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Central-Verein-Zeitung · 1928-10-19 · 42 (19.10.1928) · p. Seite 590

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
42 (19.10.1928)
Date
1928-10-19
Page
Seite 590 (sequence 2)
Language
German
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s-o den letzten Wochen die Nationalsozialisten in unermüdlicher Kleinarbeit um eine Vergiftung der Volksstimmnng bemüht geroesen sind. Er erörtert die einzelnen Schritte, die die Hauptleitung in Verbindung mit ihren Aw-eig stellen zur Abwendung von Schaden ergriffen hätte. Er erörterte insbesondere Inhalt und Nottvendigkeit der Arbeit auf dem flachen Lande und wies nach, wie der C. V. durch die politische Arbeit arn Volke und mit dem Volke, die Verbindung mit der Presse, den Ausbau aller politischen Beziehungen den Feinden der Judenheit ein Paroli bieten könnte. Dr. Wiener stellte den heftigen Ansturm dar, der jetzt von verschiedenen rechtsradikalen Seiten her gegen die Verfassung und den Parlamentarismus in Szene gesetzt sei. Es sei zwar keineswegs Aufgabe des Centralvereins, der politisch neutral sei, sich mit der Kritik am Parlamentarismus auseinanderzusetzen, aber es müsse doch sestgestellt werden, daß der große Sturm gegen Verfassung und Parlamentarismus hauptsächlich von den Seiten ausgehe, die das Judentum bekämpften oder ablehnten. Ter lauteste Rufer in btefem Streit, der augenblicklich wieder eine auffällige Energie überall entfalte, sei die nationalsozialistische Partei Hitlers. Der Redner erörtete sodann eingehend die Maßnahmen zur Bekämpfung des nationalsozialistischen Unwesens. Einen besonders breiten Raum seiner Ausführungen nahm die Besprechung der Friedhossschändungen ein. Die Maßnahmen des Centralvereins bei den Reichs- und Landesbehörden wurden dargetan und ebenso die Erweckung der führenden Geister des deutschen Volkes durch schriftliche und persönliche Fühlungnahme zur Abwehr dieser „Versündigung an der deutschen Kultur". Nachdem kurz über die Falle Ludendorfs und Münchmeyer und die dagegen getroffenen Maßnahmen berichtet wurde, wies Dr. Wiener ausführlich auf die erfolgreiche Aufklärungsarbeit des Centralvereins hin. Ter Ecntralverein halte cs für eine Gcldvergcudung, irgendwelche Bekehrungsversttche an Völkischen vorzunehmen, dagegen stehe er auf dem Standpunkte, daß gerade die breiten Schichten des Volkes, insbesondere die Arbeiter, das Bürgertum, die Bauern und die Führer des Volkes in Kirche und Schule und in den anderen geistigen Bernsen, möglichst geschlossen von unserer Aufklärung ersaßt werden müssen. Schon jetzt gehen allmonatlich 50 600 Exemplare der Monatsausgabe der „C. V.-Zeitung" nur in nichtjüdische Häuser. Die Zuschriften, die von Nichtjuden dem Centralverein in reichem Maße zugingen, bewiesen, daß diese planvolle Arbeit nicht ohne Wirkung geblieben ist. Dr. Wiener schilderte den umfangreichen Schriste uv erfand seitens der Centrale, der Landesverbände und Ortsgruppen. Dr. Wiener legte einige Schriften vor, die die mittelbare und unmittelbare Aufklärungsarbeit des Centralvereins dartaten. Im Philo-Verlag sei gerade in diesen Tagen eine wertvolle Schrift von Rabbiner Dr. Eckstein (Bamberg) „Haben die Juden in Bayern ein Heimatrecht?" erschienen, die wieder einmal beweise, welchen Anteil in Leben und Tod die deutschen Juden an ihrem Vaterlande nähmen. Dr. Wiener wies dann zahlenmäßig den Abdruck unserer planmäßig verschickten Notizen und Artikel aus der deutschen Presse nach. Alle Artikel und Notizen seien auf die verschiedensten Gebiete Deutschlands und die verschiedensten Stände abgestimmt. Diese Tatsache ergebe die recht beachtlichen und noch auszubauenden Erfolge unserer Preffeabterlung. Obrvohl alle unsere Maßnahmen aus den verschiedensten Gebieten des öffentlichen Lebens das Licht des Tages nicht zu scheuen haben, so ist es, wie unsere Freunde verstehen werben, nicht angebracht, an dieser viel beachteten Stelle Einzelheiten unserer Arbeitsweise und der Plane den Gegnern gegenüber zu offenbaren; daher mögen diese Andeutungen über die Ausführungen Tr. Wieners genügen. . Direktor Dr. Ludwig Holländer sprach über die Aufgaben der C.V.-Artzelk und erörterte insbesondere das Gebiet des wirtschaftlichen Boykotts. Er wies nach, wie der stille Boykott immer mehr um sich greift, und zeigte die Schwierigkeiten, die der Feststellung des Tatbestandes und der Möglichkeit, dem allgemeinen Wunsch nach nachdrücklicher Bekämpfung der Boykottbestrebungen begegneten. Er verlangte von allen führenden Stellen im C. V. zunächst eine Feststellung des Tatbestandes nach Vorhandensein und Stärke des Boykotts. Er erörterte die nicht immer einfachen Methoden, wie man dem gefährlichen Uebelstand entgegentreten könne. Die öffentliche Aufklärung über diese Mißstände erschien ihm besonders bedeutsam. Tie Erörterung dieser Fragen führte ihn zu der Feststellung, daß insbesondere die Tätigkeit in Versammlungen in der heutigen Zeit ganz anderen Grundsätzen unterliege wie vordem. Er wies darauf hin. daß namenrlich in großen Städten die Versammlungen aller Organisationen schlechter als früher besucht werden, daß der Abend den Menschen wertvoller sei, und stellte die Grundsätze auf, die bei der Abhaltung von politischen Veranstaltungen unbedingt in Berücksichtigung des heutigen Zeitgeistes beachtet werden müssen. Tie ständige Verbindung mit n i ch t j ü d i s ch e n Kreisen sei unbedingt erforderlich. Wenn man uns kenne, werde man anders über uns urteilen. Tie Dinge lägen aber nicht so, daß man lediglich verstandesgemäß die Umwelt beeinflussen könne, sondern man muffe sich vor allen Dingen auch mit ihren seelischen Antrieben und Strömungen auseinandersetzen. Er wies aus die treibenden Kräfte hin, die eine innerliche Entfremdung zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten in Deutschland bedingten, und wies die Wege, wie gerade die Erkenntnis des seelischen Zustandes eine ganze Reihe vorher nicht gekannter praktischer Maßnahmen reckst fertige. Dabei ging er auch auf den heutigen seelischen Zustand der deutschen Judenheit ein und wies nach, daß bei der Ablehnung des Nationalen im Judentum die V e r b u n d e n h e i t m i t letzten religiösen Forderungen entscheidend für die Zukunft der Judenheit sei. Verlagsbuchhändtcr Theodor Marcus in Breslau legte Thesen vor, in denen die neuen Wege der praktischen Arbeit auf Grund der Erfahrungen, die große Vereinigungen in Deutschlaud gemacht haben, im einzelnen festgrlegt wurden. Eine umfangreiche Erörterung, an der sich fast sämtliche der 120 erschienenen Hauptvorstandsmitglieder beteiligten, würdigte die Grundsätze der Referate und gab in tatsächlicher und in weltanschaulicher Beziehung die Richtlinien, die bei der immer mehr auszubauenden Einzelarbeit der Verein in den nächsten Monaten befolgen wird. Man war sich darüber klar, daß in der Praxis die Wege zum letzten Ziel sich immer ändern und daß infolgedessen in jeder Vorstandssitzung über die Erfahrungen und über die Lage eingehend gesprochen werden muffe. In der Sitzung des Arbeitsausschusses, der sich mit der Ausführung des grundsätzlich vom Hauptvorstand Beschlossenen zu besaffen hat, wurde die Abhaltung von Kulturkonferenzen mit den verschiedensten Gattungen der Geistigen in Aussicht genommen. Schwebende Verwaltungsfragen wurden geregelt und die Schaffung wichtiger literarischer Neuigkeiten in die Wege geleitet. Ein kleiner Der waltungsaus schuß wird sich mit Finanzen und Organisation zu befassen haben, der unter Leitung des bekannten Vorkämpfers des C. V., I. B a r u ch, früher Herford, mit dem Finanzdezernenten der Hauptgeschäftsstelle, Max Eisenkraemer, seine Arbeiten sofort aufnehmen wird. Gleichzeitig tagte der Jugendausschuß des C. V., der Tr. Ernst Heinrich Seligsohn in Berlin zum Vorsitzenden, Dr. Friedrich B r o d n i tz (Berlin) und Tr. Helmuth Nathan (Hamburg) zu Stellvertretern wühlte. Auf Grund eines programmatischen Referates des Jugenddezernenten des Centralvereins, Alfred Hirschberg, faßte der Ausschuß eine Reihe von Beschlüssen, die eine sehr aktive Betätigung im Gefolge haben werden. Ein Referat von Theodor Marcus (Breslau) über den Plan einer deutschjüdischen Schulungswoche fand einstimmig grundsätzliche Zustimmung. — Der Ausschuß ergänzte sich durch Zuwahl von jüngeren Persönlichkeiten aller Richtungen deutschjüdischer Organisationen aus allen Teilen des Reiches. Ter Gedanke des Centralvereins, das deutsche Judentum politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich einer glücklicheren Zukunft zuzuführen, die politischen Stürme zu überwinden, die kommen werden, den wirtschaftlichen Krisen zu begegnen, die schon eingetreten find, wird dann seine Kraft behalten, wenn es auch in Zukunft gelingen wird, die in der Natur der Menschheit liegenden grundsätzlichen Verschiedenheiten zwischen Jugend und Alter so zu überbrücken, wie es die Verhandlungen der letzten Tage getan haben. Man sah allgmein ein, daß in den Tagen der Friedhofs sch and ungen und Ueberfälle zunächst einmal die praktische Arbeit und insbesondere die Kleinarbeit geleistet werden muß. Gerade kleine Tinge, Vorfälle in politischen Gemeinden, in Schulen, im Wirtschaftsleben, die tausend Fragen des täglichen Lebens, werden mit aller Kraft, aber auch mit aller Delikatesse und ohne die manchmal so beliebte Prätention nach außen behandelt. Die Lage der deutschen Judenheit ist zum Teil nicht angenehm geworden. Wir müssen sie besser gestalten, damit wir unfern deutschen und jüdischen Idealen dienen können. Das war der Geist unserer Verhandlungen.

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