Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 40 (5.10.1928)
- Date
- 1928-10-05
- Page
- Seite 560 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Söv Stimmen unfeuc ffceunde. Eine innerjüdische Aussprache. (Fortsetzung,) Verarbeitung unb auch praktische Erprobung die Gültigkeit des gefundenen Neuen festzustcUen hat. Dies ist etwa, zum Teil auch wörtlich, der Gedankengang Tr. Oskar Epsteins. Sieht man davon ab, daß das Ire! alles denen die Beseitigung der Galuth ist. so kann der ganze von ihm beschriebene Weg, der ja auch nur eine Teilstrecke ist, auch von u:rs begangen werden. Denn er hat zum Inhalt die Aufnahme jüdischer LsirUichkeit, die Praktische Erprobung und gedankliche Verarbeitung, wo sie mit der Wirklichkeit der nichtjüdischen Umwelt zusammentrifft. Und sogar ein solches Gremium berufener Führer — wenn ich die hierin nicht ganz klaren Ausführungen richtig verstehe — würde auch uns in der unermeßlich schweren Entscheidung der wahren „Synthese" Helsen können. Tatsächlich sind ja schon längst da. wo man „jüdische Wirklichkeit" erstrebt,sei sie nun religiöser oder sozialer oder auch rein gefellick-aftlicher Natur, Zionisten in großer Anzahl vertreten. Es soll auch hervorgehoben werden, daß cs im zionistischen Lager nicht wenige gibt, die die von Dr. Oskar Epstein gewünschte Arbeit nicht, wie er, aus wahrer GalutkMrneinung, sondern aus wahrer^ Galuchbejahung erstreben. Wir dürfen annchrnen, daß diese Aussasiung sich iveitcr ausdehnen wird, da Hand in Hand mit der Erweiterung der Jewish Agency und dem Ausbau des jüdischen Palästina die Erkenntnis gegen wird, daß immer ein Galuthproblem übrigbleibt, das unabhängig von Palästina besteht und einer selbständigen Lösung harrt. Hatte bisher der Zionismus die bessere Erkenntnis der Grundtatsachcn und den stärkeren jüdischen Willen für sich, so haben wir, scheint es, diesen Vorsprung jetzt cingeholt. Auch der C. B. will mit aller Kraft die jüdisch Erneuerung, die des jüdischen Menschen und der jüdischen Gemeinschaft, des jüdischen Stammes oder Volkes oder wie man es nun nennen will. Sieht der Zionismus den Angel- Punkt seiner Erneuerungsbestrebungeu im Palästina-Ausbau, ohne deshalb, wie wir gesehen haben, auf das Judentumserlebnis in der Galuth 311 verzichten, so liegt uns Nichtzionisten am nächsten die jüdische Bewältigung der Galrrth, die uns kerne Verbannung mehr, sondern Heimat ist, und wir können trotzdem, wie das Beispiel hervorragender E. V.er zeigt, am Ausbau Palästinas tätigen Anteil nehmen. Die Entscheidung für oder gegen den Zionismus ist in höherem Ncaße. als man glaubt, Sache des Temperaments; denn die Anerkennung der Grundtatsache des jüdischen Stammes oder der jüdischen Nation, oder wie man es nun nennen will, wirft zwar sofort das Galuthproblem auf, führt aber nicht zu seiner Lösung durch Palästina. Diese ist eine Möglichkeit, die sich bietet, mehr nicht. Wer in dieser Möglichkeit die Patentlösung sieht, wird leicht der Gefahr eines Rückschlags zum Opfer fallen. Wir haben nicht den Glauben am diese Patentlösung und entscheiden uns, wir deutsche Juden, für das deutsche Judentum, weil die Geschichte uns in die Spannung des Tiasporalebens gestellt hat und die Verlegung unseres körperlichen Daseins oder auch des geistigen Schwerpunkts uns geschichtswidrig erscheint. Aber bis zu dem Punkte, wo diese Entscheidung den Weg des Zionisten vom Wege des E. D.ers trennt, ist ein weites Stück, das gemeinsam begangen werden kann und muß. Keiner von uns kann sich die Kräftezersplitterung des bisherigen Gegensatzes leisten. T-ie weitgehende Gemeinsamkeit in der Grundaufsasiung und in der Aufgabe verlangt nach Befriedung des Verhältnisses von C. V.und Zionismus und nach vertrauensvoller fach- 1)38 Grabmal Hugo Sonnenfelds. (Ueber die Gedächtnisfeier am I. Oktober S. 566.) Ausführung der Werkstätten für Grabmalkunst S, Wehs.! ...HUGO SO NH EN FELD Entwurf »Ws Bildhauer Gotthard Sonnenfeld. licher Zusammenarbeit. Wenn cs beider Gruppen Aufgabe ist, Judentum zu beleben und erleben zu machen, so muß es des C. V. wie auch zionistische Aufgabe fein, bei der Schaffung jüdischer Bildungs. statten mitznwirkery. für geeigneten Nachwuchs an den Lehrer, und Rabbiuerseminaren Sorge zu tragen, sich die Belebung der jüdischen Häuslichkeit angelegen sein zu lassen u. a. m. Es handelt sich hierbei weniger um korporative Aufgaben als darum, daß den Angehörigen jeder Gruppe nahegelegt wird, in dieser Richtung zu arbeiten. Dis Abwehr des Antisemitismus durch den C. V.er ist ebenso ungenügend für die Belebung des Judentums wie das Schekelzahlen des Zionisten. Ter Hauplersolg der angestrebten Befriedung wird aber darin liegen, daß eine Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens gesck-asfen wird, dis sich für alle Zweige jüdischen Lebens segensreich auswirken muß . . . Gelingt die vom C. V. erstrebte Befriedung des deutschen Judentums, so wird sie über seinen Arbeitskreis hinaus alle Lebensäußerungen jüdischen Geistes ergreifen, ihnen neue Triebkräfe und neuen Arbeiswillen zuführen und zur Gesundung des jüdischen Lebens einen Beitrag von vielleicht entscheidender Bedeutung liefern. Dr. Erich Hirschberg (Oppeln). Unser Oeutschium tiefer als der Wille! Der Aussatz von Friedrich Vrodnitz in Nr. 24 dieser Zeitschrift schneidet derart viel Problente an, daß es unmöglich ist, sie aus dem kurzen Zur Verfügung stehenden Nauine alle zu bespreck)en. Es sei deshalb aus einen Gedanken hingewiesen, der hinter dem ganzen Aufsatz steht und an einigen Stellen auch deutlich zum Durchbruch kommt. Es ist dies die Ausfachung, daß der „Grundstein unseres Gebäudes in der freien Willensentscheidung zum deutschen K u l t u r k r e i s e"') bestehe. Daß Brodnitz selbst neben dieser Willensentscheidung auch historisck)e und soziologische Gesichtspunkts für bestimmend hält, das geht aus manchen Stellen seines Aussatzes hervor. Aber die vorgenannte Auffassung ist die, der er selbst das größto Gewicht beilegt. Diesen „Grundstein" seines Gebäudes aber muß ich — auch und gerade als Angehöriger der von Brodnitz genannten neuen Central. Verein-Generation — angreifen. Tenn mir scheint hier ein Vorurteil zu schlummern, das es aufzudecken und zu beseitigen gilt. Unsere Vor. bundenheit mit dem deutschen Kulturkreis oder dem deutschen Volke ist eine von unserer Willen-entscheidung weitgehend unabhängige Tatsache. Das Gegenbeispiel Dürers beweist hier nichts, weil cs nur die Leistung eines Einzelnen, besonders Begnadeten zeigt. Von der Masse der deutschen Juden läßt sich wohl Nachweisen, daß sie nicht durch freie Willensentscheidung, sondern durch jahrhundertelange Geschichte, das heißt also durch eine zeitliche und generationshaste Gebundenheit. in Deutschland verwurzelt und verwachsen sind. Und diese Verflechtung äußert sich am echtesten nicht in den Dokumenten des Willens, in Gelübden und Beteuerungen, sondern gerade in den dem Willen ferner stehenden' Regungen des menschlic!)en Geistes, in Kunst und Sprache. Hier erweist sich, auch sogar gegen den Willen des einzelnen, daß die Wurzel unseres Teutschseins nicht in der Region einer freien Willensbestimmung, sondern viel tiefer und deshalb fester sitzt. Diese Erkenntnis gibt uns und den nichtjüdischen Deutschen erst die Berechtigung. von unserem selbstverständlichen Deutschtum zu sprechen, zu dem die bewußte Willen-entscheidung lediglich noch als -freie Arterkennung hinzutritt. Daß jenes Vorurteil von der allein Rechtsansprüche begründenden willensbestimmten Zugehörigkeit zum Deutschtum seine geistesgeschichtliche Begründung im Rationalismus und .Individualismus des 19. Jahrhunderts hat. kann hier nur angcdeutet werden. Für uns, deren Denken sich seither von Grund aus gewandelt hat, kann jene Aussassung daher keine Grundlage unserer Betrachtung mehr sein. Ties äußert sich selbstverständlich ebenso wie bei der Begründung, der deutschen, so auch bei der jüdischen Komponente unseres Teutschjudentums. Und hier liegt die Grenze gegen den Zionismus. Soweit dieser sich unter dem Druck des Antisemitismus einen Ausweg aus der Geschichte nach einem geschichtslosen Staat Palästina gesucht hat. erscheint er uns ebenfalls in jenem voluntaristischen Vorurteil befangen, das durch einen menschlichen Willensakt den Gang der Zeit unterbrechen zu können glaubt. Daß der heutige Zionismus diesen seinen Ausgangspunkt auch ideologisch zu verlassen sich anschiclt und die geschichtlich-soziolodische Tatsache der Diaspora mit in seine Rechnung einfieüt, darf bei seiner Beurteilung natürlich nicht übersehen werden. Es ist dies vielleicht auch ein Zeichen dafür, daß er die Ecrvalt der vom Willen unabhängigen Mächte 311 spüren bekommen hat. . . Schließlich belehren uns die dem Willen entzogenen Tatsachen der Wirklichkeit auch über unsere Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft, die nicht nur. wie dies die Gründungsschrist des Centralvereins annimmt, eine religiöse, sondern nach denn freien Wort Ludwig Holländers eine besondere gesch'ckMch-soziologiscl)e, stark religiös beeinflußte ist. die über die Grenzen von. Deutschland hinausreicht. Es wäre eine Geschichtswidrigkeit, diese Tatsache in einem Zeitpunkt zu übersehen, in dem die Völler sich anschicken, ihre Gemeinsamkeiten stärker als früher zu fühlen. Dr. Rudolf Stahl (V<rd Nauheim). *) Nicht von Dr. Drodrütz eesvrrrr. . ' 'o" Fortsetzung der Aussprache „Stimmen unserer Freunde*) ** auf Seite 562»