Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 44 (2.11.1928)
- Date
- 1928-11-02
- Page
- Seite 618 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- ' J paar Hochschulplätze, die der mmierus clausus ihnen gnädig belassen hat. wirklich'zu besetzen. Es ist ein Studcntenpogrom, dcr mit dem richtigen Pogrom auch das gemein hat, daß er sich unter wohlwollender Neutralität der Staatsgewalt — wenn nicht gar mit deren Unterstützung — vollzieht. Nicht nur daß d:e völkischen Studenten in Gegenwart der vollständig passiven Polizei ihre jüdischen Kommilitonen blutigfchlagen dürfen, die wenigen, die vom PrMrkum oder von den Mißhandelten bei der Polizeidirekrion angezeigt werden, gehen straflos aus, während die Juden, die sich zur Wehr setzen oder als Unbeteiligte in die „Amtshandlung^ der Pogromisten cinmengen, schwere Strafen erleiden. Das mehr als wohlwollende Verhalten der Staatsbehörden gegenüber den Studenten ist um so unbegreiflicher, als auch die jetzigen Exzesse von einem Konflikt zwischen Unterricht-minister und Hochschulen ihren Ausgang nahmen und die Ausschreitungen von den Völkischen ausdrücklich als „Protest" gegen die Verfügungen des Ministers eingestellt waren. Man ist "da wieder Zeuge eines erbaulichen Kampfes zwischen den beiden in der Regierung Bethlen vertretenen Richtungen, dem von Klebelsöerg vertretenen — ach. so bescheidenen! — .Liberalismus" und der völkisthen Richtung, als deren Exponent vor kurzem der Führer der .Lta^cnschühler", Julius Gömbös, in der Eigenschaft eines Staatssekretärs des Wehrministerinms in die Regierung berufen wurde. Borden Sommerferien hat das Parlament die Novelle zum vumerus clausus beschlossen, die die Selektion der Hochschulkandidaten nach Konfessionen aushebt und die Selektion nach der BerufszugehorigkeiL der Daker mrd nach der Qualität des Reifezeugnisses einsührt. Diejenigen, die von diesem Gesetz für die Juden nichts Gutes erwartet hatten, haben recht behalten. Tie Profcssorenkollegicn nahmen überall nach wie vor nur höchstens 6 v. H. Juden aus wie vordem. Graf Klebelsöerg hatte aber für dieses Jahr das allgemeine Kontingent der Hochschulplätze stark herabgesetzt, damit — wie er sagte — nun einmal and) d L e Christen sähen, was e L h e i ß t, vom H o ch s ch u l st u d i u m ausgeschlossen zu werden. Gespürt haben es in Wirklichkeit nur ein paar arme christliche Bewerber, während die Kinder der oberer» Zehntausend glatt ausgenommen wurden, und das ist die Hauptsache in Ungarn. Für die Juden war in dem neuen Numerus clausus kein Kontingent festgesetzt, es hätten also vor allem alle diejenigen, die ihre Reifeprüfung mit Auszeichmmg abgelegt hatten, ausgenommen werden müyen. Es wurden 17 solche Bewerber abgelehnt, wahrend feudale Christen, die noch eine Nachprüfung am Gymnasium zu bestehen hatten, vor deren Ablegung inskribiert wurden. Auf Intervention des demokratischen Abgeordneten Pakots wies der UnterrichLsminister die Hochschulsenate an, diese 17 Studenten aufzunehmen. Tie Prvsenoren widersetzten sich aber auch dem Minister. Sie nahmen nur 3 von den 17 auf. Ta erließ Klebelsberg eine Verordnung, in der die Aufnahme der 14 Juden anbefohlen wurde, wogegen die Proseyoren nichts tun konnten. In diesem Augenblick traten die völkischen Studenten in Tätigkeit. Ein Professor hatte dies schon einige Tage früher angetündigt. Er ist noch heute auf seinem Platze. Es begann das alröekannte widerliche Spiel. Die jüdischen Studenten wurden mit blutiger» Kopsen ans derr Hörsälen gejagt, wobei rmrner Scharen von Völkischen bis zu fünfzig Mann eirrerr^ oder zwei wehrlose Juden srrgrisfcrr. Als die Juden daraufhin die Hcchschulen mieden, kühlten die Völkischen ihren Tatendurst auf der Ltraße. Es wurden jüdische Studenten verprügelt, die sich in die Nahe der Hochschulen gewagt hatten, um zu sehen, wie sich die Lage entwickle. Wie feige die Völkischen Vorgehen, dafür ist charakteristisch auch der Umstand, daß sie nie auf der eigenen Fakultät zum Pogrom erscheinen, sondern immer ans einer fremden Fakultät, bannt sie nicht erkannt werden. Sie wollen nicht einmal das wirklich ganz verschwindend geringe Risiko auf sich nehmen, das ihnen eine Anzeige bei der Hochschutbehörde oder der Polizei brachte ... Um Freitag abend der vergangenen Woche zog ein größerer Trupp Völkischer nach einer Versammlung im Universitärsgarten durch die ^tadt, um, da sich ihre jüdischen Kommilitonen derr Mißhandlungen durch Fernbleiben von den Hochschulen entzogen hatten, ihr Mütchen an liberalen Zeitungen und dem jüdischen Straßenpublikum zu kühlen. Die Schausenster der Buchhandlung des liberalen „Az E s t“ - Zeitungsverlages wurden zertrümmert, Bücher zu Hunderten vernichtet oder geraubt. Drei Revolverschüsse waren die Begleitmusik. Die Schützen blieben natürlich unbehelligt, waren einfach „nicht zu ermitteln", dcch ein liberaler Student, der gerade als Käufer im Laden war und zurückschoß, wurde sofort sestgesteCt und verhaftet. Von ihrem Derfammlmigs- Platz hatte ein Polizeiaufgebot die Studenten bis — an dis Straßenecke begleitet. wo sie Zur Buchhandlung des „Az Esl“ eiubogen. Dort verschwanden dre Polizisten und die Studenten konnten ihr Zerstsrungswerk unbehindert voüführen. ja, sie konnten, el)e die Polizei wieder zur Stelle ipar, auch noch die Fenster der Buchhandlung der sozialdemokratischen Zeitung „Repszava" einschlagen. Werteren Ausschreitungen setzte die schließlich — nach getaner Hauptarbeit der Studenten — dcch entrücken de Polizei ein Ende; aber inzwischen hatte sich auch das Publikum des belebten Stadtviertels anfgerafst, und in mehreren Fällen kam es zu empfindlichen Züchtigungen der randalierenden Bande. Ein Trupp wollte zur orthodoxen Synagoge in die Kaziuczy ucca ziehen, wurde aber abgedrängt. Am Sonnabend marschierten wieder etlva tausend völkische Studenten am Schauplatz ihrer Taten vom Vorabend, dem Elisabeth, ring, auf. Tiesmal wurde ihnen aber eine unangenehme Ueberraschnng zuteil, ^ie fanden den Ring von Arbeitern besetzt, die in kleineren, aber zahlreichen Gruppen dort bummelten. Es setzte für die Terroristen Ohrfeigen und Rippenstöße die Menge. Sie verschwanden — nach echter, feiger Terroristenart — auch alsbald vorn Kampfplatz. Die Arbeiter bewachten den Ring bis lange nach Mitternacht. Polizei schritt ein, über fünfzig Arbeiter wurden verhaftet. Die Arbeiter demonstrierten deshalb vor der BezirkspoliZeistube. Polizei attackierte sie mit dem blanken Säbel, drei Mann wurden schroer verletzt. Die verhafteten Arbeiter wurden zu Geldstrafen von 20 bis 200 Pengö und Arreststrawn bis zu fünfzehn Tagen verurteilt.^ Wer appellieren wollte, wurde niedergeschrien. Begründung der Strafen: neben tätlicher Angriffe gegen Studenten vielfach bloß Beschimpfungen der jungen Herren oder „Einmengung in eine Amtshandlung", „Widerstand gegen die Polizei". Ein Fall solchen Widerstandes: Ein friedlicher Passant, der zu keiner der beiden Parteien gehörte, blieb mit einem Bekannten stehen. Ein Zivilist kam auf ihn zu und fragte ihn. was er denn da zu gaffen habe. Ter Mann verbat sich dies, worauf er von dem Zivilisten — der sorgfältig verheimlich hatte, daß er Polizeibeamter sei — verhaftet wurde. Hundert Pengö Geldstrafe . . . Die Studenten sind aber alle frei, obzwar sie sich, wie Kronanwalt Vary in einem Interview erklärt, Straftaten zuschulden kommen ließen, die mit Gefängnis bis zu drei Jahren zu bestrafen sind. Sonntag erschien in der sozialdemokratischen „Nepszava“ eine Warn u n g an die völkischen Studenten und ihre Eltern: Wer einen Angriff auf die Gebäude der sozialdemokratischen Partei oder ihrer Zeitung wage, werde den Arbeiterselbstschutz zu spüren bekommen, seither wagten die Völkischen nur mehr einen friedlichen Bummel über den Elisabethring. Auch die Arbeiter waren zur Stelle, und das bloße Erscheinen ihrer Vorposten genügte, um die Studenten einen anderen Bummelplatz wählen zu lasten. An den Hochschulen aber herrscht — so wird amtlich stolz verkündet — Ruhe. Die Studenten haben nämlich ihren Zweck erreicht. Tie Juden kommen nicht zu den Vorlesungen. Ja, die Profellorenkollegien der Technischen Hochschule, der Volkswirtschaftlichen Fakultät und der Hochschule für Knnstgcwerbe haben ihnen sogar den Gefallen erwiesen, außertourliche Ferien anzuordnen ... Inzwischen beginnt der Pogrom in der Provinz unter der Leitung Budapester Emissäre. In Debreczin wurden zehn jüdische Hörer blutiggeschkagen. * (j. Im Anschluß an die Studentenkrawalle fain es zu aufsehenerregenden Mitteilungen im ungarischen Parlament, über die uns unser Sonderberichterstatter nachstehendes nüttcUt: Budapest, 26. Oktober. Die weitere Entwicklung der Srudentenkrawalke entsprach der bisherigen Hebung. Scheinheilig erklärten die zuständigen Minister und sonstigen Behörden, sie würden „energisch Ordnung machen". Und ein paar Tage später verkündeten sie triumphierend: Die Ordnung ist wiederhergestellt! Ja, nachdem alle Inden von den Hochschulen vertrieben waren. T^e Lage ist jetzt die: An vier Hochschulen werden keine Vorlesungen gehalten — zum größten Gaudium der davon .chetrosfenen" Studenten —, die übrigen haben „flldenreiuen" Betrieb . . . Vereinzelte Juden, die ihren Termin nicht versäumen wollen und sich zu Rigorosen meldeten, wurden — trotz wiederherge- $ stcllter Ordnung — mit blutigen Köpfen heimgeschickt. | Die Studentenkrawalle haben zu sensationellen Entjjj Hüllungen über das Verhalten des Staatssekre- ' tars des Innenministeriums Alexander von Sztranyavszky und über das Fortwirken des berüch - tigteu „Blutbundes Doppelkreuz" Anlaß gegeben. Im Parlament, d-cssen Linksparteien eine Debatte über die Stndentenkrawalle provozierten, verlas der demokratische Abgeordnete B£Ia Fabian ein amtliches Schriftstück, ans dem hervor- 6<ht, wer die seit fünf Jahren „vergeblich gesuchten", ge- I n eurer: bereits rechtskräftig frei gesprochenen Massenmörder ■ von Csongrad sind. Am 26. Dezember 1923 wurde in den Ballsaal des Hotels „Körrig von Ungarn", wo ein jüdischer Verein eine Unterhaltung hatte, eine! Bombe geworfen, die drei Menschen tötete und 25 schwer verletzte. - Nach langwieriger Untersuchung wurden einige Mitglieder des Ver-! eins der Erwachenden Magyaren, die Brüder Piroska und Genügen,! vor Gericht gestellt. Sie hatten in der Untersuchung, die von denr aus dem Innenministerium delegierten Ministerialrat Di6szegi Gc* I leitet wurde, die Tat e i n g e st a n d e n. Vor Gericht erklärten sie j aber, man habe das Geständnis durch Mißhandlungen erzwungen. > Sie wurden freigesprochen und Ministerialrat Diöszegi mußte den \ Dienst quittieren- Er hat inzwischen Selbstmord versucht. Bor ) etwa Zwei Jahren wendete sich aber der Bürgermeister : von Csoiigr£d an das Jrtnenminifterium mit der Mit- I tcilrnrg, er habe beweiskräftiges Material in Händen, aus