Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 41 (12.10.1928)
- Date
- 1928-10-12
- Page
- Seite 578 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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57$ Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Von GewerkschafLssekretär und Stadtverordneten Ernst Behrendt (Beuthen, O.-S). Im Verkehr der Menschen untereinander ist der erste Eindruck häufig der entscheidende über Zu- oder Abneigung. Dabei erlebt man es, daß gewiste eigene oder fremde Erfahrungen zum ständigen Gebrauch verallgemeinert werden, auch ivenn nichts als Lutzerliche Merkmale eine scheinbare Gleichheit Vortäuschen. Tie Unglückszahl 13, die Einstellung gegen die Juden mögen als Beispiel genannt sein. Wie sehr ist doch unsere Umwelt geneigt, aus Erfahrungen mit einem Juden Schlüffe auf den Charakter aller Juden zu ziehen, und mancher Haß und manche Liebe ist auf diese Weise entstanden. Daraus ist — man mag die Berechtigung solcher Meinungen zwar bestreiten — für das Praktische Leben die Lehre zu ziehen, daß wir Juden die Verpflichtung haben, dafür zu sorgen, daß unsere Handlungsweise stets im besten Sinne beispielgebend ist. Ich will aus der.Fülle des täglichen Lebens hier einige Beispiels geben, wie sehr ein einwandfreies Verhalten der jüdischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer geeignet sein kann, die Aufklärung über die wahre Natur der Juden zu fördern. Dabei wird zunächst und in besonderem Maße an die Verhältnisse in den Gewerbebetrieben gedacht, bei denen die beiden Träger der Wirtschft unmittelbar noch in Berührung kommen, also die mittleren und kleinen Betriebe mit an sich wenig Angestellten. Der christliche Angestellte. zum ersten Male bei einem jüdischen Chef, lernt nun dessen Gewohnheiten kennen, seine Einstellung zu seiner Familie, seine Geschäftspraktiken, seine Wohltätigkeit, seinen Gemeinsam und seine soziale Einsicht. Und wenn der christliche Angestellte bei diesen Gelegenheiten Achtung vor der Betätigung der Juden lernt, wird er sicher geneigt sein, daraus aus die glerchn Eigenschaften auch bei den anderen Juden zu folgern. Er wird auch anderen^ mitteilen. welch" treffliche Grundsätze ihm bei feinem jüdischen Arbeitgeber gefallen haben, die er vielleicht zu den seinigen machen wird und die er bei allen künftigen Stellungen in christlichen Geschäften mit den dort herrschenden Praktiken vergleichen wird. Er wird vor allem erkennen können, wie sehr die judenfeindliche PropoMnda das wahre Bild verzerrt, und er wird die Judenfeind'chast nicht in sich oufkommM lassen. Natürlich besteht umgekehrt die Gefahr der Verallgemeinerung der Methoden eines herrschsüchtigen. kleinlichen, unsozialen und geizigen Mannes, und es ist leicht einzuseherr. daß diese Verallgemeinerung der jüdischen Gesamtheit zu großem Schaden ^reichen kann. Und auch der jüdische Arbeitnehmer hat eine große Verantwortung zu tragen; sein Fleiß und sein Geschäftsinteresse, seine Ehrlichkeit und Pünktlichkeit in einer andersgläubigen Umgebung werden scharf beobachtet und gern zum Gegenstand verallgemeinernder Erfahrungen gemacht werden. Aus allem ist zu schließen, daß gerade Juden sich vorsehen sollten, etwa durch unerfreuliche Methoden in ihrer Geschäftsgebarung Anlaß zu scharfer Kritik zu geben. Unbelehrbare in beiden Lagern mögen von dieser Betrachtung ausgeschaltet bleiben. Die der Vernunft Zugänglichen Menschen werden von menschlich guten oder schlechten Eigenschasten seelisch und geistig beeindruckt werden. Au8 diesen Gründen möchte man manchem jüdischen Chef den Rat geben. zwischn beruflichem Jntereffe und Angestelltenintereffe stets die goldene Mittelstraße zu gehen, nicht ohne Not allzu scharf seine Interessen im Arbeitgeberverband zu verteidigen, nicht das Ehrgefühl beleidigende Kontrollmaßnahmen durchzuführen (Z. B. tägliche Ehrlichkeitsprüfungen des Personals), keinerlei übertriebene Anforderungen an die Arbeitszeit zu stellen, in Frage der Bezahlung, der Kündigungen während der Dauer einer Krankheit Mensch unter Menschen zu bleiben. Die jüdischen Arbeitnehmer sollten es sich gesagt sein lassen, daß z. V. das Verlangen nach Urlaub Lei sehr kurzer Dauer des Dienstvertrages. Unverträglichkeit mit dem anderen Personal. Unsauberkeit in der Kleidung, und das Gegenstück hierzu, eine hypermodisch Aufmachung. Schwatzhaftigkeit und die Vermengung privater Neigungen mit geschäftlichen Notwendig« kerten — daß auch derartige Eigenschaften auf die anderen, besonders die nichtjüdisckzen Art^itnehm-or und Arbeitgeber fchlech wirken, womöglich fogar als allgemeine Merkmale „der" Juden im Gedächtrris fclddcn. Vielleicht sind diese Dings so einfach daß mancher güruberr mag. auf sie im Ausmaß der wichtigeren Vorkommnisse des Lebens picht besonders achten zu können; aber sind cs nicht die kleinen Ursachen, die die großen Wirkungen nach sich ziehen? Das Sprichwort: „Alle für einen — einer für alle!" warnt uns Juden vor unsozialem Gebaren, es schützt uns, wenn wir sozial sind, D. h. den Nächsten lieben wie uns selbst. i A; . Grabdenkmal aus Siegburg« Zum Artikel »Heimaterde« auf Seite 577. Mttelftanü und Herufsrvahl. EnLschlietzttngen des Zentralvcröandes jüdischer Handwerker Derrtschlarrds. Auf dem Verbandstag in Hannover nahm der ZenLralverbau d jüdischer HandwerkerDeutschlands folgende Entschließungen an: ' - .Die wirtschaftliche Entwicklung der Nachkriegszeit hat den jüdischen Mittelstand besonders hart getrossen. Die zunehmende Verarmung breiter Kreise des Mittelstandes vernichtet immer..mehr Existenzen. Der 8. Verbandstag sieht in der Echnfung jüdischer Darlehnskassen und Kreditgenossenschaßten eines der Mittel, diesem Derelcndungsprozeß entgegenzuwirken. Ter Verbands tag fordert deshalb von den jüdischn Gemeinden und Landesverbänden: 1. Gründung von Tarlehns- und Kredittaffen umgehend in die Wege zu leiten; falls foIcf>e nicht bestehn, Neugründungen vor« Kmehmen. einesteils, um den jüdischen Mittelstand vor weiterer Verelendung zu schützen, anderseits zum Existenzaufbau und «ausbau. 2. Ter Verbandstag protestiert aus das entschiedenste gegen die immer häufiger werdende Ausschaltung jüdischer Handwerker, sowie gegen die Verdrängung jüdischer Arbeitnehmer von den Arbeitsplätzen. Der Ver, bandstag sieht in den jüdischen Arbeitsnachweisen eines der besten Mittel zur Linderung der Arbeitslosigkeit der Juden. 9, Der Derbarwsiag fordert von den Gemeinde- und Landesverbänden, sowie von allen jüdischn Organisationen, daß sie der Frage des Ausbaues der jüdischn Arbeitsnachweise größte Aufmerksamkeit widmen. Der Verbandstag hält die Einheitlichkeit der jüdischen Arbeitsnachveisbervegung für unerläßlich und spricht sich deshalb gegen jede Sondergründung aus, die eine Zersplitterung der Arbeitsnachrveise bewirken könnte.; In Anerkennung der Tatsachen, daß sich in verschiedener, Handwerksbcrusen bereits ein Mangel an qualifizierten Arbeitern und Lehrlingen bemerkbar macht, hält der Verbandstag des Zentralverbandes jüdischer Handrverker Teutschands es für notwendig, darauf hinzuweisen, daß der gegenwärtige Zeitpunkt für. eine Normalisierung der jüdischen Berufsgliederung durch eine Förderung des handwerklichen- Nachwuchses besoirders geeignet ist." Der Verbandstag beschloß deshalb eine N?ch von Forderungen an seine angeschloffenen Vereine und die ju6ifd>cn Organisationen, von denen wir die» folgende häer Wiedergaben: Das deutsche Judentum, besonders aber die veranttvovtlichn Körperschaften sind aus diesen Umstand hin-uweisen und die Errichtung von Berufsberatung^- stellen zu fordern, daeine sinnvolle Ulngcstalttmg der Berufstzliodm'ung der deutsche»» Juden nur auf dem"Wege einer systematisch n Berufsberatung möglich ist.