Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 44 (2.11.1928)
- Date
- 1928-11-02
- Page
- Seite 619 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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perMiche Erinnerungen von Lnipersiiaksprofessor Dr. Ludwig Stein (Mitglied der ungarischen Akademie der Wiffenschaft). Anläßlich üer judenfeindlichen Unruhen in Ungarn haben wir den her» vorragenden Renner Ungarns, Universitätsrrofcssor Dr. Ludwig Stein (Berlin), gebeten, uns über die Entwicklung der Iudenfrage in Ungarn zu berichten. In nachstehenden: Aussatz ist Professor Stein unserem Wunsche nachgetommen. ' Die Schriftleitung. Das nragyarische Temperament gefällt sich in Extremen. Bald hvmmelhochjauchzend, bald zu Tode betrübt. In meiner Jugendzeit, die ich auf einem holländis^n Gymnasium verlebte, wirkte der Schatten von Tisza Eszlar mit seiner Ritualmordatmosphäre in § Holland dermaßen deprimierend, daß man auf die ungarische Abammung nicht pochen durfte. Die holländischen Juden leben seit ahrhunderten so geborgen und gesichert, gleichgültig, unter welchem Regime, daß man sie dort den staatserhaltenden und staatstrcuen, insbesondere dem Hause Oranien ehrlich ergebenen Bürgern zählt. Um so sonderbarer berührte der Tisza-Eszlar-Prozeß in Holland, wo man für derartige Exzesse der Dolksleidenschaft kein Verständnis aufzubringen vermag. Die ersten negativ betonten Jugendeindrücke wurden indes verwischt, als ich als junger Berliner Student mich ferienhalber in der Heimat merner Eltern und Großeltern aufhiclt. Da berührte mich das enge Zusammenleben der magyarischen Juden mit der Bevölkerung im Gegensatz zu einer gewissen gesell sckpftlichen Fremdheit, wie sie rn Holland bis auf den heutigen Tag besteht, ungemein sympathisch. Auf dem Gute meines Großvaters und im Hause meines Onkels, der in dem Heimatsorte meiner Angehörigen eine Ehrenbürgermeisterstelle vertrah war der Verkehr zwischen der magyarischen Bevölkerung und der jüdischen ein so harmloser und selbstverständlicher, wie ich ihn selbst tn Holland nicht beobachtet habe. Aus dem holländischen Gymnasium wurde man als Jude immerhin doch etwas als exotische Pflanze angestaunt. In Ungarn aber waren die Juden im Laufe einer Generation nach meinen Beobachtungen nicht nur national, sondern geradezu nationalistisch gesinnt. Ter .jüdische Jargon war in den guten Familien verpönt und man hörte in den Gutsbesitzerfamilien der Umgebung nur ein reines Ungarisch. War doch der Wiedererwecker der ungarischen Linguistik ein Jude namens Professor Simonyi (von Hause aus Simon) und der Verfasser des ersten ungarisck>deutschen Lexikons wiederum ein ungarischer Jude namens B a l l a g i (von Hause aus Bloch). Als ich mit dem Unterrichtsminister Dr. Gobat aus Bern behufs Inspektion der ungarischen Gymnasien und Universitäten Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts nach Budapest ünn, gab Professor VLmbery (von Hause aus Damberaer) zu unseren Ehren ein Essen, an welchem etwa ein Dutzend hervorragender Gelehrter und Publizisten teilnahm. Nach Tisch fragte mich mein Minister nach der Provenienz dieser echt magyarischen Gesellschaft, worauf ich ihm bedeuten mußte, daß er der einzige an der Tafelrunde war, der nicht, zumindest der Abstammung nach, Jude war. Alle anwesenden Professoren waren jüdischen Ursprungs, wenn auch gelaust. Ter einzrge, Ignaz Coldzieher, eine Zierde und Leuchte der magyarischen Wiffenschaft, war ein Vollblutjude. Und als mein Minister mich ftagte: ,War etwa der Bischof, der am Tische saß, auch jüdischer Provenienz?", da konnte ich ihm lächelnd antworten: „Jawohl, auch: er hieß F r a k n o i und rvar von Hause aus als Franke! geboren." (Fortsetzung von Seite SIS.) dem hcrvorgche, datz die frcrgesprochenen Angeklagten ihr Geständnis aus freien Stricken abgelegt hätten nnd das; sie tatsächlich die Mörder seien. Tie Geschichte mit den Mißhandlungen sei erst später vereinbart worden. Er führte an, welche Bestechungsgeschenke die Zeugen bekommen hätten, 'die zugunsten der Angeklagten ansgesagt hatten. Das Innenministerium verlangte einen schriftlichen Bericht des Bürgermeisters, den es auch bekam. Es geschah aber nichts. Diesen schriftlichen Bericht des Bürgermeisters von Csongräd, der in den verzweifelten Ruf ausklingt: befreien Sie uns, Herr Staatssekretär, vom Ncchtsbolschewisrnus!". verlas Fabian im Abgeordnetenhaus. Ein Abgeordneter rief dem Staatssekretär zu: Sie sind der Nachfolger Mckosys, Sie handeln tm Aufträge des Bluthundes Doppelkreuz! ^(Nadosy, der später wegen Francsfalschuugen verurteilte Landespolizeichef, war bekanntlich der Exponent des Blutbnndes. Ihm wurde vorgeworsew daß er rechtsradikale Verbrecher beschütze; daß er die Mörder Erzbergers protegiert, an den Frauessälschungen aktiv terlgenvmmen hatte, wurde erwiesen.) Was mit Sztranyavszkv weiter geschah? Mit ihm nichts, aber Fabian mußte Spießruten laufen. Er war so unvorsichtig gewesen, statt einfach sein Dokument zu verlesen, den Staatssekretär Sztranyavszky einen „Patron von Mördern" zu nennen. Dafür wollte man ihn vor Gericht zwingen. Kurialrichter von Töreky, der schon so manchen Linkspolitiker verurteilt hat, hätte ihm übel mitgespielt. Unter dem Druck konzentrischen Terrors mußte Fabian schließlich um Verzeihung bitten. Das; der von ihm verlesene Text des Berichtes des Csongriidcr Bürgermeisters authentisch war, hat aber der Jrrrrenmrnrster selbst zugegeben, ebenso dis Tatsache, datz die Anzeige des Dürgerrnersiers nicht, wie eS das Gesetz vorschreibt, der Staatsanwaltschaft übergeben, sondern nur zum Gegenstand seither längst Lm Sand verlaufener polizeilicher „Erhebungen" gernacht wurde. Ich erzähle diese Anekdote bloß, um darzutun, um wieviel weiter der Verschmelzungsprozeß und die Assimiliernng der ungarischen Juden an das magyarische Staats- und Natiouaudeat gesellschaftlich vorgeschritten waren als in Holland, wo ich das Gymnasium besuchte, und in der Schweiz, wo ich an den Universitäten Zürich und Bern den ordentlichen Lehrstuhl sür Philosophie und Soziologie nccho.M ein Menschenalter bekleidete. Durch Vergleichen und Unterscheiden konnte ich mir um so eher ein Urteil bilden, als ich bereits in meiner Studentenzeit in Berlin mit Gras Stefan Tisza und Graf Julius Andrässy in engere Berührung kam und zeit meines Lebens geblieben bin. Meine Paten sür die Kandidatur der Akademie der Wissenschaften waren meine ehemaligen Kommilitonen an der Universität Berlin, eben die Grafen Tisza und Andrassy, zwischen denen jahrzehntelang im politischen Leben eine Mittlerrolle kraft unserer alten Beziehungen zu spielen mir beschieden war. We diese Dinge erwähne ich nur, um zu beweisen, daß ich befugt bin. in der uns hier berührenden Frage „Ungarn und seine Juden" mit Fug mitsprechen zu dürfen. Vor dem Kriege kam ich jährlich im Herbst mit meinen Töchtern nach Ungarn, um einer Sitzung der Akademie beizuwohnen und gleichzeitig das Stammgut meiner Eltern und Voreltern aufzusuchen, als zahrlicher Gast des Grasen Albert Apponyi, der am 24. November d. I. im Deutschen Reichstag auf Einladung des Komitees für internationale Aussprack>e über die dauernden Grundlagen des Friedens sprechen wird. Auf seinem Stammgut Eberhard tat ick) ebenso Einblicke in das innere Heim einer streng katholischen Aristokratenfamilie, wie ich als jährlicher Gast der H a t v a n y s in H a t a n in das innere Wesen der jüdischen Finanzaristokratie Einblick mir verschaffen konnte. Dabei konnte ich fest stellen, daß die gegenseitige Wertschätzung zwischen Juden und Christen nichts zuwünschen übrigließ. So erinnere ich mich, daß ich, als Baron Joses Hatvanyi als Präsident der ungarischen Judenschast eine Beschwerde über die Zurücksetzung indischer Kandidaten als Gymnasialprofenoren vorzlckringen hatte, diese Beschwerde dem Grafen Albert Apponyi vortrug, woraufhin sofort im Unterrichtsministerium (Apponyi war damals Unterricht-minister) Erhebungen stattfanden, deren Erfolg eine Abstellung der Mißstände war. "Graf Apponyi machte Baron Josef Hatvanyi sofort Mitteilung davon. Ter Verkehr beruhte aus gegenseitiger Anerkennung jener Leistungen, welche die ungarische Aristokratie für den Staat und die jüdische HlÄ)finanz für die ungarische Wirtschaft aufzuweisen hatte. Als vor gd)n Jahren, im November 1918, das große Politische Erdbeben sich entlud und der Sturmwind der Revolution über ganz Europa dahinrasto, da kam es zu wunderlichen Umstellungen und Umschichtungen in Bayern, dem klassischen Lande der religiösen Toleranz, das jüdische Reserveoffiziere ernannte, als dies in Preußen gänzlich ausgcschloyen schien. Damals hat ein Jude, K u r t E i s n e r, mit seinen Eesinnungsgenoffen das Sturmzeichen zur bayerischen Republik gegeben. Und in Ungarn war es ebenfalls ein Jude, Bela K h u n. Es kam hier wie dort zum roten Terror. Alle jene Schichten aber, die unter diesem roten Terror litten, vollzogen in ihrem Herzen die primitive Synthese: Judentum gleich Bolschewismus. Dann auch in Rußland stand der Jude T r o tz k i neben Lenin an der Spitze, in München und in Budapest ebenfalls jüdische Exponenten des roten Terrors. Tie Reaktion konnte nicht ausbleiben. "Als der Terror in München und Budapest niedergeschlagen war und mit der Herrschaft der bürgerlichen Mittelschichten und Aristokratenoberschichten endete, schlug die frühere Sympathie in ihr Gegenteil um und verwandelte sich in eine ausgesprock)ene Antipathie. Nicht mehr der Jude Eisner. K h u n, T r o tz k i haben den Bolschewismus gernacht, sondern d i e Juden. Es ist dies jener Denkfehler der Verallgemeinerung, der jedem internationalen Volks- und Rayendünkel offenbar im Blute steckt. Dabei bedenkt man nicht, daß das Grundbuch der gesamten bestehenden Kultur, die Bibel, nickst der Jude Moses geschaffen hat, sondern ein Produkt der Iud en, d. h. des jüdischen Aolksgeistes darstellt. Man übersieht ferner, daß die Juden von Hause aus nicht etwa ein aufrührerisches und revolutionäres Element darstellen, sondern im Gegenteil ein eminent konservatives. Denn die Juden haben durch alle Jahrhunderte etwas konserviert, was sür die gesamten lveißen Menschen von grundlegender Bedeutung ist, nämlich die Bibel. Wirst man aber ein, das gilt nur von den historischen Juden, aber nickt von den gegenwärtig lebenden, so ist das Argument erst reck)t zutreffend, daß die Juden "durch Naturell und Wirtschaft von Hause aus konservativ sein muffen, denn die Juden sind in ihren ol>eren Schichten Träger der Finanz und der Wirtschaft. Alle Besitzenden sind durch ihre Jnteregen an eine geregelte Wirtschaft und stabile staatliche Ordnung gebunden. Die Bolschewiftcii in N u ß l .1 nd. die a n geb! ich ei ne rei n jüdische Ange! egenheir sein s 0 llen, habeu die ganze jüdische Bourgeoisie zugrunde gerichtet, aus dem Lande gejagt und zum großen Teil entwurzelt. Was liegt also den Juden näher, als in jenem Lande, mit welchem sie sich innerlich verbunden und venoachsen fühlen, die st a a t s e r h a l t e n d e n Ebmcnte zu stärken, damit sie ihr eigenes wirtsck-aftlickpes Wohl und Wel)e bestimmen können. Wenn man also das jüdisck)e Clement für die Staatsordnung gewinnen will, wie dies in Amerika, in