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Central-Verein-Zeitung · 1928-09-28 · 39 (28.9.1928) · p. Seite 549

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
39 (28.9.1928)
Date
1928-09-28
Page
Seite 549 (sequence 9)
Language
German
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54* ift daß ihre Vorfahren Deutsche, Franzosen, Belgier, Niederländer {1502—1714 ösLerreichisch-spanisck)e Herrschaft) tuarcn. Wir sehen also hier," wie der luxemburgische Staat eingewandcrte Nationen ohne Unterschied in sich aufnehmen kann, ohne Schaden daran zu nehmen. Wenn daher Wille und Bewußtsein bestimmend für die Zugehörigkeit einer Nation sind, so sei hier analog sestgestellt, daß die Mehrzahl der hiesigen Juden, sofern sie die luxemburgische Staatsangehörigkeit besitzen, mit vollem Bewußtsein Luxemburger wie ihre christlichen Volksgenossen sind. Die hier ansässigen Ausländer, ganz gleich welcher Konfession, können frei ihren Geschäften nachgehen, ohne irgendwie von den Behörden behelligt zu werden, es gibt hierbei keine konfessionellen Unterschiede. Eine gewisse Animosität gegen den Deutschen (der allgemein mit „Preiß" bezeichnet wird, eine Erinnerung an die preußische Garnison der Bundessestung Luxemburg)), die nach dem Kriege bestanden hat, machte einer gerechten Beurteilung Platz. Es mag hier eingeflochten werden, daß mancher Deutsche, der in seinem Vüterlande vielleicht antisemitischen Neigungen huldigte, hier unter dem milden Einfluß zur Erkenntnis gekommen ist, 'wie schmerzlich cs für einen Mensä)en ist, seiner Religion oder Abstammung wegen nicht als gleiclstierechtigt angesehen zu werden. Die Stadt Luxemburg besitzt eine im maurisch-byzantinischen Stile nach den Plänen von Professor Levi (Karlsruhe) erbaute Synagoge, die eine Zierde der Stadt ist. Die Gemeinde vereinigt in größter Eintracht Juden aus Luxemburg mit denen anderer Staaten. An der Spitze des Kultus steht das Konsistorium bzw. das Landesrabbinat. Der Land-esrabbmer ist wie seine katholisck^en und sein protestantischer Kollege Staatsbeamter. Zwischen den verschiedenen Konfessionen besteht das beste Verhältnis. Das Konsistorium ist der grotzherzoglich luxemburgischen Behörde gegenüber verantwortlich. Der Präsident sowie das engere Konsistorium muß aus luxemburgischen Staatsangehörigen zusammengesetzt sein, dagegen dürsen dem erweiterten Konsistorium auch Ausländer angehören. Ter Mittelpunkt des jüdischen wisienschaftlichen Lebens ist die aus neutraler Grundlage stehende „Loeiete ksrnälile de Leeture", die durch Vorträge und Veranstaltungen allen Kreisen der hiesigen jüdischen Bevölkerung die geistigen Güter jüdiscl)en Wigcns vermittelt. Daneben bestehen noch andere gesellige Vereinigungen und Wohltätigkeitsvercino. Erwähnenswert ist auch die „Federativo Sioniste de Luxembourg", die Vertreterin des zionistischen Gedankens. Da die überwiegende Mehrheit der luxemburgischen Juden zionistischen Ideen, wenn nicht ganz ablehnend, so doch fremd gegenübersteht, so kann trotz der Rührigkeit dieser Gruppe von einem luxenrburgischen Zionismus kaum gesprochen werden, pflegt doch der Luxemburger keine anderen nationalen Gedanken als die seines kleinen Vaterlandes. Ein Verdienst der hiesigen Zionisten besteht darin, daß sie aus die Belebung des jüdischen Lebens befruchtend eingewirkt haben. Der Centralverein*) zahlt hier viele Freunde, jedoch umsaßt der C. B. bekanntlich nur deutsche Juden. Das hindert aber nicht, daß die hiesigen Juden dem Abwchrkampf des C. D. alle Anerkennung zollen und nur wünschen, daß die Verhältnisse drüben so werden, wie sie in ihrem kleinen Vaterland Gott sei Dank augenblicklich sind. Wenn Luxemburg vom Antisemitismus verschont geblieben ist. so verdankt es dies nicht zuletzt dem gesunden Sinn der luxemburgischen christlichen Bevölkerung. Schon im Jahre 1839 erklärte der luxemburgische Staatsanwalt in einem Prozeß wegen Beleidigung der jüdischen Religion und ihrer Bekenner, der gegen eine Zeitung angestrengt wurde, folgendes (dieRede ist heransgegeben von R.-A.Fo er der, Breslau, im Philo- Verlag)'. „Unser Land war niemals der Sckrauplatz derartiger leidenschaftlicher (antisemitischer) Kämpfe. Kämpfe, weläre die Bevölkerung rn zwei Reihen geteilt haben, wo jeder Gesellschaftsrang seine Kämpfer stellte, und w-elche blutige, unserer Zeit unwürdige Episoden herbeisührten. Unser Ländchen hat immer für den klassischen Bodden der religiösen Duldsamkeit gegolten, deshalb ist es unsere Pflicht, zu verhüten, daß man die Saat der Zwietracht tn unser Land trägt, um die alten Traditionen zu brechen." Dieser Geist herrscht auch heute noch im luxemburgischen Volke. Ein Vers seines Rationalliedes lautet: „Mir welle bleuoe wat mir sin" (Wir wollen bleiben, was wir sind). Ein Vers, der so recht auch auf den luxemburgischen Juden paßt: Ein guter Luxemburger, aber auch ein treuer Jude. , Vor einigen Morsten sprach übrigens Rechtsanwalt Dr. Bruno Dell, Stellvertreter des Vorständen des C. L., in Luxemburg über „Die jüdische Internationale". Eigene VerKaufssteüen ia allen größeren Städten Deutschlands. Erhältlich in allen Spezialgeschäften. Dies haben die luxemburgischen Juden stets bewiesen. Sühne Luxemburgs, die aus dem Judentum hervorgegangeu find, arbeiten in Industrie und Wirtschaft, auf geistigen, künstlerischen Gebieten zum Wohle des Landes, gleich ihren christlichen Dolksgenosien, mit. Sie stehen alle treu zum Judentum, Taufen gehören hier zu den Seltenheiten. Möge dieser Geist der gegenseitigen Duldsamkeit und Eintracht me verwehen. Ignotus. mimet Wilzm. *»Uea? Gresaet?alÄ. Mit seinem „Roten General" stellt der bisher nur als Novellist hervorgetretene Hermann Ungar aktuelles Weltgeschehen auf die Bühne.. Tie Kämpfe der Sowjetunion in Polen "sind der Hintergrund für die Tragödie des roten Generals Podkamienski. der. früher Morsche Frischmann geheißen, die Rote Armee zum Siege führt. Doch seine strategischen Erfolge und seine Hingabe an die Sache vermögen nicht, das alte Ressentiment zu beseitigen, das in seinem Kampfgenopen schlummert. Ein Jude erfolgreicher Führer der Roten Armee! Das nehmen auch Bolschewisten, für die theoretisch antisemitisches Vorurteil Zeichen gegenrcvolutionärer Gesinnung ist, nicht ohne weiteres hin. Und fo tobt denn der neidische Gegenspieler des Roten Generals, der Divisionskommandeur aus dem Bauernstand, Brutzkin, seinen Haß gegen den jüdischen Vorgesetzten in Pogromen aus, die die Rote Armee, die Kündcrin der Freiheit, im Widerspruch zu ihren Grundsätzen verübt. Dem Pogrom in Podkamien fällt auch Podkamicnskis Vater zum Opfer. Doch die gegcnrevolutionäre Gesinnung und Tat werden nicht gesühnt: Ter volkstümliche Bauerngeneral Brutzkin darf nicht geopfert werden, weil ein paar Juden „geichlack>- let" wurden. Aus politischen Gründen ernennt man ihn an Stelle Podkamienskis zum Oberbefehlshaber der Roten Armee; denn es ist Zweckmäßiger, daß ein Bauer, ein Mann aus dem Volk, das Heer führt, als ein Intellektueller. So sagt man: man meint: als ein Jude. Wenn ihm auch die eigenen Parttigenopen die verdiente Anerkennung nicht zollen, die Gegner des Sowjetsystems kennen die Fähigkeiten des Roten Generals, den sie doppelt haften: als Führendes politischen Todfeindes und als Juden. Ten Kugeln der weißen Gegner fallt der Rote General zum Opfer, als er das undankbare Vaterland zu verlassen sich anschickt. Die Aufrührung des Stückes ist mustergültig, die Darstellung des „Roten Generals" durch Fritz Kortner eine schauspielerische Höchstleistung. LLL TSjEL&säcI"«» Theodore, Dreiser, heute 57 Jahre alt, entstammt einer katholischen Familie. Er war das zwölfte von 13 Kindern und hat in seiner Jugend die ganze Schwere feines Armendaseins miterlebt. Vom Journalisten hat er sich zum anerkannten Romancier Amerikas emporgearbeitet. Ein Drama hat er geschrieben: „Ton in des Töpfers Hand". Bei Beurteilung dieser Tragödie, in der das Verhalten einer ganzen Familie gegenüber einem krankhaften Glied der Familie, das ein Verbrechen begangen hat, geschildert wird, ist wohl zuerst nach dem Grund zu fragen, der Theodor Dreiser veranlaßt hat. ein Problem, das er bereits in seinem dreibändigen Roman „Amerikanische Tragödie" vom calvinistischen Standpunkt aus behandelt hat, nunmehr in dramatisierter Form in jüdisches Milieu zu verlegen. Während in der amerikanisck)en Tragödie die Mutter aus ihren Muttergefühlen heraus an die Unschuld des Sohnes glaubt, dagegen die übrige Familie ihn fallen läßt, wipen in der jüdischen Tragödie alle Glieder der Familie um das Verbrechen, stellen sich schützend vor den Sohn, selbst die, die ihn. bevor er zum Verbrecher wurde, bekämpft haben. Ins jüdische Milieu ward die Tragödie verlegt, da hier der Familiensinn die Möglichkeit zu der von Dreiser erdachten Problemstellung gab. Dramatisiert wurde die Tragödie, weil sie sich auf engstem Raum im kleinsten Kreise abspielt; keine Kraft wirkt von außen auf das Schicksal ein, das Unglück erhebt sich riesengroß und zerschmettert die Familie insgesamt. Es ist daher falsch,.zu glauben, daß der krankhafte Sohn, der wegen eines versuchten Lustmordes im Zuchthaus ge festen hat, einen Lustmord begeht- und einen zweiten Mord mit Anspannung letzter Kräfte zu verhindern weiß, um freiwillig in den Tod zu gehen, die tragische Figur dieses Dramas sei. Er ist nur das Movens, er ift die Kraft, die die Tragödie entfesselt. Die tragische Figur ist die Familie als solche. So sind auch die Höhepunkte dieses Dramas weniger die von Ernst Deutsch gespielten Monologszenen des Sohnes, als vielmehr die Szenen, in denen der Seelenkampf der Familie zu erschütternd lebendigem Ausbruch kommt. Wenn sie da "tzen am Sabbatabend und die Mutter findet den Schuh des ermordeten Mädchens, wenn ein Beweisstück zum andern kommt und schließlich kein Zweifel mehr besteht, wer den Mord begangen hat; wenn der Sohn zurückkommt und der Da rer ihm nur das eine Wort „Wahrheit" ins Gesicht schreit, nicht, um ihn zu verraten, sondern weil er um die Seele seines Kindes ringt, das sind Höhepunkte. Wie sie da sitzen im Gerichtssaal, gebeugt und gedrückt, wie einer nach dem andern einen Meineid schwört, nur um den Sohn zu retten, und wie dann der Vater zusammeubrichtt als man

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