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Central-Verein-Zeitung · 1928-10-19 · 42 (19.10.1928) · p. Seite 591

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
42 (19.10.1928)
Date
1928-10-19
Page
Seite 591 (sequence 3)
Language
German
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591 die Wühler. Die Nationalsozialisten im Herbstkampf. Tag für Tag folgtgegenwärtig eine Versammlung oder Kundgebung der Nationalsozialisten der anderen. Wie sehen diese aus? Sind die' Nationalsozialisten wirklich nur die „geistigen Kämpfe x\ die jeden Zusammenhang mit Synagogenbesudlung und Friedhossschändung weit von sich zu weisen berechtigt sind? Wir geben in folgendem einen Bericht nach dem „Nationalen Sozialist für Sachsen" (39. Folge vom 30. September d. I.) über die Aerjammlungen des nationalsozialistischen Landtagsabgeordneten Schemm (Bayreuth). Er zeigt lehrreich auf, in welcher schrankenlosen Weise die Nationalsozialisten gegen Reichseinrichtungen, die Parlanrcnte und nicht zuletzt gegen uns Juden Vorgehen und die Saat ausstreuen, aus der dann Gervalttaten und schlimmere Truge erwachsen. Der Bericht lautet folgendermaßen: „Dawes-Bahn. — Parlamentarismus. — Max Holz ein Symbol unserer Zeit. — Adolf Hitler, der Retter. Ueber dieses Thema sprach der Landtagsabgeordnete Schemm (Bayreuth) am 18. September in Pausa, am 19. September in Plauen, am 20. September in R o t s ch a u und am 21. September in Markneukirchen. Auch diese Versammlungen wiesen einen guten Besuch aus. An verschiedenen Beispielen schilderte er die Zustände ber der Tawes-Bahn, genannt Reichsbahn. An den Unglücken ist nicht das Persona! schuld, sondern die internationale Dawes-Judengesellschaft. Prosit ist der oberste Grundsatz bei der Verwaltung. Im weiteren schilderte er die Jämmerlichkeit unserer heutigen Regierung, die sich von einer bolschewistischen nur noch wenig unterscheidet und deshalb jeden Mordbrenner seiner Freiheit zuführt. aber um das Vaterland sich verdient gemachte Männer hinter Schloß und Riegel behalte. Uebergehend zum Parlamentarismus, zeigte er an Beispielen, wie die Verantwortlichkeit ilmuer mehr untergraben und der Verfall eines Volkes gefördert wird. Eingehend befaßte sich der Redner in allen Versammlungen mit dem ideellen Gehalt des Nationalsozialismus und stellte so die Hauptwerte eines Volkes in den Vordergrund. Ter Herbstkampf hat im Vogtlande begonnen und wird in erhöhtem Maße und in verstärkterer Form als bisher durchgeführt werden. Lange darf die Stunde der deutschen Freiheit nichts mehr auf sich warten lasten. An alle Parteigenostcn und Partei ge nostinnen ergeht deshalb die dringende Bitte, neue Kämpfer der Beroegung zuzusühren und selbst unablässig im Kampfe tätig zu sein. Im Monat Oktober muß von allen Parteigliederungen eine rege Propaganda für die Presse einsetzen. Es ist Pflicht eines jeden Parteigenossen, sein Gauorgan „Der nationale Sozialist für Sachsen" zu halten und insbesondere im Oktober einen neuen Loser zu werben." Der Reichspräsident an General Ludendorff. Keine persönliche Antwort. In der letzten Nummer dieser Zeitung berichteten wir von der telegraphischen Aufforderung General Ludendorsfs an den Reichspräsidenten, wegen des angeblichen freimaurerischen Todesurteils gegen Ludendorff sofort gegen die „gemeine Verbrecherpest" einzuschreiten. Ludendorff hatte den Reichspräsidenten um „P e r s ö n l i ch e B e st ä t i g u n g" dos Telegramms gebeten. Das Organ Ludendorsss, die „Deutsche Wochenschau", teilt in ihrer Nummer 42 vom 14. Oktober folgende Antwort des Reichspräsidenten mit: Berlin W 8, den 7. Oktober 1928. Wilhelmstraße 73. Euer Exzellenz beehre ich mich im Auftrag des Herrn Reichs- Präsidenten den Eingang des Telegramms vom 3. d. M. sehr ergebenst zu bestätigen. gez. Dr. Meißner. Staatssekretär." Dazu bemerkt sie: „Wir fragen den Herrn Reichspräsidenten, was er auf das Telegramm veranlaßt hat und ob er entschlossen ist, das deutsche Voll von der freimaurerischen Pest zu befreien und die Erledigung dieses Sondersalls durch nichtfreimaurerische Staatsanwälte zu veranlassen. Wir stellen zndem fest, daß der Herr Reichspräsident von Hiudcnburg der Bitte des General Ludendorff. den Eingang des Telegramms persönlich zu bestätigen, nicht entsprochen hat. Allen denjenigen, die immer noch glauben, die Namen Hindenburg und Ludendorff gehören zusammen, sollte dieser Tatbestand zu denken geben." Nachdem in gleicher Nummer Ludendorsss Organ den „Jungdeutsch e n O r d e n" in die Front der Weltverschwörer stellt und sogar einen früheren Fürsten zu Lippe als einen der ersten Weltverschwörer bezeichnet, können auch in diesen Blättern vorerst wohl die Akten über den Fall Ludendorff geschlossen werden. Gestrafte Iriedhofsschänder. Ist die Tat wirklich gesühnt worden? In Ansbach fand vor wenigen Tagen die Verhandlung gegen zwei. Schüler der Fachschule für Maschinenbau statt, die beschuldigt lvaren, in der Nacht vom 20. zum 21. April nach einer völkischen Versammlung in Ansbach sieben Grab st eine umgeworfen und stark beschädigt zu haben. Tie Täter hatten sich im Kreise ihrer Schulkameraden dieser Tat gerühmt und waren dadurch der Staatsanwaltschaft zugeführt worden. Zu der Verhandlung war nur einer der Täter erschienen, der übrigens die Tat leugnete, so daß gegen den anderen Haftbefehl erlassen lverden mußte. Das Gericht kam jedock) 311 der Ueberzeugung, daß der Beschuldigte die Tat begangen hatte. Ter Amtsanwalt beantragte demgemäß gegen den 18 Jahre alten Hans Stöcker 50 Mark Geldstrafe und zwei Monate Gefängnis. DasUrteillauteteaus 100 Mark Geld st rase oder20Tage Gefängnis. In der Begründung des Urteils wies der Amtsanwalt darauf hin, welche Roheit es sei, den Frieden der Toten zu entweihen. Tiefe Vergehen müßten besonders streng gesühnt tverden, damit sie abschreckend wirkten. — 100 Mark Geldstrafe erscheint, soweit man aus dem uns übermittelten kurzen Bericht urteilen kann, keine sonderlich strenge Sühne für eine Friedhossschändung. Die Juden in Sowjetrußland. Ein Vortrag Dr. Jsmar Freunds. Als Auftakt zur Hauptvorstandssihung des Central- Vereins hatten Dr. Bruno Weil und Gemahlin die Mitglieder des Hauptvorstandes zu einem Tecnachmittag in ihr gastliches Heim am letzten Sonnabend geladen, um Dr. Jsmar Freund Gelegenheit zu geben, seine Eindrücke über die Lage der Juden in Sowjetrußland, das er vor kurzem bereist hat, zu schildern. Dr. Freund, der noch ganz unter dem Banne seiner Erlebniye und Studien stand, ging davon aus, daß man die Lage der Juden in Sowjetrußland nur richtig erkennen und beurteilen könne, wenn man sie als Glied der russischen Bevölkerung überhaupt betrachte, für die die russische Revolution eine völlige Umwälzung der Daseinsbedingungen bedeute. In diesem Zusammenhang gesehen, stelle sich aber die sogenannte Gleichberechtigung, die die Staatsumwälzung den Juden in Sowjetrußland gebracht hat, als eine groteske Tragödie dar. Tenn Freizügigkeit im Handel und Privateigentum sind in Rußland durch die^Staatsumwälzung verschwunden und haben restlos einem genopenschaftlichen Beamteuwesen und einer Verarmung des Einzelbewohners Platz gemacht. Nur der Bauer auf seiner SckwUe und der Beamte waren und sind also eigentlich die wirtschaftlichen Nutznießer der Revolution. Die Jude n, die in einzelnen Großstädten immerhin über einigen Wohlstand früher verfügten, und im weiten russischen Reich von den Erträgnissen des Einzelhandels sich kümmerlich durchschlagen konnten, aber im zaristischen Rußland weder Beamte sein noch Landwirtschaft ireifoit konnten, sind nunmehr auf ein Nichts gestellt. Sie vegetieren gewiffermaßen im luftleeren Raum, weil es die früheren Er- Werbszweige nicht mehr gibt und die neuen Möglichkeiten der Lebenssristung erst erlernt und beschafft werden müsien. Es sei erstaunlich, mit welcher Willenskraft und welchem eisernen Fleiß es trotz dieser erschwerten Lebensbedingungen den Juden mit Unterstützung der verschiedenen Organisationen gelungen sei, sich wenigstens einigermaßen zu behaupten und in ihrer Tätigkeit umzustellen. Tie vielen jüdischen Dörfer und Ansiedlungen, nur von Juden bebaut und unterhalten, seien ein Muster von Tatkraft, peinlichster Ordnung und Reinlichkeit, und fast ebenbürtig den Ansiedlungen der deutschen Kolonisten, die unter viel günstigeren Umständen seit Jahrzehnten in Sowjetrußland lebten. Die schwierigen Verhältnisse der jüdischen Ansiedler würden aber auch die deutschen Juden verpflichten, ihre Aufmerksamkeit und Hilfe den russischen Glaubensbrüdern zuzuweuden. Tie Gefahr der Üel>erflutung Deutschlands mit den sogenannten „O st j u d e n", die von judcngegnerischer Seite in böswilliger Absicht immer als besonderer Uebelstand vermerkt wurde, bestehe nicht, weil die Auswanderung durch Gesetz so gut wie unmöglich geworden ist. Ein Paß koste, nach deutschem Gelde, etwa 650 Mark, könne also kaum beschosst iverden; die gleichzeitige Auswanderung von Mann und Frau derselben Familie ist vollends verboten. Wenn man in manchen Kreisen der deutschen Judenheit immer davon gesprochen habe unb spreche, das Ostjudentum bilde ein Reservoir, um den angeblichen „Untergang der deutschen Juden" durch Neubelebung. besonders der religiösen Grundlagen, zu verhindern, so sei festzustellen'— vielleicht das tragischste Moment der Umwälzung —, daß leider in Sowjetrußland auch im jüdischen Lager die Beobachtung der religiösen Formen vielfach im Niedergang begriffen, die religiöse Gesinnung vielfach verpönt sei, obwohl die in Rußland durchgeführte Trennung von Staat und Kirche dem cinzelncu Juden die Wahrung und Beobachtung der Religion und ihrer Zeremonien in keiner Beeise verbiete. Es erwachse, so schloß der Bortragende seine mit interessanten Einzelheiten angesüllten Ansführungen, daher der Judenheit in Deutschland die Pjlicht, die Vorgänge im Judentum Sowjetrußlands genau zu beobachten und nach seinen Kräften zu versuchen, es mit einem geistigen Inhalt zu erfüllen. M. M.

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