Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 40 (5.10.1928)
- Date
- 1928-10-05
- Page
- Seite 562 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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sbr Stimmen taftm fitemit. Eine innerjüdische Anssprache. (Schluss.) Züöifche Gemeinschaft. Die Schristleitung hat mir die vorstehenden drei Aussäße zur Der. sügung gestellt, damit itf) zu ihnen Stellung nehmen kann, soweit sie sich auf meinen Artikel „Zionismus o d e r j ü d i s ch e G e m c t n - schaft" in diesem Blatte beziehen. Bei der gebotenen räumlichen .Beschränkung muß ich mich damit begnügen, aus die wesentlichsten der in diesen Artikeln gemachten Einwände zu antworten, und muß im übrigen auf meine Ausführungen in Nr. 24 und aus den Artikel „Vertiefung der innerjüdischen Arbeit" von Dr. Ludwig Tietz in Nr. 6 verweisen. Beide Artikel geben in knapper Form dre Gedanken- Knge der Denkschrift „Der Centralvercin der Zukunft" wieder, in der Dr. Tietz, Dr. Cohn und der Unterzeichnete versuchten, die Anschauungen der jungen C. B. - Generation darzulegen. Tie vorliegenden Artikel wie auch zahlreiche mündliche Diskussionen haben uns gezeigt, daß unsere Veröffentlichungen mißverständlich gedeutet worden sind, obwohl wir uns um größtmögliche Klarheit bemüht haben. Aber das liegt wohl an der überaus komplizierten Struktur der strittigen Fragen, und so seien hier einige kurze Ausführungen zur Richtigstellung gestattet. Dr. Stahl wendet sich gegen meine Formulierung, daß der Grundstein unseres Gebäudes die sreie Millensentscheidung zum deutschen Kulturkreise sei. Er weist mit Recht auf die Bedeutung der zwangläufig verlaufenden historischen und kulturellen Faktoren hin, die uns sozusagen ohne unser Zutun zu guten Deutschen gemacht haben. Nun. wir haben die Bedeutung dieser Einslüge nicht geleugnet, wir haben ihre formende Kraft durchaus gesehen. Wir glauben aber, daß doch der menschliche Wille über allem steht. Wer konsequent die Wahlfreiheit in kulturellen Dingen leugnet, der muß aus jede aktive Tätigkeit verzichken, da doch geschieht, was nötig ist. Ob es Willensfreiheit gibt oder nickst, steht hier nicht zur Debatte. Aber sicher ist, daß jede gehobene menschliche Tätigkeit den G l a u b e n an menschliche Willensfreiheit zur fundamentalen Voraussetzung hat. Gewiß, der Wille tat es nicht allein; mit dem Willen zum Deutschtum ist mau noch lange nicht Deutscher. Aber ebensop-emg genügt dazu die ererbte Verbundenheit zu deutscher Kultur, wenn sie nicht von dem in die Zukunft weisenden Willen getragen wird. Wenn unsere Väter vor hundert Jahren sich auf die Macht der zwangläufigen Entwicklung verlassen hätten und nicht von einem brennenden Willen zur Eingliederung in die deutsche Kulturgemeinfchast getragen worden wären, dann wäre uns heute unser Deutschtum nicht so selbstverständlich, wie es uns jetzt ist. So wird aber auch unser Deutschtum unfruchtbar werden, wenn es nicht weiter von einem kräftigen WMen in die Zukunft getragen wird. Das ist durchaus nicht individualistische Denkweise des vorigen Jahrhunderts, wie Stahl amummt. Denn — das haben wir immer betont — wir sehen als den Träger dieses Willens die Gemeinschaft der Gleichgesinnten an. Dr. Löwen st ein fordert mit Recht die bewußte Pflege dieses deutschen Kulturwillens, Nur find wir verschiedener Meinung über den Ort dieser Betätigung. Wir glauben, daß die Pflege der deutschen Gefinnung der deutschen Juden eine deutsche und keine jüdische Aufgabe ist und daß sie daher keine wesentliche Aufgabe des C. V. mehr sein kann. Die kann er mit gutem Gewissen der deutschen Umwelt überlassen. Denn aller Haß und aller Antisemitismus schrumpfen doch zu einem Nichts zusammen gegenüber der formenden Kraft, die deutsche Sprache, Kunst. Natur und Leben auf uns haben. Löwenstein fordert den stärkeren Anschluß an die nichtjüdische Umwelt. Beginnen wir ihn doch damit, daß wir die Fiktion anfgeben, als brauchte es noch einer besonderen Organisation, um die deutschen Juden in ihrem Deutschtum zu bestärken. Das meint wohl auch Dr. Hirschberg, wenn er sich im zweiten Teil seiner Ausführungen in etwas mißverständlich scharfer Formulierung gegen die alte Forme! von der „unlöslichen Verbundenheit" wendet. Wir stehen mit unserer inneren Selbstverständlichkeit unseres Deutschtums sicher auf den Schultern der vorigen Generation, so wie diese wieder der Emanzipationsgenerativ,, zu danken hat. Aber die ältere Generation sollte sich nur zu den Früchten ihrer eigenen Arbeit bekennen, wenn sie von uns Jüngeren hört, daß wir in unserer Auseinandersetzung mit unserem Deutschtum eine Hilfe durch den C. V. nicht mehr brauchen, daß wir diel mehr unser Deutschtum als selbstver; ländliche Arbeitsgrundlage ensehen. Wenn wir glauben, hierin ein Plus gegenüber früheren Generationen zu haben, so empnnden wir dafür in unserem Judentum ein Minus. Die Zeit des Ghetto hatte das eine Gute, daß sie eine jüdische Atmosphäre von größter Dichte schuf. So dickst, daß sie sich auch nach der Emanzipation erst ganz allmählich zu verdünnen begann. Heute ist es so weit, daß wir die Verdünnung bereits als lebensbodrohlich rmpsindew Gleichzeitig sehen wir diese jüdische Atmosphäre als'sür uns äußerst lebenswichtig an. Jüdische Atmosphäre kann nur von einer jüdischen Gemeinschaft geschisten werde;, und so erhebt sich für uns die große und fundamentale Frage: Was können wir für die Erhaltung und Neubelebung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland tun? Wir haben uns in der Deutschjüdischen Jugendbewegung in unzähligen Diskussionen diese Frage vorgelegt und haben gesunden, daß wir sie mit dem Bekenntnis zur jüdischen Religion allein nicht lösen können' Wir unterschätzen dabei — das sei noch einnral ausdrücklich festgestellt — die formende Bedeutung des Religiösen nicht. Wir haben uns aber der Erkenntnis nicht verschließen können, die Ludwig Holländer erst jüngst wieder so überzeugend formuliert hat, daß sehr viele unter uns zum konfessionellen Judentum keine Beziehung mehr haben und trotzdem sich in sehr lebendiger Weise als Juden fühlen und betätigen. Das Leben spottet eben aller logischen Kategorien. Man kann in seiner Religiosität ganz unkonsejsionell, ganz dem rem Menschlichen zugewandt sein, und trotzdem ganz jüdisch suhlen. Und kann sich — und das ist das Wesentliche — in diesem jüdischen Gefühl wieder mit dem konfessionell frommen Juden aus einer Plattform treffen. Wenn wir den Begriff seines sentimentale!, Beiklanges entkleiden, ist es die ..I ü d i s ch k e 1t", die den wirklich neutralen Nahmen für jüdische Betätigung im C. V. ergibt. Tas hat Monte fröre kürzlich so formuliert^): „Wir nüijjcn ein Plus zugeben. Jüdischkeit schließt etwas in sich ein, was nicht ausschließlich nur rein religiös ist ... Es ist nicht ein nationalistisches Plus, wenn es auch ein körperschaftliches Plus ist. Es ist ein historisches Plus, ein Plus an Tradition, ein Plus an Erinnerung, und dreses Plus wünschen wir zu erhalten." Hier hat unsere Arbeit einzusetzcn. und diese Arbeit muß so ausgestalteL werden, daß sie allen, die den Willen zur jüdischen Gemeinschaft in sich sühlem Betätigung bietet, Nicht nur dem rein religiösen, nein jedem jüdisch Fühlenden muß Arbeitsmöglichkeit geboten werden. Wenn Löwenstein mir den Vorwurs macht, daß ich die geistigen Probleme des Judentums hinter den materiellen Problemen zurücktreten lasse, so verkennt er vollkommen die Gesinnung, in der wir Jüngeren arbeiten wollen. Es hat sich da eben eine Wandlung der Legrisse vollzogen. Die Antithese Religion-Nation hat für uns ihre Bedeutung verloren, wie cs Hirjchberg richtig gezeichnet hat. Wir haben unfern Begriff vom Judentum als Religion gewandelt und der Zionismus den des Judentums als Nation. Und es ist kein Zweifel, daß die Anschauungen sich genähert haben. Uns trennt heute vom Zionismus nicht die Struktur unseres Judentums; uns trennt die willensmäßige Richtung, bic löir_ ihm geben wollen. Wenn wir vor allem die Pflege jüdischer Gesa,nt- Verantwortlichkeit gefordert haben, so geschah es nicht allein um der „materiellen Probleme" willen, wie Löwenstein meint. Wir sahen unb sehen darin eines der wesentlichsten Mittel, dem jüdischen Deutschen unserer Generation zu einem jüdischen Lebensgefühl zu verhelfen. Wir sehen darin weiter eine Gesinnung, in der sich religiöse und nicht-religiöse Deutsch-Juden zu gemeinsamer Jüdischleit finden können. Und wir sehen darin schließlich eine gemeinsame Plattform, auf der sich die deutschen Juden aller Richtungen die Hände reichen können. Daneben haben wir als weitere wichtige Aufgabe die Pflege jüdischen Wissens gefordert. wie sie von Th. Marcus unter dem Stichwort „Erwachsenenbildung" propagiert worden ist. Wenn Löwenstein darauf hinweist, daß Eugen Fuchs und Holländer sich dafür schon immer eingesetzt haben, so muß man dem entgegenhalten, daß dort eine Entwicklung vorweggenommen ist, der der E. B. als Bewegung nur langsam und zögernd gefolgt ist und die sich auch heute noch in weiten Kreisen des C. V. sehr schwer durchsetzen kann. — Was in, übrigen die rein materiellen Konsequenzen der jüdischen Gesamt- Verantwortlichkeit anlangt, so hat uns Löwenstein offenbar falsch verstanden. Die von ihm geforderte „Akzentverschiebung" haben^ wir längst vorgenommen. Ich schrieb in meinem Artikel: .Lüir sehen als den einstweilen aussichtsreichsten, weitaus leichtesten gangbaren Weg die Kolonisation im rusiischen Osten an", und wir haben auch in unserer Denkschrift mit aller Deutlichkeit das Primat der Ostjuden- Hilfe im Osten betont. Aus einer ganz anderen Ebene befindet sich aber unsere Stellung zur Palästinafrage. T>ie reale Bedeutung.Palästinas für die Lösung der Ostjudenfrage wollen wir einmal beiseite lasten. Diese Dinge sind gerade jetzt sehr im Fluß und lasten sich sehr schwer übersehen. Daß wir die Lehre vom nationalen jüdischen Heim nicht akzeptieren, haben nnr sckpn gesagt. Aber wir stehen doch vor dieser Situation: Wir find, unbelastet von den Kämpfen unserer Väter, in die Beschäftigung mit jüdischen Dingen hineingelommen. Wir haben uns für alle züdischeu Werte offen gemacht, und so hat in uns auch der Begriffe „Ausbau in Palästina" ein Gefühl warmer Teilnahme erregt. Wir haben inzwischen lernen mästen, daß zwischen diesem schachten Gefühl und seiner Verwirklichung vieles steht: Echlagrvorte aus allen Seiten, Parteitheorien nationalistischer und nicht-nationalistischer Art, Starrheit und Unnachgiebigkeit. So blieb uns nur übrig, uns zunächst nur zu diesem ursprünglichen Gefühl zu bekennen. Wir haben das getan auf die Gefahr hin, daß das — wie es auch geschehen ist — von der einen Seite als leere Demonstration, von der anderen als Hinneigung zum Zionisnrus angesehen werden würde. Das eine hat uns so fern gelegen wie das andere, dosten kann man Versichert sein. Im übrigen kann ich nur wiederholen, was ich damals schrieb: „Wir sind überhaupt der Meinung, daß die ganze Frage unsere Grundeinstellung im C. V. nicht berührt und nur durch die Unduldsamkeit auf allen Seiten eine so zentrale Bedeutung bekommen hat." Viel wichtiger scheint mir zu sein, daß wir im deutschen Judentum, aus per durch äußere Gründe erzwungenen Starrheit erwachen und unsin lebendiger Weife wieder mit den nougesormten Problemen unseres Kreises auseinandersetzen. Dafür möge diese Diskussion, die ich um ihrer selbst willen begrüße, ein gutes Omen sein. . - , > . _ Dr. Friedrich Broduitz (Berlin). *) „Jüdische 8«itung für Ostdeutschland vom 8. Juni.