicksal, gle'chs Abstammung und religiöse Pflichten eine unauflösliche Gemeinschaft bilden. „K!albewnßtsein" soll gepflegt werden. Wiederum ist es das jüdische Pflichtenleben, die Methode, der Weg. Das Bewußtsein der gemeinsamen Sabbat- und Festesseier von Millionen Juden, die noch so räumlich getrennt leben mögen, lehrt eiudrmglrchst die Idee der Einheit des jüdischen Volkes. Durch die Synagoge tritt das Kind ans dem engen Kreis der Familie in den weiteren der Gemeinde, der Kehil! o. Die altjüdische Gastsreundsch.ffL, für die die kalte Spende des Geldes nicht das einzige Mitte! des Wohltuus ist. läßt noch heute in gesetziestreueu Häusern den Gast, den nureest, besonders am Sabbat ein Mitglied der Tafelrunde sein, so erfährt das Kind in lebendiger Schilderung von der Rot seiner Stammesbrüder im Osten und in Palästina, das Gefühl des Mitleidens wird wach, in Erkenntnis, daß jeder zur Hilfeleistung verpflichtet ist. So weitet sich das durch die Synagoge geweckte Berbimdeuheilsgcuch! für die Gemeinde zur Erkenntnis der Zugehörigkeit zur Religiousuation Israel. Gerade bei der Weckung des Gemeinschaftsgefühls muß hiugewiesen werden auf den großen Anteil, den die unbewußten, d. h. nicht so kontrollierbaren Erzichuugsbedingungen wie Zeitungen, Bücher und Gx spräche ausüben. Im letzten Jahrzehnt Pflegt in vielen gesetMtreuen Kreisen die Erziehung zur Gemeinschaft besonderen Iugeudbünden, wie Agudahs-Jisroel-Jugendorganisation, dem Misrachi, der Esra und anderen zuzusallcn. Für das Gemüts! eben ist die wichtigste erziehende Methode das Vorbild. Mehr als alle Belehrung wirkt Las von der Kindesseele aufgenommene Bild des V-aters, der mit heiliger Andacht seine religiösen Pflichten erfüllt. Es ist hier mcht der Nahmen, über das Wesen der religiösen Gefühle abzuhaudeln, es muß hier nur scstgestellt werden, daß die jüdisch Weltbetrachtung und LebensgestalLung auf dem Vorhandensein religiöser Gefühle beruht. Zumeist sind es Storungen von außen (wie „Auf-

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