Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 10 (12.10.1928)
- Date
- 1928-10-12
- Page
- Seite 32 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/9221535-9549009-9549123--128-2285467- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
52 Porr r^e/' Dkaaknx/eür sDr-e^ckarr) Nach dem Kriege begannen viele Jugendorganisationen in allen Ländern, sich mit den Kriegs-Problemen auSciricmderzusetzen und aktiv für den Frieden zu arbeiten. Auf internationalen Kongressen und Lagern empfand man spater die Notwendigkeit eines internationalen Zusammenschlusses der friedensbereiten Jugend. — In Deutschland bildete sich ein überb undischer Führerkreis, der unter eigener Verantwortung das Weltjugendtresfen aus der Freusburg 1927 einberief, bei dem zum erstenmal weiteste Kreise der in- und ausländischen Jugend zusarnmenkamen, um die Frage zu untersuchen, wie rveit eine Zusammenarbeit der verschiedenen Gruppen im Hinblick aus die Arbeit für den Frieden möglich sein könnte, und welches die Voraussetzungen dazu wären. Die Freusburg-Thesen waren das Ergebnis der zur Aussprache gestellten Fragen und wurden die Grundlage für die Weiterarbeit in Deutschland. Nach dem Tressen bildeten sich in vielen Ländern Zentralen für die Weiterarbeit und die Vorbereitung eines Kongresses. Dei* ^o/rgi-ess ru Ler-cke Der Kongreß fand als geschlossene Delegiertentagung vorn 11. bis 26. August im Zeltlager in Gerde (Holland) statt. Die Leitung hatte ein aus 38 Mitgliedern. bestellender überbündischcr Führerrat. In diesem waren wieder die wichtigsten Nationen, Nassen, Klanen und weltanschaulichen Gründen vertreten. Die Arbeit wurde teils in Kommissionen, teils in Vollversammlungen geleistet. Für die Arbeit loar entscheidend, daß keine Minderheit majorinert werden durste. Es wurden also nur einheitliche Beschlüsse gefaßt oder ein Mehr- und ein Minderheitsbcricht mit gleicher Gültigkeit herausgegeben. Tie Einladungen waren an alle die Jugendverbände ergangen, die „Für den Frieden' arbeiten wollten, im ganzen 26 Nationalitäten. Die deutsche Delegation war am verschiedenartigsten zusammengesetzt. Einerseits radikal-proletarische Verbände. Kommunisten und Freisozialistcn, anderseits nationale, Iungvationater Bund und Freischar Schill. Und in der Mitte: Katholische Jugend. Bündische Jugend (Kronacher Wandervogel), sozialistische und pazifistische Evidenten, Jungdemokraten, Physiokraten, Weltjugendliga und eine große Gruppe überb ündisckzer, die aber um so intensiver für den Frieden arbeiten. Don deufchen jüdischen Verbünden waren vertreten: Deutsch-Jüdischer Wanderbund .Kameraden', Deutsch-Jüdische Jugendgemeinschaft und der Jüdische Jugendverband. Nach den ersten beiden Tagen, an denen cs zu sehr erregten Auseinorrdcrsetzlrngen kam, die sogar das Ausscheiden einiger Vertreter im Gefolge hatten, schien es kaum möglich, die beiden Fronten, kommunistische und frieden sw i llige Jugend, zu einer Aussprache zu bringen. Menschen. die für den Erfolg des Kongresses die Gegensätze scharf heraus- Qrbeiten und zu ihrem Recht bringen wollten, vermittelten, lind der Kongreß gelang! cken §tllLkre7rLom7NL5§r'o/ren Zn den verschiedenen Kommissionen, die für Fragen der Politik, Wirtschaft. Erziehung, Religion und Moral, Rasse und Minoritäten eingesetzt waren, winden die Kriegs- und Frredeusprobleme in bezug ans diese bestimmten Gebiete diskutiert. Von der Arbeit in den Kommissionen geben die folgenden Resolutionen ein Bild. «krs Kk-'rsSLLcHrrkckkrrsa"- Moderne Kriege sind offenkundig auf das herrschende Wirtschaftssystem zurückzusührcn, so daß die Schuld am Weltkrieg unter keinen Umständen einer einzelnen Nation zur Last gelegt werden kann. (Eine Stimme dagegen.) »»Ors K«sssn?5Q§s"r Ter Kongreß unterstützt ohne Vorbehalt das Grundprinzip der Gleichheit aller Rassen. (Einstimmig.) »»Dr« Der Kongreß fordert die Schaffung eines internationalen Minderheitenrechtes, daalle besonderen Verhältnisse zu berücksichtigen gestattet. „<7rerrren"r Der Kongreß spricht sich gegen die Ansicht der Vergangenheit aus. daß die Staatsgrenzen als etwa- Heiliges und Unveränderliches Zu betrachten sind. Er fordert für die Gestaltung der Staatsgrenzen die unbedingte Berücksichtigung des Selbslbestimmungsrechtes der Völker und ruft die Jugend aller Länder und Erdteile auf, sich tatkräftig dafür einzusetzen und mitzuarberten. Das Lage/' „Der Kongreß findet im „ZcIilager' in Ecrde statt' — stand auf dem Rundbrief. Es war auch ein Zeltlager, aber anders, als wir es von uns kennen. In der stachen holländischen Heidelandschaft hat der „Stern des Ostens" Krishna Murii für seine Jünger (eine thcosvphilche Richtung) eine große Zeltstadt errichten lassen. Vom Empfangstor geht man aus einer breiten Straße, die abends elektrisch beleuchtet ist, durch das Jungenlaoer an kleinen Holzläden vorbei: Neiscburean,Geldwechsel,Buckladerr, Post.Telegraph, Radio und Basar. Weiter kommt man durch die Eß'elte. die durch eine Bahn verbunden sind, durch dicWrschräume mit sließendemWasscr undBrauscn. Dann gekst's durch Mädellager nach dem großen Dersamnüungszclt, das über 2606 Menschen saßt. Natürlich ist auch ein Freilichttheater da. Wenn man zurückdeult, hört man noch das internationale Cpraä-engewirr. Man hört auch noch das Harinommnspiel am Prasselnden Lagerfeuer zur Beruhigung der Gemüter, die Kampflieder de? Sozialisten, dis deutschen Volks- und Landsknechisweisen, englische und amerikanische -songs und lustige französische Chansons. Vis spät in die Nacht hinein Zusammen ums Feuer. Daun ging jeder in sein Zelt ans sein 0<ldbett schlaw'N. — Rauchen und Alkohol waren verboten. Dis Vervrlegmrg war lregetarisch. Dis meisten Teilnehmer schlanke, sportliche Gestatten ,n einfacher Kleidung. Einen neuen Lebensstil haben alle gemeinsam: einfach, geumd und natürlich. /run ... Der „Weltbund der Jugend für den Frieden* ist nicht gegründet worden. (Tie Gründung sollte auch nur bei Uckeremstimmung und Teilnahme weitester Kreise erfolgen.) Vorläufig wird nur eine internationale Vermittlungsstelle in Holland errichtet. Die Aussprache ermöglicht zu haben, ist der Erfolg des Kongresses. Und hierin lag ein Erwlg. denn die Aussprache ist zlvar heftig, aber Vcranßvvrturigsbcwnßt und offen geführt worden. Wir alle kamen von einer Frage: der Mensch. Zur Losung gab es kein Derwischen, aber auch keine Taktik. Ein Nebeneinander verschiedener Gedanken, die den gemeinsamen Ursprung haben: dis Not der Gegenwart, — und in demselben Ziel gipfeln: in einer gerechten Zukunft! ZVeltbrr/rck cker Mckrsckre/r ^ugsnck Si/rs Lnk§e§nrrrrA vor: Zr°rr5k ^awob In der Jngendbcilage Nr. S berichtet Friedrich Drodmtz über den Kongreß, den der „Welwerlmnd der jüdischen Jugend" Anfang August in Straßburg abhielt, und übt dabei Kritik an den Vereinbarungen, die ich ans dem Kongreß namens des neutralen Verbandes der jüdischen Jngendvereine Tcutsck)- kands mit dem „Weltverlnnd" geführt habe, r-eine Ausführungen gehen aber von falschen Voraussetzungen arrZ: ich gebe mich der Hoffnung hin, daß Brodnitz seine Meinung über den Weltbund der jüdischen Jugend auf Grund des Folgenden berichtigen wird. Zunächst mochte ich fcststtllen, daß ich in Straßburg keineswegs als Vertreter der gesamten jüdischen Jugend Deutschlands ausgetreten bin; allerdings konnte ich erklären, daß ich ihre bei weitem größte Organisation vertrete, die mit ihrer Mitglicderzahl von 12 600 alle anderen jüdischen Jugcndvcrbände Deutschlands um das Mehrfach^ übertrisst. In meinem Reierat über die jüdische Jugendbewegung in Deutschland habe ich erneu objektiven Ileberblick über alle Gruppen zu geben vcrsuch! und mich dabei im wesentlichen an den Aussatz von Ernst Holzer in der Augustnummcr des „Morgen" gehalten. Ueber die starke Zionistensrenndlichkeit dcs ftanzöichcheu Verbandes ist unser neutraler Verband nie im Zweifel gewesen und meine Straßburger Eindrücke, die ich cm anderer Stelle geschildert habe, gingen dahin, daß diese Haltung viel mehr hervortrat, als ich selbst schon erwarbst hatte. Ein Anschluß an den französischen Verband kann deshalb für uns tatsächlich nicht in Frage kommen. Nun aber konnte ich in den persönlichen Verhandlungen mit Palliare seststellen, daß seine Organisation gar nicht beabsichtigt, ein oder gar der Weltbund der jüdischen Jugend zu sein. Wir Deutsche hatten uns irrcführen lassen — und Brodnitz ist es von neuem so gegangen, durch den Namen „Gmon universelle'. Das hat nie heißen sollen — nach den autoritativen Erklärungen de? Herrn Palliere — ,LLeltverband' oder ähnliches: es bedeutet nicht mehr als im Deutschen etwa „allgemeiner' Verband. Deshalb fand sich dieser ,Welt"vcrband auch bereit, mit rrns zusammen die Gründung eines roahren Weltbundes der jüdischen Jugend zu verabreden. Wir schließen rrns ihm nicht an, sondern als gleichberechtigte Partner wollen wir und der französische Vcrbarcd und hoffentlich noch recht viele andere, auch deutschjüdisckze Jugendvcrdände. einen streng neutralen Weltbund gründen. Das geht auch ganz klar ander veröffentlichten Vereinbarung hervor, die Brodnitz leider nach der verstümmelten Jta-Meldnng wiedergegebcn hat, und deren Erugangssatz daher m der offiziellen Form wiederholt sei: ,L)is U. U. I. I., vertreten durch . . und der Verband jüdischer Zugendvereine Deutschlands, vertreten durch . . sind üLereingelommen, unter Vorbehalt der Bestätigung ihrer Organisationen folgendes als ihren gemeinsamen Wrensch sestzustellen: Anker absoluter Respektierung der Grundsätze und Einstellung jedes Verbandes, insbesondere in bezug auf „Religion" und ,Lioni?mus'. soll eine Föderation geschaffen beerben, die möglichst alle großen Jugendorganisationen Israels umfassen soll." Die Bestätigung durch dis beiderseitigen Organisationen ist inzwischen erfolgt. Daß der französische Verband zu einem solchen Uehcrcinkommen bereit war, zeigt, daß er wohl doch nicht dem Zionismus so ganz mit Haut und Haaren verfallen ist, wie man me irrt. Wenigstens erscl^rnt es mehr als fraglich, ob rein zionistische Organisationen so weit gegangen waren. Unsere Erfahrungen in Deutschland, wo allerdings auf allen Seiten zu leicht die Partei über das Judentum gestellt wird, sprechen jedenfalls dagegen. Hier aber war cs möglich, einen Zusammenschluß von Juden zu erreichen, ohne daß eine Seite ihre Ileberzcugungen hatte opfern brauchen, etwas, das wir in Deutschland feit Jahren vergeblich erstreben. Nach alledem wird Brodnitz zngeben müssen, daß wir nichts getan haben, was gegen unsere „Neutralität" verstieße, und ich darf wob! strersönlich sagen, daß ich der letzte gewesen wäre, der dazu seine Hand geboten hätte. Das Erfreuliche ist. daß ein so ausgesprochener Vertreter der Deutschjüdischen Jugend wie Brodnitz in seinem Aussatze „die Idee einer Union der jüdischen Jugend aller Länder für etwas überaus Begrüßenswertes^ erklärt. „Erste Voraussetzung wäre aber die strengste Neutralität eines solchen Verbandes." Diese Voraussetzung ist, wie er einfeb.n wird, erfüllt. Co dürfen wir hoffentlich auch auf die Mitarbeit der Deutsch-jüdischen Jugend rechnen und darüber hinaus oller Richtungen im deutschen Judentum. Jeder junge Jude soll in unserem Weltbund willkommen sein, der die Grundsätze der anderen zu achten bereit ist und neben seinen Idealen das allen gemeinsame Judentum anerkennt. Wir begrüßen es, daß durch die Artikel von Friedrich Brodnitz und Ernst Jacob Klarheit über die Verhandlungen in Skraßburg geschaffen worden ist. Nicht nur der ITA-Berich!, sondern auch andere ausführliche Presseberichte waren demnach irreführend. Es genügt uns die Feststcklung, daß erstens der Vertreter der jüdischen Jugendvereine ausdrücklich auf die Existenz der anderen Jugendbürrde in Deutschland hmgcwüsen hat. und daß zweitens ein etwaiger Zusammenschluß mit der sranzösisckren Vereinigung unst-r Hinzuziehung von Vertretern der anderen Verbände in Deutschland geschehen soll. Für die Betonung der Neutralität in diesem Sinuc sind wir Ernst Jacob besonders dankbar. Die Schnftleittmg. Verantwortlich für die Beilage „Bsn deutsch-jüdischer Iuasnd": Alfred Hirschb«rg (BorttmChar'.oLrendurg). «druck von Rudolf Masse, Berlin LN' IS.