Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 44 (2.11.1928)
- Date
- 1928-11-02
- Page
- Seite 617 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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) I Serlin,"2.Aöbember 142S VIL Jahrgang ♦ Nr. 44 Cingtlnnmmer 10 pfean^s^ Allgemeine Z.eirun{£ des Ouderuums BierteNayrsavoniremenr 3,20 RM. izuzügi. Bestellgeld). Verlag u. Schriftleitung: Berlin SW 68, Sinbenftt. 13. Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594,3595. PostscheckkonLo: Berlin 30472. Danlksnto: Dresdner Dank, Wechselstube 6, Berlin SW CS, Lindenftr. 7, und von Eoldschmidt-Nothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Masse, Berlin 8W 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: O,9ü JZM für die Tgespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Kormalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigrn und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Zentralvereins 0,45 die 90 rum breite Rerlamezeile 4M rrnfirfnT Lsn Serbert EulenLerg. Man hätte sich weit mehr über die späte Begleichung der Tankesschuld freuen können, die Düsseldorf endlich gegen seinen größten Sohn, gegen Heinrich Heine, durch die Errichtung eines Denkmals für ihn abstatten will, wenn die Be- : ratung und Beschlußfassung über diesen Plan nicht von so; wüsten und törichten Reden begleitet gewesen wäre. Auch I hätte es mich schöner gedünkt, wenn die deutschnationale f Partei in der Stadtverwaltung ihre Abneigung gegen den | Dichter nicht hinter angeblich dringenderen wirtschaftlichen | .Verpflichtungen der Stadt verborgen hätte. Da war der olle feuchtfröhliche Otto Erich Hartleben ehrlicher, als er auf eine Aufforderung zu einem Beitrag für eine Werbeschrift Zugunsten Heines sich die lakonischen Worte enrpreßte: „Heinrich Heine war mir stets unsympathisch." Daß die völkische Presse ■ gegen dieses Denkmal, für dessen Sockel eben erst das Geld 1 mit knapper Not bewilligt worden ist, laut toben würde, war vorauszusehen. Immerhin bleibt zu hoffen, daß sie ihren ' Unmut über das Monument Heines in Düsseldorf bis zu seiner Errichtung, aus die wir wohl noch etwas warten wer- ’ den müssen, so weit dämpfen wird, daß man nicht demnächst nach seiner Enthüllung noch mit einer heutigentags ja so beliebt gewordenen Verschandelung dieses Denkmals zu rechnen hätte. Dann möchte man freilich diese recht späte nachträgliche Ehrung des rheinischen Dichters ungeschehen sein und lieber den Vorwurf der Undankbarkeit weiter auf Düsseldorf sitzen lassen. Die völkisch eingestellten Männer und Frauen an der Spitze mögen sich aber doch ins Gedächtnis rufen, daß Bismarck keinen anderen deutschen Dichter nach Goethe so sehr gelesen und geliebt hat wie Heine, von dein sogar der verstorbene Hofprediger und Judengegner Stöcker zugeben mußte, daß einige wenige seiner Gedichte wahre Perlen und mit Recht echtes Volksgut der Deutschen geworden seien. Unter den neuerlichen eiferwütigen Angriffen gegen Heine las ich zu meinem Ergötzen auch wieder das alte Märchen, daß er ein Spion in französischen Diensten gewesen sei. Warum? Etwa weil er eine Jahresrente von der französischen Regierung empfing? Daun sind Klopstock und Hebbel, die ein solches Einkommen von der uns nicht weniger freundlich gesonnenen dänischen Regierung bezogen, wohl gar auch Volks- und Vaterlandsverräter an uns gewesen? Wäre wohl gar Katharina von Bora, Martin Luthers Eheliebste, eine Spionin gewesen, weil sie bis an ihr Lebensende — zur Schmach der damaligen deutschen Fürsten sei cs erzählt — einzig von dem dänischen Kömg eine beträchtliche Leibrente erhielt? .Und was soll dann der arme Heine, der später das preußische Gebiet mit keinem Fuß mehr betreten durfte, trotzdem der ihm gut gesinnte Alexander von Humboldt sich mehrfach für ihn verwandte und Friedrich Wilhelm der Vierte selber erne große Schwäche für "ihn hatte, was in aller Welt soll er denn spioniert und zwischen Deutschland und Frankreich hin und her getragen haben außer geistigen Dingen? Auch in seinen letzten acht Leidensjahren in der Matratzengruft in Paris wird er kaum Gelegenheit zu Spionagediensten gehabt haben. Was endlich seine deutschfeindlichen Aeußerungen angeht, o heilige Einfalt! Ich will euch aus ihren eigenen Zitaten Goethe, Hölderlin, Nietzsche und andere echte Teutonen als weit stärkere Teutschenseinde zurechtstutzen, als es der Dichter der Loreley, der Beschreiber des klassischen und romantischen Deutschlands gewesen ist. Wir hier am Rhein wollen die Angelegenheit des geplanten Heine-Denkmals in seiner Vaterstadt allmählich als unsere eigene rheinische Lache ausgefaßt wissen, das heißt weder als eine jüdische noch als eine deutschvölkische. Tie Juden haben sich erfreulicherweise bisher in diese rheinische Frage kaum hineingemischt. Möchten nun auch die deutschvölkischen Kreise diesem Beispiel folgen und uns die Würdigung unserer Dichter und Denker selber überlassen. Das Volk am Rhein hat ein Recht darauf, seine Dichter zu ehren, einerlei ob sie stockkatholisch wie Clemens Brentano, evangelisch-pietistisch wie Gerhard Terstengen oder jüdisch-freidenkerisch wie Heinrich H^ine gewesen sind. Wer Schlageter ein Denkmal setzen will, mag es tun. Aber er soll auch nicht länger Zetermördio oder Wehe darüber schreien, wenn Stadt und Bürgerschaft von Düsseldorf endlich ihrem Dichter ein Monument setzen wollen; ihrem Dichter, der sich stets gern und freudig zu der Stadt seiner Jugend bekannt und sie und ihre Schönheit in der ganzen Welt gepriesen hat. And Wieder Angam! Die Tageszeitungen der letzten Woche haben bereits manches über die Dudapester Studentenkrawalle berichtet. Sie haben aber im wesentlichen nur Einzeldarstellungen gegeben, ans denen der Leser keinen Gesarnteindruck von den Vorgängen gewinnen^kann, und die auch die politischen Hintergründe nicht klar erkennen lassen. Tie ungarischen Zeitungen haben natürlich das Bestreben, die Vorgänge als Ernzelfälle ohne politische Bedeutung hinzustellen. Wir halten es deshalb für nötig, die ganzen Geschehnisse noch einmal durch unseren Sonderberichterstatter im Znstunmenhange darstellen zu lassen, selbst auf die Gefahr hin. Einzelheiten zu wiederholen, die unsere Leser schon aus den Tageszeitungen kennen. D i e S ch r i f t l e i t u n g. Budapest, 23. Oktober. Studentenkrawalle hat cs auch früher gegeben, und an den Hochschulen von Wien, Prag und Budapest ging es manchmal recht ,chech her". Doch das waren mehr oder weniger ehrliche Kampfe gegnerischer Parteien, mit mehr oder nrcrriger gleichen Waffen und unter gleichem Risiko. Was aber an den ungarisa-en Hochschulen von Semester zu Semester wiederkehrt, ist widerlicher, seiger Mißbrauch der Zwanzigfachen Uebcrmacht der einen Partei gegen ein Häuflein wehrloser jüdischer Studenten, die es gewagt haben, die