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Central-Verein-Zeitung · 1928-10-05 · 40 (5.10.1928) · p. Seite 558

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
40 (5.10.1928)
Date
1928-10-05
Page
Seite 558 (sequence 2)
Language
German
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Eine Ueb erbetonung des Deutschtums durch die Rede dagegen, einen über!auten Hurrapatriotismus oder «in Anbiedern an Kreise, die uns bekämpfen, was Brodnitz verurteilt, hat aberauch der C. V. stets abgelehnt. Er hat immer selbstbewußtes Austreten gefordert. Wenn im Einzelfall Fehler begangen werden, dann beruhen sie höchstens aus Mangel an Takt, nicht aber auf Fehlern des Prinzips. Wenn Nationaljuden nicht müde werden, derartige Einzelfälle zu verallgemeinern, um unserer Arbeit am Deutschtum Abbruch zu tun, so sollen wir uns doch hüten, uns diese Arbeit verleiden zu lassen. Dr. B r o d n i tz führt dann weiter aus, was er unter unbeirrte Pflege jüdischer Gesinnung, die er als unsere dringendste Aufgabe hrnstellt, versteht. „Oberbegriff unserer Stellung zum Judentum', so schreibt er, „ist uns die jüdische Gesamtverantwortlichkeit, die jüdische Gemeinschaft im weitesten Sinne des Wortes/ Aus dem Gefühl der Verantwortlichkeit folge die Verpflichtung mitzuarbeiten, um die ungeheure Ostjudennot beheben zu helfen, teils durch Förderung der ostjüdischen Siedlung, teils durch die Unterstützung des Ausbauwerts in Palästina. Tie Mitarbeit in Palästina komme aber erst in Frage, wenn das Aufbauwerk von der jüdisch-nationalen Grundaujsasiung und Propagandarbeit losgelöst sei. Hier fehlt zunächst Klarheit der Begriffe. Wenn von der Pflege jüdischer Gesinnung gesprochen wird, denkt man wohl zunächst an oie Pflege der religiösen Werte. Tenn „Oberbegriff des Judenium§" ist nicht die „Gemeinschaft", also die Judenheit, sondern die jüdische Lehre, die jüdische Ethik und der Ideenkomplex des Monotheismus. Die g e i st i g e n Probleme des Judentums treten bei Brodnitz hinter den materiellen Problemen der Judenheit völlig zurück. Wir wollen aber nicht um formale Begriffe streiten. Aus die Sache kommt es an. Und da werden wir Brodnitz gern beistimmen. daß es. eine der wesentlichsten Aufgaben auch der im C. V. organisierten Juden ist, an der Behebung der O st j u d e n n o 1 mitzu arbeiten; denn wenn die Ostjuden. die die Hälfte der Judenheit bilden, in größter Notlage sind, dann ist ein Krankheitsherd vorhanden, der den gesamten Körper der Judenheit bedroht. Wenn Brodnitz auf diese Aufgaben hinweist, so sagt er uns nichts Neues. Alle führenden Persönlichkeiten des C. B. haben an der Linderung der Ostjudennot in den für diesen Zweck geschloffenen Organisationen an leitender Stelle mitgearbeitet. Die ältere Generation sicherlich nicht weniger als die jüngere. Jedoch wünschte ich gegenüber Brodnitz in einem Punkte eine kleine „Akzentverschiebung": Zuerst Ostjudenarbeit, dann Dalästrnaaröeit. Wichtiger als das Land find die Menschen. Die 50jährige Erfahrung in der jüdischen Palastinakolonifation (1878 wurde die Kolonie Petach Tikwah gegründet) hat uns gelehrt, daß der G e d a n k e e i n e r Masseneinwanderung nach Palästina eine Illusion ist. Selbst in dem letzten Jahrzehnt gesteigerter Judeneinwanderung sind noch nicht einmal 10 600 Juden im Jahresdurchschnitt nach Palästina eingewandert. Wenn es nach Gründung der Agency gelange, diese Zahl aus 15 000 zu steigern, die Not der vielen Millionen, die in Osteuropa Zurückbleiben, würde dadurch nickt gemindert. Denn während 15 000 abwandern, wächst die Iayl der Ostjuden durch den natürlichen Bevölkerungszuwachs um 150 000, also um das Zehnfache. Trotz Aufwendung riesiger Mitte! und trotz jahrzehntelanger aufopfernder Arbeit wohnt heute nur ein Prozent aller Juden in Palästina. Ist da Arbeit sür die übrigen 99 Prozent nicht unendlich wichtiger? Den Ostjuden kann man da!)er wirksame Hilfe nur in ihren jetzigen Hermatländern bringen, indem man ihnen dort Existenz- Möglichkeiten schasst. Die Wiederausbauarbeit in Osteuropa, von der die landwirtschaftliche Siedlung in der Ukraine, in der Krim und in Sibirien nur einen Teil darstellt, ist — auch das ist ein wesentlicher Gesichtspunkt — nicht annähernd so kostspielig, jo daß mit denselben Mitteln, welche Dr Anfiedtung einer Familie in Palästina nrswendig sind, fünf bis zehn Familien in Osteuropa eine ..Existenz begründet rverden kann. Wer daher nicht — wie der Zionist — den Palästina-Ausbau als nationales Ziel vor allen anderen Ausgaben die Priorität gibt, äandern wem es in erster Linie daraus ankommt, den Millionen Ostuden zu helfen, dem wird die Arbeit für die 99 Prozent der Juden, »ie außerhalb Palästinas wohnen, wichtiger erscheinen als die Arbeit für das eine Prozent, das in Palästina wohnt. In der verschiedenartigen Wertung der PaIä - stina-Ardeid besteht zwisck)cn uns und den Zionisten eine der grundsätzlichsten Differenzpunkte in der Aussapung der Judenfrage. Während sür uns der Palüstina-Aust^u nur ein T e i l p r o b l e m der Judenfrage ist, ist er sür den Zionisten das Zentralf>rob!em Denn der jüdische Nationalismus muß als Grundlage ür seine nationalen Bestrebungen Palästina als das jüdische Land erstreben. Ihm sind die Zehn tausende oder Hunderttausende in Palästina wesentlicher als die Millionen im „G-alulh". Mit Recht hat daher auch der Präsident der Zionistischen Vereinigung, Weitzm a n n. die Forderung des Primats für die Palästinaarbeit als den entscheidenden Unterschied zwischen zionistischen und mchtzionisrischen Wollen hingestellt. Stimmen unfetee fftemöe. Wir dagegen glauben, daß jüdische Lehre und jüdisches Wesen überall dort leben und existieren kann, wo Juden wohnen. Wir sind der Ansicht, daß es zur Erhaltung-des Judentums nicht noüvendig ist, die innigen Bindungen aufzugeben, die uns mit unserer jetzigen Heimat und mit d.m Volke, in dem wir leben, vereinen. Wir glauben, der Judenheit und dem Judentum am besten dadurch zu dienen, daß wir tan I u d e n, d i e N o t leiden, Existenzmöglichkeiten verschaffen und sie nach Mögliche mit ihrer jetzigen Heimat verwurzeln und wir halten den jüdischen Nationalismus für ein Unglück, weil er durch die Illusion einer Zukunft in Palästina die Bindungen mit der jetzicxn Heimat, die als „Galuth" herabgesetzt wird, lockert und damit die Juden entwurzelt. Karl Lowenstein (Aachen). Dsr gemeinsame Weg. Seit einiger Zeit wird in diesen Blättern in gewichtiger Form für die Befriedung des deutschen Judentums geschrieben. Nicht einfach um des lieben Friedens willen; denn das große Ziel braucht mehr als den lieben Frieden. Was not tut. ist die Einsicht im C. V. wie im Zionismus, daß auf dem Boden einer weitgehenden, gemeinsamen Geisteshaltung ein weitgehendes, gemeinsames Arbeiten möglich und notwendig ist. Solche Einsicht in den gegnerischen Lagern kann für jüdische Aufbauarbeit überhaupt von ausschlaggebender Bedeutung werden. Von einer gemeinsamen Geisteshaltung auch nur geringsten Umfanges konnte allerdings so lange keine Rede sein, als man sich — wie bisher — unter dem Feldgeschrer „hie Religion — hie Nation" gegenüberstand. Das waren Begriffe, die wie Feuer und Waffer einander gegenüberstanden oder, richtiger gesagt, einander überhaupt nicht gegenüberstanden, weil sie auf verschiedenen Ebenen liegen. Wir dürfen jetzt mit Aufatmen vermerken, daß die primitive Gegenüberstellung von Religion und Station überlebt ist. Gewiß werden noch hier wie dort so manche da sein, die am Ueberlebten hängen; aber sie sind überwunden. In der „C. D. - Zeitung" ist in neuerer Zeit mehrfach die Anschauung zu Worte gekommen, daß es mit den neuen Erkenntnissen nicht mehr vereinbar ist, die heutige Judenheit als religiöse Gemeinschaft zu deuten'). Nunmehr sind in werter ausholender Betrachtung von Dr. Ludwig Holländer selbst Feststellungen getroffen worden-), die sich als ein Fazit aus den geistigen Kämpfen im C. V. der letzten Jahre darstellen und die Grundlage sür einen neuen Anfang schaffen können. Mit einer zu Dank verpflichtenden Geradheit wird ausgesprochen, daß der C. V. in seinen Grundaufsaffungen nicht stehen geblieben, daß er auch gelernt hat, und zu klareren Folgerungen gekommen ist. Ludwig Holländer sieht zwar „wie immer entscheidend im Judentum eine religiöse Gemeinschaft". Er ficht aber auch, „daß sich ausgesprochene Gottesleugner . . . in den Reihen des Judentums befinden, und daß diese ihre Zugehörigkeit . . . unter gar keinen Umstanden aufgeben wollen". Er erklärt das mit der Tatsache, daß das Judentum eine Gemeinschaft von Menschen ist, ,Hie sich zum Teil schicksalsgebunden, zum Teil stammesgebunden, zum Teil rein religiösgevunden durch vererbte Erkenntniffe fühlen". Wenn er Bindungen dieser Art als „geistige Bindungen" bezeichnet und ihm deshalb das Judentum eine „geistige" Einheit bedeutet, so ist das lediglich seine Schlußfolgerung, die an der Grundtatsache nichts ändert, daß auch für „ausgesprochene Gottesleugner" jüdische Bindungen im Sinne des E. B. bestehen können. Ob man die Bindung als Stammesgebundenheit, Stammesbewußtsein oder wie auch sonst bezeichnet, ist eine unwesentliche Frage gegenüber dem starken Äerbundenheitswillen solcher Mensck)en. Wenn man daran denkt, wie dem C. V. immer wieder die den Tatsachen entsprechenden Religionsbekenntnisse so vieler seiner Mitglieder und Führer vorgeworfen worden sind, so wird man die Annäherung an eine Grundtalsache zionistischen Denkens nicht verkennen. Auch dort ist man von der Erkenntnis ausgegangen, daß das Judentum sowohl seiner Herkunft wie seinem Daseinsinhalt nach mehr ist als ein Glaubensbekenntnis. Diese nunmehr mit dem C. V. gemeinsame Erkenntnis muß man fcsthalten, auch wenn man in dein „Vtchr" sich der Unterschiede bewußt bleibt. Ter Zionismus nennt das Ir Zentum „Nation". Man will es dort manchmal nicht mehr wahrhaben, daß man darunter auch einen krassen, modern-europäischen Nationalismus verstanden hat, obwohl sonst die Warnungen Ackp.d Ha ams. Martin Bube r 8 u. a. kaum zu verstehen wären. Uns kann es genügen, daß man die nationalistische Aufsagung nicht mehr gelten läßt, daß, wer die Juden ein Volk nennt, damit lediglich betonen will, „daß ihre Gemeinschaft neben den religiösen Grundlagen wesentlich durch gemeinsame Abstammung und Geschichte. also durch nationale Merkmale, bestimm! ist* *)." Ob der Terminus „national" zutrifst, ist wiederum eine persönliche Schlußfolgerung, die gegenüber dem, was hier damit ausgedrückt ist. unwesentlich ist. wie Ludwig Holländer sehr richtig, bemerkt. Wenn Holländer sogar den Schluß zieht, baß der wesentliche *) Zuletzt von Dr. Friedrich Brodnitz in Nr. 24 ausgesprochen. *) In Nr. S2* *) oo Dr. Bali« Lux, rtticrr nach Holländer c. tu 0,

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