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Central-Verein-Zeitung · 1928-09-28 · 39 (28.9.1928) · p. Seite 546

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
39 (28.9.1928)
Date
1928-09-28
Page
Seite 546 (sequence 6)
Language
German
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546 Der Liberalismus unö öie deutschen Juden. Zu dem gleichnamigen Buche von Rudolf Kaulla. Professor Rudolf Kaulla hat im Berlage von Tuncker & Humblot ein Werk unter dem Titel ,^Der Liberalismus und die deutschen Juden" erscheinen lapen. Er fügt als Untertitel hinzu „Das Judentum als konservatives Element". Gewiß ein bedeutsames Thema. Will man es gründlich behandeln, so ist eine genaue Kenntnis nicht nur der politischen, sondern insbesondere auch der religiösen und sozialen Entwicklung des Judentums erforderlich. Dr. I. Heinemann (Breslau) hat in einer ganz kurzen, von tiefer Gelehrsamkeit und Kenntnis der erfüllten Studie „Vom jüdischen Geists) vor einigen Jahren das gleiche Thema mitbehnndelt. Kaulla kennt offenbar diese Schrift nicht; denn sonst wären manche seiner Ausführungen sicherlich anders geschrieben worden. ,Wer gegen den zersetzendes Einfluß der Juden streitet, bekämpft in ihm demnach den Zersetzenden Einfluß des Liberalismus." Dieser Sah enthält den Grundstein für das Gebäude, welches Kaulla ausrichtet. Wie so oft bei der Behandlung von Tagesfragen, muß auch hier nach dem Inhalt des Begriffes -Zersetzung" gefragt werden. Diese Prüfung unterläßt Kaulla. Er setzt Llberalismus gleich Zersetzung und vergißt dabei, daß mit der Kritik, das Judentum sei Zersetzend, meist eine bestimmte Auffassung vertreten ist, die sich keineswegs mit dem Begriff des Liberalismus deckt. Hei ne mann macht sich die Södje nicht ganz so leicht. Er charakterisiert die Ansicht derer, die dem Judentum feindlich gegenüberstehen, wie folgt: „Nach ihr hat der Jude überhaupt keine Religion, weder die Weltrcligwn des Neuen noch die angeblich national beschränkte des Alten Testaments. Die Merkmale seines Geistes sind eine haarspallcnde Dialektik, die alles zersetzt, was dem Gemüt wertvoll und durch die Geschichte geheiligt ist, und ein unersättlicher Hunger nach Macht und Genuß. Soweit man überhaupt von einem Sott des Juden reden kann, so ist es das Geld, das chm zu geschmacklosen Vergnügungen verhelfen soll. Daß der Jude dabei nicht nur an seine persönliche Machtstellung, sondern stets auch an die Macht seines „Volkes" denkt, dem er zur Herrschaft über dis .Lllirtsvölker" verhelfen will, macht den internationalen Juden zu einer Gefalrr; denn er führt diesen Kamps durchaus auch mit geistigen Waffen, bekämpft zielstrebig und mit unglaublichem Erfolg diejenigen Strömungen, die seinem Herrschaftsgelüfte ungünstig fnib, insbesondere das Christentum und die Religion überhaupt: aber auch den Marxismus hat er nur „erfunden", um die Weltherrschaft seines Volkes zu begründen." i Hier kann natürlich nicht nachgewresen werden, daß diese von Gegnern der Juden ausgestellte Auffassung unberechtigt ist; aber diese kennzeichnet in der Tat die Angriffe. Und der Inhalt dieser Angriffe ist nach keiner Richtung hin mit Liberalismus gleichzu stellen. Der Liberalismus war keineswegs nur auflösend; der verkennt sein Wesen, der nicht seine Gestaltungskraft, seine Aufbauarbeit, seinen Willen Zur Tat anerkennt. Dadurch daß er alte, übernommene Werte als schädlich, falsch gedacht, als überwunden und seelisch unhaltbar nachwies, hat er stets für eine seinem Wesen entsprechende Neugestaltung gesorgt. Dies trifft für den politischen, wirtschaftlichen und für den religiösen Liberalismus zu. Man mag den Inhalt der Angriffe des Liberalismus auf das Me durchaus mißbilligen; man mag das Alte für berechtigt falten; man wird aber niemals verkennen dürfen, daß Liberaismus in dem wahren Sinne des Wortes eine Aufgabe bedeutet, deren Wesen eine Nachrüfung der Vorgefundenen Anschauungen und aten auf allen wesentlichen Gebieten des vffentlichen Lebens dar stellt und Neueinrichtungen vorschlägt, wenn die alten Vorgefundenen Tatbestände dem beurteilenden Menschen bekämpfe nswertersch einen. Was Kaulla meint, ist ein Zug, den Paul Nathan einmal als eine Eigentümlichkeit der modernen Presse bezeichnet hat. In ihr findet sich in der Tat bisweilen das Bestreben, Tinge, die anderen Menschen heilig sirrdy zu verhöhnen. Ueberspitzte Satire knüpft sich an bloße Aeußerlichkerten, um Spott zu treiben; die Kechtsgüter der Sittlichkeit, die Erhaltung der Moral, die Ungekährdetheit der Person, kurz, alles das. was die Mehrzahl der Menschen verehrt, wird nicht etwa urteilsmäßrg mit wissenschaftlich nachweisbaren und als richtig beweisbaren Gedanken- Dingen bekämpft, sondern mit stacker Satire und respektlosen Verhöhnungen unmöglich zu machen versucht. Man schafft eine prickelnde Lektüre, die durch einen gewissen äußeren Schliff unterhält, die aber, weil ihre Schreiber vielfach Wortkünstler, aber keine Charaktere find, nach der Auffassung einer sehr großen Anzahl von unterrichteten Leuten ungemein schädlich wirkt. Unter solchen Schriftstellern finden sich natürlich auch Juden. Sie haben vielleicht hier und da auch sogar eine verhältnismäßig erhebliche Zahl dargestellt. H e i n e m a n n hat bereits darauf hingewiesen, daß das allerdings meistens Männer und Frauen gewesen sind, die wohl als Juden Heboren sind, aber dem Judentum langst den Rücken gekehrt haben. d?e das Judentum nicht anders behandelten wie alle anderen Kulturerscheinungen. und ihm mit ihren giftigen Federn mehr schaden als viele ausgesprochene Judenfeinde. Die Grundüuffassnng, wonach dis Gleichsetzung von Liberalismus und Subentinu als das Wesen der Zersetzung angenommen *) Philo-Dcrlag, Berlin. wird, können wir nicht als berechtigt anerkennen. Stellt man sich aber auch auf den Boden K aullas. so werden viele Tatsachen, mit denen er seine Beweisführung belegt, ebenso zu Kopfschütteln Anlaß geben wie die Schlußfolgerungen, die er aus seinen Feststellungen ziehen zu können glaubt. Kaulla geht so vor, daß er folgende Thesen als Grundlage seiner weiteren Ausführungen auf- Zustellen und Zu beweisen sucht: a) Die Inden sind Zuerst dem religiösen Liberalismus Zugüugjg geworden. d) Tann konnte der politische Liberalismus bei ihnen Eingang finden. Was Kaulla über den religiösen Liberalismus sagt, kann hier unerörtcrt bleiben. Es wird die Aufgabe religiös-liberaler Kreise sein, nachzuprüfen, ob der Verfasser mit seiner Würdigung des religiösen Liberalismus recht hah ob er nicht insbesondere schon dadurch seiner Auffassung eine falsche Grundlage gibt, daß er die Stellung von Moses Mendelssohn innerhalb des religiösen Liberalismus Zu dem von ihm gekennzeichneten völlig verkennt. In seinen späteren Ausführungen beschäftigt sich dann Kaulla mit politischen Fragen. Er führt aus, daß die konservativ gerichteten Bevölkerungslreise, also solche, welche die Autorität als die beste und sicherste Grundlage der politischen, sozialen, kirchlichen, überhaupt der gesamten kulturellen Ordnung, erkennen, gewissermaßen die Zu antisemitischer Denkweise besonders disponierten Menschen seien. Dem Juden erscheinen Judentum und Liberalismus unzertrennlich. Und wenn man den Liberalismus bekämpfe, bekämpfe man auch das Judentum. Dies sympathisieren mit den: politischen Liberalismus sei allerdings nicht eine jüdische Eigenschaft als solche, sondern man brauche nur nach England Zu sehen, wo die Juden Zu einem großen Teil konservativ seien. Es sei nun aber so, daß durch diese Verkoppelung von politischem Liberalismus und Judentum der Judenhaß gezüchtet werde. Da aber die Juden in Wirklichkeit stark konservative Elemente in sich trügen, sei es von den konservativen Parteien ganz falsch, drese Elemente Zurückzustoßen. Wie von katholisch-konservativer Seite diese Beweisführung gewürdigt wird, lehrt eine Besprechung des Buches in der bekannten katholisch-konservativen Wochenschrift „Schönere Zukunft" (3k. 45, DI. Jahrgang, Wien). Dort sagt der Rezensent: „Der Liberalismus hat den hauptsächlich religiös bedingten Konservativismus der Juden so sehr gebrochen, daß die andere Seite des jüdischem Wesens: die anarchische, die nomadenhafte, übermächtig Zinn Durchbruch gekommen ist. Da die Juden, wie auch Kaulla feststem, einen stärkeren politischen Trieb haben als in der Regel ihre Umwelt und, wie hinzugefügt sei, einen ausgesprochenen Willen zur politischen Führungsmacht, wurde das Unheil in der modernen Zeit besonders schlimm. Das Problem könnte also wohl noch tiefer gefaßt und in die bedeutungsvolle, entscheidende Frage gekleidet werden: Kann das Judentum aus sich und seiner eigenen konservativen Kraft heraus seinen Dämon, der heute auch die Gestalt des Liberalismus. Sozialismus und in der extremen Pervertierung des eigenen Frecheitsgedankens die Gestalt des Kommunismus angenommen hat, überwinden oder muh es von anderen Mächten dazu gezwungen werden?" Was ist aus dieser Besprechung zu lernen? Ist der politische Liberalismus wirklich der Dämon des Judentums? Hier wird und mutz man ein Fragezeichen machen. Man mag die keineswegs dem Judentum, sondern nur einem großen Teil der großstädtischen Presse eignende zersetzende Kritik für noch so schädlich erachten, sie hat weder mit uns, den Juden, noch nnt den Liberalen als solchen etwas zu tun. Wie steht es aber mit dem Konservatismus der Juden? Man spricht vielfach davon. Im Grunde genommen sei Jude und konservativ dasselbe.; Prüfen wir den Begriff „konservativ*. Will man darunter die Aufrechterhaltung des kapitalistischen Wirtschaftssystems, die möglichste Sicherung erworbenen Vermögens. die Konservierung vorhandener Werte verstehen, so ist es sicherlich richtig; denn eine große Anzahl von Juden ist an einer Stetigkeit der gewordenen und gegebenen Verhältnisse stark beteiligt. Nennt man das konservativ, so kann man sagen, viele Juden gehörten dieser Richtung an. Wo allerdings das Judentum stark proletarisiert ist. wo insbesondere die Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse den jüdischen Existenzen sehr viel zugesetzt hat, wird diese Betrachtungsweise nicht zutreffen. Hier sind die Juden zu Sozialisten geworden. Es sei an dieser Stelle bemerkt, daß die Auffassung K a u l l a s, die auch zahlreiche andere Schriftsteller teilen, der Sozialismus sei eine Folge des Liberalismus, doch sehr zu bestreiten ist^). Rein politisch scheinen uns die Dinge folgendermaßen zu liegen: Konservativ bedeutet nicht nur die Aufrecksterhaltung von Autorität im öffentlichen Leben — eine solche wünschen auch die Liberalen —> sondern konservativ bedeutet die Forderung nach An- Erkennung einer ganz bestimmten Auffassung, die in den verschiedenen Ländern völlig verschieden geartet ist. So ist der englische Konservative nach keiner Richtung hin mit dem Preußischen Konservativen gleich» zustellen. Er ist in den meisten Beziehungen „gemäßigt liberal" .; (Fortsetzung nebenstehend* Seit*)

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