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Central-Verein-Zeitung · 1928-10-26 · 43 (26.10.1928) · p. Seite 606

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
43 (26.10.1928)
Date
1928-10-26
Page
Seite 606 (sequence 6)
Language
German
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i | 606 | Ser Aationalivzialiömus in ZOern. I Hitlers Redefreiheit. — Unverminderte Rührigkeit der Natio- E nalsozialisten. — „Flamme" «nd „Donaubote". — Sitlers 1 Stellung zum Stahchelm. — General EPP. — Die „Ncichsflagge" unter nationalsozialistischer Führung. — Universität und Studentenschaft. — Von der Klcinbühne. Die Aufhebung des Redeverbots für Adolf Hitler in Preußen bedeutet einen Abschnitt «in der Geschichte der Hitler-Bcwe^ung, der cs rechtfertigt, eine kurze Betrachtung über ihren gcgemoärttgen Stand in ihrem Muttorlande Bayern anZustelleu. Keiner der bayerischen Juden'wird den Partikularismus so weil treiben, die neugewonnene Redefreiheit Hitlers, unbekümmert um die dadurch geschaffene Gefährdung unserer preußischen Brüder, deshalb zu begrüßen, weil man durch die gesteigerte Tätigkeit der Hitler-Leute im Norden vielleicht eine Entlastung Bayerns erwarten durste. Wenn solche Erwartungen auf ein Nachlassen der national sozialistischen Tätigkeit bei uns -in Bayern irgendwo gehegt wurden, so haben sie durch die bisherige Entwicklung der Dinge keine Bestätigung erfahren. Die Aktivität der Nationalsozialisten zeigt sich bei uns unv erm i nbtxL So haben sie vor krrrzem erst in der schwäbischen Stadt M e m m i n g e n, in der die Erinnerung an den großen Landfriedensbruch vor etwa sieben Jahren noch nicht erloschen ist. eine ihrer bekannten Kundgebungen mit Musik, Kriegergedachtnisseier unter freiem Himmel und dergleichen abgehalten, und für nächste Woche kundigen sie ähnliches für A u g s b u r g in Formen an, die eine starke Herausforderung des andersdenkenden und besonders des jüdischen Teils der Emwohnerschaft bedeuten. Wenn sich bei dem völkischen Wochenblatt „Die Flamme" in Bamberg und seinen hessischen und rheinpfälzischen Kopsblättern „H e s s e n h a m m e r", „E i scnha m m e t" und „F a u st" Zeichei; des Rückgangs zeigten — sein Redakteur Ge ngle? hat ihm vor einigen Wochen den Rücken gekehrt und beglückt statt dessen die kleinen und kleinsten Orte des bayerischen Hochlands mit Agitationsreden —, so kommt das wegen gröblicher Beschimpfung der Republik ausgesprochene vierwöchige Verbot der „Flamme"' vielleicht nicht unwillkommen. Dem« dadurch gewinnt man einen guten Vorwand, das Blatt ganz eingehen zu lauen. Aber dafür hat sich am Baum der völkischen Presse ein neues kräftiges Reis entwickelt, der Ingolstadt e r „D o n a u b o t c', der an Roheit des Tones und Kraft der Verhetzung hinter der „Flamme"' kaum zurücksteht. Die Früchte dieser Hetzarbeit zeigen sich in gewalttätigen BÄästigungen von Gegnern in öffentlichen Lokalen. An die m allen Instanzen bestätigte Freisprechung eines jüdischen Angeklagten, dem der .völkische Beobachter" unter hemmungsloser Archviegelung der öffentlichen Meinung Vergewaltigung seines Dienstmädchens nachgesaat hatte, knüpfte der „Donaubvte"' heftige Angriffe gegen die bayerische Justiz, die im Solde des Juden stehe; und als dem bayerischen Justizministerium nahegelegt wurde, seine Richter gegen solch niedrige Vorwürfe zu schützen," lehnte es ein Einschreiten ab. weil solche Angriffe doch nicht ernst genommen würden. Ob das Ministerium damit dre Einsicht der Leser solcher Blätter nicht doch überschätzt? Dem Stahlhelm find die nationalsozialistischen Führer noch vor gar nicht langer Zeit eifrig um den Bart gegangen. Seit es sich aber trotz ausgedehnter Unterhandlungen nicht erreichen ließ, diesen großen Bund von Frontsoldaten der Besehlsgewalt des Frontkämpfers Hitler zu unterstellen, wird der Stahlhelm von der Presse Hitlers ausfällig schlecht behandelt; sein Volksbegehren wird mit offenem Hohn überschüttet. Wozu dem Reichspräsidenten vermehrte Gewalt einräumen, heißt es, da doch der derzeitige Träger dieses Amtes von seiner bisherigen Gewalt nicht den ihm von den Rettern Deutschlands angesonnenen Gebrauch gemacht hat. Hitlers Gefühle für Hindenburg sind nämlich in dem Maße gesunken, als er sich durch seine vorbildliche Amtsführung die Achtung seiner einstigen Gegner errungen hat. Der Heros der Nationalsozialisten ist „der Befreier Münchens", General von Epp. Es läßt sich nicht leugnen, daß sie mit seiner Wahl in den Reichstag einen guten Griff getan haben. Sein persönliches Ansehen als Führer des bayerischen Leibregiments im Weltkrieg und als Organisator eines Freikorps gegen die Münchener Räteregierung, die engen Beziehungen, die er damals besonders'auch mit der Studentenschaft pflegte, verschaffen seinem Auftreten für die Partei Gehör und Wirkung auch in solchen Kreisen, die sich von den landläufigen völkischen Agitatoren längst angewidert abgeweudet haben. Und er weiß sein Ansehen zu brauchen. Er spricht fam ein Wort gegen dis Juden; aber wenn er den Frontgeist gegen diesen heutigen Staat ausrust, „den wir nicht achten und nicht anerkennen können und den eine nationale Revolution weg'-egen muffe", so wissen die Hörer, wie es gemeint ist. Und wie trefflich weiß er Veranstaltungen von angeblich unpolitischem Charakter zur Agitation zu benutzen, so die Feier seines sechzigsten Geburtstages., oder die Gefallenenehrung des Leibregiments, der der die Teilnehmer eine Festrede über sich ergehen lassen mußten, die von einer nationalsozialistischen Parteirede nur scbwer zu unterscheiden war. Vorsichtige wußten wohl, Westen man sich von diesem' politischen General zu versehen hatte; sonst wären Kronprinz R u p p r e ch t unb die übrigen Offiziere aus dem ehemaligen Königshaus, die sonst bereitwillig zu jeder Regimontsseier 'erscheinen, nicht serngeblicben. General Epp verstand es auch, die Mitglieder der im November 1923 aufgelösten „Reichss la gge" unter der Führung seines ehemaligen Stabschefs, Hauptmann Röh m, der Partei zuzuführcu. was zu einer der bei Hitler so beliebten theatralischen Szenen im Bürgerbräukeller führte. Jedenfalls ein geschickter Zug, an dem die Stcchb Helmer keine Freude haben roevden. Wenn auch die maßgebenden Parteien, offiziell sogar die Deutschnationalen. wenn auch die Kreise von Bildung und Besitz an dem lauten Treiben der Hitler-Leute keinen Gefallen mehr finden, so besteht weniger der Haß, aber doch die A b f ch l i e ß u n g gegen die Juden, die jene Partei ausgebreitet hat, ziemlich unvermindert weiter, besonders in der Studentenschaft. Wo die U n i v e r? i t ä t selbst entscheidet, hält sie an dem von dem früheren Rektor Boßler mannhaft vertretenen Grundsatz der ' Gleichberechtigung aller Richtungen fest. Als aber bei der Grundsteinlegung zum Bibbiotheksbau des Deutschen Museums die Dttis-nnnsleitung. sicher ohne bösen Willen, sondern nur aus Unvorsichtigkeit, die Anordnung der Einladungen dem Studentenausschuß überließ, mißbrauchte dieser seine Macht zu einer kränkenden Zurücksetzung der jüdischen und paritätischen Vcrbnrdungen. Muß an der Stätte der ernsten Wiffenschaft leider noch immer um die Gleichberechtigung gerungen werden^ so haben in einem Tempel der leichten Muse vor kurzenr jüdische und mchtjüdischc Zuhörer einen unangebrachten antisemitischen Vorstoß einhellig und wirksam zurückgewiesen. Als bezeichnender Stimmungsgradmester sei der an sich belanglose Vorfall zum Schluß noch berichtet: Als in einer Münchener Kleinbühne ein jüdischer Vortragskünstler seinen Vortrag beendete, rief ihm ein sehr bekannter Vertreter des Münchener Llervertriebsgewerbes von seiner Loge aus plumpe Schimpstvorte zu und bemerfte: Vor fünf Jahren hätte es das nicht gegeben, das er da hätte austretcn dürfen. Als aber der Vortragende diesen Zuruf mit überlegenem Witz zurückwies, belohnte ihn stürmischer Beifall und nicht eine Stimme erhob sich für den antisemitischen j Grobian. Vor fünf Jahren hätte es das auch nicht gegeben. W. L. * Bei der im dofflehcnden Bericht erwähnten naLionarsozialistisckzcu Kundgebung in Augsburg ist es zu schweren Ausschreitungen von Hitler-Anhängern gekommen. Da fast die gesamte Presse darüber berichtet hat, möchten wir hier nur nachtragen, daß die Mitteilungen über die unerhörten Roheiten (Einschlagen mir brennenden Fackeln auf die Straßenöahnfahrgäste usw.) nicht etwa einem Privatberichte, sondern dcm amtlich ausgegebcncn PolLzeiberichte entstammen. Dinker von Hitler ausgeschlossen. Wegen seines geistchrrstlichen Kampfes. Tr. Arthur D int er, einer der führenden Nationalsozialisten und Mitglied des Thüringischen Landtags, ist von Adolf Hitler aus der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei ausgeschtoffen worden. Als Grund dafür gab Dinter in einer Sitzung des Thüringischen Landtags die folgende Erklärung: Der Parteiführer Hitler habe ihn oufgefordert, seinen Kampf gegen die „iüdisH-römische Papükirch^ und seinen Kampf „zur Vollendung der Reformation durch Beseitigung der herlandroidrigen jüdischen Grundlagen Leider Kirchen^' aufzugLLen oder aus der Partei aus;uireten-. Beides hadr er jedoch abgelehnt, da er seinrn religiösen Kumpf lediglich außerhalb der Partei führe. Dinter erklärte dann weiter, daß er nach wie vor innerhalb und außerhalb des Thüringischen Landtags nach seinem besten Wissen und Gemissen stets die Politik vertreten werde, die im Interesse eines nationalsszialistischsn Croßdeutschlands liege. Äefer Ausschluß beweist, daß Hitler nun tatsächlich Ernst gemacht hat, die ungeheuerlichen Angriffe Dintcrs gegen die bestehenden Kirchen von Partei lvegen durch Ausschluß zu brandmarken. Früher war man in diesen Fragen weniger energisch mld ließ manchem Redner und Schreiber, die gegen das „verjudcie Christentum"' tobten, gervähren. Nek^n allgemeinen Erwägungen spielte bei Hitler sicherlich auch die Ueberlegung eine Rc>Üe, die bayrischen Staats- und Kirchenbchörden nicht vor den Kopf zu stoßen und auch nicht unnötig kirchlich eingestellte Parteigänger zu verlieren. Welche Wirkungen dieser Ausschluß auf Dintcrs und seiner Anhänger Verhältnis zum Nationalsozialismus hat, wird man abzuwarten haben. NnüppelkuttZs als heilkundiger. Er Praktiziert in Schlesien. Knüppelkunze, besten <Icirdcle§eiier KricüTabenicucr noch in Eiinnernng unserer Leser sind, hat als langjähriger Führer der D e u t s ch s o Z i a! c n Partei für die Heilung Deutschlands von allen Hebeln, besonders auch von den Juden, gelebt und gewirkt. Seine katastrophale Niederlage bei den letzten Reichstagswahlen — bekanntlich ist nicht ein einziges Mitglied seiner Partei gewählt worden — hat ihn anscheinend gelehrt, daß seine Kuren am Körper des deutschen Vaterlandes verpfuscht waren. Wie wir jetzt in der Z e i t s ch r i s t de r Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung des Kurpfuschertums „G es u nd h e i t s leh re" vom l. August d. I. lesen, hat er deshalb das Lbictt seiner Tätigkeit gewechselt: Cr kuriert nicht mehr am deutschen Vollskörpcr, sondern am EinZelmenschen herum. Für diesen neuen Berns hat er sich nach Mitteilung der „Cesundheitslehre" schwn während des Wahlkampfes, vermutlich in richtiger Voraussicht seines Ausganges, vorbereitet: Er hat sich nämlich „Gelder von den nichtapprvdierten Heilkundigen Zürnenden lassen" unter der Zusicherung, daß „auch ein NichlaPProbiericr Parlamentarier werden würde". Das Feld seiner Tätigkeit hat Knüpvelkums nach mehrwöchiger Afnsteri; bei einem jungen Hr-llrund?^'.; namens G'aser in seinen früheren Wahlkreis verlegt, und wir rönnen nur wünschen, daß die Patienten dieses „jüngsten" Heukundigen langer am Leben bleiben als feine frühere Partei. Ed.

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