Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1928-11-09 · 45 (9.11.1928) · p. Seite 629

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
45 (9.11.1928)
Date
1928-11-09
Page
Seite 629 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2277379-2277781-2277826--04853-2285516
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Mn, N November 142S -Jahrgang * Nr. 45 (taget nummtr 10 Pfen.nijT \ WWWSW rLsNWMW MdKAMAOLKLM szm Allgemeine Zeitung des Judentums BierLeljsyrsavonrrement 1»20 NM. (AALöZi. Lestellgeld). Verlag u. SchriftteiLung: Bcr!i^ 8W 63, Lindenft?. 13. .:. Ferrrfvrecher: Amt Dönhoff V91,3395. dostfcheckkonlo: Berlin 30172. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube G, Berlin SW 68, Cinbenftr. 7, und von Goldschmrdr-Liorhschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Masse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 &*¥. für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Moffes Rormalzeilenmeffrr Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche, (nicht Stellenangebste) für Mitglieder d. Zentralvereins 0,45 JL-JL, die 90 nun breite Reklarnezeilr 4M w^aKtBmwrnBSBsisBSKss^iBs^^HSBB^Bsas^^a^tssBBsea^^ssss^ssBasss^BBmaEESBBsm Vm Deofsffor Nartln ßsSshm (LniveMöt Brrlin). / %m s. Mn vm Während des Weltkrieges habe ich als gemeiner Soldat in sehr verschiedenen Teilen des Heeres das moralische Martyrium vieler Juden mit angesehen. Diese traurigen Dinge standen nicht überall im Vordergrund, waren aber doch sehr verbreitet. Schmerz und Empörung drängten sich auf über das, was oft von jüdischer Seite erlitten wurde, und über die seelische Niedrigkeit des Sports, wehrlose Juden zur Zielscheibe billiger Quälereien zu machen. Es grenzte an öffentlichen Sadismus, was da Tag für Tag in Menge geschah, es war eine Psychose von ansteckender Brutalität. Soldaten untereinander übten diesen Sport und trieben so manches jüdische Opfer in die Verzweiflung hinein. Aber Vorgesetzte trieben diesen vornehmen Sport vielfach ebenfalls und mit den Mitteln ihrer Machtstellung. Von ihrer Seite war er noch ordinärer, noch verantwortungswidriger. Unter den mancherlei Mißbräuchen der Besehlsgewalt war dies eine der abscheulichsten. Wenn der nichtjüdische Durchschnittssoldat auch seinerseits und mit Grund von den „moralisch prügelnden" Vorgesetzten gesprochen hat, welche ihn seelisch mißhandelt hätten, so sind jüdische Soldaten doch sehr oft noch unverhältnismäßig mehr „moralisch geprügelt" worden. Hier ist in dem alten ^Schuldbuch der Nation gegenüber ihren jüdischen Bolksgenopen eine außerordentlich dunkle Seite entstanden. Eine Szene aus meiner Rekrutenzeit, im Frühjahr 1915 in einem elsässischen Rekrutendepot: Zu 2W Mann lagen wir in einem vorstädtischen Tanzsaal, und wenn abends um 10 Uhr der Unteroffizier das Licht ausgedreht hatte, dann flogen im Dunkeln viertelstundenlang die Witzworte und Sticheleien hin und her, über die Reihen der Schlassuchenden hinweg, und der beliebteste Stofs war „natürlich" das Judenthema. Da kamen denn im Dunkeln die erbärmlichen Seiten der Durchschnittsseelen ans Licht, hemmungslos, widerlich, ein Wetteifer in der Gemeinheit. Ohnmächtig ließen die Juden und die Mehrheit der Nichtjuden das über sich hinfluteu: welcher Rekrut wagte die Bestie „Mape" gegen sich herauszusordern? Und doch sprang schließlich eines Nachts ein Jude auf, der es nicht mehr ertragen konnte, sprang in seinem Bettgewand empor und hielt eine kurze glühende Rede; man sah seine Gestalt, seine wilden Bewegungen gegen den bleichen Schein des Saalfensters, vor dem er stand. Es war die urgewaltigste Rede, die ich in meinem Leben gehört habe: Von der feigen .Schändlichkeit dieser Judenhetze, von der Erbärmlichkeit der nichtjüdischen Mehrheit, welche sich bester dünkte als die Juden und durch ihr unwürdiges Treiben diesen Anspruch so kraß widerlegte, von der schweren Not der uns alle auf das äußerste ängreisenden Parforceausbitdung, eine Not, die nun für die Juden moralisch so gesteigert würde. Ob wir Nichtjuden das ,Ftameradschast" nennten? Ob wir nicht alle miteinander das Joch des Dienstes trügen? Der Redner suchte über alle Wut hinweg nach Brücken: Der Krieg wäre die Stunde, uns zueinander zu finden, das verfluchte Erbe des judenfeindlichen Vorurteils zu überwinden die Große des gemeinsamen Schicksals böte die innere Voraussetzung dazu, und die Juden in ihrem vollwertigen Teil hätten das Ihrige getan, die Nichtigkeit des Vorurteils praktisch zu erweisen, Drückeberger gäbe es bei Nichtjuden so gut wie bei Juden. Ich weiß nicht mehr, was er sonst noch alles hinausschrie und wie er schloß — aber es war tief tragisch, wie er gegen sein Judenunglück ankämpfte. Die Wirkung? Davon ist kaum etwas zu sagen: Erst war es still; nach einer Pause kamen etliche besonders üble Zurufe; im ganzen trat ein Stillstand ein, aber über jenen Abend wirkte^ der Vorfall nicht viel hinaus; nur daß die Majorität der Schweiger noch größer wurde und dieser oder jener Anständige am nächsten Sonntag mit den Juden spazieren ging. Der Vorgang ist ein kleines Beispiel verbreiteter Zustände und viel Schweres liegt darin ausgedrückt. Das Unheil nahm den Krieg hindurch unvermindert seinen Gang. Der soldatische Kommiß begünstigte leider die judenfeindlichen Zwangsvorstellungen. Sie fügten sich in seine geistige Dürftigkeit harmonisch ein; sie wurden ein gewohnheitsmäßiges Lieblingsthema der intellektuellen Beschäftigungslosigkeit und der Nervenermattung; die Schwätzer, welche das große Wort führten, dachten nicht daran, auf das jüdische Zugstück zu verzichten. Propagandistische nud leider auch behördliche Einflüge traten hinzu. Längst ist in Literatur und Preste dargelegt worden, daß von einem Versagen des jüdischen Dolkselements im Heere gewissenhafterweise durchaus nichts gesprochen werden kann. Längst ist darauf hingewiesen, daß der Prozentsatz der Gefallenen das jüdische Volkselement vor jedem Anwurf schützen .sollte. Längst ist dargetan worden, daß viele Juden fern von der Front beschäftigt wurden, weil sie eben an ihrem Platz vor anderen brauchbar und den Vorgesetzten unentbehrlich waren. Längst ist etwas aufgedeckt worden, was zu der geistigen Dürftigkeit des Judenhasses in beschämendstem Gegensätze steht: das geistige Leben des jüdischen Heereselements in dessen besten Bestandteilen. Hier sind große Kulturwerte spezifisch jüdischer Prägung zutage getreten, obwohl das Material der Briefe, Tagebücher usw. natürlich immer nur zu einem geringen Teil £, jg |] Rektor Dr. Otto Seellng (Berlin): Er- | | fahrungen mit jüdischen Schulkindern. — |i I Äas - der Arbeit des Centralvereins. — ij I Dr. Paul Rieger (Stuttgart): Bücherschau. p I — Max Gotdschmidl (Berlin): Zur Gef fl sdzidite der Dcn-Carlos-Figut. f kl tz,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.