Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 45 (9.11.1928)
- Date
- 1928-11-09
- Page
- Seite 633 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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es C.V./ Landesverbandstagungen und Aufklärungsversammlungen. Im Gegensatz zu den früheren Jahren haben unsere Landesverbände in diesckn Spültet die Landesverbandstagungen an den Beginn ihrer Arbeit gestellt um in gemeinsamer Beratung mit unseren Freunden aus dem Lande die Richtlinien für die Winterarbeit festzulegcn und die Maßnahmen zu besprechen, die in allen Teilen des Reiches gegen die neu a us f l a in m e n d e Agitation der Nationalsozialisten | ergriffen narben müncii. Daß über-diesen Beratungen, die sich mit dem Gebot der Stunde bemnen, nicht die großen Richtlinien unserer Arbeit, wie die Aufklärung unserer deutschen Bolksgenonen über das Judentum und unsere Stellung zu der Entwicklung der inner jüdischen Fragen, nicht vergessen wurden, dasür bieten unsere Freunde Gewähr, die zusammen mit der Leitung in Berlin in den letzten Wochen Tag und Nacht untettvegs waren, um unseren Veranstaltungen einen würdigen Rahmen zu verschaffen und ihren praktischen Erfolg zu verbürgen. Wir geben im folgenden in der bei unserem knapv bemessenen Raum notwendigen Kürze Berichte über diese Tagungen. Jede einzelne bot eine solche Fülle von Problemen, daß mit ihnen allein die Spalten unserer Zeitung gefüllt werden konnten. Wir hoffen, daß die Anregungen, die auf diesen Tagungen gegeben wurden, auf fruchtbaren Boden gefallen sind und daß der Erfolg nicht ausbleibt zum Segelndes deutschen Judentums. Landesverbandstagungen. Pommern-Grenzmark. Tie Landesverbände Pommern und Grenzmark hoben sich zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschloffen und werden jetzt verwaltungstechnisch von unserem Syndikat Stettin bearbeitet. Den Auftakt zur W i n t e r a r b e i t bildeten verschiedene Veranstaltungen in der letzten Qktoberwoäze. Slm 24-. Oktober fand eine Aussprache des deutfchjüdi scheu Kreises in Stettin statt, in dem Han- Oppen!k i in e r (Berlin) über Edmond Flegs „W arum ich Jude bin?" referierte. Am folgenden Tage wurden in einer Dorstandsf r tz u n g in Stettin die Winterarbeit und vor allem die Fragen des Heransdrängens der Juden aus Acmtern und Vereinen ausführlich besprochen. Tie Landesvcrbandstagung der vereinigten Landesverbände fand in Köslin statt. Sie wurde am Sonnabend, den 27. Oktober, durch eine große öffentliche Versammlung eingeleitet, in der Tr. Ludwig Holländer (Berlin) über die „Jüdische Internationale' sprach. Weit über 500 Personen, die sich aus allen Kreisen der Bevölkerung und aus allen politischen Richtungen zusammenfetzten und unter denen man die höchsten Spitzen der Behörden bemerkte, füllten den Saal und folgten den Ausführungen mit gespanntester Aufmerksamkeit. In der Diskussion sprach u. a. der Redakteur einer vollsparteilichen Zeitung, der vor allem die Ausführungen Tr. Holländers bewußt unterstrich. Zahlreiche pommersche Zeitungen hatten eine Vorankündigung der Veranstaltung gebracht und nachher ausführlich über den Vortrag Tr. Holländers berichtet. So schrieb u. a. „Der Hinterpommer' in Köslin: „Die Versammlung ... nahm einen eindrucksvollen Verlauf. Die Pommernsale waren überfüllt — sicher der größte Teil der Anwesenden Nichtjuden. . . . mußte jeder aus den von Sachlichkeit und größter Objektivität getragenen Darlegungen den Eindruck gewinnen, daß es unrecht ist, einem Menschen . . . den Stempel der Minderheit aufzudrücken.' Auf der Delegiertentagung waren 21 Ortsgruppen vertreten. Tr. Holländer (Berlin) machte vertrauliche Mitteilungen aus der Dereinsarbcit, Frau Margarete Fried (Berlin) referierte über die Aufgaben der Frau innerhalb des Centralvereins, - Hans Oppenheimer (Berlin) erstattete den Geschäftsbericht und Max Eisenstein (Stettin) den Finanzb e r i d) t. An der sehr lebhaften Aussprache, die sich bis in die späten Nachmittagsstunden hinzvg, beteiligten sich zahlreiche Vertreter der anioesenden Ortsgruppen. Es wurde ein neuer zwanzigköpsiger D o r st a n d gewählt, dem 15 bzw. 5 Damen und Herren ans den Landesverbänden Pommern und Grenzmark angehören. Zur Führung der eigentlichen Geschäfte wurde ein Arbeitsausschuß aus fünf Köpfen gebildet. Ihm gehören an: Max Eisenstein (Stettin). Rechtsanwalt Fleischer (Schneidemühl). Tr. M a r c u f e (Stettin), Bankier Rübens o h n (Köslin) und ein fünftes Mitglied, das vom Landesverband Grenzmark bestimmt werden soll. Ter Abend vereinigte die Delegierten im Kreise der Ortsgruppe bei einem geselligen Beisammensein. Die Vorbereitung der Tagung in Köslin lag in den Händen des Bankiers R u d c n s v h n und unseres altbewährten Freundes Prediger Lewin. Am Montag, den 29. Oktober, fand in Stolp unter dem Vorsitz von Dr. Sicuniönn (Stolp) und unter Anwesenheit Max E i s e n st e i n s (Stettin) — beide Mitglieder des Hauptvorstandes — eine Ortsgruppcr.Versammlung statt, in der Hans Oppenheimer (Berlin) über „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des C. D.' referierte. In allen Veranstaltungen tat sich der Wille kund, im Sinne des Ecntralvereins zu wirken und für unsere Idee innerhalb des Judentums und der christlichen Umwelt zu werben. Bayern. Die Tagung des Landesverbandes Bayern fand am Sonntag, den 4. November, im Gemeindehaus zu Nürnberg statt. Sie nahm einen außergewöhnlich glänzenden Verlauf. Ter Vorsitzende des Landesverbandes, Sanitätsrat Dr. Baron (München), konnte neben zahlreichen Gästen Vertreter der Ortsgruppen aus allen Teilen des Landesverbandes begrüßen. Er gedachte in warmen Worten der verstorbenen Mitglieder des Landesverbandsvorstandes, Oberlehrer Simon Ding-- selber (München) und I. Wortsmann (Kulmbachh — Den umfassenden Geschäftsbericht über die politische Lage in Bayern und die Tätigkeit des Landesverbandes erstattete Syndikus Dr. Ludwig Freund (München). Seine Ausführungen wurden durch das Referat von Justizrat Willjclm Levinger (München) nach der Seite der Kechtsschutztätigkeit ergänzt. Karl Adler (München) erstattete als Kassierer des Landesverbandes den Fi n a n z b e r i ch t- — Direktor Dr. Holländer (Berlin) gab eine eingehende Schilderung der Probleme, die für das deutsche Judentum in der gegenwärtigen Situation von besonderer Bedeutung sind. Nach außerordentlich anregender Aussprache wurde folgende Entschließung einstimmig angenommen: „Tie von zahlreichen Vertretern aus ganz Bayern besuchte Versammlung des bayerischen Landesverbandes des Ecntralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens legt feierlich Verwahrung ein gegen die fortdauernde Hetze gegen den jüdischen Dolköteil. Sie legt Verwahrung dagegen ein, dafz man Menschen ihres Glaubens und ihrer Abstammung halber verunglimpft, und das; man Menschen und Familien, die seit Jahrhunderten mit dem heimatlichen Boden verbunden sind, anö der Volksgemeinschaft herauszttdrängcn sucht. Wenn, wie geschehen, jüdische Friedhöfe verwüstet und Gotteshäuser beschädigt werden, dann ist das die notwendige Folge der Verhetzung und Verwilderung, für die alle die Verantwortung tragen, die die Dinge so weiter treiben Sassen wie bisher." Ter Tagung folgte eine Sonderbesprechung der oberfränkischen Delegierten, an der Tr. Holländer (Berlin) als Vertreter der Zentrale und Justizrat Gallinger (Nürnberg) als Vertreter des Landesverbandes teilnahmen. Es wurden Maßnahmen zur Dcfferung der durch das Wachsen des Nationalsozialismus außerordentlich bedrängten Lage unserer Glaubensgenoffen im oberfränkischen Gebiet besprochen und vorbereitet- Niederschtesien. Am 4. November fand tn Breslau die Versammlung der Delegierten des Landesverbandes Niederschlesien statt, an der als Vertreter der Berliner Geschäftsstelle der stellvertretende Syndikus Schweriner teilnahm. Etwa 35 Vertreter von 18 Ortsgruppen waren anwesend. Nachdem der Vorsitzende, Rechtsanwalt Tarnowski, die Delegierten begrüßt hatte, erstattete Rechtsanwalt F vorder (Breslau) den Geschäftsbericht, der durch einen Finanzbericht von Rechtsanwalt Tarnowski (Breslau) ergänzt wurde. Ter Inhalt beider Referate bildete den Stoff einer mehrstündigen und reichhaltigen Diskussion. Hervorzuheben ist die Behandlung eines Falles, in welchem eine schlesische Staatsanwaltschaft ein gegen die Juden gerichtetes Flugblatt mit der Ileberschrist „An den Galgen mit den Volksverderbern" als unversänglich bezeichnet hatte, weil es bei „vernünftiger Auslegung' des Programms seiner Verfasser (der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei) nur eine Aenderung der jetzigen Zustände „auf verfassungsmäßigem Wege' (:) erstrebe. Ferner erregte starkes Interesse das tatkräftige und loyale Einschreiten des neuen niederschlcsischen Oberpräsidenten L ü d e m a n n anläßlich der antisemitischen Haltung eines schlesischen Studienrats während des Schulbetriebes. Von Fragen der inneren Organisation erfuhren die A u s - gestaltung der Vorträge in den einzelnen Ortsgruppen und die Einziehung der Mitgliederbeiträge eine eingehende Behandlung. Veranstaltungen von Ortsgruppen. Unsere Ortsgruppe Hannover setzt in diesem Winter die in den vergangenen Jahren außerordentlich wirksamen Vortragsabende fort in dem Bestreben, an der politisäzen Befriedung mitzuwirken und zugleich die Kreise der Denkenden über die Einstellung der deutschen Juden zu unterrichten. Die Vortragsreihe dieses Winters eröffnete Proseffor Tr. Erich Obst von der Technischen Hochschule in Hannover mit dem Thema: „Kultur, Rasse und Umwelt.' Zn seinem Vortrag zeichnete Proseffor Obst die kulturelle Entwicklung von den Uranfängen der Menschheit bis in unsere Tage. Tie Tageszeitungen, insbesondere der „Hannoversche Anzeiger', berichteten ausführlich über den Bortrag. Auf Veranlassung der Ortsgruppe Plauen hielt am 27. Oktober Rechtsanwalt Tr. Bruno Weil, der Stellvertreter des Vorsitzenden des C. D., einen Dortrag über die jüdische Internationale'. Der Einladung der Ortsgruppe hatten sehr viele nichtjüdische Säfte Folge geleistet. Ganz besonders Zahlreich war die Lehrerschaft der höheren Schulen und Vertreter der Industrie - und Bankwelt vertreten, lieber die Veranstaltung berichteten die „N eue Vogtländische Zeitung', „Der Vogtländische Anzeiger und Tageblatt", die „V o l k s z e i t u n g" und der „P l a u e n e r Anzeiger' sehr ausführlich. Die bekannten Ausführungen des Redners über „Tie jüdische Internationale' gipfelten in dem Bekenntnis, daß Wille und Bewußtsein die ausschlaggebende Rolle für die Zugehörigkeit zu einem Volke -spielen. Mit einem warmen Bekenntnis für das Deutschtum schloß der Redner seirw Ausführungen. Kundgebung in Köln. Aus Anlaß der sich in letzter Zeit häufenden judcnfeindlichen Ausfälle der Nationalsozialisten in Köln hatte der C. D. die jüdischen Bürger Kölns am 6. November zu einer Versammlung im weißen Saal der Bürgcrgesellschast ansgerusen. In dem völlig gefüllten Kaum sprachen als Redner Direktor Dr. Ludwig Holländer (Berlin), Rechtsanwalt Dr. Heinrich Frank (Köln), Vorsitzender der Ortsgruppe Köln. Bernhard Feilchenfeld (Köln), Vorsitzender des linksrheinischen Landesverbandes, und Syndikus Eugen Jacobi (Köln). Tie Nationalsozialisten hatten vorher durch Terror versucht, die Veranstaltung zu verhindern, indem sie bei der Bürgcrgesetlschaft gedroht hatten, die Versammlung zu sprengen, wenn sie dem Eentralverein den Saal zur Verfügung stellen würde. Infolgedessen war für umfaffcnden polizeilichen Schutz gesorgt worden, so daß der Abend ruhig verlief. Auch der R. I. F. hatte die notwendigen Maßnahmen getroffen. Würde und Ernst waren die Kennzeichen der Versammlung. Einmütig wurde der Wille zur geschloffenen Abwehr zum Ausdruck gebracht, der seinen Niederschlag in der folgenden einstimmig angenommenen Resolution fand: „Die zahlreich versammelten Mitglieder der Jüdischen Gemeinde KölnS hadcn in der heutigen Versammlung des C. B. Mit größter Entrüstung von der Verhetzung Kenntnis genommen, die in der letzten Zeit auch in unserer engeren Heimat gegen Juden und Judentum bedauerlicherweise versucht wird. Die Freiheit und Sicherheit dcS Vaterlandes ist nur dann zu erreichen, wen« im Innern Friede und gemeinschaftliche Arbeit aller Bürger gewährleistet ist. Verhetzung gefährdet in höchsten» Matze die Wohlfahrt des Vaterlandes; eö wird zerklüftet, statt geeint zu werden. Deshalb rufen wir alle unsere Mitbürger auf, im Jutcrefse von LUttichkcit. Friede und innerer Geschlossenheit jede Verhetzung der Antisemiten abzulehnen."