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Central-Verein-Zeitung · 1928-11-09 · 45 (9.11.1928) · p. Seite 630

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
45 (9.11.1928)
Date
1928-11-09
Page
Seite 630 (sequence 2)
Language
German
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630 greifbar wird. Ganz ähnlich, wie so manche nichtjüdische Be»- rufsverbände sehr wirksam dazu bcigetragen haben, durch die Wege der Beziehungen zu ihren im Felde stehenden Mitgliedern deren seelische Kraft zrrm Durchhalten zu nähren und sie bei den großen gemeinsamen Pflichten sestzuhalten — ich denke z. B. der sozialdemokratischen Organisationen oder des DeutschnaLionalen Handlungsgehrlsen-Verbandes —, Qan$ ähnlich und auf sehr hohem Niveau hat auch die jüdische Kultgemeirrschast gewirkt. Für den jüdischen Soldaten kam auf solche Hilfe besonders viel an, eben weil er die Wirkungen des Antisemitismus in sich zu verarbeiten hatte. Originale jüdische Bekenntnisse der Kriogszeit lassen in wissenschaftlich schlüssiger und bedeutungsvoller Weise hervortreten, daß das jüdische Gemeingesühl mit seiner die Gemütskraste bindenden Tiefe in diesem Zusammenhang eine bewunderungswürdige ethische und kulturelle Kraft bewahrt hat. Und sie stand der staatsbürgerlichen Hingabe an die Interessen des Reiches nicht entgegen, sondern verstärkte sie noch, ähnlich wie die Einflüsse jener Berussverbände. Als charakteristische Erscheinung aus diesem Gebiete mögen die gedruckten Kriegsbriefe des gefallenen jüdischen Leutnants Sender angeführt werden: Daß ein Jude sie schrieb, den ebenfalls die Dreckspritzer des Judenhasses trafen, wird darin nicht verhüllt; aber zugleich gehören sie zum Deutschesten, was im Kriege gedacht worden ist und prägsamen Ausdruck gestruden hat. Der Judengegner hilft sich diesen Dingen gegenüber gewöhnlich mit der Wendung, Juden, gegen die sich nichts einwenden lasse, seien eben „Ausnahmen". Und damit kommt er meistens durch: Denn eine Zählung solcher „Ausnahmen" ist natürlich ebenso unmöglich wie eine Zählung der „Drückeberger". Wer wollte behaupten, es habe unter den jüdischen Soldaten keine Drückeberger gegeben! Es gehörte ja wahrhaftig für den moralisch so geprügelten Juden noch ein Extraheroismns dazu, der schmählichen Behandlung durch gewisse liebe deutsche Landsleute zum Trotz ein begeisterter und ausdauernder Vaterlaudsverteidiger zu sein. . Aber fragen wir doch einmal ganz unbefangen, wie es bei diesen gewissen Landsleuten durchschnittlich mit dem Heroismus stand? Waren sie etwa alle und imrner tapfer? Nein, überwiegend war das Gegenteil der Fall. Wer, der den Krieg als Deutscher erlebt hat — er braucht noch nicht einmal selber Soldat gewesen zu sein —, wüßte nicht, daß die Drückebergerei in tausendfältiger Gestalt die verbreitetste aller Erscheinungen in Heer und Voll war? Wohl sind wir stolz aus die gewaltige Tapferkeit, die tatsächlich in höherem Maße geleistet worden ist, als alle Dichter miteinander besingen können. Jedoch wir wissen alle, daß das Gegenteil von Tapferkeit noch viel häufiger vorkam, daß beides nebeneinander Platz hatte in diesem nach Umfang und Dauer so übergroßen Krieg. So war es in der Armee im ganzen, so war es in ihrem jüdischen Bestandteil. Rund dreizehneinviertel Millionen Deutsche sind zum Heeresdienst herangezogen worden; ich frage die Kameraden, ob darunter die Helden in der Mehrzahl waren? War es nicht je länger, desto mehr dringender Wunsch aller Kriegsteilnehmer, nicht in den Schützengraben gehen zu müssen? War der Prozentsatz derer, welche nicht zu gehen brauchten und doch gingen, sehr groß? War der Offizier, welcher aus der Etappe an die Front strebte, Turchschnttt oder Ausnahme? Wurde nicht je länger, desto häufiger das „Frontschwein" belächelt, galt nicht immer mehr als dumm, wer mehr tat, als er mußte? Wer einen „Druckposten" zu erlangen wußte, der wurde doch von den meisten „der weniger Glücklichen" anerkannt und beneidet. Welcher Neid etwa gegen den, der einen Auftrag hinter der Front erhielt, der zu einem Kursus abkommandiert wurde, der vom Westen nach dem Osten kam usw.! Bestanden die Transporte, die auf der Reise nach Frankreich widersetzlich wurde;:, aus Juden? Warum fürchtete man denn allgemein die Versetzung an die Westfront, die Versetzung zur Infanterie? War die Neigung, sich „k. v." schreiben zu lassen, verbreitet? War nicht die Einziehung zum Heere das Schreckgespenst aller, die noch daheim waren? Wurde der gering geschätzt, welcher der Einziehung zu entgehen suchte? Und. warum war denn die Drohung mit dem Schützengraben allenthalben so wirksam? Brach sie nicht durchschnittlich jeden Widerstand? Etwa bloß bei Juden? War diese Drohung mit dein. Schützengraben nicht auch im Ossrzierf&xp% die alltägliche Erscheinung., das alltäglichste Mittel, sich jjet-en Uniergeüerren gefügig zu machen? Waren es bloß Juden, die lieber Unwürdiges ertrugen, als daß sie in den Schützengraben gingen? Wurden nicht die Durchstechereien von Vorgesetzten, die Korruption in jeder Gestalt zum Teil deswegen so widerstandslos hingenvmmen, weil Beschwerdeführer die Versetzung an die Front zu fürchten hatten? Aber unsere Generation war wahrhaftig nicht feige und unfähig Zum Kriegsdienst. Vielmehr war es die Uebertreibung derAnforderungen, dreUeberspannung der allgemeinen Wehrpflicht, welche an diesen Dingen schuld war, welche die Drückebergerei in tausendfach verhüllter Form zu einer nationalen Gepflogenheit machte. All diese unrühmlichen Dinge entsprangen zwangsläufig aus den ungünstigen seelischen Wirkungen des Krieges. Die Nation hat sich ungeheuer Großes abgerungen; ihre Tapferkeit und Ausdauer ist für den Historiker ein Gegenstand des Staunens. Aber es wurde mit Wasser gekocht, es ging bei Nichtjuden wie bei Juden selbstverständlich natürlich Zu. Der Vergleich mit den Leistungen in früheren Kriegen der allgemeinen Wehrpflicht läßt nicht darüber Erstaunen austommen, daß die Drückebergerei so großen, sondern daß sie nicht noch viel größeren Umfang angenommen hat. Der Kriegsteilnehmer von 1870/71 und bayerische Hauptmann Tanera sagt von dem natürlichen Rückgang des Ofsensivgeistes in jenem Kriege: „Im August bei Wörth hieß es: Wer darf heute mit? Zwei Monate später hieß es: Wer geht heute mit? und dann im Januar: Wer muß heute mit?" Unser Weltkrieg aber dauerte vier Jahre und drei Monate. Jedermann weiß, wie sich die Legende von dein Versagen der Juden im Heer mit der Dolchstoßlegende verknüpft. Nicht die Führung soll die nattonale Katastrophe zu verantworten haben, sondern die Unzulänglichkeit der angeblich jüdisch infizierten, jüdisch verführten Natron. Damit werden nicht nur die wahrhaft Verantwortlichen des 9. November entlastet, sondern es wird zugleich die demokratische Volkshalste belastet, der die Juden unbesehen zuqerechnet werden. Fürwahr eine sehr unheldische politische Kunst. Die Abrechnung mit ihr wird noch viü Kampfe kosten. Aber zu den dringendsten Ehrenpflichten nationaler Aufrichtigkeit gehört es, der empörenden Ungerechttgkeit gegen die jüdischen Kriegsteilnehmer ein Ende zu machen. Oss ssöer OMssK, Die Cu B.-Versammlung vom 2. November 1913. Der Tag, an dem vor Phn Jahren der letzte Schuss auf den Kriegsschauplätzen siel und an dem Karl Liebknecht vom Schloß in Berlin die Sowjetrepublik ausries. an dem Scheidemann von der Treppe des Reichstags aus die deutsche Republik verkündete, wird nicht mit Pomp und Feierlichkeiten in Deutschland begangen. Der Tag dos Revolutionsausbruches wird von einem großen Teil des Volkes nicht als Beginn einer neuen, besseren Zeit, sondern als das bettübliche Ende eines - heldenhaften Kampfes empfunden. Auch damals, in jenen Novembertagen. in denen sich die Ereignisse überstürzten, war sich kein Mensch der Tragweite des Geschehens bewußt. Der Centtalverein glaubte, daß er in dieser ernsten Stunde seine Mitglieder zusammenrufcn müsse, um ihre Stellungnahme zu den Ereignissen zu erfahren und um mit ihrer Unterstützung klar zu bekennen, daß das deutsche Judentum unlösbar mit T-eutschlands Schicksal verbunden sei. Aus allen- Reden klang daher damals der Ruf. einzustehon für Ordnung und Sicherheit, Deutschland vor dem Chaos zu bewahren und es nicht auf dem Wege der Revolution, sondern der Evolution einer neuen und besseren Zukunft entgegenzusühren. Don denen, die damals sprachen. und deren Rede wir im folgenden auszugsweise dem Gedächtnis unserer Leser zurückrufen, weilen heute Männer wie Eugen Fuchs. Hugo Sonnenfeld sowie Henriette May nicht mehr unter den Le!>enden. DaS aber, was sie gesprochen haben, hat ein Jahrzehnt überdauert und kann heute noch gelten als Richtschnur für kommendes Handeln. Aus der Rede Hugo Sonnenfelds: . . Wir sind bereit, wie es Hindenburgs heutiger Aufruf wünscht, in jedem Mitbürger nur den deutschen Kameraden zu sehen. Wir wollen alle die Schmähungen, bie man uns angetan hat, zu rückstellen . . . Wir sind bereit, mit ganzer Kraft uns der Friedensar'^eiL zu widmen, damit das Vaterland wieder ausblühe. . . Ern Volk von 70 Millionen kann einen Krieg verlieren, aber nicht zugrunde gehen." Aus der Rede von Franz Oppenhcinrer: ... . . Jetzt stehen wir $it dem Lande, dessen Waldesrauschen durch unsere Träume klingt, dessen Lieder durch unser Blut singen, dessen Sprache wir sprechen, die einzige Sprache, in der wir sprechen können in der wir singen können. Und diesem Lande gehören wir jetzt, wo es im Unglück ist. noch viel inniger, noch vre! fester, als zur Zeit, wo es im Glück war . . . Was wir verloren haben, find große Dinge. Dis sthaffen wir uns bald wieder in FreilM und Recht . . . Opfern müssen wir lernen . . . Sorgen Sie dafür, daß der erhebende Geist von 1914 der von 1918 wird. Nicht der Seist des Schwertes, aber der Seist des Opfers der freudig Umgibt, um mit einem neuen Deutschland jedem unserer Volksgenossen eine neue Heimat zu bereiten."

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