Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 10 (12.10.1928)
- Date
- 1928-10-12
- Page
- Seite 30 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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30 verlangen, daß sie ihn weiterbildet, daß er also ihr C. B. wird. Die Weiterentwicklung der C. V.-Jdeologie ist nicht Sache der Aelteren. Jede Generation, die den C. V. will, wird ihren C. V. haben. Das wären einige Ansprüche von hüben und drüben, unter ihnen wohl die wichtigsten. Sie stellen, bedeutet für beide Teile, sich wechselseitig zu ihrer Befriedigung verpflichten, sofern sie erfüllt werden. Hier liegt dis Arbeit des Jugendausschusses. Er soll die Wechselwirkung von Anspruch und Verpflichtung Hervorrufen und regeln. Er muß dafür zunächst die Erfüllung der Ansprüche auf beiden Sollen in die Wege leiten, also: Fühlungnahme und Förderung der Jugendorganisationen, Verjüngung der Vorstände, Durchführung von Schulungs- Wochen und Arbeitsgemeinschaften, dabei auch Schaffung von Literatur und Gewinnung von Rednern, die für diese Sonderausgaben geeignet sind, Änregung zur Mitarbeit an den Veröffentlichungen des C. V., Erfassung der Jugendlichen als Mitglieder und Mitarbeiter, schließlick), und das ist nicht pro ckomo gesprochen: Ausbau der Beilage „Von deutsch-jüdischer Jugend". Auch die berufliche Problematik der jungen Juden in Deutschland muß den Ausschuß beschäftigen, sowohl die Be ru f s u m s ch i ch t u n g wie der berufliche Boykott.^ Der Jugendausschuß wird in feiner endgülLigeit Zusammensetzung Alte und Junge, Führer der Jugendorganisationen und Führer des C. D. umfassen. Er wird so, wenn alle seine Mitglieder sich ständig bewußt bleiben, daß er ein Ausschuß des Centralvereins, nicht aber neben oder gar gegen ihn ist, einen immer jungen, im besten Sinne des Wortes zeitgemäßen Lentralverein gewährleisten. ^ettersn/?crse ArL§5p/'acks rrurr vo/r rVokA in S. rrrii Vettr-Lge/r vorr Roserrstock, FFeirrr Oo/rrr rrrrck O/'u/rclicrAe/r — von kker'nL Oo/rn fO.^.^.6.) Ernst Wolfs hat festgestellt, daß wir Aelteren aus der Jugendbewegung mit Schrecken unsere geringe ethische Stoßkraft suhlten, daß wir unsere geistige und soziale Unentschiedenheit als unbefriedigende Entschuldigung betrachteten. Diese Unentschiedenheit bezeichnet er als den schlimmsten Fehler dieser (unserer) Generation. Nun scheint mir bei aller Würdigung dieser an sich richtigen Erkenntnis gerade der Weg, den er für einen Teil dieser Aelteren in Anspruch nimmt, keine befriedigende Möglichkeit zu bieten, um innerhalb der „Welt" die Haltung Zu bewahren, die dieser Welt gegenüber unerläßlich ist. Aus diesem Grunde stelle ich seiner Ansicht eine Auffassung gegenüber, die der Kreis, dem ich angehöre, mehr oder weniger bewußt zu der seinen gemacht hat. Wir alle befinden uns zwischen Zwei Polen, die beide die gleiche Anziehungskraft auf uns ausüben. Es ist dies einmal die „I dee" lje nach Herkunft, Temperament und Willen bei dem einzelnen verschieden), anderseits die,L3 e! t", so wie sie sich uns darstellt, unsere Umgebung. Wir halten diese Welt für vervollkommnungsbedürftig. sehen gleichzeitig jedoch die Gefahr, die der Idee durch Berührung mit dem Irdischen droht. Bei aller Einsicht in die Gegensätzlichkeit von Welt und Idee ist es aber nicht angängig, sich für die eine oder die andere theoretisch Zu entscheiden, vielmehr ersteht uns gerade aus diesem Zustand die Aufgabe, von der ich jetzt sprechen werde. Uns erscheint nämlich die Versenkung in Idee und Welt gleichermaßen so notwendig, daß wir uns nicht entschließen können, auf eine von beiden zu verzichten, sondern danach streben, sowohl beide in uns zu einer Einheit zu verflechten wie auch eine lebendige Beziehung Zwischen beiden herzustellen, als deren Träger wir uns selbst betrachten. So ergibt sich aus diesem Willen eine Haltung Zur Welt, die von der in Ernst Wolffs Aufsatz dargeleaten nicht unwesentlich abweicht. Ernst Wolfs geht von der Notwendigkeit der Selbsterlösung ßür den einzelnen aus. Somit Lautet seine Fragestellung notwendig: „Wie erhalte ich mich (oder mein Ideal) rein in dieser (sündhaften) Welt?" Wir^ streben nach Welterlösung. Wir wigen genau, daß Welterlösung eine Selbsterlösung bedingt, sind uns aber besten bewußt, daß diese Selbsterlösung immer nur im Hinblick aus die Welterlösung geschehen darf. Dieses „dars" entspringt einem Gefühl der ,Liebe zur Welt", das gesteigerte Verantwortlichkeit gegenüber dieser Welt zur Folge hat. So lautet unsere Fragestellung: „Wie erlösen wir die Welt, ohne dabei aus die Verwirklichung unserer Ideen verzichten Zu müssen?" Ich will dies kurz an einem Beispiel erläutern. Wir find der Ueberzeugung. Laß unsere vielfach völlig entjudete Generation wieder in ein lebendiges VerlKLtnis zum Judentum kommen muß, um ihr Leben jüdisch gestalten zu können. Außerdem sehen wir im Leben unserer jüdischen Umgebung krasse Mißstände sozialer und kultureller Art. In diesem Falle fühlen wir uns gerade auf Grund Unserer vorher beschriebenen Einstellung verpflichtet und berechtigt, handelnd ein Zugrei f e n und jeden Versuch zu unternehmen, um diese^Mißstände Zu beseitigen. Wir halten dies nicht etwa mit unserer Stellung zur Idee vereinbar, sondern geradezu aus ihr folgend, find uns allerdings durchaus über die relative Unzulänglichkeit unserer Handlungen als entjudete M§nsck)en im klaren und betonen, daß auf keinen Fall die Kraftquelle, dio wir in den Ideen besitzen, durch irgendwelche Surrogate' erseht, d. h. zugeschüitet werden darf. Nm es endlich zu sagen: Aus Ernst Wolffs Aufsatz schlägt mir eine Stimmung entgegen, die einem Knlturpessimismns verteufelt üpnlich^sieht, ganz abgesehen davon, daß ich jedes Zeichen von wirk- Ucqer darin vermisse. Unter diesen Umstanden wird das Streben nach Freiheit, das er der Jugendbewegung beilegt. Zum Streben nach Persönlich.:! Autonomie, das Mitgefühl Zum Mitgesühl mit sich selber! Um der Vollkommenheit willen Verzichtet er darauf. die Welt in der Gegenwart so Zu gestalten, daß sie vielleicht doch verlockend für ein kommendes Geschlecht wird. Wenn er denn einzelnen um seiner selbst willen nur die Pflicht auferlegt, Zu einer begründeten Entsa-eidung zu kommen, so überläßt er es damit ihm. zu irgendeiner Art der Auswirkung (d. h. unter Umständen zu keiner) zu gelangen. Unsere Entscheidung hingegen ist durch die beiden Pole grundlegend bestimmt. Sie lautet notwendig immer: Vom Individuum zur Welt! Diese Kollektiv so r d e r u n g Zieht für uns die Kollektivleistung nach sich. Um das deutlicher auszudrücken: Wir können uns nicht danut begnügen, das Ziel der Jugendbewegung einmal kollektiv formuliert zu haben, sondern legen den Wert auf die kollektive Verwirklichung dieses Zieles in der Welt. Damit ist nicht etwa gesagt, daß die Stelle, an roelck)er die einzelnen ansetzen, die gleiche sein muß, sondern die kollektive Leistung liegt in der Tatsache. daß verwirklicht wird. Um es mit Ernst Wolffs Worten auszudrückcn: Das „Entwickeln und Wachhalten jugendliclr-radikalen Geistes" steht sür uns am Ausgangstor zur Welt; es ersrchünt uns jedoch aus den angegebenen Gründen als geistige Haltung nicht ausreichend; wir sehen die kollektive Entsckjeidung für die Welt als notwendige Folge unseres Lebens in der Jugendbewegung, und wir glauben, das Erlebnis der Jugendbelvegung Zum Ausgangspunkt einer Haltung machen zu müssen, die klar wird aus den Worten: „Mir ist ein Wunder geschehen: Deshalb will ich eine gute Tat tun!" (Cbanina b. Jochai.) — rr/rck FvlAeru/rAen von IVez-rre-- (D.^.^.6.) Idee und Welt sind die beiden Faktoren, die es gilt, in die richtige Beziehung zueinander zu setzen. Sie bedeuten sür den Zusammenhang unserer Betrachtung, ins Konkrete übertragen, geistige Auseinandersetzung und politische Aktivität. Ernst WoLss hält die geistige Auseinandersetzung, getragen von einer „radikalen Geisteshaltung" sür das Arbeitsfeld des Aelteren. Nicht dieser geistigen Auseinandersetzung als solcher soll das Wort geredet werden. Sie ist selbstverstündlich sür jeden denkenden, verantwortungsbewußten Menschen. Für einen Menschen der Jugendbewegung wird sie mit einer gewissen Unbefangenheit und Reinheit vor sich gehen — auch dann, wenn die gruppengebundene Form des Heimabends und der Arbeitsgemeinschaft nicht mehr in Frage kommt. Nun aber bringt diese Auseinandersetzung allein eine Einseitigkeit mit sich, wenn der einzelne nicht gleichzeitig in dauernder aktiver Beziehung Zum latsächlick-en Geschehen steht. Ist es eine Scheinlösung, wenn die Parteien heute häufig im Kampf miteinander stehen, ohne daß der einzelne Parteigänger eine innere Beziehung zu den geistigen Grundlagen seiner Partei hat. so ist es ebenso eine Scheinlösung, wenn man ohne gleichzeitige Beziehung zum tatsächlichen Gefächen die geistige Auseinandersetzung in den Vordergrund stellt. Die geistige Auseinandersetzung kann und darf nicht die Voraussetzung zur politstckjen Aktivität sein, sondern beide stehen in einer fruchtbaren Wechselwirkung zueinander, beide müssen parallel laufen. Schattet man das eine hinter das andere, statt nebeneinander, so ist das dasselbe, als wenn ein Staat erst nach restloser Lösung seiner innerpolitischen Probleme begönne, Außenpolitik zu treiben. Die Folgerungen aus dieser Einstellung seien nicht auf alle Lebensgebiete, sondern nur auf das jüdische bezogen; denn erstens würde eine allgemeine Betrachtung zu weit führen, dann aber muß für den älteren Kreis einer jüdisck)en Jugendbewegung — bei den Jüngeren steht das Erzieherische und Erlebmshajte im Vordergrund — die Ge - staltung der Juden heit das zentrale Problem sein. Wir sehen im jüdischen Leben viel Unerfreuliches. Wir müssen beolwchten. wie heute in den jüdischen Organisationen vielfach die innere Beziehung zum Jüdischen fehlt, und wie die innerjüdischs Auseinandersetzung vielfach in nicht gerade wünschenswerten Formen vor sich geht. Aber bei all dieser Kritik am einzelnen wüsten wir uns doch darüber klar sein, daß es ein jüdisches Gesckzehcn in der Gegenwart gibt. Und all die Vorgänge des jüdischen Lebens, die entscheidend für die jüdische Weiterentwicklung find, als eigene Sache zu empfinden, das ist es. worauf es ankommt, mag cs sich nun um die Frage der Ägency-Politik oder um die Resolution Mecklenburg oder um die liberale Weltkonserenz handeln. All diese Dinge lassen sich nicht