Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 44 (2.11.1928)
- Date
- 1928-11-02
- Page
- Seite 621 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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m Eine Entgegnung. / Von Rabbiner Dr. Italiener (Hamburg). Anläßlich der deutschen Uraufführung des Mnsikdranms „Debora und Jael" von Jldebrando Pizzetti im Hamburger Ltadttheater hat Professor Dr. Ferdinand Pfohl lHambnrg) eine ausführliche Besprechung in den „Hamburger Nachrichten"' (28. September 1926, Al>endausgabe) erscheinen lassen. Der Aussatz ist mit Wärme geschrieben; man fühlt, die Kritik stanunt von einem Manne, dem Musik eine Leidenschaft der Seele ist. Pfohl rechtfertigt, foiucit die rein musikalische Würdigung des Werkes in Frage kommt, den angesehenen Namen, den er als Musikkritiker genießt. Leider trifft dieses Urteil nicht zu auf denjenigen Teil des Aussatzes, der sich mit dem Text der Oper befaßt. Ter Stoff ist, wie der Titel zeigt, aus dem biblischen „Buch der Richter" entnommen und behandelt jene Episode, wie Debora ihr Volk zum Kampfe gegen Sisera entstammt und wie dann I a e I den geschlagenen Feind in ihr Zelt lockt und dem eingeschlafencn Sisera einen Nagel in die Schlafe treibt. Pfohl ist mit Recht über diese hinterlistige, unweibliche Handlung einer Frau empört; schade nur, daß er sich von dem rein menschlichen ans das religiöse Gebiet verliert und Jael nicht als eine Frau schlechthin schildert, deren Tat selbst für Kriegszeiten — denn um diese handelt es sich — verwerflich ist, sondern als eine „j ü d i s che" Frau, als die Figur „eines tückisch grausamen, entmenschten, fast schon bcslienhaftcn Weibes", das diese Tat verrichtet „zur höheren Ehre ihres Gottes und ihres Volkes" und dadurch „den Ruhm einer Heiligen, einer höchst verchrungswürdigen Heldin erwirbt, hochverdient um das Wohl ihres Volkes". Wie gesagt, Jael gehört nicht gerade 31t den sympathischsten Gestalten der Bibel — der Unwille Pfohls ist durchaus verständlich —, und doch sollte man sich hüten, gar zu hart mit der „Jüdin" Jael ins Gericht zu gehen. Es gibt ein nicht ganz unbekanntes deutsches Epos von „K r i e m h i l d s Rach e". Wenn man liest, wie Kriemhild voller List ihre eigenen Brüder und deren Mannen dazu verleiten will, ihre Wafjen abzugeben, um sie von Etzels Leuten hinmorden zu lasten, wie sie dann über den Köpfen ihrer Brüder und Landsleute den Saat anzündet, um sie bei lebendigem Leibe zu verbrennen, wie sie dem gesegelten, wehrlosen Bruder den Kopf abschlagen läßt und das abgeschlagene Haupt dann bei den Haaren ergreift — so wird man nicht behaupten können, daß die Germanin Kriemhild sich viel weniger „entmenscht" benommen hätte und die Bezeichnung eines „fast bestienhafteu Weibes" viel weniger verdiente als die „Jüdin" Jael. Doch wie steht es denn eigentlich um die Religions- und Volksangehörigkeit von Frau Jael? Nun, ein flüchtiger Blick in die Bibel hätte Pfohl von der Unrichtigkeit seiner Annahme überzeugen können. Jael ist gar keine Jüdin, sondern eine Heidin, wie die Bibel schreibt, eine K e n i t e r i n, d. h. die Angehörige eines jener heidnischen Nachbarvölker, von denen die Israeliten umgeben waren. Damit fällt die Annahme Pfohls, als ob die grausame Handlung der Jael aus dem Geist der jüdischen Religion geboren sei, in sich zusammen. Jael war als Keniterin eine „Neutrale"; im Vertrauen auf diese Neutralität (vergl. Richter 4, 17) war Sisera zu ihr geflohen. Jael hatte die Neutralität gebrochen, hatte den Israeliten, um einen nwdernen Ausdruck zu gebrauchen, „Waffenhilse" geleistet. Jft's verwunderlich, daß ihre Lat in dem mitten aus dem Erlebnis der Schlacht gedichteten Triumphlied der Debora rühmend Erwähnung findet? Man braucht ja nur die „Kriegsliteratur" der verschiedenen Nationen aus der Zeit des Weltkrieges nachzulesen, um zu erkennen, welcher Verirrung das menschliche Empfinden in Kriegs- Zeiten fähig ist. Vielleicht wäre Pfohl dieser Entgleisung überhaupt nicht begegnet, wenn seine irrige Auffassung von dem „jüdischen Gott" ihn nicht dazu verleitet hätte. Jael, die „Jüdin", muß nach Pfohls Meinung so unmenschlich handeln, denn der jüdische Gott, zu dem sie beteh ist es, der ihr solches Handeln gleichsam gebietet. Wörtlich schreibt Pfohl: „Zerrbild eines Gottes, der alle Eigenschaften eines übersteigert übergroßen Menschen besitzt. Belastet mit Schlacken menschlicher Leidenschaft, der reinen, ganz klaren Geistigkeit entbehrend, braust er über Land und Volk in Zorn, Wut, Rache mit der Gebärde des orientalischen Despoten ... Er ist nur ein Kunstprodukt, lebt einzig in der Phantasie seiner Bekenner und Anhänger, der Gläubigen, die diesem ihrem .Hausgeist* ein wirkliches Dasein zusprechen, ihn erhöhen zum Nationalgeist und Nationatgott, zur höchsten Instanz in allen menschlichen Amgelegenheiten . . . Aber dieser Gott bleibt weit entfernt von der schöpferischen Natur, mit der alle die großen, schönen Religionen der alten Welt, des Ostens, des Westerns durch herrliche dichterische Symbole der belebten Elemente, der personifizierten Kräfte und Vorgänge verbunden sind: als Sonnen- und Gestirnkulte, als ewige Urkräfte des Werdens, Vlühens, der Fruchtbarkeit, des ewigen Ringes der Wiederholung, der Wiedergeburt. Von ahedem weiß nichts dieser groteske, launische und gefährliche Gott ... Er kommandiert die Elemente der Natur, ballt sie zur Vernichtung der Feinde, der Feinde des auserwählten Volkes, die also auch seine eigenen Feinde? ... So siegt dieser Popanz, und - so erringt er auch seinen Streitern den Sieg . . Fachinger Versands teile, Berlin SW 11, Schöneberger Strasse 16a. Telefon: Lüfczow 8260/ 61. Es ist mir schwer geworden, diese Worte, die nur einen Auszug bilden, hier wiederzngeben; ich bin überzeugt, kein Jude, aber auch kein religiöser Christ wird sie ohne tiefe Scham lesen können. Man fragt sich: wie ist es möglich, daß ein Mann von hoher, künstlerischer Bildung so in die Irre gehen kann, Menschen in ihrem heiligsten Empfinden derartig tief zu verletzen. „Zerrbild eines Gottes, der alle EigensckMen eines übersteigert übergroßen Menschen besitzt"? Er. der immer wieder in dem ewigen Buche, insbesondere dem Zehngebot, eindringlich mahnt: „Du follft dir kein Bildnis machen, noch irgendeine Gestalt weder von dem, was im Himmel oben, noch von dem, was aus Erden unten oder im Wasser unter der Erde ist." „Der reinen, ganz klaren Geistigkeit entbehrend"? — Er, der immer wieder der Heilige heißt, d. h. allem Irdischen, Profanen, völlig entgegengesetzt, er, dessen Diener nicht müde werden, von ihm zu rühmen, daß seine Herrlichkeit „die Himmel und aller Himmel Himmel" nicht zu fassen vermögen! „Die großen, schönen Religionen der alten Welt"? Mit ihrem Molochdienst, ihrer „heiligen" Prostitution, ihrer Unmenschlichkeit? Bester als die Religion, die die Sätze geprägt hat: „Tu sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst", „Ihr sollt den Fremdling lieben". „Du sollst dich nicht rächen", eine Religion, die den Gedanken der sozialen Gerechtigkeit immer wieder zum Ausdruck bringt und deren Forderung in dem einen Satze gipfelt: „Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen straft"!?- Psohl hat sicherlich mehr aus Unkenntnis als in gehässiger^ Absicht geschrieben. Davon zeugt seine Bemerkung an anderer stelle des gleichen Aussatzes: „Aus diesem Volksboden find große und reine Gestalten hervorgewachsen. Heilige, zu jeglichem Opfer, auch zum schwersten bereit; Pslichtersüller höchster Art; Seher und Propheten, Berater und Führer ihres Volkes; Verherrlicher seiner Geschichte, seines Mythos, seines Gottes. Auf ihnen ruht die eigentliche Größe der jüdischen Geschichte, ihr Unvergängliches." Aber Pfohl ist ein Beweis dafür, wie gefährlich es ist, sich auf ein Gebiet zu wagen, das man nicht beherrscht. Ich weiß nicht, welche Schriften Psohl irregeleitet haben. Jedenfalls ist gerade in neuerer Zeit die Zahl christlicher Gelehrter, insbesondere Theologen, die von der Erhabenheit der jüdischen GotteSlehre künden, so groß, daß Pfohl ohne große Mühe imstande ist, sein unhaltbares Urteil richtigzustellen. Aus der Fülle seien nur ganz wenige Zitate herausgegrissen. Rothstein. Profestor für alttestamentliche Theologie in Münster, schreibt in der „Reformierten Kirchenzeitung" (1920, Nr. 30 und 31): „Eins freilich stand den Jüngern Jesu und der rechten, nicht von heidnischer Spekiüation irregeleiteten christlichen Erkenntnis unbedingt fest: der Gott Abrahams, Moses" und Esras war kein anderer Gott, als der in Jesu, unserem Herrn und Herland, offenbar geworden ist." Heinrich Eornill, „Das Alte Testament und die Humanität", schreibt Seite 23: „Wenn es die letzte und höchste Ausgabe der Religion ist, uns zu besieren Menschen zu machen . . . und wenn der Gradmesser des Wertes einer Religion darin liegt, inwieweit es ihr gelingt, diese höchste Aufgabe zu lösen, so braucht die Religion Israels diese Prüfung wahrlich nicht zu scheuen. Zu einer Zeit, wo noch die tiefste Nacht der Lieblosigkeit und Inhumanität die ganze übrige Menschheit bedeckte, da schon atmet die Religion Israels einen Geist wahrer Humanität, der auch den Fremden, wenn er nur sehen will, mit Ehrfurcht und Bewunderung erfüllen muß." Ganz besonders aber möchte ich das Buch des zurzeit wohl führenden evangelischen Theologen Prof. Rudolf Otto in Marburg „Das Heilige" Herrn Prof. Psohl zur Lektüre empfehlen, denn cs beschäftigt sich gerade mit denjenigen Punkten, die jedem Laien als die anstößigsten erscheinen, mit dem „zornigen" Gott, dem „Gott der Rache" des Alten Testaments. Otto kommt zu dem Schluß, daß diese Ansdrücke eben nur „Ausdrücke" sind, nur ein „Stammeln" von der „anderen", uns Menschen völlig unbegreiflichen, irrationalen Seite des „heiligen" Gottes, und daß keine Religion, am wenigsten das Ghristentum, dieser Vorstellung von Gott entbehrt. Wörtlich schreibt Otto, 16. Auflage, Seite 22: „Es ist ganz zweifellos, daß auch das Ghristentum .vom Zorne Gottes' zu lehren hal>e, trotz Schleiermacher und Ritscht. Seite 112 schreibt Otto: . . und wenn die Gelegenheit es erfordert, so kehrt auch bei Jesn selbst der alttestameutliche Gott .der'Rache' ganz unverhüllt und echt wieder ..." Genug der Beispiele. Diese Zeilen mußten geschrieben werden, um der Wahrlnüt willen und um der Ehre der Religion willen. Jüdische Weisheit lehrt: Jede Entweihung des göttlichen Namens entfernt Gott von der Welt und die Welt von Gott, bringt also gleichsam einen Riß zwischen Gott und Welt, zwischen Mensch und Mensch. Diesen Riß zu heilen, war Zweck vorstehender Ausführungen.