Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 8-9 (16.11.1927)
- Date
- 1927-11-16
- Page
- Seite 673 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9221535-9548992-9549124--085-2285546- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Lerlin, 18. November 1927 Nr. S/9 5 .*6' Von Werner RosensioL Sollen diese Blätter wahresAusspracheorgander Jugend sein, so dürfen sie nicht nur der Erörterung a llgemein er Probleme, und mögen sie an und für sich noch so akut sein, dienen, sondern sie muffen vor allen Dingen Bekenntnis aolegen von dem, was für die Jugend, und insbesondere für die in Bünden zusammeugeschlofsene Jugend, heute in ihrer Arbeitsweise von direkter praktischer Bedeutung ist. Darum sei die Aufmerksamkeit auf eine Frage gelenkt, die unerkannt in vielen Kreisen vorhanden ist, weil man ihre Existenz nur allzuoft im Drange der aktiven Kleinarbeit übersieht. Es handelt sich, ganz kurz gesagt, nur den Wandel in den Voraussetzungen und Zielen der Jugendbewegung als solche. Diese Frage ist keine philosophischtheoretische Konstruktion, sondern sie ist von höchster praktischer Aktualität für weite Kreise der Jugendbünde, sowohl der allgemeinen als auch der jüdischen. Sie ist akut für die Bünde und Gruppen, in denen bereits ein oder zwei Führergenerationen das Fundament geschaffen haben und die nun, ausbauend aus diesem Fundament, zur positiven Erziehungsarbeit und ganz besonders zur Jüngere narbeit üb erg eg a ug en sind. — Wie bei jeder Bewegung, so beobachten wir auch bei der Jugendbewegung, daß es einer Generation Vorbehalten ist, den ersten Anfang zu machen und daß, nachdem diese erste Generation in ihrer Radikalität gradmäßig zurückgegangen ist, den Folgenden das Ziel der ersten zur Voraussetzung wird. Im Gegensatz zu anderen Bewegungen wurde jedoch in der Jugendbewegung dieser Ansang nicht einmal gemacht, sondern er nahm seinen Ausgang invielen Kreisen, unter verschiedenen Voraussetzungen. Und noch heute ist dieselbe Auflehnung, wie wir sie bei den Freideutschen 1913 und bei vielen unserer Gruppen vor fünf oder zwei Jahren beobachteten, möglich. Wesentlich ist, daß der er st e Schritt getan wurde, der sich jedoch in einem bestimmten Kreise nur einmal machen läßt. Worin bestand mm dieser „erste Anfang"? Er bestand in einer kritischen Betrachtung alles Bestehenden, von Zivilisation rmd Gesellschaft, von Schule und Elternhaus. Diese kritische Beschäftigung führte meistens zur Ablehnung dieser Institutionen in ihrer bestehenden Form. Man erkannte, wie gar vieles mechanisiert und morsch war, wie Ursprünglichkeit und Seelenleben verschüttet lagen. In der Ablehnung dieser Verfallserscheinungen fand man sich zu eigenem Leben zusammen. Allgemeine Phrasen, wie „Kamps gegen die bürgerliche Gesellschaft", unter denen man sich nie w recht etwas vorstellen konnte, führten zunächst zu einer Art „Kulturressentirn e n t". Man stand dem Beruf, der Technik und anderen an und für sich wesentlichen Erscheinungen skeptisch gegenüber, nicht etwa, weit man sie als solchefür schädlich hielt, sondern weil man in ihnen die Ausdrucks formen einer abzutehneuden Cesellschaftsschicht sah. Aber neben diese negative Ablehnung der Außenwelt trat eine intensive Arbeit an sich selbst. So entstanden die Bünde in ihrer gualitativen Stärke, in der wir sie heute sehen. Immer mehr weitet sich in diesen Kreisen das Gesichtsfeld, immer mehr schwindet das allgemeine Ressentiment, immer mehr tritt die positive Aufbauarbeit an Stelle des negativen, teils aktiven, teils passiven Widerstandes. Hierzu kommt, daß sich die Einstellung der Außenwelt zu den Bünden änderte, so daß auch hierdurch das Kämpferische stark in den Hintergrund trat. Hat sich somit die Methode in der Arbeit der Bünde gewandelt, so bedeutet dies jedoch keineswegs ein Abwcichen vom Ziel. Vielmehr muß der Wille, allem Bestehenden kriti s ch gegenüberzutreten, und bei Ablehnung den Mut zur Umstellung in der Lebeusgestaltung auszubringen, unveränderbares Kriterium der Jugendbewegung bleiben. Der eben kurz skizzierte Prozeß von der negativen Kampfgemeinschaft zur positiven Erziehungsgemeinschaft ist nicht etwa aus der ganzen Linie als abgeschlossen zu betrachten. Vielmehr läßt er sich heute noch vielfach in neuen Kreisen wiederholen. Problematisch dagegen ist dieser Entwicklungsprozeß für diejenigen, die durch ihn hindurchgegangen sind. Tenn das, was diese Menschen kennzeichnet, ist doch nicht die im Bunde geübte erzieherische Betätigung selbst, so erfreulich sie an und für sich sein mag, sondern dieMo 1 ive, aus denen sie zu dieser gekommen sind. So werden wir immer ohne Psychologische Spitzfindigkeiten den Menschen erkennen, der durch die Entwicklungsstadien einer Jugendbewegung hindurchgegangen ist, mag er nun in der Kleinarbeit stehen oder längst andere Tätigkeitsfelder für sich erschlossen haben. Wie aber wird es mit denjenigen, die den Bund mit seinen Institutionen als Tatsache vorgefunden haben, deren Aufgabe also nicht darin besteht, absolut Neues zu schassen, sondernEeschasfenessortzZrsetzen? Das,was für die AelLeren erreichtes Ziel bedeutet, ist doch für sie, die Jüngeren, selbstverständliche Voraussetzung. Gewiß, auch ne empfinden, daß die Lebensform, die ihnen der Bund gibt, schön und wertvoll ist, und sie sind sich der Antersch rede, die sie von anderen scheiden, wohl bewußt. Aber sie haben sich doch zur Erkenntnis dieses Unterschiedes nicht selbst durchgerungen, sie haben sich doch nicht aus innerer Notwendigkeit heraus die neue Lebensform selbst geschaffen, für sie hat es also in ihrer Entwicklung zur Jugendbewegung kein Stirb und Werde gegeben? Es wäre töricht, hieraus den Schluß zu ziehen, diese Jüngeren ihrem eigenen Schicksal zu überlassen, damit sie ohne bewußte äußere Einflüsse (soweit solche überhaupt auszuschalten sind) sich aus eigener Erkenntnis ein neues Fundament zimmern. Man würde dadurch unnötigerweise alles mit Blühe Ausgebaute zerstören. Auch iväre es unhistorisch, zu verlangen, daß dieser einmalige Vorgang Ln Bewegung, Bund und Gruppen sich gewissermaßen aus Pietät in jeder Entwicklungsstufe neu wiederholen sollte. Aber ebenso zu verurteilen ist der entgegengesetzte Weg. der gerade in letzter Zeit vielfach begangen wurde. An Stelle des Revolutionären ist nämlich vielfach nicht das Kritische, sondern das T a t fach e n m ä ß ig e gesetzt worden. Mau lebt nett zusammen, beschäftigt sich mit allen kulturellen Angelegenheiten, aber mehr in konstatierender, statt in kritischer Weise. Damit verwischen sich die Grenzen zur Umwelt vollkommen, und die Grundausgabe der Jugendbewegung tritt immer mehr in den Hintergrund. Diese Liquidation wird sich nicht bemerkbar machen, solange noch die heutigen Führer in der Kleinarbeit bleiben. Sobald diese aber herausgcheu, könnte sich zeigen, daß der Unterschied zwischen hündischer und nichtbündischer Jugend gar nicht mehr in dev Aus dem Mali: Werner RoscnsLock: Entwicklungsgang der Jugendbewegung. — Bernhard S. Jacobson: Methoden der gesttzestreusir jüdisä)en Erziehung. — Als red Wachsmann: Erziehung zum Juden. — Friedrich Brodnih: „Der kleine Prophet."