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Central-Verein-Zeitung · 1928-09-21 · 38 (21.9.1928) · p. Seite 532

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
38 (21.9.1928)
Date
1928-09-21
Page
Seite 532 (sequence 4)
Language
German
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532 Jacob Wassermann: Judentum. (Fortsetzung). Der Jude hingegen, den ich den Erden nennen möchte, er ist natürlich eine syrudolische Figürl ich könnte ihn ebensogut den Erfüllten nennen, ich habe ihn einmal den Orientalen genannt, vermeide aber die Prägung hier, weil sie zu Mißverständnissen führen kann, dieser also ist seiner selbst sicher, da chn ein unverlierbares Mutbewußtsein an die Vergangenheit knüpft und eine hohe Verantwortung der Zukunft verpflichtet; er hat nichts von einem Fanatiker und nichts von einem Zurückgesetzten; was der andere außen sucht, hat er innen. Er ist frei, jener ist ein Knecht. Er ist wahr, jener lügt. Er kennt seine Quellen, er ruht schaftend, jener ist der eivig wandernde Unwandelbare. Damit wäre das, was ich als die psychologische Situation bezeichnet habe. Ln den wesentlichen Linien umrchen. Ihnen das Bild selbst, mit allen seinen Hintergründen, in seiner ganzen ungeheuren Ausdehnung zu geben, ja auch nur an.zudeuten, daran muß ich verzagen. Es wäre eine Aufgabe, der heute ein einzelner kaum mehr gewachsen ist, schon darum nicht, weil die Verwirrungen, die noch bestehen, eine unbe- Iangene Anschauung nicht ermöglichen und deshalb der GechichtSschreiber niemals in der Lage ist, sein Urteil abzuchließen. Was bei der Betrachtung aller andern menschheitichen Gruppen mühelos geschehen kann, Lokalisierung, charakteristische Teilung, Verbundenheit, Uebersichtlichmachung des historischen Ablaufs, alles dies stößt hier aus unüberwindliche Schwierigkeiten. Schon die einfache Frage: was ist ein Jude? ist kaum recht beantwortbar. Ev ist nicht der Angehörige einer Nation. Die jüdische Nation hatte auf den Trümmern Jerusalems und Bethars aufgehört zu existieren; der jüdische Staat ist vor zweitausend Jahren unter den. Tritten der römischen Legionen zusammengebrochen. Die innere Verbindung erhieÜ.sich durch zahllose, über ganz Europa verstreute Gemeinden und konnte dauern, solange der äußere Druck keine anderen Stützpunkte bot als die religiösen Uederlieserungen. Sie bestehen heute nur noch in orthodoxen Zirkeln, die ebenfalls über die ganze Erde verstreut sind, nichtsdestoweniger heißen und nennen sich auch diejenigen Mitglieder des ehemaligen Dolkskörpers Juden, die mit dem Ritus und Kultus der Vorväter nichts mehr zu schaffen haben, die ftei sind von irgendwelcher religiösen Bindung und nichts mehr in sich tragen von jenem Gefühl des Glaubensmarchriurns, das überall, wo Juden wohnten, blutige Schauplätze geschaffen hat, unter der Magierherrschaft an den Ufern des Euphrat, wie in Spanien, am Rhein und in den russischen Steppen. Es ist ein rätselhafter Vorgang, der in der Geschichte keine Analogie hat. Das ganze Leben der Juden in der Diaspora spielt sich zwischen den zwei Eefühlspolen Erinnerung und Hoffnung ab, und die ganze Geschichte der Juden durch diese zwei Jahrtausende ist keine Heroen- und Dynastengeschichte, keine Darstellung blutiger Ereignisie und kriegerischer Verwicklungen, sondern lediglich eine Kulturgeschichte, die nicht einzelne überragende Geister zu Trauern hat, sondern ein ganzes Volk. Ich habe einmal ein Gleichnis gelesen, das ich nicht vergessen habe: Wie ein mächtiger Strom, der sich ins Meer ergießt und trotz der innigen Berührung mit dem neuen Element seinen eigenen Lauf einhält und seine Farbe nicht wechselt, so haben die Juden inmitten der Bewegung durch die Völker ihre Art behalten und ihr Wesen sich bewahrt. Und es ist so, etwas von tiefer Stammeserinnerung stockt in jedem, etwas von der seligen Messiashoffnung in jedem. In der Seele eines jeden Juden sind Engramme des Leidens zu finden und verbliebene Rengste des Gehetzten und Verfolgten. Zweitausend Jahre find eine Ewigkeit für das Individuum, im Gedächtnis der Generationen bedeuten sie nur eine kurze Spanne Zeit. Und ti ist für jeden Juden das wichtigste Lebensprvblem, wie er mit dem ihm innewohnenden Eenerationengedächkrris fertig wird. Als ich während meines Aufenthaltes in New Hort durch die Straßen der Bronx ging, dieses beispiellosen Elendsviertels, in dem Millionen Menschen ärger zusammengepfercht leben als in den mittelalterlichen Ghettos, als ich da dis Taufende und Tausende von Judenkindern sah und die unfaßliche Melancholie in den unwipend-wiffenden Augen, wurde es mir klar, daß der Aufstieg einzelner zu Reichtum und Macht in den meisten Fallen nur der vehemente Gegenstoß der Senerationenver^veisftulg ist. Denn die Erfüllten, gehen eurenanderen Weg. Sie leben eine Freiheit Voraus, die nicht mehr von Emanzipation und Toleranz abbängt. Vielleicht ist das der eigentliche Sinn ihres Lebens. - Kläroiio unserer feülferellssi KifarBsII. Die Aufgaben, vor denen isn neuen Jahre die deutsche Judenheil steht, unterscheiden sich meines Erachtens nicht allzuviel von Jenen, vor denen sie immer gestanden bat Jedenfalls nur quantitativ, nicht qualitativ. Nach wie vor muss mau versuchen, sie einer Losung entgegenzuführen. Und zwar so, als ob man fest überzeugt wäre, dass dieses und gerade dieses Jahr die Losungen bringen mag. Zu diesen Aufgaben rechne ich an erster Stelle die zu erzielende'Einigkeit der deutschen Juden verschiedenster religiöser oder politischer Färbung. Sie müssen Jenseits davon den grossen Zusammenschluss als deutsche Juden suchen und finden. Der aber darf nicht allein religiöser, sondern muss vielmehr auch kultureller Natur sein. Das moderne Judentum wird erst wirklich wieder fruchtbar werden, wenn es sich nicht allein auf seine religiöse Ethik, sondern in gleicher Weise auf seine Kulturleistungen, stützt. Die Kenntnis dieser Kulturleistungen unter den Juden zu. verbreiten — vor allem unter der Jugend —, wird Aufgabe kommender Zeit sein, und sie wird für kommende und werdende Generationen ein Ansporn bedeuten. Auch wird es ideelle und materielle Waffen gegen den Antisemitismus schmieden, dessen Unberechtigtkeit in Deutschland (aber wo wäre er überhaupt berechtigt?) jedem einsichtigen Nichtjuden ausser aller Frage steht. Was der Centralverein zu der Erfüllung dieser Aufgaben tun kann, ist, dass er vor allem auf der Linie bleibt, auf der er ist. Dass er seine Wachsamkeit den antisemitischen Angriffen gegenüber eher noch verstärkt. Dass er innerhalb der deutschen Juden, statt Polemiken zu führen — ohne einen Schritt von seinem Standpunkt zu weichen —, lieber Brücken baut Und endlich: dass er die von Juden geschaffenen Leistungen innerhalb der deutschen Kultur und der Weltkuitur mehr als bisher betont oder sich dafür einsetzt, dass sie an anderen Stellen betont werden. Diese Leistungen nämlich erschöpfen sich nicht durch die Schöpfung einer Abhandlung über Probleme des Judentums oder eines Romans mit einem Jüdischen Milieu (wie man bisher zu glauben schien), sondern sie sind genau so vielartig wie das Bild der Kultur überhaupt. Georg Hermann. Der Jugend ist aus ihrer Geistes- und Lebenshaltung Anteilnahme am politischen Tageskamp! innere Unmöglichkeit Aus ihrer Zielsetzung: Wandlung der Gesinnung, kam die Jugend zur Gesinnungspolitik. Mit der Gesinnung des C. V. stimmt die deutsch-jüdische Jugend in den wesentlichsteu Punkten überein. So arbeiten viele derer, die aus ihrer engeren Jugendarbeit ins öffentliche Leben traten, bereits im C. V. und in anderen Organisationen mit, die es ihnen gesinmingsinässig ermöglichen. Die Jugend verlangt nach Jüdischer Wirklichkeit. Sie will lernen, um aus positivem jüdischen Besitz in Wahrheit „deutscher Jude44 sein zu können. Aus der Fülle der Probleme und Aufgaben, die sich aus diesem Willen der Jugend ergeben, seien hier nur: Vermittlung des Wissens vom Judentum und der Lehre, Siedlung, Berulsumschichtung genannt Unterstützung auch durch den C. V. tut hier dringend not! Diese T&taacbenarbeit wird dem C. V. auch einen grossen Teil der Jugend näherbringen, die zwar seine Gesinnung schon immer bejahte, die aber die Art seiner politischen Betätigung aus ihrer ethischen Haltung ablehnte. Als fcine der dringendsten Aufgaben sieht die Jugend die Entspannung des sozialen Konfliktes. Der Geist der Sozialpolitik entstammt jüdischem Wesen und jüdischer Lehre. Die heutige Einstellung zum Arbeitsverhäitnis ist fast überall von allem anderen als biblischem oder nur kultiviertem Geht getragen. Der C. V. möge seinen ganzen Einfluss aufbieten, um eine Aendenmg der allgemeinen Wirlschaftsgesimumg herbeizuführen, die dem Arbeiter und Angestellten gibt, was er braucht, und die auch der Not der Jugendlichen mehr Verständnis entgegenbringt (Freizeit usw.). Kaum in einem Jahre zu erhoffen und doch -aufs dringlichste zu wünschen, wäre die Wiedergewinnung einer weltanschaulichen Einigkeit im deutschen Judentum. Die religiöse Lage hat sich weiter differenziert; eine unaufhaltsame TeiSdenz zum Abfall vom Glauben der Väter macht sich geltend. Der freireligiöse Jude ist eine typische Erscheinung unserer Grossstädte. Die Jugend, von Zweifeln selbst aufs stärkste erlasst, ist keineswegs überall, wo sie bewusst jüdisch empfindet, vom Willen rar Erneuerung der alten Religionsbegriffe und -formen erfüllt. Sie erwartet von den führenden Geistern des deutschen Judentums eine Parole, die alle zur Erhaltung der deutschen Judenkeit stehenden Juden — auch die freireligiösen — zur Erhaltung einer jüdischen Lebensgemeinschaft im deutschen Volke aufund vereinigt. Hier liegt die geschieh iiiehe Aufgabe des Central- Vereins der deutschen Staatsbürger jüdischen (Stammes i) Glaubens. Alfred LevL

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