Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 40 (5.10.1928)
- Date
- 1928-10-05
- Page
- Seite 563 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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563 Wöisthe Wirtsthaftsführer -es Muskanöes. So!! em Pfarrer Zwietracht säen! Zn Den Vorgängen am Schöneberger Werner-Siemens-Realgymnasium. Generalsuperintendent Dr. Otto Dibelius in Berlin-Steglitz gehört zu den Pfarrern, welche ihre Eeuieindemitglieder auf versteckte Art gegen uns deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens ansbringen. der Wochenschau des „Evangelischen Gemeindcblatts für die Gustav- Adolf - Kirchengemeinde Ehartottenburg" (Nr. 38 vom 16. September d. I.) kämpfte er gegen die oberste Schulleitung, weil sie nicht verboten hatte, daß die Schüler des W e r u e r - S i e m e n § - Realgymnasiums in Schöneberg, die aus ihrer Einstellung zum heutigen Staat heraus mit der offiziellen Dersassungsfeier ihrer Seipule unzufrieden waren, eine zweite Bersassungsseier in Szene setzten. Nicht die Einstellung von Dr. Dibelius Zum Staat, nicht seine Auseinandersetzung mit der Schulbehörde, nicht das Vorgehen der Schüler sollen in diesen Blattern zur Erörterung gezogen werden, sondern den Lesern möchte ich einzig und allein Mitteilen, wie dieser hohe evangelische Geistliche den Tatbestand seinen Gemcindemitgliedern auseinandersetzt. Er beginnt: „Das Werner - Siemens - Nealgymnasium ist im Westen Berlins bekannt als eine Anstalt, die einen ganz außergewöhnlich hol^n Prozentsatz von jüdischen Schülern in ihrer Mitte hat. Es war in den vergangenen Jahren nichts Seltenes, daß in den Oberklaffen drei Viertel aller Schüler jüdischen Belenntniffes oder jüdischer Abstammung waren. Das brachte von jeher besondere Schwierigkeiten mit sich. Die jüdischen Schüler sind, namentlich unter großstädtischen Verhältnissen, viel früher reis als ihre deutschen Mitschüler. Sie leben schon als Primaner viel mehr in der Welt der Oeffenttichkeit. sind mit Theater, Politik und Wirtschaft früh vertraut. Mancher Vater, der seinen Jungen auf das Werner- Siemens-Realgymnasium gebracht hat, nahm ihn spater wieder von der Schule fort, weil im geistigen Lel-en der Klaffe das deutsche Element allzu stark in den Hintergrund gedrängt wurdet Man sieht in dem Aufsatz mithin keinen unmittelbaren Angriff auf die Juden; aber die einleitenden Sätze sollen dem Leser klarmachen, daß die Handlungsrveise der Werner-Siemens- Schüler nur möglich war, weil dort das jüdische Element stark vertreten ist. Ich bestreite keineswegs, daß auf dieser Schule ein verhältnismäßig hoher Prozentsatz von jüdischen Schülern vorhanden ist. Woher nimmt aber Tr. Dibelius die Befugnis. daraus Schwierigkeiten von jeher zu folgern? Der frühere vorbildliche Leiter der Schule, Prof. Wetekamp, konnte uackpveisen, daß dem beileibe nicht so ist. Die Disziplin dieser Schule war stets mustergültig und, sorveit mir bekannt, hat kein jüdischer Schüler sich je anderes dort zuschulden kommen lasten als seine christlichen Kameraden. Nun al>er stccklt Dr. Dibelius allgemeine Behauptungen von der Frühreife jüdischer Großstadtschüler auf. die unwahr find. Dr. Dibelius sollte genau wissen, daß die körperliche und geistige Reife unserer Knaben nichts mit dem Glaubensbekenntnis zu tun hat. Jeder Biologe weiß, daß der Eintritt der Reife im Knabenalter individuell verschieden ist. Wovon er abhängt, ist noch nicht genügend erforscht. Jedenfalls kennt jeder Arzt, jeder Lehrer frühreife christliche und jüdische Jüngern Wenn Pfarrer Dr. Dibelius weiter behauptet, daß die jüdischen Primaner stärker mit der Oesseullichleit, dem Theater, der Politik und Wissenschaft vertraut sind, als die christlichen, so scheint er gerade die B o r k o m m n i f f c des letzten Jahres in seinem Wohnort S t e g» l i tz nicht beachtet zu haben. Glücklicherweise stanunten die sittlichen Bilder, wie sie der Krantz-Prozeß in Steglitz enthüllt hat, nicht aus jüdischen F a m i l i e n. Ist ferner einem Manne wie dem Generalsuperintendenten Dr. Dibelius nicht gegenwärtig, daß die hohe Politik in die Prima unserer Schulen erst von rechtsradikalen Jugendorganisationen gebracht worden ist? Wer hat zuerst ein Abzeichen am Rock in der Schule getragen? Waren cs nicht die H a ke n kr e uzler, gegen die die Schulleitungen mit Energie Front machen mußten? Herr Pfarrer Dr. Dibelius wird es nicht verübeln, wenn ich ihm erkläre, daß sein Satz, „im geistigen Leben sei das deutsche Element allzustark in den Hintergrund getreten", eine Redensart, und feine schöne darstellt. Nur eines sei dem Geistlichen erwidert, daß gerade auf dem Werner-Siemens - Nealgymnasium Söhne von deutschen Juden sind, die bis zum Versailler Vertrag die Hauptt ü tz c n des Deutschtums der früheren Provinz Posen rvaren. Ich kenne nicht die Leserschar des „Gemeindeblatts für die Gustav- Adolf-Gemeinde". Wie muß auf diese ein solcher Aussatz wirken? Muß der Leser nicht unwillkürlich am Schluß die Ueberzeugung gewinnen, baß nur die Juden an dem Streit um die Verfassung schuld sind? bo hat Dr. Dibelius es erreicht: durch versteckten Angriff hat er stuw vemeindenlitglieder gegen die Inden aufgebracht. Dr. Bruns Glssrrfeld (Berlin). Von Dr. Kurt Zielenziger. VIII. (Schluß.) Unsere Betrachtung jüdischer Wirtschaftssührer*) wollen wir mit einem kurzen Ueöerblick über führende Männer des Auslandes beenden. In England begann die Emanzipation der Juden schon am Ende des 18. Jahrhunderts, aber sie machte arzch dort nur allmähliche Fortschritte. Inzwischen haben sich dre Juden dort längst die vollste Gleichberechtigung errungen. In großen Staatsstellungen konnten sie für ihr Heimatland kämpfen und für die Größe des englischen Weltreiches wirken. Lord Reading, der Bizekönig von Indien, Sir Herbert Samuel sind nur einige wenige Namen der englischen Staatsmänner jüdischen Glaubens. Unter den jüdischen Wirtschaftssührern Englands ragt S i r Ernest Cassel hervor. Ein Mann, der in vielem Verwandtschaft mit Nathan Meyer Rothschild besitzt. 1852 in Köln geboren, wo er in einem Bankhause lernte, kommt er zunächst nach Brüssel, dann zu einer Produktenfirma nach Liverpool. Seine neue Heimat England wird ihm nun wie auch so vielen weltjüdischen Deutschen, die dorthin auswanderien — es sei an die Göschen, die B unsen und die Schröder erinnert — zum zweiten Vaterland, für das er sich mit den Fasern seines ganzen Herzens einsetzt. In London tritt Cassel bei dem Bankhaus B i s ch o f s s h e i m ein, wird bald Privatsekretär des Chefs, und kommt durch dessen Verwandten Baron Hirsch zum Orientgeschäft. In den achtziger Jahren macht Cassel sich selbständig. Jetzt erfolgt sein Ausstieg rasch. Er ist es, der 1894 Argentinien, das Schmerzenskind jedes englischen Rentners, saniert. Sein größtes Verdienst aber hatte er um Aegypten. Neben Lord Crom er gehört er als der Finanzier der ägyptischen Dammbauten zu den Begründern der englischen Herrschaft im Nilreich. Auch die ägyptischen Eisenbahnen sind sein Werk. Innige Freundschaft verbindet Cassel mit König Eduard VII., der ihn znm Berater der englischen Krone ernennt. Seinen großen politischen Einfluß versucht Ca^el aber stets zur Herstellung guter Beziehungen zu seinem Geburtsland Deutschland zu benutzen. Er ist einer der eifrigsten Förderer der deutsch-englischen Annäherung und hat die Mission Ha l da nes mit veranlaßt. Noch kurz vor dem Kriege führt er mit Albert Ballin Besprechungen, die die Kriegsgefahr beseitigen sollen. Vergeblich. Als er 1921 stirbt, hat England in ihm einen der größten Männer seiner Wirtschaft verloren. Der unbestrittene Führer der englischen Industrie ist heute Lord Alfred Metchett, in weitesten Kreisen bekannt als Alfred Mond. Seit dem letzten Geburtstag des englischen Königs, am 3. Juni, trägt er mit der neuen Grafenwürde den neuen Namen. Mond ist der Sohn des aus Kassel stammenden Chemikers Dr. Ludwig Mond, der 1862 nach England ging und dort in Winnrngton eine chemische Fabrik errichtete, die bald das größte Alkalnverk der Welt wurde. Dieser Industrielle, ebenso kunstsinnig wie wohltätig, schuf so in England einen neuen Industriezweig. Sein Sohn Alfred wurde Teilhaber des väterlichen Hauses Brunner, Mond u. Co. Er ist einer der M i tb egrü nde r des britischen chemischen Trusts und damit Leiter des größten britischen Jndustriekonzerns. Wie sein Vater in England unbekannte Fabrikationsprozesse eingesührt hat, so sucht auch er neue Wege zu gehen. Er wurde in der letzten Zeit der markanteste Verfechter des neuen englischen Wirtschaftsprogramms, das den Frieden in der Industrie durch die Begründung einer Arbeitsgemeinschaft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern herzu stellen versucht. Alfred Mond war ursprünglich führendes Mitglied der liberalen Partei. Lloyd George berief ihn 1917 in sein Kabinett als M i n i st e r der öffentlichen Arbeiten und Bauten. Es erregte größtes Aussehen, als Mond 1926, wie vor ihm Churchill, die Liberalen verließ und sich den Konservativen anschloß. Er sieht im englischen Reich auch eine Wirtschaftseinheit und verlangt nach dem Borbilde Joe Chamberlains die Gründung eines britischen Zollvereins für das Imperium. Dieser englische Jude ist heute einer der glühendsten Vorkämpfer auch des englischen Nationalismus geworden. Auch zu den führenden jüdischen Köpfen Amerikas gehören viele Männer deutscher Abstammung. Die Bankhäuser New Forts die Namen von Weltruf haben, sind vielfach von deutschen Juden gegründet worden. Unter ihnen ragt besonders die Firma Kuhn. L o e h u. C o. hervor. Die dominierende Stellung hat ihr I a c o b H. S ch r f s verliehen, der, 1847 in Frankfurt a. M. geboren, als Achtzehnjähriger nach New Kork auswanderiv «nb lo75 als Teilhaber bei Kuhn, Loeb *> Veröl. „C. B.'Zig." Nr. 24, 26, 27, 28. 24, A, S2.