Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 45 (9.11.1928)
- Date
- 1928-11-09
- Page
- Seite 634 (sequence 6)
- Language
- German
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634 Das unübertroffene Hotel, daS als einziges Kochbrunne n-Badbaus Wiesbadens direkte vovvelstarke Zuleitung aus dem weltberühmten Kochbrunnen erhalt. FS p*e Böller Winterkur-Detri eb. 200Zimmer von5bis8M. und mit voller Pension 12 Ms 15M. einschl.Thcrmalbad und Trinkkur (Winterpreise). Besitzer und Leiter: L t t 0 S ch i ck. »rocyaruunru ctyu», $Pet Paiasi-Hofe! Badhaiis Wiesbaden. fi«c<£&eMc£aA.te* Fritz Blankenfeld, Kimchi, Ernst Ludwig Pinner: „Los vom Zionismus." 1928. Verlag I. K a u s f m a n n, t Frankfurt a. M. [ Gegenüber den Bekenntniffen von Apostaten ist im allgemeinen ernste Vorsicht geboten. Sie wollen ihren Abfall vor sich beschönigen Und sich zugleich bei ihren neuen Parteifreunden ernschmeicheln. Kein Wunder, daß ihre Bekenntmffo zumeist recht verdächtig erscheinen. Das gilt für die Bekenntnisschrift von Ern st Ludwig Pinner, Fritz Blankenfeld und Kimchi nicht. Man spürt aus jedem ihrer Worte, daß es ihnen unsagbar schwer geworden, sich von ihren Parteigenossen zu lösen, daß ihr Abfall das zwangläufige Endergebnis jahrelangem Ringens gewesen, daß ihre Loslösung eine Katharsis bedeutet. Daß es sich hier nicht um fahnenflüchtige Abtrünnige handelt, sondern um Männer, die für ihre neue Ueberzeugung mit ihrer ganzen Persönlichkeit e i n z u t r e t e n entschlossen sind, beweist jedes Wort der Dekenntnisschrift. In ihr sprechen zudem nicht drei Unbekannte, sondern Männer, die in ihrer Partei bisher als bewußte Mitkämpfer gegolten haben. Darum dürfen ihre Bekenntniffe nicht nur als clocumenl8 humain9 gewertet werden. Sie sind vwlmehr die Widerlegung des zionistischen Dogmas durch Sprnchbefugte und Spruchbercchtigte. Daß ehemalige leidenschaftliche Zionisten dio Beweggründe der Antizionisten sich vollauf zu eigen machen, gibt der Veröffentlichung einen eigenartigen Pikanten Reiz. Nebereinstimmend erklären die drei Reumütigen, daß ihre Abkehr vom Zionismus das Ergebnis einer prinzipiellen Gedankenklärung gewesen., „wie sie ihnen durch die Begegnung mit den Schriften Constantin Brunners zur Judenfrage aufgenötigt wurde"'. Brunners Nachweis, daß der Zionismus „der Hereinfall der Juden auf den rasientheoretischen Judenhaß"' ist, daß er die phantastische Antwort der Juden auf Beleidigung und Vorenihaltung des ihnen Anstehenden Rechtes ist, also aus dem Asfekt des verletzten Geltungsinteresses geboren wurde, so daß Judenhaß und Zionismus als Lebenssiörungen für die Juden gleichwertig nebeneinander stehen, hat in diesen drei die Entschließung zur Reife gebracht: „Los vom Zionis- - mu§r Mit der Erkenntnis, daß der Zionismus keine innere Notlvendigkeit, sondern einzig und allein Reaktion auf den Antisemitismus ist, daß der Zionismus das übelste Erzeugnis der Assimilation, „Europas neuesten Unsinn, die antisemitische ' Raffentheorie, sich zur Grundlage des Nationalgefühls erkoren"', jene Theorie, „die das Kulturideal auf dem Wege der Rindviehzucht zu erreichen glaubt", war für sie der Wahrheitsbeweis des Zionismus erledigt. Sie bekennen sich frei zu dem von zionistischer Seite stets so entschieden als Schandmal gebrandmarkten Assimilantentum. Assimilation ist eben ein Natur- und kein Bewußtseinsvorgang. Wir werden assimiliert, und jede Gegenwehr gegen diesen Naturzwang ist sinnlos. Nur in der Wahrung der jüdischen Ideen und Werte findet diese Ausgleichung ihre Grenze. Gewiß kann dem Zionismus nicht der Idealismus abfgesprochen werden. Aber „die Hingabe an eine Sache rechtertigt noch nicht die Sache selbst". Es gibt auch eine Begeisterung für den Aberglauben. Und ein Aberglaube ist die ganze Theorie vom jüdischen Volke. Dieses jüdische Volk führt fein Dasein von Gnaden der fünf Prozent Juden, die sich zum - Zionismus bekennen. Alle anderen Juden lehnen dieses - angebliche jüdische Volkstum ab. Denn es gibt kein Volk ohne Land, ohne Staat. Genreinfame Abstammung säufst weder einen Staat Ei ge nt Verkaufsstellen in allen grosseren Städten Deutschlands. Erhälilidi in allen Spezialgeschäften. noch ein Volkstum. Palästina ist weder das Land meines Vaters noch der Generationen vor ihm, sondern das Land anderer Menschen, und darum nicht das Land meiner Kinder. Alles, was über dieses angebliche jüdische Volkstum und sein Anrecht auf Palästina deklamiert wird, gehört in das Reich der Phantasie. In dieses große Reich gehört auch die zionistische Erwartung auf die dereinstige Mehrheit in diesem Lande. Heute sind 15 Prozent seiner Bevölkerung Juden. Sollte das Land wirklich zwei Millionen Menschen in sich aufnehmen können, so wird sich dieser Prozentsatz sicher erhöhen. Aber die Hoffnung aus eine jüdische Mehrheit der Landesbcwohner hat bereits der Ziomstenkongreß 1925 aufgcgcben. Man hat dafür ein neues Schlagwort geschaffen, das Sclsiagwort vom binationalen, das heißt vom arabisch-jüdischen Staate. Tatsächlich bedeutet dieser binationale Staat die Preisgabe der Hoffnung auf eine jüdische Bevölkerungs Mehrheit. Selbst wenn einmal Palästina von einer Million Juden und noch mehr bewohnt sein sollte, bliebe doch das Land eine Zwergprovinz des großen Arabiens, da es geographisch und wirtschaftlich zuin arabischen Syrien und dem übrigen von Arabern bewohnten Asten gehört. . Dabei ist es politisch ausgeschlossen, daß etwa weiteres arabisches Gebiet von Juden besiedelt wird. Das heutige jüdische Palästina ist nur unter dem Schutze der englischen Bajonette denkbar. Falls diese wirklich aus Palästina abrücken, wie es von zionistischen Heißspornen gefordert wird, ist die jüdischer Herrlichkeit in Palästina geMsen. Dann wird Palästina „ein schlimmeres Galuth, als jemals vordem eines gewesen". Selbst angenommen, daß eine Million Juden im Laude friedlich neben den Arabern wohnte, so wären diese gerade 7 Prozent aller Juden. Das Höchste, was also unter Englands Schutz zu erreichen ist, wäre die Vereinigung von 7 Prozent der Juden in Palästina. Das besagt aber das Fiasko des zionistischen Traumes. Die einzige denkbare-Erlösung der ostjüdischen Judenheit, um die es sich ja im wesentlichen hier handelt, ist ihre Emanzipation in den derzeitigen Wohnlandern. Statt die Ostjuden in eine jüdisch-nationale Linie zu drängen, wäre es also viel rveiser, für ihre völlige Einbürgerung in den Ländern des Ostens einzutreten. Gewiß sind die Ostjuden noch nicht vollwertige, gleichberechtigte Bürger ihrer Staaten. Aber hieraus nach zionistischem Rezept den Schluß zu ziehen, daß diese Juden deshalb Teile der angeblichen jüdischen Nation sind, ist eine durchaus unlogische Folgerung. Gemeinsame Wstammung hat eben mit dem politischen Begriffe des Volkstums nichts zu tun. Aber selbst diese gemeinsame Abstammung der Juden ist eine Täuschung. Wer weiß, daß die Juden des Ostens zum überwiegenden Teile von den Chazaren, daß die Juden des Westens zu einem wesentlichen Teile von den Proselyten abstammcn, und daß die Rafsenmischung bei den Juden von Bibeltagen an niemals ausgehört, wer weiß, daß es chinesische und Negerjudeu neben indischen und abepynischen gibt, der wird sehr bescheiden mit dem Begriffe jüdische Rape und jüdische Abstammung arbeiten. Aus dieser Zwickmühle Hilst sich der Zionismus durch Achad Haams phantasievolle Annahme, daß Palästina das Zentrum des jüdischen Geistes werden soll. „Wer weiß, was Geist ist, der lacht über die Idee, die Juden brauchten nur nach Palästina zu gehen, dort würde der alte prophetische Geist schon wieder über sie kommen." Die Eigenwerte der Juden, die Gedanken der großen jüdischen Geister der nachbiblischen Zeit sind ja fast ausnahmslos außerhalb Palästinas geboren worden. Die primäre Voraussetzung für das Werden einer jüdischen Gemeinschaft in Palästina wäre das Gefühl der Zusammengehörigkeit aller Juden der Erde. Die „Jüdische Rundschau" hat vor kurzem eine Novelle aus dem Hebräischen veröffentlicht, die an einem Beispiel die Unvereinbarkeit bocharischer und spaniolischcr Juden darlegte. Wer die Judenheit kennt, kennt auch die unüberbrückbaren Gegensätze in ihr, Gegensätze zwischen Arbeitern und Arbeitgebern, zwischen dem alten und dem neuen Jischuw, zwischen Ost- und Westjuden, zwischen Jeminiten und Aschkenasim, zwischen Orthodoxen und Atheisten. Und diese Hauptgruppen zerfallen wieder in soundsoviele sich bis aufs Blut hassende Grüppchen. Wer einen Ziomstenkongreß miterlebt hat, kann von der angeblichen Zusammengehörigkeit Erbauliches erzählen. Man rede den Juden nicht ein, daß der Ausbau Palästinas ihr höchstes Lebensintereffe ist. Ihr eigentliches Interesse ist vielmehr, daß die Juden in den Völkern und Staaten, in d^nen sie leben, die Heimat finden. ,Mir muffen Wurzel faffen und die Heimat finden." Besonders muffen die deutschen Juden trotz aller Anfeindungen „Deutschland auch innerlich die Treue halten und es mit dev Liebe lieben, die jeder unbefangene und unversührte Mensch seinem Vaterland entgegenbringt."