Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 41 (12.10.1928)
- Date
- 1928-10-12
- Page
- Seite 581 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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561 Jüdische Messiaslegenüen. Von Ernst Liffauer. Das Gut der Ueberlieferung an Sagen, Legenden, Märchen, Lehrgleichnifsen. die von den Juden in den Jahrhunderten nach der Zerstörung Jerusalems hervorgebracht wurden, ist unermeßlich aroh. Mannigfach sind sie. ausgelesen und übersetzt worden; am bekanntesten sind die Werke „Der Born Judas" und die „Sagen der Juden". dieMichaJosefbinGorion herausgegeben hat. Der Verfasser dieser Anzeige hat zweimal in diesen Blättern über die „Sagen der Juden" berichtet, und es lag ihm ob, von der Macht und Größe dieser Gesichte zu zeugen, zugleich aber auch darzutun, daß sich viel Undichterisches, Erklügeltes unter diese gewaltigen Erfindungen und Kündungen gemengt hat, das sich auch in diesen neuesten Ausgaben reichlrch vorfindet. Nun erscheinen, im Verlag von Alexander Fischer in Tübingen, aus dem Nachlaß bin Gorions. herausgegeben und übersetzt von Rahel Namberg, „Messiaslegenden", dem Talmud und der Midrasch entnommen, und es scheint geboten, wiederum an dieser Stelle ein allgemein betrachtendes Wort zu sagen. Auf zweierlei Weise können wir solche Ueberlieferung empfangen, als Urkunden jüdischer Religion und Kultur in den nachbiblischen Jahrhunderten, oder aber als lebendiges, dichterisches Gut, das wir lesen wie die Sagen und Märchen anderer Völker, europäischer, asiatischer, afrikanisäzer, amerikanischer, australischer. Als geschichtliches Zeugnis ist jede einzelne dieser Ucberlieferungen wertvoll; als dichterisches Gut aber können die Legenden, die in diesem schmalen Bändchen gesammelt sind, nicht zu uns sprechen. In der nachbiblischen Ueberlieferung der Juden stehen Gedichte, Sagen, Legenden, die der überlebensgroßen, unüberbietbaren Gewalt des Alten Testamentes ebenbürtig oder immerhin ihrer nicht unwürdig sind. Die Schöpferkraft, welche die Bücher Mose, die der Propheten, die Geschichte von Hiob, die Psalmen, die Sprüche Salomos und Sirachs hervorbrachte, wirkt noch in den späteren Geschlechtern nach. Jedoch viele andere Dichtungen entbehren des dichterischen Anhauches; und so auch diese Mejfiaslegenden säst durchweg. Es erscheint überflüssig und nicht fruchtbar, sie zu verdeutschen und wieder zu drucken. Doch wichtiger als diese Erkenntnis scheint die Einsicht, warum diese und viele andere Legenden undichterisch geraten sind. An sich ist es ja in keiner Weise erstaunlich, daß ein Schrifttum, welches sich über viele Jahrhunderte und Länder erstreckt, auch eine Menge Unwertiges erzeugt. Auch die Sagen und Märchen anderer Bokker find von ungleichem Rang; Minderwertiges wird von der, Zeit selbsttätig ausgesondert. Jedoch, die hebräische Dichtung lebt'nicht in gleicher Weise fort wie die deutsche, englische, indische. Verschollen liegt der ungeheure Vorrat, einem großen Teil der Juden, den west-, den mitteleuropäischen und dem Großteil der amerikanischen Juden unbekannt, und einzelne Sammler und Kenner suchen jetzt dies scheintote Schrifttum wiederum zu erwecken. Unter solchen Umstanden nun kommt es in höchstem Nt atze darauf an, daß solchen Bemühungen die Kraft eigne, das lebendig Dichterische wahrhaft zu unterscheiden: dieses Bündchen „Messiaslegenden" kann von solchem Vermögen nicht zeugen. Alle diese Legenden wirken erklügelt, erkünstelt, zurechtgemacht, mit völliger Deutlichkeit ersonnen von zutiefst undichterischen Geistern. Fast ausschließlich Widersinniges, ja Abgeschmacktes; Beziehungen werden ohne Anlaß und Sinn,;a wider alle Einsicht, geknüpft; Erfindung mangelt und wird aus unfruchtbarem Hirn durch den Willen hervorgepreßt. Zum Beispiel: unter den Jüdinnen, die in der Fron der Aegypter arbeiten, tft eine Schwangere, Rahe!, die Tochter Suthelahs; „da fiel das Krnd aus ihrem Schoß in den Lehm und ward verknetet, und der Mutter Schrei drang bis vor den Stuhl der Gerechtigkeit. Nun fuhr der Engel Michael auf seinem Roß hernieder, nahm den Ziegel, der aus dem Kinde gebildet war, und brachte ihn vor den Tchron Gottes". Es ist offenbar, daß dieser Erfindung jede Anschauung gebricht, daß sie völlig unwahr und leblos ist; sie stammt mcht aus der Schau, sondern aus dem Verstand, der sich bemüht, die ägyptische Fron auszndeuten. Unter den zahllosen Raöbinen, welche in den Jahrhunderten der Zerstreuung die Erzählungen der Schrift ausgelegt und weitergesponnen haben, waren große und klerne Dichter. Doch eben auch viele, denen dichterische Gabe mangelte: ähnlich erklügelt sind alle Legenden dieses Buckzes. Und dies, vor allem, fällt auf: Worte der Schrift werden in äußerlichster Weise herangezogen; zum Beispiel: der Messias, ein Kind im Alter von „zwei Jahren, sechs Monaten und siebennndeinerhalben Stunde", antwortet dem heidnischen König weise und tapfer. „Auf diese Stunde deutet die Schrift hin, wenn sie sagt: Wie ist dein Freund herrlicher denn die anderen, du schönste unter den Weibern." Wiederum ist es ganz offenbar, daß in äußerlichster Weise ein mühsamer Verstand eme Verbindung erkünstelt; die Amvendung dieses Wortes auf das mcssianische Kind ist vollkommen wider-' finnig. Und wir erkennen weiter: unsere jüdischen Bokfahren lebten, abgeschieden von der Gemeinschaft der übrigen Völker; die Schrift, das Gesetz war ihre Heimat, die unsichtbare Erde, die sie mit sich führten; jedoch diese, teils gewollte, teils auferlegte, Beschränkung mußte sich rächen, Inzucht des Geistes entstand. Es ist nicht möglich, durch Jahrhunderte immer wieder dieselben Stoffe. Gedichte, Erzählungen immer wieder aus-zulegen, zu durchdenken, zu durchdeuten, Erschöpfung oder Erstarrung droht unausweichlich. Enthält nur feinste MOLKEREIBUTTER H.BAHLSENS KEKS-FABRIK A G* HANNOVER Und es sei verstauet, noch einige weiter greifende Gedanken anzufügen. Man sagt dem jüdischen Geiste nach, daß er der anjchauenden Kraft ermangele; man weist daraus hin, daß aus dem indischen Volk wenige bildende Künstler von Rang hervorgegangen sind; man deutet wohl auch das Verbot, die Gottheit abzubilden, als Mangel bildenden Vermögens. Hier waltet ein Irrtum. Ties Verbot zeugt von der höchsten Frömmigkeit: die Gottheit lebt uner* forschlich und unschaubar hinter den Erscheinungen. Die Dichtungen des Alten Testamentes bekunden in aber Taufenden von Zeilen, Bildern, Gleichnissen eine unermeßliche bildnerische Schaukrast. Auch in anderen Religionen gibt es Bilder, Vorstellungen, Sagen, Legenden, die nicht erschaut, sondern ausgesonnen erscheinen. Alle Religionen entstammen zwar dem Boden einer bestimmten Volkheit, sie entstehen über Jahrhunderte hin aus dem Erleben der wechselnden Geschlechter, aber die flüssige Masie der Lehre und Vorstellung wird schließlich irgendwann von einzelnen gehärtet, geprägt, geschmiedet, von einem einsamen einzigen oder von vielen einzelnen, einer Synagoge oder einem Konzil. Der religiöse Mensch nun, im engeren: der sckppserisch geistliche Mensch kann von mancherlei Art sein: eine künstlerisch schauende Kraft herrscht in ihm oder eine verftandeshaft erkennende. Und immer wird der verftandeshaft Religiöse von der Gefahr der Tüstelei und der Spitzsindigkeit bedroht sein. Das mittelalterliche Christentum schuf höchste Dichtungen wie die lichten Legenden, vom heiligen Franzrskus und daneben gewisse scholastische Klügeleien, etwa über die körperlich? Beschaffenheit t^r Engel: nicht anders stehen im talmudischen Schrifttum nebeneinander künstlerische Schauungen und verstandeshafte Mühseligkeiten. Wer! aber die Geistigkeit des Judentums und jedes einzelnen schöpferischen Juden immer wieder von Vorurteil als unkünstlerisch und verftandeshaft aedeutet wird, muß uns daran gelegen sein, daß nicht das künstlerisch Wertlose, das peinlich Zusammengedachte, das spitzfirrdig Ausgesonnene gesammelt werde, sondern ausschließlich das lebendig Gedichtete, das Erschaute. Das Schrifttum der mittelalterlichen Juden ist, trotz jener geistigen Jaucht und Umschränktheit, reich genug. iü m m m üi m m Im Ullstein-Verlag (Berlin) erscheint demnächst in der Sammlung ,LLcge zum Wissen' ein neues Buch von C. A. Bratter: „A m e r i k a". In dem Kapitel „Die ersten Siedlungen' wird geschildert, daß sich um die Entdeckung Amerikas Normannen, Nordmänner (Wikinger), Irländer, Basken, Spanier, Portugiesen, Italiener, Franzosen, Bretvnen, Engländer, Waliser, Chinesen, Hindu. Südseeinsulaner, Japaner, Phönizier, Aegypter, Christen, Heiden — sogar Juden auf Grund einer eigenartigen Hypothese streiten. Wir entnehmen diesem Kapitel die folgende recht interessante Stelle: ,Lm amerikanisä/en Unionsstaate Arizona hat man Ende 1925 zahlreiche aus Blei verfertigt? Gegenstände, Schwerter, Kreuze und Halbmonde sowie einen siebenarmigen Synagogenleuchter mir Inschriften in lateinischer und hebräischer Sprache gesunden. Diese besagen, daß irn Jahre 775 eine Anzahl Juden unter Führung eines historisch unbekannten Theodoras Jacobus Israel „das Meer bis Römisch Calalus, ein unbekanntes Land, durchquert haben". Drei Männerbildnisse waren in den Leuchter eingegrabcn. Ferner: .Im Jahre SCO wurde Thcodorus Jacobus Israel verbannt, weil er die Toltäer befreit und so gegen das Herkommen gehandelt hat. Wahrend der Krieg tobte, wurden 3009 Menschen erschlagen. Wir haben nur den Frieden gesucht. Gott lenkt alle Dinge." Man hielt diesen Fund für das S^erf eines Spaßvogels, der die amerikanischen Gelehrten „heremlcaen" wollte. Aber entgegen dieser Vermutung haben sich amerikanische Wisicnschastler von Rang für die Echrdcit der Entdeckung verbürgt... ck Diese Mitteilungen klingen so unglaublich, daß sie einer näheren Würdigung schon wert waren. Wer weiß, welche Fälsch ungen — man denke nur an d!e berüchtigten moabitischen Altertümer — selbst ernste Gelehrte schon genarrt halben, wird mit seinem Urteil über die altjüdischen Altertümer in Arizona sehr zurückhaltend sein.