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Central-Verein-Zeitung · 1928-10-19 · 42 (19.10.1928) · p. Seite 592

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
42 (19.10.1928)
Date
1928-10-19
Page
Seite 592 (sequence 4)
Language
German
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592 Neurs voo bsr NUMNMsorsMns. Von Stu-ienral Dr. Kurt Lewin (Berlin). Völlig bedeutungslos für die Raffensorschung^) im bisherigen Sinne ist die mit so großem Aufwand inszenierte großzügige „Blutgruppenforschung" geworden. Glaubte man zuerst, in der Blutreaktion das entscheidende Raffenmerkmal gefunden zu haben, so wurde man von Jahr zu Jahr bescheidener. Wenn die Zugehörigkeit Zu einer der vier Blutgruppen überhaupt etwas mit Rasse zu tun hat — was immerhin möglich erschien, da die Eigenschaft einen charakteristischen Erbgang zeigt —, so konnte sie nicht das, sondern im günstigsten Falle nur ein, mit soundso vielen gleichwertiges Rassenmerkmal darstellen. Dann müßte sie aber irgendwelche Beziehungen zu anderen Merkmalen haben. Solche Verbindung der BlutreakLion mit irgendeinenr anthropologischen Merkmal konnte bisher in keinem Falle sicher nachgewiesen werden. Alle derartigen Behauptungen (z. B. von Bernstein) beruhten ausnahmslos aus unzulässig kleinem Beobachtungsmaterial. Für die Zuordnung des Einzelmenschen zu irgendeiner Rasie bieten die Blutuntersuchungen nichtdiealtergeringste Handhabe. Damit ist eines der [tärfften und aus die unkritische Maffe wirksamsten Raffenkampsmittel völlig in sich zusammengebrochen. Alle neueren Untersuchungen auf diesem Gebiete haben sich auf einen logisch sehr anfechtbaren Ausweg zurückgezogen. Man untersucht die prozentuale Verteilung der vier Blutgruppen und konstruiert daraus einen Index, der die Verteilung charakterisiert, um aus dessen Größe eine Anschauung für die Beteiligung der verschiedenen Rassen an der Zusammensetzung der einzelnen Völker zu gewinnen. Auch diese Versuche kann man schon als gescheitert ansehen. Aus der ganzen Erde, ganz gleich, ob es sich um Schweden oder Indianer, um nahezu rassereine oder weitgehend gemischte Völker handelt, überall sind alle vier Blutgruppen (0, A, B, AB) vertreten. ÜeberaL stellt die Gruppe AB den geringsten Anteil (höchstens 10 Prozent), dann kommt immer B; überall betragen 0 und A zusammen mindestens 70 Prozent der ganzen Bevölkerung. Die gegenseitige Beteiligung dieser beiden größten Gruppen wechselt zwar, aber nicht eindeutig! Und da gerade ihr Verhältnis in den üblichen Jnderberechnungen zugunsten der kleinen Gruppe B und AB weitgehend unterdrückt wird, verzichtet man schon mehr und mehr aus den Inder und stellt nur die Prozentzahlen fest. Aber auch mit diesen ist nicht viel anzusangen: weitaus die Mehrzahl der bisherigen Untersuchungen ist an sich wertlos. Allzu geringe Zahl der Untersuchten, ungenügende Berücksichtigung der Fehlerquellen, unzulängliche oder ganz unterlassene mathematische Aufbereitung des Materials sind ihre charakteristischen Merkmale. Was an einwandfreien Zahlenübrig bleibt, läßt keine sicheren Schlüffe im Sinne der Rassenlehre zu und berechtigt auch nicht zu Hoffnungen auf die Zukunft. Fest steht nur tine merkwürdige geographische Verschiebung der Blutgruppenverteitung vom Nordwesten Europas nach Osten und auch wohl nach Süden mit den Isländern und nordanrerikanisthen Indianern als größten Gegensätzen. Dabei fallt auf, daß die Juden Berlins (untersucht von Schiss und Ziegler) sich von übrigen Gruppen des deutschen Kulturkreises gar n ich t, die Juden Polens von. den anderen Polen nur wenig unterscheiden. Dagegen erreicht die Blutgruppenverteilnng der Juden Polens und der Spaniolen in Dlonastir von der der Berliner Juden in demselben Sinne ab, wie die ihrer Umgebung von der Norddeutschlands. Die Ursachen dieses Verhaltens sind völlig unklar. Die geographische Verschiebung deutet vielleicht eine Beziehung zwischen Dlutweaktion und unbekannten, äußeren §iitflü}|cn an. Mit den Raffen aber hat sie jedenfalls nichts zu tun. Auch hier sehen wir den charakteristischen Widerspruch der Autoren desselben Buches: der Anthropologe Fischer sieht in der Blutreaktionsforschung für die Rassenlehre aussichtsreiche Anfänge, der Genetiker Lenz bezeichnet sie ironisch als die protze Mode" (a. a. O. S. 317). Zusammenfaffend kann man sagen: Die moderne Forschung in den in Betracht kommenden Wissenschaftszweigen hat für die „Kaffentheorien" keine Stützen schaffen können. (Lenz a. a. O. S. 573). „Vermutlich haben alle Menschen den größten Teil ihrer Erömaffe gemeinsam. Es ist möglich, daß die Unterschiede der Raffen nur durch eine kleine Minderheittex Erbanlagen bedingt feien, daß der Hauptteil der Erbmasse also mit . Rafsemruterschieden nichts zu tun habe. Schon daraus folgt, daß es nicht möglich ist, die Anteile verschiedener Raffen an der Erbmaffe eines Menschen anzugeben." Der Zusammenbruch der Rassentheorien fcebeutet natüriich auch das Fiasko des „wissenschaftlichen" Antisemitismus! Wir sehen bereits die Folgen in dem Abbröckeln der völkischen Parteien. Aber besser wird dadurch nichts, denn die wiflen- 0 Siehe „Neues von der Rassen, mt fo rschung7 ln der letzren Siummec dieses Blattes. d Blutgruppen. schaftliche Grundlage wird nun ersetzt durch die Rückkehr zu den ältesten, wirksameren Methoden: Auspeitschung der Instinkte zur Erzeugung einer Pogromstimmung. An die Stelle des Beweises durch Logik und Tatsachen tritt wieder der viel erfolgstchere „Beweis" durch st ä n d i g wiederholte Behauptnngl haben öieIuöen in Hapern emHeimatrechtl Die neue Schrift Dr. Ecksteins (Bamberg). Nunmehr ist endlich die längst erwartete Schrift von Rabbiner Tr. A. Eckstein (Bamberg) „Haben die Juden in Bayern ein H e i m a t r e d) t?-1) im Philo - Verlage erschienen. Am besten zeigt das Inhaltsverzeichnis, was das für unfern Kampf so wichtige Buch uns bietet. Inhalt: Das Heimatrecht der Inden. — 1. Die bayerischen Juden als Glieder der bayerisch-deutschen Schicksalsgemeinschaft. — 2. Die bayerischen Juden als Glieder der bayerisch-deutschen Sprach, gemeinschaft. — 3. SMe bayerischen Juden als Glieder der bayerischdeutschen Kulturgemeinschaft. — 4. Die bayerischen Juden als Glieder der bayerisch-deutschen Willensgemeinschast. —- Grundsatz, liche Stellungnahme. — Beilagen: I. Jüdische Inhaber der bayerischen goldenen und silbernen Tapferkeitsmedaille. — II. Jüdische Inhaber des bayerischen Militär-Sanitätsordens II. Klasse. — III. Jüdische Inhaber des E. K. I in Bayern. — IV. Jüdische Flieger aus und in Bayern. — V. Statistik der Feldzugteilnehmer der bayerischen israelitischen Gemeinden. — VI. Unsere Toten, eine „Judenzählung". — Lichtbilder von israelitischen Gefallenendenkmälern in Bayern: Kriegerdenkmal auf dem Friedhof der israelitischen Krrltusgerneinde München. Kriegerdenkmal auf dem neuen Friedhof der israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg. Gedächtnistafel auf dem israelitischen Ehrenfriedhos in Augsburg (Westseite), (^dächwistasel in der Friedhosshalte der israelitischen Kultusgemeinde Bamberg. — Schlußwort. Dem ersten Teil entnehmen wir folgenden Absatz (S. 36/37 des Buches), der geeignet ist, die wertvolle Arbeit Dr. Ecksteins zu charakterisieren: In den schwülen Julitagen des Jahres 1870 schlug eine Schicksalsstunds für die Zukunft des bayerischen Volkes. Hoch gingen die Wogen der politischen Meirnmgsverschiedenheiten hinsichtlich der Frage des Anschlusses an den Norddeutschen Bund und bedenklich schwankte das Zünglein an der Wagschale der Kamrnerabstimmung. Als bei dieser Gelegenheit ein Abgeordneter nach erfolgter Kriegserklärung des Norddcnrschen Bundes zugunsten der bewaffneten Neutralität als des kleineren Hebels eintrat und darüber Bedenken äußerte, ob die Pfälzer nicht vor den Greueln des Krieges zurückschrecken würden, da-ergriff ein schlichter Kaufmann das Wort, der Landtagsabgevrdnete Simon Levi aus Kirchheimbolanden (Pfalz), und erklärte: „Wir Pfälzer wollen unter allen Umftänden mit Deutschland gegen Frankreich gehen, was auch daraus werde. Die Pfalz ist einmütig bereit, im Notfälle lieber unterzugehen, als schmachvoll zu bestehen unter dem Schutze Frankreichs . . . Wir rechnen auf Ihren Beistand hüben und drüben^und hoffen, daß Sie uns nicht ohne Kampf untergeben laffen. Wenn Lie neutral bleiben, sind wir für Sie verloren.* Ebenso hat der jüdische Landtagsabgoordnete Justizrat Wolf Frankenburger (1827 bis 1889), der anerkannte Führer der Freisinnigen Partei und einer der bedeutendster^Redner der Kammer, seinen großen Einflusi und seine hochcmgesehene Stellung dazu benutzt, um bei der Wendezeit der neudeutschen Geschichte für die Herstellung der deutschen Rcichseinheit zu wirken. Am 18. Januar 1871 hat er seine in diesem Jntereffe in der Kammer gehaltene großzügige und von siaatsir.änmfcfier Weisheit zeugende Rede mit den Worten geschlossen: „Mir ist cs, als träte der Geist Uhlands in diesen Saal, um den Gegnern der Bündnisverträge zuzurrrfen: „Du Haft das Ganze nicht erfaßt, Ter Menschheit großen Schmerz, Tu meinst es löblich, doch du hast Für unser Volk kein Herz!" Damals, vor nahezu sechs Jahrzehnten, hat niemand es ger wagt, Männer von solcher Denkart, von so beschwingter und überzeugender Kraft vaterländischer Hingabe a r t - und wesensfremde Gäste aus bayerischer und deutscher Erde zu nennen. Seit jenen Tagen haben allerdings die Zeiten und Menschen mehr als früher in Jahrhunderten sich geändert. Was sich aber nicht geändert hat, weil es sich nie ändern kann, das ist die durch Tatsachen bezeugte Wahrheit . . . Die Schrift bietet, nachdem der württembergische Landesverband unseres Centralvereins eine namentliche Liste der württernbergischen Kriegsteilnehmer veröffentlicht hat. die bayerische Li st oder jüdischen Gefallenen sowie ein nach Gemeinden geordnetes Verzeichnis der bayerischjüdischen Fcldzugieilnehmer mit wichtigen Ausblicken auf die so ost zu Unrecht angegriffene jüdische Gefallenen, und Fcldzugteiluehmsrzahlung. Auf das verdienstvolle Buch wird noch eingehend zurückzukommen sein. Gleichzeitig ist im Philo-Verlage eine kleine Broschüre von D. Jacob (Dortmund): „Zum Antisemitismus im Attert rr xn**) erschienen. Der Aussatz Jacobs stellt eins treffende und treffliche Erwiderung auf einen Aufsatz von Dr. Dolkmann (Marburg) dar, in dem au Hand des Briefes des Kaisers Claudius an die ^iadt Alexandria versucht wird, klarzulegen, dast der Antisemit lsrrurs im Altertum. bereits an amtlicher Stelle bestätigt worden sei. *) Philo Verlag G> rn. b. Berlin SW 68, Lrnbenftrasze IS. Preis: M. 1.88. 9; Philo Verlag G. rn. b. Berlin SW 68, Lindenstraßr 13.

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