Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 39 (28.9.1928)
- Date
- 1928-09-28
- Page
- Seite 542 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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; 542 Spur. Dennoch konnte sich die Polizei nicht zu Verhaftungen entschließen. Tie Ueberfälle wiederholten sich- Trotz polizeilicher Bewachung konnten am M i t t >v v ch , den 12. September. 11 und 12 Uhr nachts, im gleichen Straßenzuge v ier Ueberfälle stattfinden! Unter anderem wurde auch der brasilianische Konsul niedergeschlagen. Als dieser bewußtlos am Boden lag. wurde er noch getreten, und zwar auch so stark auf die Hand, daß sich sein goldener Ring verbog. Der Konsul hat bei dem Uebersall eine sechs Zentimeter lange und drei Zentimeter breite Wunde am Kopse, starken Bluterguß im Unterkiefer und Schürfwunden davongetrageu. An diesem Mittwoch waren bereits zehn Personen überfallen worden. Alle haben mehr oder weniger schwere Verletzungen, größtenteils durch Schläge mit einem harten Gegenstand, erhalten. Arbeitsunfähigkeit bis zu vierzehn Tagen war keine Seltenheit. Die Mehrzahl der llcberfallcncn sind Juden, jedoch wurden auch einige christliche Herren mißhandelt, darunter ein Italiener. Die wirkliche Zahl der Ueberfälle wird noch größer sein, denn erfahrungsgemäß erstatten Geschlagene in den wenigsten Fällen Anzeige. Durch einen Zufall konnte der erste der Täter gefaßt werden. Er befand sich mit etwa zwanzig Gesinnungsfreunden am 16. September in einer Tolstoi-Feier, die diese sprengen wollten. Ein E. V.-MiLglied, dem der Hut geraubt wurde, erkannte ihn wieder und ließ ihn fesmehmen. Vom ersten Uebersall Anfang August bis SJIittc September konnte die Presse von keinem der Ueberfälle berichten. Auch der C. V. sah von einer Veröffentlichung seines Materials ab, um die polizeilichen Untersuchungen nicht zu stören. Als dem C. V. aber die Festnahme des einen Täters in der Tolstoi-Feier bekannt wurde und er erfuhr, daß die .^Bremer Volkszeitung" am 19. September, entgegen den Wünschen der Polizei, einen umfangreichen Artikel veröffentlichen wollte, sah er seinerseits keine Veranlassung mehr zur Rücksichtnahme und übergab sein Material der Presse. Die Bekanntgabe erregte in Bremen großes Aufsehen und bewirkte, daß die Ueberfälle jetzt endlich aufhörten. Nur ein einziges Bremer Blatt betrachtete die unglaublichen Vorfälle als so nebensächlicher Natur, daß es kein Wort darüber brachte, die deutschnationale „Bremer Zeitung'. Trotz seiner geringen Auflage hat dieses judenseindiiche Blatt ein gerüttelt Maß Schuld daran, daß unreife Burschen in eine Stimmung hinein gehetzt wurden, die sich in solchen Taten auswirken mußte. Die Polizei veröffentlichte die Namen der sestgestellten Täter erst nach einem scharfen Angriff der sozialdemokratischen .^Bremer Volkszeitung" aus die Untersuchungsmethoden der politischen Polizei. Es wurde insbesondere beanstandet, daß keinerderBurschense st gesetzt und daß die Oefsentlichkeit nicht auf das Treiben der Hitleriancr aufmerksam gemacht worden sei. Wäre letzteres geschehen, so hätten mindestens die letzten vier Ueberfälle — darunter der auf den Konsul — nicht stattfinden können. Die ermittelten Täter haben teils gestanden, teils find fie Durch Gegenüberstellungen überführt. Es sind ganz junge Burschen, Die in schlechten häuslichen oder beruflichen Verhältnissen leben und sämtlich Der S.-A. Der Nationalsozialistischen Partei angchören. Ten Uebersall auf den brasilianischen Konsul haben ein siebzehnjähriger Elektriker und ein einundzwanzigjähriger Chauffeur bereits eingeslanden. Ter Gruppe gehören weiter an: ein achtzehnjähriger stellungsloser Handlungsgehilfe, ein Knecht, ein Schuhmacher, ein neunzehnjähriger Kausmannslehrling, ein gleichaltriger Drogist und em weiterer Elektriker. Damit dürste die Zahl der mittelbar oder unmittelbar Beteiligten keineswegs erschöpft sein. Bei der Tolstoi-Feier hat sich gezeigt, daß auch eine ganze Anzahl höherer Schüler unter den Radauhelden war. Die Ermittlungen dürsten dieser Tage abgeschlossen und die Akten der L-taatsanwaltschast weitergcleitet werden. Die Anklage wird wahrscheinlich auf Landfriedensbruch in Verbindung mit Körperverletzung lauten, in einem Falle auch ans Straßenraub oder Diebstahl. Die Ueberfallenen werden als Nebenkläger austreten. Ihre Vertretung hat der bekannte Rechtsanwalt Dr. Abraham übernommen. Der Konsul hat Strafantrag gemäß § 104 StrGB. gestellt. Es ist zu hoffen, daß das Gericht gegen die Burschen — die sich sämtlich in Freiheit befinden — eine crc m - [ plarische Bestrafung verhängt, damit den Halenf; krcuzlcrn die Lust zu weiteren Wildwesttaten endgültig j vergeht. j Zn diesen unerhörten Vorgängen in Bremen macht uns i ein besonders verdienter und bewährter Freund unserer Sache, der mit den politischen Verhältnissen in Bremen ger nau vertraut ist, noch folgende Mitteilungen, die den Hintergrund der Bremer Lleberfälle charakterisieren. J. ß. In dem vornehmen Bremen, der freien Hansestadt, der Hafenstadt mit der internationalen Verbundenheit, hat es wieder einmal nationalsozialistische Ueberfälle gegeben. Die Vorfälle sind bekannt, das System war wie folgt: Eine Rotte von „Nationalhelden" vertrat dem nichtsahnenden! Opfer den Weg; der im Boxen ausgebildete Hauptheld schlug! mit dem Schlagring oder der Faust von hinten zu und ver- 1 schwand. Um das blutende Opfer sammelte sich die Menschen-! menge. Die Begleiter des boxeirden Holden mischten sich unter die Menge und suggerierten den Zuschauern: „Oh, das?! ist ja nur ein Jude, den man verprügelt hat/ Polizei war! nie zur Stelle, es geschah nichts, und trägen Herzens trennte man sich mit dem Gedanken, daß ja „nur ein Jude" blutete. Es waren aber nicht immer nur Juden. Es traf auch j einen christlichen Bremer Kaufmann, der die falsche Haar- [ färbe hatte, und einen Italiener, in Hamburg wohnhaft, der | feiner Frau das schöne Bremen gezeigt hatte. Seine Hautf färbe war zu dunkel. Der Ortsgruppe des C. B. kamen erst | die drei oder vier Fälle zu Ohren, wo wirklich Juden ge- 1 ' troffen waren. Im Zusammenarbeiten mit der höheren 1 Polizeibehörde wurde festgestellt, wo die Kreise zu suchen l waren, die immer Mittwochs „arbeiteten". Eine Berössentß lichung wurde von der Ortsgruppe aber zurückgehalten, um f die polizeilichen Ermittlungen nicht zu stören. Erst als einer \ der Täter ermittelt war, kam das Material heraus. Einen f Totschlag wollte man schließlich nicht abwarten. Jetzt ist die § Öffentlichkeit mobil, die Bremer Preffe regt sich, und die .! Zeitungen aller Richtungen sprechen mit Recht von bandenmäßigen Ueberfällen, Landfriedensbruch und sogar von Straßenraub, da auch ein Kleidungsstück geraubt wurde. Wo aber sind die Hinterleute? Wer bezahlt die Bierabende, wo der Heldengeist mit schnaps und Redensarten und der Lektüre des „Völkischen Beobachters" ausgepeitscht wurde?? Erst als auch der brasilianische Konsul und sein Begleiter schwer verletzt wurden, da regten sich die Bremer Behörden. Die Pressestelle des Senats sprach! öffentlich ihr Bedauern aus, aber nicht etwa, weil deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens verletzt waren, sondern weit es sich bei dem Konsul (wörtlich!) „zweifellos um eine Personenverwechslung" handele. Welches Dilemma, wenn der Konsul ein Jude wäre? Damit rührt man an die Lieferen Gründe. Hier beginnt das Kapitel von der „Trägheit des Herzens". Die Polizei warnt vor einigen Monaten amtlich vor einem „jüdisch aussehenden" Verbrecher. In einem Bremer Vorort sagt der Landjäger in einem Bericht: „Die Täter sollen Juden sein." Im Lesebuch für die Volksschulen steht unangefochten das alte Rückertsche Gedicht: „Vom Bäumlein, das andere j Blätter hat gewollt" mit dem schönen Vers: . „Ging j der Jude durch den Wald mit großem Sack und großem j Bart . . . , der steckt die gold'nen Blätter ein." Trotz Proj testes der Schulaufsichtsbehörde läßt man durch diesen wirk- ) lieh unzeitgemäßen Vers die früheste Jugend weiter verj giften. Schon vor dreißig Jahren war in den rheinischen Lesej büchern „der Jude" durch „der Räuber" ersetzt. f. Ein sich national gebärdender Schwindler betrügt Fabril kanten in Sachsen um 700000 Mark Wäsche. Ein "bestimmt? nicht antisemitischer Staatsanwalt diktiert der Presse: „Die Ware wurde in Berlin von jüdischen Händlern aufgekauft/ i und die Preffe druckt es anstandslos ab. Auf Vorhalt sehen Beamter und Prege die „Trägheit des Herzens" ein, denn l warum sprechen sie nicht von dein „christlichen' Haupti schieder? Die Doltsvergistung aber geht ihren Weg.