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Central-Verein-Zeitung · 1928-11-02 · 44 (2.11.1928) · p. Seite 622

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
44 (2.11.1928)
Date
1928-11-02
Page
Seite 622 (sequence 6)
Language
German
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i »22 Rarl Emil ßranzos. Au feinem LS. Geburtstag. Von Leo Hirsch. | Neben manchen guten Gründen mühte der Name Karl Emil j Franzos der Nachwelt schon deshalb erhalten bleiben, weil dieser i Mann die Gründung der „Deutschen Akademie" angeregt und so klug gefördert wie dringend gefordert hat. Ware er noch am Leben, so dürfte man ihm heute zn seinem achtzigsten Geburtstage gratulieren, ihm und uns, und vornehmlich die Tichterakademie. zu deren direkten Ahnen er ja gezählt werden muh. hatte die Pflicht, den Jubilar zu feiern. So, wie die Tinge aber heute stcb.cn, entsinnen sich zu diesem festlichen Tatmn weniger seine direkten Nachfolgenden und engeren Weggenossen, sondern mehr die unzähligen alten und jungen Leute, denen die Geschichten von Franzos einmal Freude gemacht haben. Franzos hat in seinem kurzen Leben — er starb am 28. Januar 1904 — sehr vieles und sehr Verschiedenes versucht, und wohl alles mit einigem Glück, nämlich als er erst im rechten Fahrwasser war und begonnen hatte, sein Leben aus oder vielmehr in der Literatur aufznbauen. Franzos stammte aus Galizien und beschrieb das Leben dieser seiner östlichen Heimat. Ilm ihn zu verstehen, ist cs notwendig, dies zu wißen. In Podolien an der österreichischen Grenze ist er geboren, in einem Forsthaus, in das seine Mutter sich hatte flüchten müssen. Es war das tolle Jahr achtundvierzig, die Polen empörten sich und überfielen die Deutschen, nnd Franzos' Vater war ein Deutscher, ein Stabsarzt. Mitten in dieser galizischen Umgebung wurde nun der kleine Karl Emil als Deutscher erzogen und war deshalb ausgestoßeu von allen anderen. Tie dort eingeborenen Juden, denen er sich von Rcligions wegen zurechnen müßie^ waren noch fanatisch orthodox, und schon das Kind, das keine ^chläfenlocken, keinen Kaftan trug und kaum in den Tempel ging, galt ihnen als Verräter, als Abtrünniger, war cs doch in ihren Augen eine bittere und unverzeihliche Sünde, daß ein jüdisches Kind im Dominikanerkloster Polnisch und Latein und außerdem gar noch deutsch lesen und schreiben lernte. Als^r zehn Jahre alt war, starb der Vater, der junge Franzos kam aus das Gymnasium in Czernowitz und wollte Profegor an einer Universität werden und klassische Philologie lehren. Er machte in diesem Fache schon aus dem Gymnasium einiges Aussehen, aber er war sehr arm. brauchte also ein Stipendürm, und man bedeutete ihm, daß er sowohl das Stipendium wie die Dozentur unter den damaligen Verhältnissen nur bekommen könnte, wenn er seinen jüdischen Glauben aufgab. Dazu konnte er sich nicht entschließen, also mußte er sein großes Ideal aufstecken. Das war die erste Enttäuschung. Ta er mit seiner Religion keinen Handel treiben wollte, anderseits aber bald Mutter und Schwestern zu ernähren hatte, blieb ihm nichts übrig, als pch einen praktischeren Berus auszusuchen. Er studierte also Jura. Es ging einigermaßen, aber wie bitter ihm Oas wurde, wie schmerzlich ihm das Ausgeöen seines ersten großen Ideals war, das läßt sich nicht beschreiben. Er sing über die Ursachen seines Schmerzes an zu grübeln und begann sich für die Religion, um derentwillen er hatte dulden müssen. eindringlich zu interneren und zugleich sich jenen Juden immer mehr verbunden zu fühlen, die ihn früher, von ihrem fanatischen Gesichtspunkt aus mit allem Recht, einen Abtrünnigen gescholten hatten. Um diese Zeit, er war etwa 21 Jahre alt, verliebte er sich, und zwar in eine Christin. Es war nicht bloß so eine Jugendliebe, es saß tiefer. Später einmal erzählte er davon, mit ein paar kargen Worten nur, aber es ist ergreifend. Ties Mädchen sagte ihm eines Tages: „Mir bricht das Herz, aber Sie sind ein Jude . . / Und dann erzählte er weiter: „Das Herz brach ihr übrigens nicht. Aber auch mir nicht. Weh' freilich tat es mir, recht weh'. Und in dieser Stimmung schrieb ich meine erste Novelle »Das Chrijnrsbildh die die Liebe eines Juden und einer Christin schildert und wie das Vorurteil des'Weibes stärker ist als seine Liebe . . .Diese Novelle, in der damals bedeutendsten Zeitschrift veröffentlicht.'hatte einen unerwarteten Erfolg, und man verlangte mehr von Franzos, mehr aus demselben ^toffkreis und Milieu. Das Milieu war das seiner galizischen Heimat. Das war 1870-71, Krieg Zwischen Preußen .und Frankreich, Oesterreich war neutral. Franzos war nicht neutral, er war ein deutscher Patriot, war es übrigens sein Leben lang, und damals, im Krieg, hielt er eine Rede, die preußensreundlich war und ihn: einen politischen Prozeß eintrug, tvährend er noch in Graz studierte. Als er mit der Jura fertig war, sagte es ihm nicht zu, etwa Advokat zu werden; cs blieb ihm nach diesem Studium daher nur der Richterberuf. und Richter hätte er nur Bf&hi fluslcn, Grippe, Hessetkeif half’ MfibereifJ Schachtel Mk.1 -nur in Apofheken u.Drogerlen werden können, wenn er sich hätte taufen lassen. Das konnte er nun erst recht nicht: die zweite, peinlichere Enttäuschung, verfehlres Leben, verfehltes Studium, ohne daß er selbst irgend etwas dafür konnte. Er wurde nun. es blieb ihm nicht viel anderes übrig. Journalist. Er klebte Notizen und schrieb Artikel, und in seinen freien stunden schrieb er Novellen, Romane. Er hatte großen Erfolg damit, nnd cs ging nun alles leidlich gut. Wenn er sich fragt, woher der Erfolg zu datieren ist, so ist seine beste Antwort darauf: es waren Bücher, die nicht bloß den Juden, sondern auch den Christen aller Länder gleich verständlich waren, obschon ihr Stoffgebiet dies östliche, galizische Ghetto ist. Das liegt nun daran, daß er dies Ghetto sehr menschlich zeigt. Bei aller und bei keinem als bei ihm besser verständlichen Sympathie für die Juden zeigt er sie objektiv, zeigt ihre guten und liebenswerten Seiten so deutlich wie die unsympathischen, zeigt au den Wirkungen das Bedenkliche ihrer fanatischen Absonderung und Religiosität genau wie den Zauber der uralten Zeremonien. Er zeigt vor allem Menschen, immer volle Figuren. Wenn er sie auch nur mit ein paar Worten kennzeichnet, so ist das doch dermaßen plastisch, daß man die Typen vor sich sieht und glaubt, sie sprechen zu hören. Tann hat er einen merkwürdigen Ton, sie vorzuführen, ihren eigenen Ton eigentlich, nämlich einen wehmütigen Humor, das Lächeln unter Tränen. Und vor allem er will Helsen. Franzos sieht in diesen: Halbasien — so nennt er voller Zorn und Mitleid diese seine Heimat — unerhört viel seelischen und geistigen Reichtum, der.verloren geht, wenn die starren alten Sitten bleiben. In einer Angleichung an Westeuropa sieht er die Hilfe und in manchem schon hat ihm die Entwicklung recht gegeben. Man sieht, dieser Schriftsteller schreibt, nach diesem Leben und über diese Welt, die so weltfern und weltfremd ist, nicht ohne Zweck. Verächtlich hat man oft genug solch zwcckvolle Schriststellerel Tendenzdichtung genannt. Wenn Tendenzdichter Menschen sind, die helfen wollen, dann bin ich einer, sagt Franzos ungefähr darüber. Sein Pflichtgefühl gab in allen Dingen den Ausschlag, er war ein rechtschaffener, seiner Mensch und Künstler. Paul Metzler: Altjüdrschcs Schrifttum außerhalb der Bibel. (Tr. Benno Filser Verlag G. m. b. H., Augsburg IW.) In dem Werk „Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel" legt der gelehrte Ueberseher Paul Rießler, Professor an der katholischtheologischen Fakultät in Tübingen, vorwiegend die nicht allein in unsere Bibel, sondern auch in die griechische Bibelübersetzung, die Septuaginta nicht ausgenommenen sogenannten Pseudepigraphen, die hier zum Teil zum erstenmal übersetzt werden, vor. Ferner eine Anzahl meist jüdisch-griechischer Schriftsteller und vier hebräische bzw. aramäische Texte. Wer diese Literatur zum erstenmal kennenlernt, wird betroffen sein, nicht allein von der großen Fülle außerkanonischer Schriften, sondern auch durch den seltsamen, phantastischen Inhalt der meisten dieser Schriften. Ta zieht im Henoch-Buch das kommende Sintflutgericht an uns vorüber und glühende Gebete für die Errettung der Frommen steigen zu Gott empor; Weheruse gegen die Ilebeltater und Heilsverkündigungen für die Gerechten. In Tiermasken erscheinen Menschen, die Träger der Heilsgeschichte als zahme Haustiere, die Heiden als Raubtiere und Raubvögel. Der Herr der Schafe setzt sich zum feierlichen Gerichtsakt. Die verblendeten Schafe werden in den Feuerpfuhl geworfen. Ein neues Haus, größer als das erste, wird am alten Orte errichtet. D-ann wieder erscheint über dem Chaos, das auf Erden herrscht, der „Menschensohn, bei dem die Gerechtigkeit wohnt, und der alle Schätze deffcn, was verborgen ist, offenbart". ' So wechseln in wirrer Folge die Bilder, nnd man wird ermeffcn, wie schwierig die Aufgabe, der geschichtlichen Deutung dieser Visionen ist. Unter dein Titel „Psalmen Salomos" lesen wir vom Frevel der Hasmonäer, der Schrnach Jerusalems und dem Ende des Pom- A , / : 1/ ( l \ C L HOgg&J A / A / < riA

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