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Central-Verein-Zeitung · 1928-10-12 · 41 (12.10.1928) · p. Seite 573

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
41 (12.10.1928)
Date
1928-10-12
Page
Seite 573 (sequence 1)
Language
German
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ßcrün, 12. Oktober 142T VII. Jahrgang . Nr. 41 Einzelnummer iS Pfennig" r^U^erneins Z.eirun^ des Judentums Viertel ialjc 5-aöonncmcut 3,2ö NM. (Auzügl. Bestellgeld). vrrlLg u. Lchriftlrirung: Derlm SW 63. Llndenstr. 13 Fernsprecher: AmtDS-choff 559-1. 3595. .:. Postscheckkonto: Berlin 39472. Dankkonts: Dresdner DarU. Wechsel» stude 0, Berlin SW 6-S, Lindenstr. 7, nnd ron Eoldschmidt-Rothschild L Lo.. Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annonceu-ExpediLion Rudolf Moste,-Berlin SW 13, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JiJl für die 7gespaltens Zeile nach Rudolf Moste» Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzergen und Stellengesuche (nicht Etellenüngröo:e) für Mitglieder L. Levtralvereins 0.45 JtJ*.. die 90 mm breite Reklamezeile 4.80 JZJL Von Dr. Kurt Wawrzinek. Tr. Kurt Wawrzinek ist der Dersasier einer viel beachteten Studie: „Die Geschichte der deutschen A n t i j e m L t e n p a r t e i e n." Seine Arbeit ist in der Hauptsache um die in seinen Kreisen überragende Gestalt Stöckers gruppiert. Tie kritische Betrachtung, die er einem neuen, vielfach auf bisher unbekannten Quellen beruhenden Werke über Stöcker widmet, darf deshalb auf besondere Aufmerksamkeit rechnen. Die Schristleitung. Die Reihe der Werke, die uns einen Blick in das intimere Leben am ehemaligen Berliner Kaiserhofe tun lagen, ist durch ein neues Werk: „Walter Frank, Hofprediger Adolf Stöcker und die christlich-soziale Bewegung" erfreulich bereichert worden. Ter Verfasser hat die in Betracht kommenden Quellen in den Berliner Archiven, in Briefsammlungen und Tagebuchveröffentlichungen tüchtig ansgenutzt, das gewaltige Material kräftig durchgearbeitet und mit Hilfe zahlreich eingestreuter bezeichnender Situationen und Anekdoten ein lebendiges, anschauliches Bild vom kaiserlichen Berlin geschaffen. Der streitgewaltrge Hosprediger Stöcker steht im Mittelpunkt. Sein Lebensweg, unter besonderer Berücksichtigung der christlich-sozialen Gedanken und Werke, wird mit Psychologischer Wertung der die Entwicklung bedingenden Anlagen und Einflüsse dargelegt. Stöcker erhalt hier nach der bisher maßgebenden Biographie Oertzens, jener unförmigen, ungebändigten Materialsammlung und panegyrischen Mißzeichnung seines Parteigängers, eine sachliche, formvollendete Würdigung. Wir verstehen die Doppelnatur des Sohnes des vierten Standes, den das Geschick in die Höhen der ersten Gesellschaft führte, deren glänzende Form und unnachahmliche Herrschbegabung den Emporkömmling unlöslich fesselten. Aeußerlrch aus der niedersten Schicht emporgestiegen zur höchsten, scheint er beider Synthese darzuftellen. Entsprechend sucht er als Mitglied der Hofgesellschaft im niedersten Bolk zu wirken, die Synthesen erstrebend von Eottesgnadenkönigtum und modernem, industrialisiertem und politisiertem Bolk, von Kirche und Klapenkampf, von Konservatismus und Sozialismus. Synthesen von Gewesen und Werden. Stöcker erscheint als der vorwärts und rückwärts zugleich schauernde Januskopf. Doch fein Gesicht, das nach dem Vergangenen sieht, ist viel ausgeprägter als das die Zukunft schauende. Reaktionärorthodox, unberührt von Zweifeln und Skrupeln, von Aufklärertum und kritischer Theologie, durchaus ein Kind der Zeit Friedrich Wilhelms kV., fällt dieser Mensch wie ein dunkler Schatten in die Aera des neuen, auf modernem, liberalem Grund errichteten Reiches. Unerträglich erschien ihm, daß der universale, Staat und Leben beherrschende Einfluß seiner Kirche durch neue Mächte in den breiten Magen des Volkes wie in den engen Zirkeln der Führenden abgelöst werden sollte. Daher seine Kampfstellung gegen die modernen Gewalten, deren Haupttriebkräfte ihm in Kapitalismus und Judentum erschienen. Als Vertreter dieser reaktionären Anschauungen wurde er, befähigt durch eine mitreißende, volkstümliche Redegabe, zum bedeutendsten Demagogen, den das konservative Deutschland des vorigen Jahrhunderts hervorgebracht hat. Unübertrefflich als Agitator, unfähig als Organisator, ohne rechte Menschenkenntnis, daher unglücklich in der Wahl seiner Helfer, ohne Verständnis für große Politik und ihre Notwendigkeiten —, diese Eigenschaften erklären das Geschick seiner Parteigründungen. Und doch erlangte er trotz dieser Schwächen die glanzvolle, einflußreiche Stellung als Führer der B e r l i n e r B e w e g u n g. Es ist wesentlich: er erlangte diese Stellung nicht als Führer des vierten Standes, wie er es ursprünglich (mit der Gründung der absonderlichen „christlich-sozialen Arbeiterpartei") beabsichtigte, sondern als Schirmer des untergehenden niederen dritten Standes des Berliner Kleinhandwerker- und Krämertums. Hier, wo Manchestertum, Großkapital, Juden als die Urübel erschienen, fand Stöcker seinen Gesinnungs- und Jnteressenanhang. Der vorübergehende Riesenerfolg der „Berliner Bewegung" ist trotz des agitatorischen Geschicks Stöckers, trotz der den Masieninstinkten entgegenkommenden autijüdischen Propaganda unverständlich, wenn man nicht die Begünstigurig in Betracht zieht, die diese zugleich anLisortschrittlicl>e Bewegung von offizieller Seite erfuhr. Stöcker und Bismarcks Der Kanzler wird von einer neuen Seite beleuchtet, er erscheint in einer bisher wenig bekannten seiner zahllosen Beziehungen und bleibt doch der alte: der Realpolitiker, der seine Bundesgenossen hernnnmt, wo er sie auch findet. Bei dem es wahrhaftig gleick)gültig ist, ob er einmal als arroganter Junker eine schneidige Antijudenrede gehalten hat. Bei dem die Frage, ob er aus Judensemdschaft die „Berliner Bewegung" unterstützte, einfach töricht ist. Ter populärste konservative Agitator Stöcker war für ihn brauchbar, als er | Br. Reinhold hewin (Königsberg): „Du I sollsl alle Völker fressen“* — E* Behrendt 1 (Beuthen): Arbeitgeber und Arbeit~ | nehmet* — Ernst Lissauer (Wiera) r Jildi« § sehe Messiaslegcnden* — Beilage: Von 1 deutsch-jüdischer Jugend, Nr* tO*

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