Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 40 (5.10.1928)
- Date
- 1928-10-05
- Page
- Seite 559 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ifine innetjüdißje ftuefptadje. rtwiff vom „jüdischen Volk" heute mehr und mehr auch von Zionistischer Seite im Sinne von Eugen Fuchs und des E. B. auLaeleat wird, so liegt auch hierin wieder eine Annäherung in den Grunderkenntnissen beider Lager, die von großer Bedeutung W erscheint mir allerdings nicht ganz richtig, eme Annäüerung des Zionismus an Eugen Fuchs darin zu sehen, weli-ehr sind die Anschauungen von Eugen Fuchs denselben geistigen Strömungen unseres Jahrhunderts entsprungen wie die zionistische Denkungswcife. Tie Abkehr vom extrem nationalen Zionismus gewinnt unter den Zionisten mehr und mehr an Boden, schon weil Palästina ein Land mehrerer Nationalitäten sein wird, aber auch weil die Doktrin vom jüdiscl)en Volk als einem Volk wie che anderen Völker ebenso verworfen wird wie jene analoge Toltrm von der jüdischen Konfession. Gegenüber dem früheren fnndamentalen Gegensatz von Religion und Nation ist also ein gewisses Maß übereinstimmender Wahrheitserkenntnis heute deutlich festzustellen, wobei vor einer Ueberschatzung der Terminologie von „Volk^ und „Nation" immer wieder gewarnt werden muß. Dieser Auflockerung unserer Geisteshaltung in der^ Erkenntnis des Jüdischen in uns muß notwendig eine erneute Prüfung unserer deutschen Haltung entsprechen. Hat man früher gesagt: der Glaube ist jüdisch, alles andere deutsch, so ergibt sich aus dem bisher Gesagten, daß mit dem größeren Raum des Jüdischen auch das Deutsch eine anders Beurteilung erfahren muß. Richtiger gesagt, handelt tl sich hier nicht um das DeÄtsche, sondern um die Einflüsse der Umwelt schlechthin. Die bisherige Verkennnung des Jüdischen hat die Gefahr der Lage erhöht. Das Verpflichtende des Jüdischen in uns das ja auch der „Gottesleugner" anerkennt, soll sich in unserem ganzen Dasein auswirken. Das „genießerische" Bekenntnis: „Wir sind stolz aus unser Judentum" genügt aber nicht, wie auch Ludwig Holländer hervorhebt. Die Notwendigkeit, um das Jüdische zu ringen, verlangt daher, daß wir uns von Schlagworten der überwundenen Epoche freimachen. Hierzu gehört unter anderem auch eine Behauptung des Inhalts, der deutsche Jude sei unauflöslich in die deutsche Volksgemeinschaft aufgegangen. Sie wird gerade deswegen an dieser Stelle hervorgehoben, weil sie mit ihrer häufigen Wiederholung im Tone einer absoluten Tatsache sich einer klaren Erfassung der Lage entgegen stellt, m ihrer offenbaren Uebertreibung geradezu zur Gegnerschaft herausfordert und überhcurpteine Gefahr für unsere Wahrheitssuche darstellt. Jene „Unauflösbarkeit" wie überhaupt die „Unbeirrbarkeit deutscher Gesinnung" sind Uebertreibungen im Worte, die als solche bereits durcü den Entwickllmgsgang Tausender von Ausländsdeutschen erwiesen werden. Was Äsr soll das Wort vom Aufgehen im deutschen Volke sonst noch besagen? Die rechtliche Seite unserer Zugehörigkeit ist durch die Reichsverfassung geklärt. Tie kulturelle Verbundenheit liegt praktisch zutage und wird theoretisch nur von extremen Parteien bezweifelt; unser Kulturbedürfnis wird im wesentlichen von der deutschen Kultur gespeist. Unsere Stellung in der deutschen Volksgemeinschaft hingegen ijt problematisch; denn sie hängt nicht allein von unserem Willen ab und wird laut oder leise von denen, auf die es ankommt, nämlich von der Umwelt, immer wieder teils mir, -teils ohne Begründung in Frage gezogen. Man kann jene, nicht immer als Narren oder Bösewichte abtun. Das Wort Judenfeinde" paßt oftmals auf sie gar nicht; wer wollte etroa N ö l t i n g, H e l l p a ch, Walter Bloem , Mitarbeiter der „C. V.-Zeitung", so bezeichnen? Nicht ein Schein von Vorwurf ist am Platze. Es mutet . aber „seltsam" an, wenn die Meinungen solcher Männer gerade von jüdischer Seite „widerlegt" werden. Wir können nur eine Folgerung aus alledem ziehen: wir sind nicht das fertige Produkt einer „Synthese von Deutschtum und Judentmn", sondern Gegenstand einer Entwicklung, die noch im Flusse ist. Der Gewinn dieser Folgerung liegt darin, daß wir von einem falsch gegründeten Standort uns in eine Entwicklung «hinemftellen, deren Laus wir aus der Erkenntnis ihrer Triebkräfte heraus noch zu beeinflussen vermögen. Daß diese Entwicklung sich „stärker aus unser Judeirtum konzentrieren^ muß, daß für sie die Fassung zu gelten hat: „selbstverständliches Deutschtum und bewußt zu erarbeitendes Judentum", daß sie unter dem Zeichen jüdischer Gesamtverautwortlichkeit vor sich gehen muß, hat Dr. Friedrich Drodnitz in Nr. 24 der „E. V.-Zertung" bereits ausemanderge setzt. Mit der Feststellung solchec Grundtatsachen begeben wir uns auf einen Weg, an denen Anfang, wenn auch nicht an dessen Ende, wir uns mit sehr vielen Zionisten treffen werden. Es handelt sich hierbei um die im heutigen Zionismus .viel besprochene Frage der Galuthbejahung. Die Zeit ist vorbei, wo man sich im Zionismus nur für Palästina interessierte. Heute wird das Galuthjudentum als Rückhalt für den Palastinäaufbau erkannt, und zwar nicht bloß, weil es Geld, sondern auch, voeil es die Menschen hergeben soll. In dieser Richtung bewegt sich der Aussatz von Dr. Oskar Epstein in Nr. 71 der .Lüdischm Nirndstl)au". Auf ihn einzugehcn ist deswegen nötig, weil JLr die Möglichkeit einer gemeinsamen Wegteilstrecke für Zionisten und C. Wer dieser Gesinnung verstärkt. Sein Inhalt ist, zuparmmngedrangt, folgender: Wirklicher Zionismus bedeutet allerdings Galuthverneinuug: Galluthverneinung aber bedeutet nicht Galuth- Vernachlässigung, sondern Galuthbeseitigung. Galuthbeseitigung wnderum schasst man nicht durch Propagandareden und -schristcn, auch nicht durch Vergnügungsreisen nach Palästina, sondern nur „auf dem Umwege über das Fudentumserlebnrs". Hierzu ist nötig Bewältigung der Galuth, Bewältigung des jüdischen Lebens in Deutschland, soweit das bei der Verstrickung des jüdischen Menschen in nichtjüdische Zusammenhänge möglich ist. Tie Bewältigung bedeutet in erster Linie weder Hebräischlernen, noch Vorträge, noch ein abstraktes „jüdisches Geistesleben", sondern Schaffung eines Gleichgewichtsverhältnisses zwischen der jüdischen Eigenart des deutschen Juden und seiner für ganz andersartige Menschen geformten Umwelt. Dessen bedarf es sowohl, damit der jüdische Mensch in Deutschland durch die nichtjüdische Umwelt nicht über jenes Maß von seiner Art abgedrüngt wird, das eben noch mit der Integrität seiner menschlich-en Qualität vereinbar ist, als auch deshalb, damit er genug innere Ruhe und Ausgeglichenheit erwirbt, um die nicht immer leicht erfaßbare Grenze seiner Beteiligung an den Geschicken des deutschen Staates und Volkes zu achten. Es geht hier um die Aufgabe, jüdische Eigenart und nichtjüdische Umwelt einander fördern zu lassen, statt daß sie einander schädigen. Der Weg hierzu ist: Aufnahme jüdischer Wirklichkeit, Bemühung um ihre praktische Verarbeitung und Weiterleitung cm eine mit Vollmacht und Verantwortung ausgestattete Führung, die — das scheint ihre Aufgabe zu fein — durch gedankliche Der 7. Oktober. Ein schwarzer Tag für Oesterreich. Wien, 1. Oktober 1928. In einer friedlichen Provinzstadt Oesterreichs soll am Sonntag, den 7. Oktober, der Aufmarsch zweier feindlicher politischer Gruppen erfolgen, der vermutlich trotz aller geplanten Vorkehrungen nicht reibungslos verlaufen dürfte. Alle jene, die es mit Österreichs Entwicklung ernst meinen, haben vor diesem gefährlichen Unternehmen gewarnt. Es hat aber bisher nichts genutzt. Selbst der österreichische Bundeskanzler, Prälat Dr. Seipel, der Ches der Christlichsozialcn Partei, hat es nicht für notwendig gesunden, den Rüstungen Einhalt zu gebieten. So soll es am Sonntag dazu kommen, daß auf einem sehr engen Terrain sich zn>ci feindliche politische Mächte begegnen. Die sogenannten deutschösterreichischen Heimwehren haben für diesen Tag einen Aufmarsch in Wiener-Neustadt angesagt, den die Sozialdemokraten als Herausforderung empfinden, da sie diese Industriestadt als ihr Gebiet betrachten. Deshalb alarmierten sie für den gleichen Tag ihren Republikanischen Schutzbund zur Gegenkundgebung am gleichen Ort. Schon rühren sich wieder politische Provokateure auf beiden Seiten, die nun ihre Zeit gekommen glauben. Ueberall wird geschürt. Den sonst hier so bedeutungslosen Kommunisten auf der einen Seite stehen die Hakenkreuzler auf der anderen gegenüber, die ihre in letzter Zeit sinkende politische Geltung wiederhaben wollen, und zwar selbstverständlich mit — Juden seindschaft. Wie am 15. Juli 1927, dem Tage der großen Wiener Unruhen, fragen wir uns auch heute: Was hat diese ganze traurige Angelegenheit mit den Juden g u tun? Natürlich nicht das geringüe. Aber in Oesterreich ist es ja immer so gervesen: es kann bekanntlich nichts Böses geschelsim, bei dem nicht — wenigstens nach Meinung der Judengegner — die schlimmen Juden ihre Hand im Spiele haben. Urrd so wurden sie auch in den Lärm "um den 7. Oktober gezogen. Von gewisser Seite wurde verbreitet, daß die Heimwehren bei ihrem Aufmarsch auch eine „A brechnungmit den Juden" planen. Das wurde von offizieller Heimwehr-Seite als böswillige sozialdemokratische Unterschiebung demontiert, ja sogar der Führer der Hemnvehren, der Innsbrucker Advokat Vundesrat Dr. Ste id le, der jetzt meistgenannte Mann in Oesterreich, hat sich ganz entschieden gegen diese Zuumtung ausgesprochen. Sicherlich, sem Wort gilt heute bei den Hemnvehren, aber es fdjelnt doch, daß judenfeindliche Freibeuter sich jetzt energisch rühren. Schon gellt wieder den Passanten in den Straßen Wwns der Ruf eines neuen judenseindlichen Blattes entgegen: „Der Sturm", der alles bisher in Oesterreich auf diesem Gebiete Dagewesene ubertrifft und gerade den 7. Oktober zum Ausgangspunkt seiner wüsten Schmähungen wählt. Ter österreichische Hnmrochrgedanke mag tatsächlich, wie in der erwähnten Berichtigung offiziell sostgestellt wird, nur einen trennenden Unterschied kennen: für oder gegen den Marxismus. Aber wieder sind Agitatoren am Werk, um diese Bnvegung gegen die Juden zu lenken, die an allem „schuld" sind. Hoffen wir, daß noch m zwölfter Stunde Vernunft und Einsicht bei den Verantwortlichen Oesterreichs und bei den feindlichen Parteien die Oberhand gewinnen und'das gefährliche Spiel mit Menschenleben ül>erhaupt unterbleibt. Oesterreichs Entwicklung verträgt sicherlich nicht derartige schlvere Erschütterungen! Oskar HirschfeLd, Generalsekretär der Union dentschösterrcichischer Juden.