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Central-Verein-Zeitung · 1928-10-26 · 43 (26.10.1928) · p. Seite 610

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
43 (26.10.1928)
Date
1928-10-26
Page
Seite 610 (sequence 10)
Language
German
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MO Huellen -eutfchen Geistes. Von Dr. Josef Navler, o. ö. Professor an der Universität Königsberg i. Pr. Unter dieser Aufschrift hat Herr Kuno W altem ath in der „C. D. - Zeitung" vom 27. Juli d. I. (VII. Jahrgang Nr. 30) Ausführungen veröffentlicht, die sich ausschließlich mit meinen Arbeiten beschäftigen. Ta diese Ausführungen ungewöhnlich weit Ln die Irre gehen, bin ich bei der Verbreitung und Bedeutung der „C. V. - Zeitung" gezwungen, diese Jrrgänge kenntlich zu machen. Herr Waltemath erweckt den Anschein, als bespräche er meine '„Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften". Ten Titel gibt er richtig wieder, doch läßt er die Zahl der Bände — es sind vier — Ivcgsavcn, ebenso den Stand der Auslage — es ist die Zweite — und den Derwg — Joses Habbel, Regcnsburg. Wie sich aber aus den ersten Blick ergibt, bespricht er nicht dieses umfangreiche und für die Erörterung meiner Ä)danken grundlegende Werk, sondern eine kleine Gelegcnheitsschrift, die er ganz falsch betitelt — „Geistesgeschichtlichc Stammesnnd Landschaftslehre' —, also kaum in der Hand gehabt haben kann, obwohl er Stellen, die sich in dieser Schritt finden, wörtlich ansührt. In Wirtlichkeit handelt es sich hier um ein kleines Heft von mir, das den Titels trägt „Die deutschen Stämme", und wie H. Waltcmath richtig angibt, in der Sammlung „Frommanns Philosophifd>c Taschenbücher" erschienen ist. Es ist ein ganz ungcw-öhnliches Verfahren, zu tun, als stütze man sich bei einer solchen Erörterung aus das Hauptwerk, während man tatsächlich aus einer nur gelegentlich Zur Sache gehörenden Nebenschrist schöpft und dabei nicht einmal den Titel dieser Nebenschrist kennt/ Von der Art ist denn auch die ganze Erörterung. Es ist irrig und irreführend zu sagen, ich sähe in jedem deutschen Stamme gewisse Merkmale geistiger Art (also aprrsr'i-Kräfte), ich suchte daraus die Literatur abzuleircn und so zu den Quellen deutschen Geistes zu kommen. Das ist mir niemals auch nur im Traume eingefallen, das bade ich weder theoretisch vertreten, noch kann man das aus meinen darstellenden Schriften beweisen- In Wahrheit gebe ich nichts anderes und nicht mehr als das, was der Titel meines Hauptwerkes aussagt, nämlich die Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften, die geistige Entwicklung der deutschen Stämme und Landschaften, smveit sie sich aus der deutschen Literatur bezeugen läßt. Und ich bin nicht albern genug, aus Lprwrr gesetzten Kräften, dir wir Za an sich gar nicht kennen können, das sicher Gegebene, nämlich die Literatur, „abzuleiten". Vielmehr und in Wahrheit läuft mein Verfahren darauf hinaus, aus dem empirisch Gegebenen und historisch-kritisch Analysierbaren, nämlich den Literaturdenkmälern, aus die differenzierten Volksgebilde Zu schließen, von denen sie getragen werden, Material für das Wesen dieser Dolksgebilde zu gewinnen und von der empirisch nachweisbaren raumgruppenmäßigen Differenziertheit der Literatur auf Kräfte zu schließen, durch die eine solche Differenziertheit bewirkt wurde. Das ist genau das Gegenteil von dem. was kritikloser Prvfcsiorenschwatz mir immer wieder imputiert, nämlich nicht Schluß vom apriori Gesetzten auf das empirisch Nachweisbare, sondern vom historischkritisch Nachtveisbaren auf die vermutlichen Ilrsachenkomplere. H. Waltemaths Argument, die deutschen Stammesgrenzen seien zu fließend, als daß man daraus Folgerungen auf geistige Differenzierungen -ziehen könnte — ich gehe Za, wie ich eben sagte, den umgekehrten Weg —, erweist sich sofort als absurd, wenn man cs auf die Mundarten anwendet. Bekanntlich gibt es eigentliche Mundartengrenzen gar nicht. Also müßte .H. Waltemath folgern, gibt es auch keine Mundarten. Die Argumente der Rasienlchregegnrr haben in diesem Bereiche nicht die mindeste Gültigkeit. Es ist rin grober Fehlschluß, zu folgern, weil die Grenzen bestimmter -Erscheinungskoruplere und historischer Vorgänge fließend seien, könne man .auch keine Kerne abgrenzen. Völlig lns Leere stößt aber H. Waltcmath, wenn er gegen mich damit argumentiert, „cs sei nicht einmal sicher, ob die Trennung des' deutschen Volkes in Stämme von der heutigen Gestalt so alten Datums sei". Damit das überhaupt ein Argument gegen mich sein kann, muß H. Waltemath offensichtlich annehmen, ich ginge von den altgermanischen Stämmen .aus und hielte sie für etwas unveränderlich bis auf die Gegerrwart Fvrtwrrkendes. Natürlich gibt es Professoren, die mir einen solchen Unsinn 'imputieren. Aber von einem Laien durfte ich mehr verständigen Muttcr- 'witz erwarten. Jrchem ich die von H. Waltcmath nur angedeutete Behauptung als völlig unerwiesen ablehne, in den beutfchen Volksgruppen von heute stecke kein alter Kern, indem ich ferner aufs entschiedenste das Verfahren ablehne, angebliche oder auch wirkliche Ergebnige der Sprachwissenschaft aus die Ethnographie zu übertragen, stelle ich all diesen und ähnlichen Unterschiebungen die nackte Tatsache entgegen: Mein Werk "gründet sich nicht auf die mehr oder minder rein fortlebendcn altgermanischen Stämme, sondern es geht in meinem Werk um die seit der Völkerwanderung im Südwesten und seit dem 11. Jahrhundert tm Nordosten sich neukorrst'ttuicrendrn, raumbeemslußten Dolksgebilde. Mein Werk gibt die Geistesgeschichte nicht ethnographisch fixierter, sondern siedlungsgeschichtlich verfolgter und variabler Dolksgebilde. Wobei ich in Klammer für H. Waltemath beifüge, daß es ein deutsches Volk ursprünglich gar nicht gegeben hat, daß cs sich daher auch nicht in Stämme „trennen" konnte, sondern daß es ursprünglich mehr oder minder lockere, mehr oder minder „deutsche" Dolksgebilde gegeben Hatz die tmrch einen sehr zeitraubenden und bekanntlich sehr schwierigen Prozeß zu dem zusammenwuchsen und zu dem sich abklärten, was wir hoffentlich endlich einmal Ln nicht zu ferner Zukunft „Deutsches Bo!L' nennen können und erleben werden. Ich kann hier unmöglich einen Elementarkurs in deutscher JCiterahit halten und die zahllosen Mißverständnisse und Jrrtümer berichtigen. Die H. Waltemath bezüglich der Einzelheiten in meutern Werke begegnet sind. Er operiert bei den Ergebnissen meiner Gedankengänge, soweit sie ihm aus meiner flcknen Schrift durchaus nicht cnlgegengetreien sind, mit Ausdrücken wie „soll" und „angeblich". Ich muß es ihm anheimstellen, ob er sich an die gewiß nicht leichte Lektüre meines vierbändigen Werkes machen will, wo er alle Belege finden wird. Wieviel H. Waltemath in dieser Richtung noch zu tun hat, möchte ich aus einem kleinen Schlußbeispiel bezeugen. Er lebt in dem durchaus irrigen Glauben, ich hätte den Niedersachsen in meinen Gedankengängen unrecht getan und ihre geistigen Leistungen zu gering angeschlagen. Daher holt cr zu dem schweren Schlage gegen mich also aus: „Man betrachte nur die Fülle der Genies, die Ostdeutschland dem deutschen Volke gab, denke an die Philosophen Fichte (kein Sachse, sondern Lausitzer. Mitteldeutscher), Schopenhauer (kein Sachse, sondern Holländer), Nietzsche (kein Sachse, sondern Meißner, Mitteldeutscher), Hartmann (wahrscheinlich der Berliner gcmeint), Böhme (kein Sachse, sondern Lausitzer. Mitteldeutscher), an die Dichter Lcssing (kein Sachse, sondern Lausitzer, Mitteldeutscher), Herder (kein Sachse, sondern Osipreuße aus der mitteldeutschen Landschaft), Tieck (nicht Sachse, sondern Berliner), Eichendorff (möglick-erweise von weither sächsischer Abkunst, aber durchaus als Schlesier, Mitteldeutscher Zu betrachten). Grillparzer (da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich, Wiener. Oestcrreicher, Bayer), an die großen Naturforscher. . . ." Doch genug! Natürlich habe ich die geistige Schöpfung der Sachsen gar nicht unterschätzt, sondern ihr den ganzen halben 2., einen sehr großen Teil des 3. und 4. Bandes gewidmet. Wenn ich sie aber unterschätzt hätte, so wäre ztveifettos die Liste, die H. Waltemath bringt, da sie keinen einzigen Sachsen enthält, kein Gegenargument. Bezüglich dieser letzten von mir nicht mehr ntitzitierten Namen verweise ich H. Waltemath aus den 4. Band meiner Literaturgeschichte, und zwar aus die Setten: 515, 617, 631, 65?. Wie kann H. Waltemath verminen und postulieren, was in der Tat bei mir eingehend behandelt ist. Doch nur, wenn er keines meiner Bücher gelesen hat, weder das, über was cr anscheinend sprichtz noch das, aus dem er wörtliche Anführungen macht. Wie dem Eingeweihten aus der Stelle: „es ist noch nicht einmal sicher . . (ich zitierte sie oben teilweise) klar wird, sind H. Waltemaths Erörterungen beeinflußt von einer ganzen Gruppe in offensichtlicher Hast nnd in sehr durchsichtiger Absicht lancierter jüngster Besprechungen meines Werkes. Besprechungen, die meine Arbeit in wissenschaftlichen Gegensatz stellen zu den Männern um den Deutschen Sprachatlas (Marburg) und das Institut für geschichtliche Landeskunde (Bonn). Diesen Gegensatz gibt es nicht. Denn meine Darstellung und meine Arbeit hat mit den Müllenhossschcn Stämmen nichts zu schaffen. Sie schildert die deutsckM Bolksgruppen in solchem Maße als Neubildungen im neuen deutschen Raume, daß ja eben die beiden großen Siedelgruppen des Südloestens und des Nordostens meine ganze Darstellung entscheidend beherrschen. Meine Arbeit läuft seit 1909 der Arbeit um den Deutschen Sprachatlas geistig Parallel und sie hat dem jungen Institut für geschichtliche Landeskunde um cm Jahrzehnt voraus neue Wege beschritten, einschließlich des Dersuches, geistige Vorgänge kartographisch zur Anschauung zu bringen. Ich werde zu verhindern wifsen, wenn das jetzt Taktik werden sollte, daß meine Arbeit in tendenziöse Rubriken hineininterpretiert wird, weil man sich nicht dazu bequemen möchte, ihr jene Prioritäten zuzugeben, die ihr nun einmal durch die Entwicklung der letzten Jahrfünft? zugefallen sind. <Hit deutsch-jüdischer Vorkämpfer. Am 12. Oktober wurde die Büste des verstorbenen Hamburger Rechtsanwalts Dr. I s c a c Wolffson in der Vorhalle des Obcrlandesgwichlsgebäudes Hamburg enchüllt, der Büste des verstorbenen Ersten Präsidenten des Hanseatischen Oberlandesgerichts gegenüber. Aus diesem Anlaß widmet Rechtsanwalt Dr. H. KLcinschmrdt Jsaac Wolffson ein Gedenkblatt in der „Hanseatischen Rechts- und GerichLszeitschrift" (vom Oktober 1929, Spalte 565 ff.). Die Gedenkwort-, klingen ou§ -in bem Satz: „Die würdige, mit allen Segnungen echten Humanismus beglückte Gestalt des alten Tr. Jsaac Wolffson, dessen deutsche Gesinnung die von ihm nicht verleugnete Stammesangehörigkeit wundervoll durchgesttzt halte, hat vielleicht an der erfreulichen Tatsache mitgewirkt. daß die bamburgische Anwaltschaft und mit ihr dir hamburgischen Gerichte von einer antisemitischen Einstellung und Haltung in und gegenüber der Kollegcnschast freiblieben." v\!

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