Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 42 (19.10.1928)
- Date
- 1928-10-19
- Page
- Seite 595 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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595 Dis Problematik öes modernen Juden. Bemerkuttgen pt Ludwig Sewisohns Buch „TIic Island lVitliln“. Es gab eine Zeit. in der das jüdische Problem gelost 31t sein schien — zum mindesten für viele Inden des weftcuropäisch-amerikanischen Kulturkreises; diese Losung hieß Assimilation'. Aufgeben aller Aondrrart. sich der äußeren Erscheinung, den Litten und Guvohnheiten der nichtjüdischen Umgebung, ihrem Denken, ihrer Art der Lebensführung vollkommen anzupassen und achtzugcben, daß man durch nichts sein Judesein verriete, sich über alle Konflikte und Probleine himvegzutäuschen. den Zusammenhang mit anderen Juden zu meiden und zu versuchen, in die nichtjüdische Gesellschaft Eingang zu finden. Als sich der Antisemitismus wieder stärker bemerkbar machte, wollten viele ihn nicht sehen, gaben vor, „persönlich" nichts zu spüren, andere erklärten ihn für eine ^Zeitcrfcheinung", für eine „vorübergehende Welle", wobei sie übersahen, daß diese Welle nun schon neunzehn Jahrhunderte — gewiß nicht immer gleich stark anschwellend — emporschlügt. Tas Nichtsehen des Widerstandes war ein Nicht--» sehen-Wollen. war Ausweichen und Feigheit; die Situation erfordert eine offene Auseinandersetzung mit der jüdischen Problematik, an der jeder Jude leidet, mag er es zugeben oder nicht, und die der Außenstehende kaum jemals uechzuerleben imstande ist. Unsere Generation empfindet sie mit besonderer Schärfe, weil die widerstände, gegen die sie heute anzukämpfcn hat, besonders groß sind. Ludwig L e w i s 0 h n, der sich bereits in einem srüheren, auch ins Deutsche übersetzten Buchs „Gegen den Strom" — der Geschichte seines eigenen Lel>ens — mit der Stellung des Juden im amerikanischen Leben beschäftigt hat, läßt eben einen Roman ,/Ibe Island Within“ (New Jork und London, Harper & Brothers) erscheinen, der deutlicher noch als das frühere Buch das jüdische Schicksal schildert und depcn Problematik in feiner ganzen Tiefe enthüllt. Obwohl zum größten Teil in Amerika spielend, verdient das Buch auch bei uns Beachtung, denn die innere Lage ist nicht wesensverschieden. Die Geschichte beginnt in Polen. Ein armer Lehrer, seiner Armut müde, tritt in ein Geschäft ein. sein Sohn heiratet die Tochter des Inhabers und wandert mit dieser nach Preußen aus. In Insterburg siedeln sie sich an; von den Kindern interessieren drei. Ter eine Sohn studiert Rechte, siedelt nach Berlin über, bricht jede Beziehung zu Eltern und Geschwistern ab. wird Christ und macht eine glänzende Karriere; innerlich kommt er vom Judentum nicht los, seine Frau entstammt jüdischen Kreisen, seine Bekannten sind Juden, und als er die Nachricht erhalt, daß sein Sohn als Fliegerleutnant im Kriege gefallen ist, kommt wieder das alte jüdische Bekenntnis über seine Lippen: „Höre Israel, der Ewige unser Sott . . Seine Schwester hat einen jüngeren Gelehrten geheiratet, der eine Professur an der Breslauer Universität bekommt; sie bleiben dem Judentum in jeder Beziehung treu. Ter jüngste der Söhne. Samuel, wandert nach Amerika aus; nach anfänglichen Schwierigkeiten gelingt es ihm. eine Stellung in einem jüdischen Geschäftshaus zu finden. Mw einem Mitangestellten macht er sich später selbständig, und nach einer Reihe von Jahren blüht das Unternehmen auf. Er heiratet, und der Ehe entstammen zwei Kinder, ein Sohn Arthur und eine Tochter Hazak. Arthurs Leben bildet den eigentlichen Inhalt der Geschichte. Sein Lebensraum ist New kjork, seine Umgebung besteht aus jüdischen Kausleuten. die seit mehr oder weniger langer Zeit in Amerika ansässig sind; sie alle bemühen sich, ihre alte Heimat und ihre Abstammung möglichst rasch und möglichst vollkommen zu vergessen und hundertprozentige Amerikaner gu werden. Daher ihr Bemühen, nach Möglichkeit in amerikanische christlich: Kreise hineinzukommen und den jüdischen Umgang einzuschränket Man ist erfreut, wenn es gelingt, traurig, wenn man keinen Erfolg hat. Artbur Levy kommt zur Schule und ist glücklich über den ersten christliche Freund, und die Eltern freuen sich mit ihm — der Freund wird ins Haus geladen und schaut sich dort ulrerall fremd um: ..Mein Vater sagt, es gibt eine Masse netter jüdischr Leute . . Ter Sohn des Kompagnons Joe Gold mann hält mehr zu den Juden. Arthur wird größer und seine Hinneigung zu den „anderen" wächst. Sein Name wird ihm unangenehm. „Wenn der Lehrer oder ein Klasienc^sährte ries Fevyh dann zog sich irgend etwas in ihm zusammen ..." Er entdeckte jetzt, daß sein Vater mit einem fremden (Schloss vca S'ite 594.) senden, um sich die Sympathie der Geistigen zu erwerben, er mutz auch seine Arbeit aus die große kritiklose Masse einftellen und um ihre Sympathien werben. Eine solch Pressestelle hat die Ausgabe, in ständiger persönlicher Fühlungnahme mit den Redaktionen der Maßgebenden Zeitungen zü stehen und einen ständigen geistigen Austausch mit diesen zu unterhalten. Sie muß die gewaltigen und vorbildlichen Institutionen jüdischen Gemeinsinns auch dem Nichtjuden nahebringen, und sie mutz vor allem — und das ist ihre wichtigste Ausgabe — täglich zu jedem aktuellen Problem, das in ihr Bereich fallt, Stellung nehmen und Zur Berichterstattung bereit sein. Das alles ist eine Aufgabe der Organisation, die von Tag zu Tag gevieterifchr sich hervordrängt und die nach jeder Richtung hin segensreich und lebendig sich auswrrken kann. Naftriiches fttos&as Zur (aesimdhalfuns! Fachinger Versandstclle, Berlin SW 11, Schöneberger Stra-se 16a, Telefon: Lötzow 8260/61. Akzent sprach wie feine Großmutter Oberwarter und Joes Vater. Gewiß hatte er das immer gewußt, aber jetzt wurde dies Wissen deutlicher und schmerzvoll. ..Er saß Zu Haus bei Tisch und biß sich in schrecklicher Erregung auf die Lippen, er schämte sich die-er Erregung und suchte sie zu überwinden ..." Er besieht die Columbia-Universität, schließt sich hier wieder an christliche Studierende an; er wird von ihnen geachtet, aber nie wird er von ihnen in ihr Haus -eingeladen, nie kommt er über einen gewissen Abstand hinweg. Er fühlt sich fremd, und dieses Gefühl, doch nicht ganz für voll genommen zu werden, erzeugt einen tiefen Schmerz in ihm. D:e anderen erzählen voller Stolz von ihrer Familie und deren Geschichte, er steht fünnm dabei, soll er von Polen imd Insterburg roden? Immer muß er auf der Hut sein, nirgends an.zustoßerr. „Ist eily Jude laut, dann zittern alle anderen, man möchte dies für eine Bestätigung des allgemeinen Vorurteils halten, und besonders die Angehörigen der eigenen Familie, die als vornehm im christlichen Sinne gelten möchten." Nur nicht auffallen als Jude, nur alles, was irgendwie die Blicke auf sich Ziehen könnte, abstreisen. Ter Krieg kommt: Amerika wird immer mehr in ihn hineingezogen-, mrd die Isolierung der Juden wächst in Amerika wie überall. Man nimmt ihnen ihr Judesein übel, hält sie von vornherein für verdächtig; die ältere Generation, dw den Glauben an die Freiheit Amerikas in sich genährt hatte, leides darunter besonders. Arthur widmet sich ganz seinem Studium und winenschastlichec Arbeit; er besteht sein medizinisches Examen. Mit Mühe fir&et er eine Assistentenstelle in einer psychiatrischen Klinik: als er entdeckt, daß Wärterinnen Kranke schlagen, fühlt er sich verpflichtet, dies anzirzeiaen — aber die Anzeige kostet ihn seine Stellung: gewiß, der Judo hat recht, aber was muß er sich um T-inge kümmern, die andere tun und die nur Anruhe bringst? Arthur läßt sich als Psychiater nieder; er studiert Psychoanalyse und Individi:a.lpsych?bogie, und sein durch sie geschickter Blick sieht nun tiefer in die jüdische Seele hinein — Überall Minderwertigkeitsgefühle. die zu den schwersten Störungen führen können. Ein Vetter, Verleger, sammelt um sich einen Kreis' von Literaten, überwiegend Indem viele Christen, die ihn brauchen. Hier lernt er Elisabeth Knight kennen; er verliebt sich in sie, und als ihre Beziehungen nicht ohne Folgen bleiben, heiratet er die christliche Journalistin. In dieser Ehe enthüllt sich der Unterschied in der Lebensanschauung, im Lebensrhythmus, im Denken und Fühlen. Man spürt von vornherein, daß diese Ehe nicht halten kann. Die Eltern find unglücklich, aber sie kommen Elisabeth mit Liebe entgehn, ohne daß jedoch auch nur etwas Wärme auskommen kann. Inzwischen hat Arthurs Schwester einen jüdischen Kaufmann geheiratet; sie will nichts mit Juden zu tun haben, und so zieht man in ein ausgesprochen christliches Stadtviertel. Man verkehrt nicht mit Juden, also steht man bald vollkommen isoliert da, man spürt den Widerstand überall. Kommt ihr Kind aus die Straße, dann rufen die anderen Eltern ihre Kinder ins Haus. Ter Mann fühlt sich unglücklich und die Ehe droht zu scheitern, bis Hazal endlich nachgibt: man bejaht sein Ju«ssem, schließt sich Juden an. Arthurs Klientel wächst, fast ausschließlich Juden suchen ihn auf. und immer wieder sieht er, wie die jüdische Lage sie quält: die ältere Generation ist noch in ihrem Judentum verwurzelt, die jüngere hat meist jeden Zusammenhang mit ihm verloren, sie hat versucht, alle Bindungen abzustreifen und ganz in Amerika heimisch zu werden — aber überall fand sie Widerstände und Hemmungen, und immer wieder wurde sie zurückgestoßcn, nun jedes Haltes entbehrend. Wohin gehören wir? Tiefe Frage läßt ihnen keine Ruhe, irgendwie leiden alle an ihr. And das Gefühl der Unsicherheit, das daraus stammt^ führt sie dazu, über ihre Lage nachzudenken und sich mit der jüdischen Vergangenheit Zu beschäftigen. Sie brauchen diese nicht Zu scheuen; die Geschichte enthüllt ihnen eine Fülle von Leiden, die die anderen über sie gebracht haben, sie enthüllt ihnen aber auch die Größe ihrer Vorfahren, die Menschen und gewiß nicht frei von Fehlern waren, die aber als Menschen einer Idee lebten und den Mut hatten, ihr Zu dienen und für sie einzustehen. Arthur findet so den Weg Zurück Zum Judentum und damit zum Elternhaus, er will nicht länger sich und andere täuschen, er will nicht länger seinen Ursprung und seine Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft verleugnen, auf die er stolz sein kann. Der ehrliche und wohlwollende Nichtjude muß dies anerkennen: „Wenn alle Juden so handelten, so würde ich sie mehr achten. Ich denke nicht, daß Juden, die keine Juden fein wollen, ‘bannt irgend etwas in den Augen anständiger Menschen gewinnen. Es steht schlecht um einen Mann, der seine eigene Gemeinschaft verrät." Er soll sie nicht unterschätzen, wie die anderen es tun. und sie nicht überschätzen, wie viele Juden es tun, sondern er soll in ihnen die Menschen sehen mit aA ihren Fehlern — und sie dennoch lieben, daun wird er sich bei und mit ihnen heimisch suhlen. i