Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 41 (12.10.1928)
- Date
- 1928-10-12
- Page
- Seite 574 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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574 das Gebäude seiner Innenpolitik vom liberalen Träger lösen und auf dem konservativ-klerikalen errichten wollte. Die geleßenllicye Unterstützung des orthodoren „Langrockes" hatte als rein taktische Maßnahme mit „Gesinnung"' absolut nichts zu tun. Viel eher laßt sich die Abneigung Bismarcks gegen Stöcker und seinen Anhang behaupten und beweisen. Man denke nur an die Schärfe seines Kampfes gegen ihn als einen Führer der Hammer st einschen Fronde, oder an den leidenschaftlichen ersten Kampf des alten Kanzlers um seiner« neuen Herrn, den damaligen Prinzen Wilhelm, zur Zeit der Waldersee-Versammlung. — Und Stöcker? Der erste Triumph des zum Schweigen Verurteilten war — Bismarcks Sturz, an dem er als ein Haupt der „kleinen, aber mächtigen Partei" so wesentlichen Anteil hatte. Diel näher als sein Kanzler stand Wilhelm!, dem orthodoxen Hofprediger und Judenfeinde. Wir wißen, daß er sich nur mit Widerwillen mit der Emanzipation als einer politischen Zwangslage abgefunden hat. Und doch stieß auch ihn die Streitnatur Stöckers ab, als durch Len Londoner Skandal und durch den Bäcker-Prozeß mit dem H o s Prediger der ehrempfindliche König bloßgestellt wurde. Der äußere Bruch, die Entlassung, wurde durch die Intervention des Prinzen Wilhelm verhindert. Auf diesen Retter und (zur Zeit der Waldersee-Persammlung) Parteigänger hat Stöcker sein ganzes ferneres Leben lang alle Hoffnung gesetzt. Der Kaiser der Ueberraschungen hat sie restlos enttäuscht. Des Hofpredigers engste Verbindung mit der Hammersteinschen Fronde gegen das Kartell, seine der Aera Stumm zuwiderlaufende soziale Betätigung, nicht zuletzt die selbstbewußte, sich vor dem Selbstherrscher nicht beugende Art Stöckers erklären seine Amtsentsetzung, Aechtung und „Verfolgung" durch den Kaiser. Wilhelms Absicht, den ultramonarchischen Konservativen wegen Majestatsbeleidigung verurteilen zu lagen — eine für beide Personen gleich bezeichnende Ironie! Daß die überdiensteifrrge konservative Parteileitung und die Landeskirche dem Wink von oben folgten und ihren einst einflußreichsten Führer kaltstellten, ist Variation eines nur zu bekannten Themas der wilhelminischen Epoche. — Monarchischer als der Monarch, konservativer als dieKonservativen, kirchlicher als die Kirche — die Tragik eines um Jahrhunderte zu spat Geborenen. Wir können mit Frank psychologisch begreifen, daß ein solcher Mensch auch mit dem mittelalterlichen Erbteil der Judenfeindschast behaftet sein konnte. Unverständlich aber ist — und Frank versagt an diesem Punkt leider —, wie ein denkender Mensch im 19. Jahrhundert, noch dazu ein christlicher Geistlicher, es über sich bringen kann, den Haß in der Masse zu entzünden. Zum mindesten liegt hier jene grenzenlose. Verblendung vor, die nicht erkennt, daß bei der Masse kulturfeindlicher Haß werden muß, was beim Führer sich in gewissen Schranken hält. Don hier aus ist verständlich, daß die Führung der Antisemitenbewegung auf Elemente übergehen mußte, die der Moral der Masse mehr entsprachen als der orthodoxe Geistliche, für den doch wenigstens die Taufe der offenen Feindschaft ein Ziel setzte. Leider hat Frank es auch unterlassen, in diesem Zusammenhang die Folgen zu erörtern, die diese Demagogie des kirchlichen Führers und Hofpredigers für das Ansehen von Kirche und Monarchie bei den Gebildeten haben mußte. Frank steht hier seinem Objekt doch noch nicht voll unbefangen gegenüber. Das tritt auch bei einigen kleineren Zügen zutage; etwa wenn er übertreibend Stöcker den ungekrönten König Berlins nennt, der ein Jahrzehnt die Hauptstadt beherrscht habe, oder wenn er überkritisch den Brief Bleich - tob et6 an Wilhelm I. glossiert. — Im ganzen aber verdanken wir ihm em politisch aufschlußreiches Werk über das wilhelminische Berlin und eine fesselnde Psychologie des christlich-sozialen „Antijemitenvaters". M mrmr KrrfMr WmMMMr MiMmert. In der Nacht vom 1. zum 2. Oktober d. I. wurden die vor kurzem neu angeschafften Fenster der Krefelder Synagoge von Bubenhänden eingeworfen. Die Fenster waren eine Arbeit deZ Kötner Künstlers Professor T h o r n - Prikke. Auf die Ergreifung der Täter ist eine Belohnung von fünfhundert Mark ausgefetzt. „Du sollst alte Volker fressen!" Eine apologetische Betrachtung von Gemeinderabbiner De. Reinhold Lewin (Königsberg i. Pr.). Schon im Jahre 1924 (,,C. D. - Zeitung" Nr. 43) beschäftige sich v. Laible in Rothenburg o. d. T. in diesen Blättern mit dem Bibclverse „Dusollst alle Völker fressen", und hat dcnen, die diesen Ders so gern gegen die Juden ausschlachten, gründlich heimgeleuchtet. Die Ausführungen unseres Freundes Tr. Reinhold Lewin beleuchten die Freibeuterei, die immer weiter mit dem Verse getrieben wird, von innen heraus und vom jüdisä)- ethischcn Gesichtspunkte in wertvollster Weise. Die Schriftleitung. Es gibt manche Stelle unseres Schrifttums, auf die unser Auge niemals von selbst gefallen wäre. Hatte sich außerhalb unserer Reihen kein Finger gehoben, der warnen oder an klagen wollte, so wären wir ohne Aufenthalt, ohne Versuch einer Rechtfertigung vorübergeschritten. Wahrheitsgemäß, was keine Entschuldigung vorwegnimmt, darf festgestcllt werden, daß es so mit dem Worte des Deuteronomiums steht (5. Luell Mose 7,16): Du sollst alle Völker sressen! Man kann in den alten Erläuterungen blättern und suchen; man kann Israels Weisen in den Kreis ihrer Schüler, ins Lehrhaus folgen, wo Satz um Satz und Wort um Wort der Gotteslehre zergliedert wurde — nirgends wird man finden, daß jene Vorschrift mit Lust entfaltet, mit Eifer begründet, imt Wert und Bedeutung umkleidet wurde. Daß sie für uns Anlaß einer Betrachtung werden mag, ist Verdienst oder schuld der neuzeitlichen Judengegner. Ihr schnüffelnder Argwohn, ihre gehässige Leidenschaft entdeckten sie. Sie meinten, in ihr ein Wild zu stellen, das sich zum Beweise jüdischer Verruchtheit ausweiden lasse. Nichts anderes schreie sie hinaus als das Ziel unserer Weltherrschaft, die alle Völler in ihren Rachen hineinzuschlingen, in ihrem Schlunde zu begraben mit Wollust trachte. Nun stört es zwar, es muß sofort mißtrauisch stimmen, daß gerade solche Blutgier und Meuschenfreperei zum Gegenstand einer Anklage machen, die umgekehrt uns am liebsten mit Haut und Haar verspeisen und in unserem Blute baden möchten. Doch unbekümmert, rver uns bezichtigt —, da der Vorwurf ernst, mitunter sogar buchstäblich gemeint und aus Christenmord be.zoeen wird, sei er geprüft! Dem Grundsatz treu, man müge wissen, wie der Cottesfeind sich Lügen strafen und abweiserr lasse (Aboih 2,19), sei des Judentums Stellung zu dem Worte der Schrift sachlich geklärt: Du sollst alle Völker fressen! So, wie ein Körper ausschließlich im Raum vorstellbar ist, dcr ihn trägt, ihm Platz und Rangordnung zuweist, so und nicht anders hat ein Spruch seinen Zusammenhang. Durch iljii wird er möglich; in seinem Rahmen bleibt er gültig. Herausgerigen, sogar wenn er ohne Verstümmelung genauestens wiedergegeben wird, entgeht er schwer einem Mißverständnis: es lauert chm aus und würgt ihn ab. Achtet man hieraus, da legt die Einordnung in die Umgebung für das Wort, das bei uns beanstandet wurde, von vornherein klar: Im Grunde ist es keine Verfügung, von Gott erkagem sondern dopen Verheißung, die er für den Fall, daß Israel seiner stimme gehorcht, verwirklichen will. Er wird die Völker verschwinden lassen, die ihm widerstehen, wird sie ihm zur Vernichtung überliefern. Freilich, damit es nicht aussehen möge, als beschönige ein Winkelzug, werde etnaerduntt: irx Gottes Versprechen liegt noch mehr, liegt der bald dahinter rückhaltlos ausgesprochene Wille, ohne Scheu und Erbarmen von der Möglichkeit der Ausrottung auch Gebrauch zu machen (5. Buch Mose 7,24). Mer dieser Befehl (und das stellt wieder der ganze Zusammenhang außer Zweifel) ging bloß auf die Stämme, die aus Kanaans Boden siedelten, deren Götzendienst oder Unsittlichkeit Israels geistiges Wachstum störten. Um dem Einheitsglauben nicht zum Fallstrick zu werden, sollten sie hinweg, sie, deren geile Zuchtlosigkeit, deren mitleidsloser Aberglaube mit Entrüstung und Abscheu gebrandmarkt werden. An ihnen wurde das Kriegsrecht vollstreckt, das im Altertum üblich war, über das am wenigsten unsere Zeit sich hinausgeschritten Vorkommen sollte. Was hat sie als KriegsnoKoendigkeit nicht geübt und verherrlicht, das die waffenlose Bevölkerung ohne Schuld und Angriff ins Unheil stürzte! Wieviel Orte jenseits des Kampsbereiches haben Fliegerbombe und Ferngeschütz heimsuchen dürfen! Planvoll betriebene Aushungerung hat nicht Säugling, nicht Frau noch Greis verschont. Für die^Art der Befehdung, mit der die fortgeschrittene Menschheit sich wechselrveise den blutigen Garaus zu machen drohte, hätte kerne bildhaft geformte Losung besser gepaßt: Du sollst alle Völker fressen! So ließe sich vor der Außenwelt das Wort vertreten. Ihr siel es vermutlich nur durch einen dichterisch kräftigen Ausdruck so besonders aus. äst es hiermit jedoch für uns erledigt? Wir. denen Krieg, Gewalt und Unrecht zu etwas wurde, das vom Gottesglauben zu verneinen, zu überwinden sei, können wir die Gesinnung der Menschenfeindschast im Namen Gottes überhaupt gewissensmäßig begreifen? Ist sie nicht nach unserer Einstellung ein dunkler Fleck auf des Judentums schimmerndem Ehrenkleid? Hieraus ist zu sagen, daß solche innere Ablehnung von je bei uns lebendig war. Darum wurde die scharfe Ausweisung, war sie auch einer roheren Frühzcit gemäß, die aus ihre Art sittliche Zwecke damit fördern, in der Tat vor geistiger Ansteckung behüten wollte -7in Wirklichkeit wurde die Anweisung niemals vollzogen. Ein jüngeres Buch der Heiligen Schrift, das die Vorgänge bei der Eroberung ungefärbt schildert, stellt ern langes Verzeichnis der Orte und Völkerschaften zusammen, die