Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 10 (12.10.1928)
- Date
- 1928-10-12
- Page
- Seite 31 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ZI abstrakt oder literarisch lösen, sondern sie können nur verstanden werden aus dem Leben heraus, das sie geboren hat. Aus diesem Grunde ist es unbedingte Notwendigkeit, sich in dieses „Leben" hinein z u st e l l e n. Ob man dies durch das Medium einer bestehenden Organisation tut und welcher, das wird von der persönlicl>en Eignung des einzelnen abhängen. Notwendig ist aber, daß der einzelne dies nicht tut. obwohl er im Aelterenkreise bzw. im Bunde ist, sondern weil er darin ist. Er ist gewissermaßen Mittler zwischen dem großen jüdischen Geschehen und dem Kreise, lind da jeder möglichst an irgendeinem Platze im jüdischen Leben steht und jeder irgendwie mit seinen Kräften und mit seiner Gesinnung in das Geschehen eingreift, und da er von diesem Geschehen im Kreise berichtet und Fragen hineinträgt — so wird der Kreis und damit der Bund jene Aktualität haben, die ihm bei der abstrakten — fast möchte man sagen akademischen — Betrachtungsweise fehlt. — Es wäre verkehrt, jetzt zu fragen, worin denn ein derartiges Hineinstellen bestehen soll. Negativ gesprochen: cs handelt sich nicht um den Besuch dieser Vorstondssitzung und jenes Kongresses: denn der Begriff jüdische Aktivität läßt sich nicht in Teilhandlungen auflösen. Es handelt sich vielmehr um ein H i n e i n st e l l e n in jenes Fluidum überhaupt, während die Intensität beim einzelnen graduell verschieden sein wird. Bor allem kommt es darauf an, daß der Kreis kollektiv die Verpflichtung zur jüdisäzen Aktivität sieht (nicht, daß diese ein Privileg einzelner Individuen bleibt) und daß man sich um das Geschehen der jüdischen Eigenart kümmert. Und gerade die gegenwärtige jüdische Lage gibt allen Anlaß, sich um sie zu „kümmern". Die letzte liberale Weltkonferenz — um nur ein Beispiel zu nennen — hat gezeigt, wie schwierig die Beziehungen zwischen Judenheit und jüdisck)er Religion sind, ja wie gefahrvoll ä unter Umständen werden könnte, wenn die Religiosität zur Basis der jüdischen Gemeinschaft würde (vgl. die Rede von Nabb. Tr. Wiener). Aber bei all diesen „ideologischen" Zweifeln bewies sie doch, ein wie starker jüdischer Lebenstrieb in allen Kongreßteilnehmern steckte und wie fruchtbringend hier Einflüge der jüngeren Generation aus die Gestaltung des jüdischen L-ebens wirken würden. — Ein anderes Beispiel: Eine neue A g e n c y - P o l i t i k kann unter Umständen einschneidend aus die Konstellation der Judenheit wirken. Tie Auswirkungen werden sich vielleicht nicht jetzt, sondern erst in späterer Zeit in ihrer Schwere offenbaren. Muffen wir dann später infolge gegenwärtiger Passivität vor einem kait aecompli stehen? Und wie im großen, so gibt es unzählige Beispiele im kleinen, prosanisiert bis zur aktiven Teilnahme an gemeinsamen Veranstaltungen der gesamten jüdischen Jugend. In Anbetracht all dieser Ausgaben und Pflichten erscheint es denn doch ein reichlicher Luxus und ein Mangel an Verantwortung gegenüber der Gesamtheit, den Akzent einzig und allein auf die geistige Auseinandersetzung zu legen. Zumal bei der individualistischen Art, wie sie Ernst Wolss vorschwebt, die Gefahr besteht, daß man am Schluffe nicht nur auseinander,.? e tz t". sondern auch auseinander..? i tz t". Tann aber wäre wieder eins „Glückschance", das jüdische Leben zu regenerieren. entfallen. Bei all dem Gesagten handelt es sich nicht um einen abgerundeten Zukunstsplan, vielmehr liegen Zugrunde Praktische Ergebnisse einer Arbeitsweise, die durch diese Synthese von Aktivität und Problematik, von Welt und Idee gekennzeichnet ist. Es i st möglich, ohne daß der Pimpf in Vorstandssitzungen rennt und Versa mmlungsreden schwingt, teils direkt teils indirekt eine so innige Verbindung mit dem jüdischen Leben herzustellen, daß neben der geistigen Auseinandersetzung die Aktivität für den dem Bunde Entwachsenden Selbstverständlichkeit wird. Tann aber lost sich die Alterenfrage wesentlich unkomplizierter: denn sie wird nicht beantwortet durch schwierige theoretische Erörterungen, sondern sie i st beantwortet durch eine unlösliche Verbundenheit mit dem jüdischen Schicksal und durch eine tiefe Verwurzelung im jüdischen Leben. ÄLttsre/rar-beit kr ^dertLgemekrsckrcr/te/r Von IVe/rre/* fBerlin) Aus technischen Gründen gelangt dieser Beitrag, der uns bereits vor dem Aufsatze von Ernst Wolfs über die „Aelterensrage" vorlag, erst heute zum Abdruck. Er kann aber trotzdem als Beitrag zur Aussprache angesehen werden. Jedes Ding auf dieser Welt ist Perioden unterworfen, d. h. es kehren bestimmte Erscheinungen in seiner Existenz in regelmäßigen Abständen wieder; man erkennt diese Tatsache, ob man nun die Bewegung der Gestirne oder das Leben des Menschen in seiner Entwicklung beobachtet. Warum sollte es da wundernehmen, wenn nicht auch die Gedankemvelt der Jugend dresern scheinbar ewigen Gesetz unterliegt, und so sehen wir bei einem historischen Rückblick aus die deutsche Jugendbeivegung im allgemeinen und auf die jüdisckx im besonderen, daß von Zeit zu Zeit immer wieder die Aelterensrage ans Tageslicht gebracht wird. Wir stehen gegenwärtig wieder einmal kurz vor der Eröffnung einer Diskussion über diese Frage und, wenngleich man ja an maßgeblicher Stelle das Akute dieser Frage für den Augenblick noch verneint. sind bereits sichere Anzeichn vorhanden, "daß man doch! spätestens im Herbst d. I. wieder eifrig darüber debattieren wird. (Ter Verfasser hat sehr richtig gesehen. D. Schristltg.). Und — man wird wieder denselben Fehler machen, wie bisher meist bei Erörterung der Aelterensrage, man wird wieder von ganz salschn Standpunkten an ihre Lösung Herangehen. Man wird einerseits wieder Menschn hören, die zurzeit noch in den Bünden arbeiten, i die sich also der heutigen Lage der Bünde gemäß hauptsächlich ms! Jüngeren beschäftigen muffen, und die sich demgemäß schon rein Psychologisch nicht auf die den etwas älteren Menschen interessierenden Fragenkomplexe einstellen können; anderseits werden wieder jene sprechen, bei denen bereits Jahre feit ihrer Promotion verflogen sind. Aber die, um die es sich eigentlich handelt, nämlich die Menschen zwischen 20 und 25 Jahren, werden bis auf einige Ausnahmen still sein, lind die Folge davon? Ter Versuch einer Lösung der Aelterensrage verläuft wieder einmal im Sande! Aber nicht nur diese Aelteren selbst, sondern auch der E. V. müßte an einer Lösung dieser Frage interessiert sein; denn er, der meines Erachtens mehr denn andere Vereine, seien es Kriegervereine, Logen n. a. m., berechtigt ist, sich die jungen Menschen in diesem Alter zu sichern, wird sich von der Notwendigkeit eines zur positiven Mitarbeit gewillten Nachwuchses bald überzeugen kaffen müssen. Ich möchte nun heute als einer, den die Aelwrenfrage kraft seines Alters angeht, versuchen, unseren Standpunkt, nämlich den derjenigen jungen Menschen, deren Alter ich oben begrenzt habe, kurz klarzulegen. Vorausgeschickt sei, daß meine Ausführungen gleichzeitig das Programm einer gegenwärtig zahlenmäßig zwar noch kleinen, aber stetig wachsenden Gruppe ist, die lediglich auf sich selbst gestellt ist, obzrvar sie noch bis vor kurzem den Namen einer jüdischen Jugendgemeinschaft trug, von der sie aber weder ideell noch materiell unterstützt wurde. Wir kennen heute zwei Gruppen von Aelteren: die eine Gruppe, die aus j u g e n d b ewc g L e n jüdischen Bünden kommt, und die andere zahlenmäßig bedeutend stärkere und mindestens cbcwo wertvolle Gruppe, die von der Arbeit der Bünde nicht erfaßt worden ist. (Taß mich zunächst nur die deutsch-jüdisch eingestellten jungen Menschen angehen, braucht wohl nicht sonderlich betont zu werden.) Beide Gruppen haben heute das Bestreben, sich irgendwie mit jüdischen Tingen zu beschäftigen; die einen inteicinert mehr das jüdische Ethos,' die anderen möchten vom jüdischen Kult etwas hören. Aber nicht nur jüdische Angelegenheiten bilden das Jnlerei-e dieser jungen Menschen; so möchten wieder einige ihr Wißen auf z. B. wirtschaflspolilnchem oder auf philosophischem Gebiete vertiefen. Man wird mir cinwenden, warum sich denn, diese jungen Menschen nicht der anerkannten Lehrinstitutionen bedienen: demgegenüber ist zu sagen, daß sie in den staatlichen Hochschulen, sei es aus Zeitmangel oder aus irgendwelchen anderen Gründen, nicht hören können. In den Volkshochschulen könnten sie zrvar die sie interessierenden Vorlesungen belegen, jedoch fehlt ihnen hier die Möglichkeit zu einer, ich mochte fast sagen, naiven Diskussion. Die Bedeutung unserer Arbeitsgemeinschaft, meines Winens der ersten deutsch-jüdisck>en Ärbeitsgemeinschafr Berlins, liegt nun darin, daß sie es verstanden hat, bestimmte, von ihren Mitgliedern vorgeschlagene Arbeitsgebiete unter Hinzuziehung ihr erreichbarer Autoritäten zur Zufriedenheit der Teilnehmer in einer ihr hinreichend erscheinenden Gründlichkeit Zu erschöpfen. Ich mochte noch besonders betonen, daß wir es in Erkenntnis der früher begangenen Fehler zu vermeiden versuchen, Probleme bis zum äußersten auszulaugcn fauch ein Zeick^n Lenen, daß wir älter geworden sind), und wir uns damit begnügen, nach eingehender Aussprache über ein Gebiet die weitere spezialisierte Beschäftigung mit diesem den einzelnen Interessenten Zu überlassen. Dis Ausführung der einzelnen speziell jüdischen Themen ist nach Möglichkeit stets so gehandhabt worden, daß sie bei aller Gründlichkeit der Behandlung doch immer in Parallelität mit den entsprechenden Gedanken des E. V. gehalten wurden. Tenn wir betrachten es als unsere Ausgabe, später in absehbarer Zeit, die Reihen des E. V. aufzufüllen und uns direkt an seiner Arbeit, gleichgültig, was es auch sei. Zu beteiligen. Wir haben nämlich erkannt, daß wir heute im täglichen Leben unseren Widersachern, aus welchem Lager sie auch kommen mögen, nicht mehr durch schönklingende, möglichst lange, oder gar undeutsche Worte imponieren, können, sondern nur in der Lage sind, sie durch wirkliches sachliches Können und Wissen zur Anerkennung unserer eigenen Ideen Zu bervegen. Deshalb wollen wir, bevor wir an die iLchaffung von Kreisen freier Mitarlxüter an der Arbeit des C. B„ an Schulungs-Wochen, an dis Einsetzung von Jugendkommissionen und ähnlicher für den C. V. bereits heute verwendbarer Ideen gelpm können, vorerst ArbeitsgemeinsckMten scksaffen. irr denen junge Menschen erst einmal die Grundlagen für die Arbeit erhalten können, die später einmal dem E. V. Positiv und nutzbringend sein werden. Zum Schluß möchte ich nur noch betonen, daß sich unser Vorschlag von anderen u. E. gerade im wichtigsten Punkte unterscheidet. Wir Zeigen, wie bereits gearbeitet wr*d, nicht, wie man am besten arbeiten könnte. 7>eFen rm?/eut/°Qien Ve/'brrnc? Im Mittelpunkt des Treffens, das der Norddeutsche Landesverband des Neutralen Verbandes am 25. und 26. August in Stettin veranstaltet hatte, stand die Aussprache über ein Referat des Rabbiners Tr. Elk (Stettin) über „Tie Arbeit in dm Bünden". Ucbcc die praktischen Möglichkeiten der Arbeit aus den Heimabenden sprach Tr. Soldberg (Berlin). In der Tiskussion wurden besonders die Schwierigkeiten in den Klcingenreinden behandelt. Im Vereinslcben spielen die ideolochschen Unterschiede in bezug auf die jüdische Einstellung eine geringe Rolle. Die konkreten Bildungsausgaben, die sich der Verband, insbesondere für die Klein» gemeinden gestellt hat, stehen im Vordergrund. ek.