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Central-Verein-Zeitung · 1928-10-12 · 41 (12.10.1928) · p. Seite 580

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
41 (12.10.1928)
Date
1928-10-12
Page
Seite 580 (sequence 8)
Language
German
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- i 5$ 0 sinn nur Methode hat — aus dem Inhalt, weil er ihr zusagr, eine Weltanschauung aufbaut. Trotz ihres Charakters als Tilettantenarbeit — oder gerade deswegen — hat das Günthersche Buch eine Aufgabe er- {üllt, die auch für uns Juden von Bedeutung war. Es zwang ne Wissenschaft, zu ihm Stellung zu nehmen, wobei sich herarrsstellte, daß sie zunächst gar ruckst dazu in der Lage war. Denn es schwebte alles in der Lust. Die Begriffe waren mehrdeutig, die Zuständigkeit der einzelnen Wissenschaftszweigs strittig. Die Vererbungssorschung, die in erster Linie dafür m Frage kommt, war für eine einwandfreie Stellungnahme noch selbst Zu jung und geht auch heute noch — wie bei dem Internationalen Vererbungskongretz, der im Septembervorigen Jahres in Berlin stattfand, deutlich zu erkennen war — den Raffenfragen möglichst aus dem Wege. Nur die meffende und vergleichende Anthropologie war zur Stelle. Aber auf deren Ergebniffe hatte sich Günther ja gerade gestützt! Er war jedoch weit über sie hinausgegangen. Der Standpunkt der Anthropologie zur Raffenfrage ist allgenrein bekannt. Wir Juden haben darin unsere Einordnung erfahren als kompliziertes Gemenge nahezu aller europäischen und vorderasiatischen Erundrapen, in dem je nach dem Wohnsitz und der geschichtlichen Entwicklung bald die eine, bald die andere Raffe stärker in den Vordergrund tritt. Ten Grundstock bildete wohl von Anfang an eine Mischung von „vorderasiatischer" und östlichen Formen der „Mittelmeerraffe". Im allgemeinen ist die Anthropologie in letzter Zeit bezüglich der Zahl und der gegenseitigen Abgrenzung der Raffen sehr viel unsicherer und vorsichtiger geworden. So hat F. Weidenreich in seinem Buche: „Raffe und Körperbau" den Nachweis geführt, daß sehr häufig konstitutionelle Verschiedenheiten (d. h. die individuellen — ost ebenfalls erblichen — Besonderheiten in Bau und Funktwn des Körpers und seiner Teile, die eigenümliche Verfaffung des Körpers, von der seine besondere Reaktionsfähigkeit und Reaktionsweise abhängt), deren Typen in allen Raffen und unabhängig von diesen Vorkommen, zu Unrecht als „Raffen Merkmale angesehen und gewertet wurden. Recht auffällig erkennbar ist die genannte Unsicherheit in dem bekannten Werke: Baue, Fischer, Lenz, „Menschliche Erblichkertslehre und Raffenhygiene", 3. Auflage 1927. in dem die Berfayer der einzelnen Abschnitte sehr verschiedene Ansichten vertreten. Dagegen hat eine Anzahl wichtiger Fragen in den letzten Jahren eine grundsätzliche Klärung gefunden, wobei die Klärung zum Teil in dem offenen Eingeständnis besteht, daß auf dem beschritterwn Wege nicht weiterzukommen ist. Es handelt sich vor allem um die Bestimmung der Begriffe „Raffe" und „Raffenmerkmal", im Anschluß daran um die Wertung der „seelischen Raffenunterschiede" und um die „Dtutgruppenforschung". Das Wort „Raffe" hat in der Wiffenschaft zwei ganz verschiedene Bedeutungen. Die eine ist! ebensgesetzlicher Art: ,Aaffe" bedeutet hier das biologische Gesamtbild einer Ledensgruppe bzw. einer Einheit von Geschlechterfolgen ohne Rücksicht auf die anthropologische Zusammensetzung. — In diesem Sinne ist die „Raffe" Gegenstand der „rassenüygienischen" bzw. „rassenbiologischen" Forschung. Die „Raffe" in diesem Sinne unterliegt Werturteilen, und die „Eugenik" untersucht die Möglichkeiten, die Veränderung oder Verschlechterung der „Raffe" (ein Plural „Raffen" wird bezeichnenderweise nicht gebildet!) aufzuhalten bzw. ihre Qualität zu verbeffern, die (Erb-) Gesundheit zu steigern und zu festigen. In dem anderen Falle dient das Wort „Raffe" zur Ern-. teilung und Gruppierung. ^Raffen" sind in dresem Sinne Gruppen von Individuen, die, abgesehen von den gemeinsamen ArtmeKrnalen, unter sich in einer Anzahl engerer Merkmale gestaltlicher, physiologischer und vielleicht "auch psychologischer Art übereinstimmen bzw. sich von den anderen unterscheiden. Es sind dies z. B. die sogenannten „Menschenrassen". Auf Raffen in diesem Sinne find Werturteile nicht anwendbar. Solche Raffen können weder verbessert noch verschlechtert werden. An Versuchen, die beiden im Kern vermiedenen Begriffe —- der eine umfaßt eine Summe von Eigenschaften, der andere eine Summe von Individuen — zu vereinigen, Hai es naturgemäß nicht gefehlt; denn das Untersuchungsmatecial ist in beiden Fällen dasselbe, und eine Anwendung der rassenbiologischen Forschungsergebnisse auf die anthropologisäzen Raffen ist denkbar. Aber diese Versuche- (z. B. von Scheidt) haben keinen Anklang gefunden.' Nach wie vor laufen die beiden Anwendungsweisen des Wortes „Rasse* in der Fachliteratur nebeneinander her. In der ausgedehnten dilettantischen oder halbwiffenschastlichen „Rassen"-Literalur aber werden die beiden Begriffe vollkommen durcheinandergerührt und mit Sicherheit immer gerade das, was nur für den einen gilt, auf den anderen bezogen. Besonderer Mißbrauch wurde aber mit den R a s s e n m e r k m a l e n getrieben. Man findet überall (auch in Schulbüchern) den Satz:' ' „Charakteristisch für die Raffezugehörigkeit sind nicht die § Merkmale*, sondern die Anlagen*." — Das heißt: Da die 1 äußere Erscheinung (Phaenotypus) auch äußeren Einflüßen § unterliegt und manche Merkmale verdeckt vererbt werden, 8 kommt es für die Raffenforschung weniger auf die zutage 8 tretenden Merkmale als aus die erblich festliegenden Anlagen 1 bzw. Reaktionsweisen (Genotypus) an. Auf der falschen Ausp legung djefes Satzes wurde, indem man den wissenschaftlich f| eindeutigen Begriffen „Merkmal" und „Anlage" den Sinn | unterschob, den sie in der Umgangssprache haben: „äußeres p Merkmal" — „innere, psychische, seelische Charaktei(!!> [; anlage", die wildeste Raffenpsychologie aufgebaut. . In diesem f; Punkte mußte sogar Eugen Fischer, der Direktor des l neuen NassenlNstrtuts in Dahlem, der 'allzulange dazu ge-!: schwiegen hatte, schließlich von seinem Schützling Günther f: übrücken (Vorwort zur Veröffentlichung des Ergebnisses des |j von ihm und Günther ausgeschriebenen Wettbewerbes für fl bcn besten nordischen Raffekopf in „Volk und Raye", 1926). — |J Aus wie schwachen Füßen aber die ganze Raffenpsychologie || steht, hat mit aller Deutlichkeit Lenz (B a u r, Fischer, Lenz: „Menschliche Erblichkertslehre usw.", 3. Auflage, 1927) ausgesprochen: (S. 520): „Tie Unterschiede zwischen den verschiedenen (seelischerr. D. Vers.) ,Rafsenanlcrgen* sind im allgemeinen weniger hochgradig als die zwischen normalen und krankhaften Anlagen." (S. 522): Direkt können wir die seelischen Unterschiede der ursprünglichen Raffen, welcke in» unsere Mischbevölkerung eingegangen sind, nicht mehr feststellen." Alle Folgerrmgen haben danach nur den Wert von Vermutungen. Wenn man seelische Raffenunterschiede seststellt, kann es sich (S. 522) „selbstverständlich nur um Durchschnittswerte handeln". bedenklich ist es dagegen, aus besonders typischen' Vertretern die Anlagen der Raffen erschließen zu wollen, weil die Auswahl des ,typischen* bereits bestimmte Vorstellungen über das seelische Bild der Raffe voraussetzt." — „Leider können wir bei dem einzelnen hochbegabten Menschen kaum jemals mit Sicherheit sagen, ob er seine Begabung jener Kasse verdankt, der feixt» Zleußeres entspricht, oder nicht möglicherweise der Mischung mit einer anderen/ Am schärfsten wird L e n z in der Ablehnung von C l a u ß („Die nordische Seele", 1923): „Ja, woher weiß er überhaupt, daß es eine ^nordische*, eine ,vstische', eine ,westifche* usw. Seele gibt? Er setzt das zu Erforschende einfach schon voraus und täuscht sich und andere über seine Methode." Das ist deutlich genug und um so gewichtiger, als Lenz unbestritten die erste Autorität aus dem Gebiete ist. Sind schon die bisherigen Ergebniffe der ernsthaften Raffenpsychologie so kümmerlich, so besteht anderseits kaum eine Aussicht, mit ihr weiterzukommen. Derartige Forschungen stehen und fallen mit der Erforschung der Erbgangs. Für die normalen psychischen Eigenschaften (die krankhaften sind, weil meist aus einem einzigen Erbfaktor beruhend, bester bekannt!) , sind die Erbgänge völlig unbekannt. .Da Eharakterzüge, j Begabungen usw. zusammengesetzte Eigenschaften sind, müßten! diese erst in meßbare Grundbestandteile aufgelöst werden, die möglicherweise alle getrennt und vielleicht sogar nach verschiedenen Gesetzen vererbt werden. Eine solche psychologische Elementaranalyse ist bisher nur bei der musikalischen Begabung gelungen, einem Komplex, der mit mehr als zwanzig Einzelfaktoren immer noch einer der einfachsten zu sein scheint. — Solange es sticht gelungen ist, die wichtigsten Charakteranlagen in ihre Elemente zu zerlegen und diese getrennt aus ihren Erbgang zu untersuchen, solange kann die Raffenpsychologie keinen Anspruch darauf erheben, als Wiffenschaft gewertet zu werden. Von anderer Seite (Kretschmer: .Förperbau und Charakter") wird sogar der Standpunkt verfochten, daß die Charaktereigenschaften, also der Hauptbestand- , teil der „Seele", konstitutionelle Eigerrsclzaften seien, die mit „Raffe" überhaupt nichts zrr tun haben. (Schluß folgt.) MX

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