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Central-Verein-Zeitung · 1928-09-28 · 39 (28.9.1928) · p. Seite 547

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
39 (28.9.1928)
Date
1928-09-28
Page
Seite 547 (sequence 7)
Language
German
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Die Arsen ree Gegenwart. WWn Eeme!nregrM)le. Lon AabLlnrr Sr. Leo Baerl Grcünj. Für die deutschen Juden hat der Ausgang des Weltkrieges seine besonders ernsten, sorgenschweren Folgen" gehabt. Die Landesteile, meldje im Westen und Osten abgetreten "werden niußtcn. waren (Gebiete mit einer verhältnismäßig zahlreichen jüdischen Berölkerung. Noch mehr als die Zahl bedeutete ein anderes: sie umschlossen viele lebensfähige und lebenswillige Mittel-- und Kleingemeinden. In ihnen, die von Geschlecht Zu Geschlecht wie eine große Familie waren, hatte die Religiosität eine Wurzelhaftigkeit und Traulichkeit, deren die große Gemeinde entraten muß. Eingaben dem einzelnen sowohl ein lebendiges Gemeinschaftsgefühl wie das persönliche Bewußtsein eines Wertes sür das Ganze. Etwas von dem, rvas Wilhelm Naabes Wort meint, der deutsche Genius komme von der Gasse der Kleinstadt her. Zeigte sich auch an dieser Frömmigkeit. Auch an ihr ist oft erfahren worden, daß der kleine Daseiusbezirk Kräfte schasst und der große sie dann verzehrt. Unter dem Anwachsen der Großstädte, wie es die kapitalistische Zeit in einer bitteren Notwendigkeit brachte, hatte das jüdische Gerne in de leben schon schwer zu leiden, um so mehr, als hier die starken, festhallenden Kräfte des platten Landes fehlten, da die landwirtschaftlichen Berufe hier Jahrhunderte hindurch Verlvehrt gewesen waren. In den großen Städten hatten sich aus den Menschen der kleinen die großen Gemeinden gebildet, sie hatten oft auch deren Religiosität aufgebraucht. Der verlorene Krieg fügte nun Zu diesem Gewordenen, Allmählichen das Jähe hinzu, er nahm eine Fülle kleiner Gemeinden fort. In dem Opfer an Menschenleben, von dem zwölftausend Gefallene zeugen, und in dem Opfer an Hemmt und Gut stehen die deutschen Juden neben den anderen im Vaterlands. in der Einbuße an Gemerndeleben sind sie härter noch betrossen worden. Bor allem ergab es so der Verlust von Posen und West- Preußen und auch von Ostoberschlesien. Hier waren Stätten einer auch geistig sehr regsamen jüdischen Religiosität gewesen, ein Boden fruchtbarer Kraft für das große Ganze. Tie Menschen aus diesen Gebieten wanderten. mit geringen Ausnahmen, aus der Heimat fort, in der seit altem ihre Familien gewohnt hatten, sie wollten Bürger ihres Vaterlandes bleiben; dieser Auszug der Juden aus Posen und Westpreußen ist eines der geschichtlichen Ereignisse unserer Zeit. Wurden diese Menschen damit der deutschen Judenheit auch erhalten, so waren ihre Gemeinden doch verloren. Die weitaus meisten hat zudem die Großstadt ausgenommen, sie bot die mannigfaltigeren Wohnung«- und Erwerbsmöglichkeiten. Eine noch größere Gememd», nun da aber kein Erwtz, ^reder dem einzelnen noch der Gesamtheit, für die vielen kleineren Gemeinden. Auf den Rückgang der Geburtenziffer, eine Folge der fortschreitenden Verstadtlichung, der schon vor dem Kriege die Sorge geweckt hatte, und den die Kriegs- und Nachkriegszeit hatte anwachsen lassen, hat diese Umschichtung dann weiter hingewirkt. . . Zu all dieser Einbuße im Lande kam die an Weltgeltung. Seit dem letzten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts, diesem Beginn der neuen Zeit im Judentum, waren in ihm die deutschen Juden, zumal wenn dieses Wort im Sinne des großen deutschen Sprachgebietes genommen wird, die führenden geworden Tie geistige Geschichte der JiQen im neunzehnten Jahrhundert ist ganz wesentlich eine Geschichte der deutschen Juden. Auch der deutschen Sprache war damit jnn weitreichender Einfluß gewährt, sie war die Sprache der Wissenschaft vom Judentum geworden. In der Judenheit. der alten und der neuen Welt bedeuteten die deutscl-en Juden weit mehr, als es ihrer Acht entsprach. Tie Niederlage Teutschlands hat vieles von dieser Geltung Zunächst in Frage gestellt: auf die Führung so manchen gemeinsamen Werkes mußte vorerst verzichtet loerden. T-er allgemeine Verlust Teutschlands in seiner Stellung in der Welt war so noch ein ganz besonderer Verlust, den die deutschen Juden erlitten. Verschärft hat alles d'eses der Rückgang undNiedergang der Vermögen, wie ihn die Jahre des WährunKvcrsalls dann brachten. In den jüdischen Gemeinden hat er die breiten Schichten getroffen. Durch die Erillvertung des Geldes, welch diese Kreise besonders heimsuchte, ist damitdie Gemeinde in ihrem Können überall schwer beeinträchtigt worden, viele, rvelche in der Fürsorge und im Wohltun immer die Gebenden gewesen ivaren. mußten jetzt Empfangende sein. Im Gefolge dieser Verarmung, die in ihrem Umfange den Außenstehenden wenig bekannt ist, trat bisweilen eine Verelendung ein. Von den Gemeinden kennte ihre Ausgabe so bisweilen kaum erfüllt werden; manch unter ihnen waren nicht einmal mehr in der Lage, einen Beamten angemessen Zu besolden. Mer die Not zog ihren Kreis noch darüber hinaus. Es war alte jüdisch AufsapunA, daß das Wohltuu jedem einzelnen als Pflicht obliege und (aß der Bedürftige einen religiösen Anspruch auf Hilfe habe. Infolgedessen crftrerfrcn sich hier die freie Wohlfahrtspflege und die geordnete Liebestätigkeir rech weit, und eine stete Opierwiüigkeit diente ihnen. . . Jetzt waren die Stiftungen entwertet, und die Beiträge versiegter:. Tie Pflichten, die bisher innerhalb der Gemeinschaft erfüllt waren, mußten nun unmittelbar von der, schwächer # gewordenen. Gemeinde übernommen werden, so daß sie wiederum * von ihren leistungsfähigen Mitgliedern noch mehr beanspruchen uiiiBte. Die Anforderung war eine beträchtlich, und sie hat hier im deutschen Sinne dieses Wortes. Auch der bayerische Konservative stützt seine Weltausfasiung auf wesentlich andere Gesichtspunkte wie der preußische. Maßgeblich für den preußischen Konservativen ist das Feudalprinzip, das heißt die Auffassung, bestimmte Menschen seien zu einer Vorherrschaft berufen, die ihnen unter allen Umständen eingeräumt werden müsse. Der Feudalismus ist daS Entscheidende in der Auffasiung der preußischen Konservativen. „Was Knecht ist, soll Knecht bleibend Bei dem bayerischen Konservativen ist der feudale Zug viel weniger ausgeprägt. Soweit hier ein politisches Prinzip m Frage kommt, ist bei ihm Zunächst die innige Verbundenheit von Kirche und Staat und die möglichste Durchsetzung des Prinzips vom sogenaunien christlichen Staate unbedingte Voraussetzung. Es sind also ganz anders geartete Autoritäten, die im einzelnen das Wesen des Konservativismus ausmachen. Wenn man daher sagt, die Juden sind konservativ, so wird man genau nachprüfen müssen, welchen Inhalt dieser Begriff jeweils für einen Teil der Juden enthält. Jüdische Persönlichkeiten, die sich Zum preußisch-konservativen Prinzip bekennen, wird es nur sehr wenige geben können. Wenn heute die Deukschnakionate Partei ihre Prinzipien ab- - ändern und Juden Zum Eintritt ausfordern wollte, so würde sie ihnen damit Zeigen, daß sie die altkonservativ feudalen streife von sich abstoßen wolle; diese aber werden aus den vorerwähnten Gründen eine Gleichbewertung der Juden in der Partei deswegen nicht dulden, weil der Junker in dem Juden von vornherein eine untergeordnete Klaffe sieht. Damit würde sich also die Deutfchnationale Partei, die heute schon aufgehört hat, eine in altpreußischem Sinne konservative Partei Zn sein, in entscheidender Beziehung wandeln. Mit der Forderung, die Konservativen sollten die Juden mehr Zu sich hcranziehcn, ist nach den obigen Ausführungen nichts getan. Kommt man so in entscheidenden Punkten zu einer Ablehnung des Kaulkaschen Buches, so muß man doch dem Verfasser für seine außerordentlich flüssig geschriebene, von wertvollen Einzeldarstellungen durchwebte Arbeit herzlich danken: denn zum Nachdenken über wesentliche Fragen unseres öffentlichen Daseins gibt er reichen Anlaß. Ludwig Holländer. -) Dergk. hierzu Un Aussatz «oit De. Äuno Dä? tkmath (Hamburg) „Rassenwahn", in dem es u. «x. heißt: „Es ist clfo nicht dss Judentum gewesen, was den Kommunismus und Sozialismus vrraulaßtr, sondern es waren soziale, ideale, materielle Beweggründe, die so viele Juden ihnen anheimfallen liegen. Denn das Judentum r* die fonienxßiioile Nacht der Welt. Ein gläubiger Jude ist mindestens jo konservativ, wie ein gläubiger orthodoxer Christ nur sein kann. Den Sozialismus deshold ein jüdisches iäewächs zu nennen, weil Karl Marx jüdischer Aö> stsurmuvg in, in ebenso töricht. als wenn man den altpreußifcheu Konservcttis- MUS eine jüdische Einrichtung nennen wollte, weil der Mann, der zuerst den preußischen Konservatismus wissenschaftlich behandelte und begründete, der berühmte Staatsrechtslehre! Stadl, rin geborener Jude gewesen ist, der mit seinem ursprünglichen Ramen Schlesinger hieß. Wenn der sozialistische Geist jüdisch sein soll, dann ist es der preußisch-konservative auch. Karl Marx rnLkrärret den Vorwurf, den man dem Judentum macht, indem man es als den Träger des modernen Mammonismus ausruft. Der glänzendste Geist, den dieses Judentum in unserem Zeitalter vielleicht hervorbrachie, lebte jahrelang im Elend, ganz erfüllt von wissenschaftlichem Streben, unfähig, die geldlichen Sorgen, die ihn umschlichen, die ihn buchstäblich rin Hundedasein führen ließen, zu bannen. Wenn nicht sein Freund, der Rheinländer Eduard Engels, ihn von rsöö ab mit einer'Pension ausgestatttt hätte, wäre er tatsächlich verhungert. Die schon gesagt, cs ist oberflächlich, den Sozialismus als eine Frucht jüdischen Geistes zu betrachten, zu meinen, ohne diesen gäbe es keinen Sozialismus und Kommunismus. Eine solche 'Anschauung ist sehr gefahrvoll; weil sie d<r politischen Richtung Wege weist, dir in eine unheilvolle Wirrnis führen müssen, die Bekämpfung des Sozialismus in falsche Bahnen drängen. Der moderne Sozialismus und Kommunismus sind dem modernen, auf Individualismus d-cgründeten Wirrfchafrssvsteur entsprungen, genauer gesagt, aus der Tatsache hrrarrs geboren, daß dir große Mehrheit der industriellen und gewerblichen Schichten nie dazu gelangen kann, wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen, Leine andere Zukunft als die, als bezahlte Kraft im Dienste eines Unternehmers Las Dasein abzuspinnen« Wenigstens liegen hier die Keime der sozialistischen Eedanlrurichtungch

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