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Central-Verein-Zeitung · 1928-11-02 · 44 (2.11.1928) · p. Seite 620

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
44 (2.11.1928)
Date
1928-11-02
Page
Seite 620 (sequence 4)
Language
German
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620 Skandinavien, England, Frankreich, Belgien und besonders m Holland in hervorragendem Maße, geschieht, so züchtet man den konservativen Juden. Und wenn nwu in Deut s chland den Mut ausgebracht hätte, mit dem sogenannten Tivo-li- Programm der Konservativen zn brechen und den J^lden die Möglichkeit zu gewähren, in die konservative Partei, deren Rtittemünder der Jude lLtayl war, einzutreten, so würde man auch in Deutschland ebensolche konservative Parlamentarier jüdischen Glaubens haben wie in England oder in Frankreich. Das gleiche gilt von Ungarn."Ter ungarische Jude ist durch und durch patriotisch^ selbst während der unglücklichen Politik des numerus clausus hat sich der ungarische führende Jude, der Abgeordnete LLackor Pal, eine Einmischung des Auslandes in inner!übifAngelegenheiten verbeten, da die ungarischen Juden selbst am besten wüßten, wie sie zu handeln ttten. Auch in der Tuellaffäre zrvischen Fabian und ztranhavsky im Abgeordnetenhaus hat Lünckor?ä1, der Zeuge Fadians war, vermittelnd eingcgrissen nrrd einen Vergleich herbeigeführt. Wie sehr gerade in Ungarn rmter den Juden das magyarische Nationalgefühl entwickelt ist, kann man . daraus ersehen, daß der jüdisch geborene Samuel Hazai einer der besten Kriegsminister Ungarns war und allseitig als solcher anerkannt wurde. Als vor zwei Jahren etwa Graf Klebelsderg, der ungarische Unterrichtsminister, in Berlin rvar und hier gefeiert wurde, fragte er mich, warum ich seit dem Zusammenbruch nicht wieder in Ilngarn war und, wie in der Kriegszeit, den Sitzungen der Akademie öeigewohnt habe. Ich antwortete ihm, daß mir der numerosclausu s, folönge erbesteht,denWegv er - sperre. Ich habe genau so gegen den numerus clausus im zaristrschen Rußland gekämpft, wie ich ihn zu meinem Schmerz in Ungarn bekämpfen muß, und zwar nickst bloß als geborener Jude und Ungar, sondern als Philosoph, Politiker und Soziologe. Mchts schadet im Auslande Ungarn so sehr wie die Herrschaft der Straße und der Gosse. Wenn man mit ein paar randalierenden Studenten nicht fertig wird, so darf man sich nicht wundern, wenn das Arrsland zu einem solchen Staatswesen kein Vertrauen habe. Als er mir den Einwand cntgegenhielt, daß zu viele Intelligenzen und geistige Proletarier sich in der Hauptstadt Ungarns durch die Zerreißung der Provinzen angesammelt hätten und man im Jnterege des eigenen Volkstums aus Selbstschutz angewiesen sei, da antwortete ich ihm, daß die Juden in diesem Selbstschutz einbegriffen sein müßten. Sie seien ebenso gute Magyaren wie jeder andere und hätten daher das Recht auf oen Schutz ihrer Rechte und ihrer wirtschaftlichen Existenz. Er versprach mir Abhilfe und hat innerhalb gewiger Grenzen auch sein Wort gehalten. Ich machte ihn darauf aufmerksanr, daß in der Frankfurter vorbereitenden Bundesversammlung vom Jahre 184S ein Jude. Gabriel Rießer, ein gewichtiges Wort zu sprechen hatte, daß in der Verfassung des Deutschen Reiches vom Jahre 1871 zwei Juden, mein Vetter Eduard Laster, der Führer der Nationalliberalen Partei, und sein Freund Ludwig Bamberger einen entscheidenden Einfluß aus die erste ReiMversassung gewonnen haben, wie dies aus den Veröffentlichungen meines verstorbenen Schwagers, des Geheimen Legationsrats Tr. Wilhelm Cahn, der den Lasterscheu Nachlaß herausgab, deutlich hecvorhebt Ich wies ferner daraus hin, daß drei Dettern, nämlich Professor Hugo P r e u ß, Tr. TLalther R a t h e n a u und Professor Max L i e b e r m a n «, in entscheidender Weise auf das deutsche Geistesleben eingewirlt haben: HugoPreuß als Schöpfer der Weimarer Verfassung, Rathenau als Vorläufer der Politik von Locarno, Max Liebermann, der heute Präsident der Akademie der Künste ist, als Bahnbrecher der deutschen Malerei-. U m wieviel wäre das deutsche Geistesleben ärmer, wenn diese drei Vettern unter den numerus clausus gefallen wären! Das gleiche gilt von Ungarn. Augenblicklich wirken in der Reichshauptstadt Berlin der Ungar Profeftot Oskar Kaufmann als hervorragender Architekt, der die meisten Berliner Theater künstlerisch ausgestaltet hat, der Ungar. Professor der Medizin Max P! e s ch der zu den geschätztesten Acrzien Berlins gehört, der Geiger Professor F1 e s ch, der noch kürzlich mit F u r t w ä n g l e r die höchsten künstlerischen Ehren ciugeheimst hat; sie sind alle jüdischer Abstannnung. Ich erinnere ferner daran, daß die Reform der Schauspielkunst vor einem Mcnschencrller von Barnah und F r i e dun a n n, das musikalische Leben Berlins damals von dem ungarischen Juden Josef Joachim getragen wurde, und daß heute iu Berlin die ungarsschen Juden Max Reinhardt, Robert Bardi als Direktoren Berliner Theater keine geringe Rolle spielen. Ungarische Autoren jüdischer Abkunst, wie M o l n ä r, Heltai, der Komponist K ä l nt a u und viele entere beherrschen die Berliner Bühnen. Ungarn exportiert also Geist durch ungarische Juden. Sind die Magyaren tatsächlich so u ne n blich reich an Talenten, daß sie sich den Luxus gönnen können, auf diese Exponenten ungarischer Kultur i m Auslände verzichten zu können? Man braucht diese Frage nur mrszuroersen, um sie zu verneinen. Deshalb glaube ich nicht an die Fortdauer jener antijüdischcn Welle, welche jetzt über die magyarischen Lande verheerend himvegsegt. Gras B e t h l e n und Graf Klebels - be rg sind klug genug, um nicht einzusehen, wie schwer der moralische Schaden ist, ten die paar lärmenden Studenten den ungarischen Städten und der ungarischen Nation im Auslande zusügen. Man sollte sich hüten, den Schatten von Tilza Eszlar wieder heraufzub-ckchwLrcn. Man. greise vielmehr aus die große Tradition von Ungarn, wie sie Vater und Sohn Trsza, Vater und Sohn Andrssstz, Gras Albert Apponyi darstellen, zurück, die dem rmgarischen Namen in der Welt unvergleichlich mehr Ehre gemacht haben, als die gesamte Rotte aufrührerischer Studenten je der ungarischen Nation an Ehre im Auslande-rinheimsen. konnte. Ich glaube fest an die Loyalität und Ritterlichk e i t d e s u n g a r i s ch e n Naturells und b i n d a h e r ü b e r - zeugt, daß der numerus clausus, der fich so katust r o p h a l gebärdet, nur eine Episode, und zwar keine rühmliche, der ungarischen Geschichte bilden u n d daher bald verschwinden wird. SWgvMirWnbMg in Kos i. S. Zn vcr Nacht vom Samstag aus Sonntag wurden in Hof i. B. im Gotteshause der Israelitischen Kultuögcmeiuve von ruchlosen Budcnhänvcn vier Fensterscheiben cingeworsen« Der diensttuende Beamte der Wach- und Schließgcsellschaft überraschte die vier llebeltäter bei ihrer Zerstörungsarbeit. Sie entzogen sich jedoch durch eilige Flucht der Festnahme. Ueber die zur Ergreifung der Täter getroffenen Maßnahmen kann aus naheliegenden Gründen hier noch nichts mitgeteilt werden. Hierzu schreibt die „Volkswacht für Oberpfalz und Nieder» bayern" vom 25. Oktober: „Es bedarf wohl keines besonders ausgeprägten Spürsinnes, um zu erraten, aus welchem Lager diese unreifen Burschen stammen, die von gewiffenlosen deinagogischen Hetzern und Verhetzen, verführt und irregeleitet werden.' Nitualmorögerüchte um öen Blaöbecker Schülermorö. Wird der Landtag die Immunität des Dr. Lcy anfheöen? Ehe man über diese neueste Leistung der völkischen Presse berichtet, ist festzustellen: Wir haben of Bedenken, über bcu Schund und Schmutz aus der völkischen Presse zu berichten. Wenn wir cs heute doch tun, so nur, um die Methode niedriger zu hängen und die Kampsesweise zu kennzeichnen, die gegen uns immer wieder angewendet wird. Wir leben im 20. Jahrhurrdert. Ritualmorde sind Märchen, über die der Mensch des 20. Jahrhunderts so ironisch lächelt wie über Hexen- und Teuselsaberglauöen. Und doch gibt es noch naive Menschen, denen man es wagen kann, Ritualmordlügen vorzusetzen. Das weiß auch Herr Dr. Ley. Chemiker seines Zeichens, der heute den ,LLestdeutschm Beobachter", das nationalsozialistische Organ von K öln.unterdem ^chutzseinerpreußr scheu Abgeordnetenimmunität herausgibt. Ter Ruhm des „Stürmer" hat ihn nicht schlafen lassen; dieses Blatt hatte im September d. I. vor Beginn des Eladbecker Schulermordprozesses ausführlich behauptet, daß die Lötung des Gymnasiasten Daube ein Ritualrnord sei; dann allerdings suchte man sich vor dem Staatsanwalt durch eine kleingedruckte Schlußbcmerkung zu schützen: Selbstverständlich gehe dieser Ddord nicht zu Lasten der jüdidischen Religionsgesellschast oder ihrer Leiter; er sei vielmehr von Angehörigen einer jüdischen Geheimsekte — die zu nennen man selbstverständlich unterläßt — begangen. Dieses vermeintliche Schutzmittel hat erfreulicherweise nicht gewirkt. „Ter Stürmer" ist beschlagnahmt und ein Verfahren wegen Neligionsbeschimpfung usw. eingeleitet worden. Anscheinend weiß aber Herr T-r. Ley, daß eine Beschlagnahme eine recht gute Reklame bedeuten kann. Und so mannt er das Märchen auf und bringt mit fetter Überschrift „Daube von Inden geschachtet", am 28. Oktober in seinem „Westdeutschen Beobachter" die Behauptung, datz der getötete Gymnasiast einem Ritrralmord zum Opfer gefallen sei. Damit alle niedrigen Instinkte Nahrung erhalten, wird der Aussatz mit einem Bilde illustriert: Vier Juden mit widerlichen Fratzen halten den nackten Schüler über einen Bottich; einer hat ihm gerade die »Hehle durchgeschnitten; gierig sängt ein anderer das schon strömende Blut auf, während ein sechster bereits aus einer Schate das Blut schlürft. Und das alles in einer Synagoge im Glanz des David-Sterns. Kein Zufall, meint das Blatt, daß die Untersuchung gerade Beamten des Berliner Polizeivizepräsidcnten Dr. Weiß überlassen wurde; kein Zusall, daß der „Rasseuiude* Staatsauwaltschastsrat Rosenbaum die Anklage vertritt. „Alljuda frohlockt," daß es gelungen sei, einen Unschuldigen, Husmann. zu verdächtigen, während das Blut in der „Synagoge von H..ausbenmhrt wird. Wir haben selbstverständlich sofort Beschlagnahme des Glattes und Einleitung eines Strafverfahrens wegen Religionsbeschirnpfurrg und Anreizung zum Klassenhas; veranlaßt. Die beleidigten Beamten sind von uns in Kenntnis gesetzt worden und wir haben auch darüber hinaus gerade aus Anlaß dieses Falles mit allen maßgebenden Behörden Fühlung genommen, tun Wiederholungen vorZnbeugerr. In erster Linie wird es aber notwendig sein, daß der Preußische Landtag endlich die Strafverfolgung gegen den Verantwortlichen Redakteur des „Westdeutschen Beobachters", Dr. Robert Ley, genchmigt. Wer einen solchen Anssatz und ein derartiges Bild verantwortet, darf nicht den Schutz der parlamentarischere Immunität geniegen; er ist ihrer nicht würdig. Dr. Hans Reichmann.

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