Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 43 (26.10.1928)
- Date
- 1928-10-26
- Page
- Seite 602 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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402 Grabmalschänvungen seien dnrch Juden erfolgt, um zn einer Hetze gegen Dcutschvölkischc benutzt werden zu können. Deshalb war die Notwendigkeit gegeben, hier laut vor der Oeffentlichkeit die Stimme'zu erheben. Wir haben seit Gründung unseres Vereins immer den Standpunkt vertreten, daß wir deutschen Juden ohne Eideshelser unsere Verteidigung selbst führen. Wir haben unsere Arbeit von Anbeginn an in dem Bewußtsein verrichtet, durch sie nicht nur unseren eigenen Interessen zu dienen, sondern der Gesamtheit des deutschen Volkes, weil es keine Verletzung des Rechtes des einzelnen gibt, die nicht gleichzeitig eine Verletzung des Rechtes selbst und damit eine nicht dauernd tragbare Erschütterung der Grundlagen eines jeden Kulturskaates darstellt. Aus dieser Einstellung heraus begrüßten wir es. daß die beteiligten Ministerien des Reiches und des preußischen Staates auch in der Kundgebung sich zn uns gesellt und unseren Notrrlf an das deutsche Volk in herzerfrischender Weise unterstützt haben. Es war insbesondere für uns eine Stärkung in unserer schweren sittlichen Arbeit, wenn der Reichsininister der Justiz, Dr. Erich Koch- Weser, namens d er Reichsreg ieru ng erklärte, daß die Reichsrcgierung in diesem Kampfe, nicht des Juden gegen fZe/cftsjustiz m/h ihrer W Erich KCCHyf'SJSQ Spr/cht. Präj/ctesitesL f/seft den Antisemiten, sondern desMenscherrgegendenUnmenschen, sich unseren! Proteste in jeder Hinfr ch t a n s ch l i e ß e. Es Zeigte eine feine Einfühlung in unsere Eedankengange, wenn der Minister in seiner Erklärung den Gedanken zugrundelegte, daß deutsch ist, wer durch Sprache, Sitte, Kultur und Schicksalsgemeinschast zum deutschen Vaterlande gehört. Zutreffend hat Dr. Bruno Weil in seinen Ausführungen unterstrichen, wie sehr wir Deutschen daran interessiert sind, daß die Achtung vor den Gräbern unserer Lieben nicht gefährdet wird. Die Gefallenen des letzten Krieges ru^n in fast allen Ländern. Ich möchte hinzufügen, ungezählte Deutsche haben durch die Abtrennung, wie sie der Vertrag von Versailles beschaffen hat, ihre Heimat verloren. Ihre Angehörigen ruhen rn fremdem Boden. Wie der einzelne politisch oder religiös stehen mag, ohrre jede Ausnahme tritt er mit heiliger Ehrfurcht an die Stätte, die die letzten Reste lieber Angehöriger birgt* Wir deutschen Juden stehen in der Liebe zu unseren Grabstätten keinem Kulturvolle nach. Wer jemals vor unseren hohen Feiertagen einen jüdischen Friedhof besucht hat, der weiß, welcho Verbindung zwischen den Lebenden und den Heimgegangenen bei uns besteht. Jeder von uns weiß auch, daß Ungezählte alljährlich aus weiter Ferne ihr Heimatland nur besuchen, um an den Gräbern ihrer Lieben die alten heiligen Gebete zu verrichten. Sollen diese Juden, die zum Teil unter größten Opfern ihre in der Ferne gestorbenen Angehörigen in heimatlichem Boden gebettet haben, geschändete Friedhöfe vorfinden? Wer Gotteshäuser und Friedhöfe schändet, versetzt nicht nur der beteiligten Religionsgesellschaft, sondern allen Mitbürgern, die auch nur eine Spur von kultureller Verantwortung empfinden, einen Stoß in das Herz. Unfet Ruf an alle, die es angeht, darf und wird nicht verhallen. Wir glauben an unsere Kulturarbeit und traben in aller Not uns an dem Gedanken aufrechterhalteu, daß echte Kulturarbeit niemals ohne Erfolg bleibt! Justizrat Dr. Julius Brodnitz. Justizrat Dr. Julius Brodnitz, der Vorsitzende, erofsnele die stark besuchte Kundgebung und führte einleitend ungefähr aus: Im Namen des Vorstandes des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens heiße ich Sie willkommen-. Mid besonderem Dank begrüße ich zahlreiche Vertreter der Behörden, auch der höchsten Behörden, so Herrn Staatssekretär im Preußischen Justizministernrm H o l sche r , den Herrn Präsidenten des Preußischen Landtags Bartels, den Herrn Polizeivizeprasideuten Dr. Weiß. Auch der Herr Reichsjusllzminister Dr. Koch hat sein Erscheinen zugesagt. Wir haben heute als Thema angekündigt: ,,Ve r s ü n d i g u n g an der deutschen Kultur/ Wir haben damit zum Aus-, druck bringen roollen, daß die schrecklichen Ereignipe, die uns veranlaßen, heute hier unsere Stimme zu erheben, nicht von uns in erster Linie unter Rcchtsschutzgedanken betrachtet werden. Die Täter sind überall sofort verfolgt worden; Landes- und Neichsbehördcn haben sich für die Verfolgung und die Unterdrückung dieser fürchterlichen Zustande eingesetzt. Ich erinriere insbesondere an den Erlaß des Preußischen Justizministeriums. Mir liegt hier eine ZusammenstellungderFriedhofsschändungcn vor. Sie beginnen im November 1923. Das Jahr 1924 weist 16 Fälle auf. Das Jahr 1925 bringt wieder vier Fälle von Grabmalschändungen. Das Jahr 1926 bringt elf Fälle. Das Jahr 1927 bringt 17 Fälle, insgesamt 62 Fälle. _ Sie werdenauch wohl aus der Oeffentlichkeit die Vorgänge kennen, die sich am Vorabend unseres höchsten Feiertages in Oppenheim abgespielt haben. (Ter Redner verliest den bekannten Berich: aus der „E.-V.-Zeitung".) Welch strrchtbare Verhetzung muß sich in den Gemütern Jugendlicher geltend uiachn, wenn man sie noch dahin bringt, solche Taten als vaterländische Leistungen zu betrachten. Tie Erfahrung hat uns gelehrt, daß diese Verirrungen noch lange nicht genügend inr unserem Daterlande bekannt sind. Deshalb wll dieser heutige Abend aufklärend wirken. Wir wollen alle vereint daran arbeiten, diese schreckliche Erscheinung in ihren Grundlagen zu erfaßen und nachdem wir dies getan haben, ihr kraftvoll und würdig begegnen. AaöMr §r. C. Ml (Og!ü3) führte etwa folgendes aus: In dieser Stunde der Kundgebung gegen die Versündigung an deutscher Kultur zu Ihnen sprechen zu müssen, ist mir zugleich ein Gefühl der Scham. Ein Gefühl der Scham mir ganz besonders, weil ich hier sprechen muß im Namen weiter Kreise des besetzten Gebietes. Bis vor zwei Jahren etwa waren wir von der Flut der Gehässigkeit verschont, und das ist der erste Grund der Scham: in dem Augenblick, wo die Wachsamkeit der Besahungsmächte auf Grund der Politischen Vereinbarungen nachzulassen gezwungen war, glaubten die Kreise, gegen die sich unsere Kundgebung richtet, den" Au genblick gekommen, wo sie auch im besetzten Gebiet dreist ihr Haupt erheben dürften. Der Redner ergänzte die Ausführungen von Justizrat Dr. Brodnitz über die Vorgänge in Oppenheim durch Mitteilung der Tatsache, daß der von Mesierstichen mißhandelte Kriegsbeschädigte Hirsch wenige Minuten zuvor den nationalsozialistischen Autos, ihre Besetzung nicht kennend, als Führer diente. Die rohen Mißhandlungen Ovaren der Dank. Der Redner schilderte die Vorgänge in Nastätten, wo eine Versammlung, in der Geistliche der drei Konfessionen für den inneren Frieden sprechen sollten, infolge Terrors von aus Köln herbeigceilten Nationalsozialisten nicht stattsmden konnte und anläßlich der Ausschreitungen, die sich aus Belästigungen der Bürger durch die Nationalsozialisten ergaben, ein Gendarm von seiner Waffe Gebrauch machen mußte und einen jungen Mann niederschoß, nachdem der Kamerad des Beamten, durch Meperstiche verletzt, blutüberströmt znsammengebrochen war. Dr. Levi beschrieb das Verhalten der Nationalsozialisten in der Mainzer Versammlung, in der sie, als rvenige Menschen versuchten, Zwischenbemerkungen zu machen, durch eine reguläre Schlacht mit Stuhlbeinen und Demolierung des gesamten städtischen Mobiliars ihrer Politischen Ileberzeugung Ausdruck gaben. Er verlas Drohbriefe an Mainzer jüdische Geschäftsleute. Diese Briefe waren unterzeichnet mit „Deutscher Siegfried". Empört geißelte der Redner diese Kampfesweise aus dem Dunkeln, die allem andern als deutschem Siegfriedsgoist entspreche. Er schilderte, wie Zeitungen versteckt Schülern in die Hand gedrücktwerden und so täglich Gift in die jungen Seelen geträufelt wird. Wenn Haßaesinnung eine Strafe bedeutet: Armes deutsches Volk, das f o gestraft i ft, weil seine Seele so vom Haß erfüllt ist. Wenn früher einer für seine Ueberzeuglmg eintrat-, deckte er sie mit seinem Namen. Diese deutschen Siegfrieden aturen verkriechen sich und scheuen sich ihre Tat zu bekennen. Unsere Freiheit und u n s e r e Erlösung kann erst kamt kommen, wenn wir begriffen haben, daß wir aus Vergangenem lernen müssen. Ganz Deutschland müßte ausstehen und gegen dieses Gift mit Wort und Tat kämpfen, denn man untcrwühtt die