Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 43 (26.10.1928)
- Date
- 1928-10-26
- Page
- Seite 605 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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605 und Tod. Vor der Wiege eines Kindes, vor dem Grab eines Loten stehen wir in Ehrfurcht. Wenn diese letzten Banden reißen, stehen wir am Ende der Kultur. Hier beginnt unmittelbar das Tier, der Wahnsinn. Das ist Schauder erregend. Es hat nicht an Menschen gefehlt, die die nationale Bedeutung dieser Frage erkannt haben. Was bedeutet es aber, daß Männer wie Wilhelm Michel, Walter von Molo, Herbert Eulenberg ihre Stimme erheben, wenn in einer Zeitschrift, die sich „S ch ö n e t e Zukunft" nennt, zu lesen ist, und zwar im Aufsatze eines Pfarrers: ,Wenn irgendwo ein paar dumme Flegel ein paar jüdische Grabsteine umwersen, dann schreit gleich aües Zeter und Mordio." Hier muß haltgemacht werden! Es ist höchste Zeit, daß eine Volksbewegung entsteht, um die Ehre des Deutschtums zu retten. In seinem Schlußworte bemerkte Herr JusLLzrat Dr. Vrodrritz noch folgendes: Wenn man uns ins allertiefste treffen will, vergreist man sich an den Gräbern unserer Väter und Mütter. Es gibt keinen Juden, der nicht dieses Gefühl der Pietät empfindet. Seit Jahrtausenden betten wir in deutscher Erde unsere Väter und Mütter. Wer das Kaddisch gebet spricht, der fühlt die Schande von ganzem Herzen, die dem deutschen Volke droht. Einstimmig wurde daraufhin folgende EMchMum angenommen: Die zu der Kundgebung Im Herrenhaus versammelten Hunderte von deutschen Bürgern und Bürgerinnen erklären: Die Tatsache, datz Judengegner zur Durchsetzung ihrer Ziele an Stelle geistiger Waffen rohen llcberfall, verbunden mit schweren Körperverletzungen und Sachbeschädigungen, insbesondere Schändung von Grabmälern, anwenden, ist in so bedrohlichem Matze durch Die Ereignisse der letzten Jahre bewiesen, das; das öffentliche Gewissen aller Teile Des deutschen Volkes aufgerufen werden mutz, um bei aller politischen Verschiedenheit aus innerstem VilLigkeitsgesühl heraus Die dem Denken und Tun der Täter zugrunde liegende Gesinnung als eine Schmach für Deutschland und die deutsche Kultur zu empfinden. Die Versammelten rufen das gesamte Volk Zur entrüsteten Ablehnung der Untaten und Zur Schaffung eines Geistes auf, der bei alter Freiheit der Meinungen eine Austragung von politischen Fragen nach den Begriffen von Recht, Sitte und Anstand fordert. Justizrat Dr. Brodnitz: Möge diese heilige Stunde gesegnet sein im Dienste des deutschen Vaterlandes. Lassen Sie mich schließen mit den Worten, die Ludwig Fulda uns soeben aus Anlaß dieser Kundgebungen schreibt: Wer schuldlose Lebende mißhandelt, schändet sich selbst. Wer sich an der Heiligkeit des Todes vergeht, schändet die Menschheit. Nur mit der Beobachtung der an die Oberfläche tretenden Erscheinungen des Genieinschaftslebens und der Auseinandersetzung mit den äußerlich für sie ursächlichen Vorgängen würde unser Centralverein seine in hohem Maße erzieherisch-austauende Tätigkeit nicht erfolgreich ausüben können. Wir müssen uns darüber klar stin, daß alles, wenn es erst erkennbar wird, einen umfangreichen Prozeß des Werdens bereits durchgemacht hat. Was ergibt sich unter dieser Voraussetzung bei einem kurzen Ueberblick über die Arbeit und Arbeitswirkung des Nationalsozialismus? Es ist festzustellen, daß sich der größte Teil der Betätigung dieser Gruppen nrcht im Lichte der Dessentlichkeit vollzieht, daß ihr vielmehr die u n t e r i r d i s ch e A r b e i t im hohen Maße wesen-eigen ist. Wir mußten auch dieser Arbeit nach Möglichkeit nachgehen, und weil wir die ersten waren, die sich diesem vre! seelische Ueberwindung erfordernden Geschäft unterzogen, konnten wir schon seit langem unsere engeren und weiteren Freunde im jüdischen und nichtjüdischen Lager warnend darauf Hinweisen, daß aus dieser Arbeit über kurz oder lang verhängnisvolle Auswirkung» entspringen müssen. Wir sahen diese Wirkungen mit um so größerer Wahrscheinlichkeit entstehen, als unsere Warnungen in den meisten Fallen zwar auf Verständnis streßen, aber bei denen, die uns willig und oft auch erscyüttert zuhörten und uns glaubten, nur sehr selten bis in jene seelischgeistige Sphäre vordrangen, in der seelischer Widerstand zum wiüensmäßigen Handeln wird. Es ist jener Zustand, der sich am besten damit charakterisieren läßt, daß man uns auf unsere Warnungen hin sagte: „Wir sind gegen diese und jene Erscheinungen, aber was können wir gegen sie tun?" Es ist die Trägheit des Herzens, die unser und nicht nur unseres Kreises gefährlichster Gegner, der wir so oft begegneten. Und so wurde der Unterschied zwischen dem zielbewußten Handeln der anderen und der häufig nur rhetorischen Gegnerschaft unserer Freunde immer stärker, und das Ergebnis sind Friedhossschändungen, Synagogenbesudlungen, planmäßige Ueberfälle. Es gibt aber einen Kreis innerhalb der deutschen Volksgemeinschaft, der über das Rhetorische hinaus bereits zur Tat. zum planmäßigen Handeln übergegangen rst. Wer diesen Kreis stärken, aktivieren will, muß unsere Bewegung unterstützen. Es ist kein Rückfall ins Deklamatorische, wenn wir in diesen Tagen mit unserer großen Kundgebung an die Oeffentlichkeit traten. Diese Kundgebung galt der Trägheit der Herzen, sie wollte Wachrüttlung der Gewissen, sie erreichte die Bereinigung aller Gutgesinnten auf einer geistigen Ebene. Die Reichsregierung hat sich zum Träger dieser das Volk in seiner überwältigenden Mehrheit ergreifenden Gefühle gemacht. Möge ihr Aufrus tiefer dringen, als bloß befriedigtes Mitanhören Hervorrufen. E r sollte zum Handeln wachrusen. Es gilt, ihm zu solgen. Einem wahrhaft vaterländischen Manne! Zum Rücktritt von Dr. Marx. In diesen Tagen hat Reichskanzler a. D. Marx den Vorsitz derDeutschen Zentrumspartei niedergelegt. Wenn „dem Mimen die Nachwelt keine Kränze flicht", dem Politiker nicht einmal die Gegenwart. Und so sind in den deutschen Zeitungen lange nicht genug die großen Verdienste des hervorragenden Zentrumsführers jetzt gewürdigt worden, die er sich als Lenker des Reichsschisses in schweren Sturmzeiten dauernd erworben hat. Bei der politischen Neutralität unserer Zeitung kümmert uns hier nicht die Frage, ob Dr. Marx einen Rechts- oder Linkskurs des Zentrums gewünscht hat. Wir sehen in ihm eine der besten Traditionen des deutschen Zentrums verkörpert, wir sehen dankbar in ihm einen würdigen Nachfolger der auch uns deutschen Juden unvergeßlichen Windthor st. Lieber und Gröber, die genau wie Marx jenseits von Taktik und Aengstlichkeit gegen manches uns deutschen Juden zugefügte Unrecht offen ihre gewichtige Stimme erhoben haben. Im Sommer 19*22 hat Dr. Marx auf eine Anfrage unseres Centralvereins eine längere Antwort gesandt. In ihr finden sich die schönen Worte: ,Jch glaube nicht, daß zu befürchten ist, daß weitere katholische Kreise der antisemitischen Agitation Folge geben werden. Sie würden damit m. E. dem Grundgebote des Christentums, wenigstens in der Tat, entgegenhandeln. Die vaterländisch gesinnten Juden dürfen im Kampfe gegen die antisemitische Hetze auf die Unter st ützung des katholischen Volkes und auch der Zen trumspa r tei rechnen." Dieses eindeutige Bekenntnis hat ihm, besonders von rechts- Politischer Seite, von der völkischen ganz zu schweigen, manche Unannehmlichkeit eingetragen. Marx hat sich dadurch nicht anfechten lassen und als Zentrumssührer wie als Reichskanzler sich stets zu seinen Worten bekannt. Das deutsche Politische Leben wäre um eine wesentliche Politische Persönlichkeit ärmer, schiede Dr. Marx gänzlich aus ihm. Wir wünschen herzlich, daß Dr. Marx, wie die Zeitungen melden, an einer anderen wichtigen Stelle des deutschkatholischen Lebens wciterarbeite und segensreich wirke. Das deutsche Judentum spricht ihm bei dieser Gelegenheit hohe Wertschätzung und aufrichtige Dankbarkeit aus. „hinterlistig unö unöeutsch." Die Berufung Gultcrers verworfen. Im August d. I. wurde, wie wir berichteten, der Redakteur des völkischen „Frankfurter Beobachter', Leopold Gutterer. wegen Vergebens gegen das Gesetz zum Schutze der Republik und össcntlicher übler Nachrede gegen Rabbiner Dr. Salzberger in Frankfurt a. M.. der anläßlich einer Eesallcncngedächtnisseier der „Kriegerkameradschaft" auf Wunsch des Vorstandes als Vertreter der jüdischen Religionsgemeinschaft gesprochen hatte, zu einer Gefängnis st rase von zwei Monaten verurteilt. Ta Gutterer gegen dieses Urteil Berufung eingelegt hatte, verhandelte nun die Große Strafkammer in Fr a n t f u 11 a l s Berufungsinstanz- Auch jetzt hielt der Angeklagte feine bereits ausgestellte Behauptung aufrecht, daß es eine „jüdische Frechheit gewesen sei, daß Rabbiner Dr. Salzberger bei der Kriegergedenkseier gesprochen habe". Er erklärte noch, daß es nach feiner Meinung bedauerlich sei, daß Juden überhaupt am Kriege teilnehmen tonnten. Das Gericht verwarf die Berufung des Angeklagten und hielt das Strafmaß in vollem Umfange aufrecht. In der Urteilsbegründung führte der Vorsitzende aus, daß die näheren Umstände, obwohl es sich um einen Unbestraften und Jugendlichen handle, eine hohe Bestrafung erforderlich gemacht hätten. Der Angeklagte habe eine Gefallenenehrung zum Anlaß genommen. Rabbiner T-r. Salzberger zu beschimpfen. Hier handle es sich um eine Verrohung des politischen KanrpseK und um eine Handlungsweisedie man nur alS hLnterlistig und nnderttsch bezeichnen könne. Dem Angeklagte» müsse durch eine exemplarische Bestrastmg die Pflicht eines deutschen Staatsbürgers klargemacht werde».