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Central-Verein-Zeitung · 1928-09-21 · 38 (21.9.1928) · p. Seite 531

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
38 (21.9.1928)
Date
1928-09-21
Page
Seite 531 (sequence 3)
Language
German
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531 Drr Friede des tzer?ens. Zum Jom Hakkipurim 5689. Bon Rabbiner Dr. Max Eschelbacher (Düsseldorf).. Wenn ein Mensch ohne Tadel vor der Welt dasteht und sein Tun und Lasten offenbar jede Kritik verträgt, sagt ihm der Volksmund nach, er trage eine weiße Weste. Das genügt. Was sich an schmutziger Wäsche etwa dahinter verbergen mag, kann niemand kontrollieren. Nach dem Worte der Heiligen Schrift schaut der Mensch nach dem Augenschein, und nur Gott schaut ins Herz. Wer indes nicht nur der Welt Genüge leisten, sondern auch vor sich selber rein dastehen will, darf nicht so beeiden sein. Die schönsten Handschuhe können nicht befriedigen, wenn die Hände darunter ungewaschen sind. Vor Gott und vor uns selber muß auch die Tiefe unseres Inneren sich fleckenlos und klar ausbreiten. Darum verlangt die Religion die Reinheit des Herzens, und darum beten wir: „Mache rein unser Herz, daß wir Dir in Wahrheit dienen!"- Dre innere Welt des Menschen ist voller Rätsel. Nicht nur der Körper, auch die Seele empfängt ihre Schrammen und ihre Wunden. Ihr Spiegel kann getrübt und befleckt werden durch krankhafte Anlagen, durch schlechte Begierden, durch verdorbene Neigungen. Die Heilige Schrift stellt uns in ihren Gestalten das rnenschuche Herz in seiner Gesundheit und in seiner Entartung vor Augen. Sie zeigt uns in dem Neid, mit dem Kajin auf den bevorzugten Bruder sieht, in der Begehrlichkeit, mit der David nach dem fremden Weibe verlangt, und in tausend anderen Verirrungen die Sünde des Gedankens, die noch nicht in einer Tat ihren Ausdruck gefunden hat. Von dem Menschen selbst oft nicht gewußt oder auch sorgsam vor dem Auge der Welt verborgen, lagert diese Sünde im Hintergrund seines Selbst. Von dort aus vergiftet sie sein Inneres, und sie kann schließlich auch seine offenbaren Taten verderben. Sie muß es nicht tun. Aber wenn sie auch nur seine Gedanken, seine Triebe, seine Empfindungen schlecht macht, ist sie kaum weniger verhängnisvoll. Der seelische Defekt braucht jedoch nicht unbedingt aus dem Menschen selber zu kommen. Er kann eine geistige Infektion sein, mit der ein von Hause aus gesundes Seelenleben von außen her anaesteckt wird. Bor dieser Gefahr einer Vergiftung durch den poetischen Kampf steht ständig der deutsche Jude. Wo er ihr aber erlegen ist, muß er sich heilen durch Reinigung des Herzens. Der Antisemitismus bedroht den Frieden'unseres Herzens und macht unsere Seele bitter. Wir sind eine kleine Minorität. oft zurückgesetzt, verletzt, gekränkt, in unseren heiligsten Empfindungen verwundet. An der Synagoge in Düsseldorf, in deren unmittelbarer Nachbarschaft diese Betrachtung rnedergeschrieben wird, find jetzt noch die Reste des großen Hakenkreuzes zu sehen,^mit dem sie vor einigen Wochen beschmutzt worden ist, und die -Spuren der häßlichen Inschrift. Solche Erlebnipe prägen sich aber nicht nur dem Auge ein. Sie dringen vielmehr in die Kammern des Herzens. Dort bleiben sie haften und können einen ungesunden Zustand ständiger Erbitterung, dauernden Grolls und ewiger Verstimmung erwecken. Die nie aufhorends Depression der Stimmung wendet sich dann gegen die Außenwelt und kann hier mittelbar unangenehme politische Konsequenzen haben. Unfreundliche, aber auch wohlwollende Beurteiler der deutschen Juden und ihres Verhaltnistes zu deutschen Politik, so Gustav Schmoller oder Friedrich Meinecke, behaupteten, der Wert der deutschen Juden für das öffentliche, namentlich aber für das politische Leben Deutschlands sei verringert, weil unsere Seele unter dem ständigen Einfluß antisemitischer Schikanen und Bosheiten ihren reinen Klang verloren habe. Sie meinten, wir könnten nur mit dem getrübten Blicke * des Verletzten und Verärgerten die deutschen Verhältnisse betrachten. Der Groll kann sich aber auch umgekehrt nach innen, gegen das Judentum selber richten. Er erzeugt dann jene ewige Nörgelei, mit der mancher Jude das ganze Leben und speziell auch Art und Wesen des Juden, seine eigene Art und sein eigenes Wesen betrachtet, sie wird die Ursache einer starken Wneigung gegen das Judentum und manchmal eines verirrten Lebensüberdrusses. Dann erwächst aus dem Antisemitismus der Umwelt jenes entartete jüdische Rischus, mit,dem „der angesteckte Jude", wie Konstantin Brunner ihn nennt, gegen sich und andere wütet und sich und andere unglücklich macht. „Mache unser Herz rein, daß wir Dir in Wahrheit dienen!" ist darum das große Gebet des Juden um unserer Seele willen, um des Judentums willen. Den Weg aber zu der.inneren Selbstbesreiuny weist uns das altjüdnche Gebot und die alljüdische Weisheit. Sre lehren uns eine , ruhige Gelassenheit durch^dre sittliche ueberwindung des eigenen Ich und des Gegners. >^ie fordern, . daß wir dem Feinde den verirrten Ochsen zurückbringen und daß wir ihm helfen, seinen, überlasteten Esel zu entladen, daß wir ihm Au esien geben, wenn er hungert, und zu trinken, wenn ihn dürstet. * Die Thora dringt in die tiefsten Gründe des Herzens vor/ wenn - sie uns die Freude verbietet, weil der Feind fällt, und den Jubel, - weil er strauchelt. . - Die Reinigung des Herzens, die das Judentum dem inneren Menschen, euferlegt, ist ein schweres Gebot, weil sich ihm unsere ^atur nicht ohne lveitcres fügt. Seine restlose Verwirklichung Aln sogar selber wieder Gefahren für das sittliche Leben bringen. Wenn wir den heiligen Zorn, die leidenschaftliche Entrüstung und Der Mittler. . Aut unserer Rundfrage: , Wtlche Aufgaben hat die deutsche Jaden heit und unser Centralverein Ltt neuen Jahr?* Darüber sprechen noch Georg Hermann und Ai f red Levi in dieser Summer. Die neue Aufgabe des Judentums hl seine alte Aufgabe: nicht zu trennen, sondern zu verbinden. Es darf nur dn Ziel geben; Frieden. * Die neue Aufgabe des Cenlralverdns ist seine alte Aufgabe: für diesen Frieden strdibar zu sein. Streitbar denen gegenüber, die noch nicht begriffen haben, dass der deutsche Jude ein Deutscher ht und der Deutsche ein Europäer, Streitbar denen gegenüber, die die messianische Sendung des Juderitums noch immer verkennen und, verblendet rückwärts gewandt, Schranken auf richten wollen zwischen Nation und Nation. Diese Aufgabe wird für den Juden» für den Mittler, für den, der in der Mitte steht, in naher Zukunft schwerer werden von Tag zu Tag. Denn die Extreme rüsten. Darum: rüsten auch wir uns, bei ihrem Zusammenprall klaren Kopfes zu bleiben, reiner Hände und unserer Aufgaben eingedenk. Robert Neumann (Wien). den unerbittlichen Drang zur Sühne unserer verletzten Ehre unterdrücken, können wir uns zwar von Haß und Groll befreien, aber wir können gerade dadurch auch unempfindlich und stumpf werden. Vielleicht sterben dann die stärksten und lebendigsten Empfindungen in uns ab und wir lassen uns alles gefallen. Würden wir unser Gebet so verstehen, dann wäre seine Erfüllung eine Schwächung des eigenen Selbst und zuletzt ein Unglück für das deutsche Judentum. Das ist oder nicht der Sinn des biblischen Gebotes, und nicht zu diesem Ziele sollen wir dem Feinde Gutes tun. Das Gefühl der persönlichen Verletztheit, der persönlichen Empfindlichkeit muß freilich gebändigt werden. Um so stärker aber münen die Empfindung für das gekränkte Recht und die Entschlonenheit zum Kampfe mit dem Ziele des Friedens werden. Wir werden aber den wahren Weg nicht verfehlen und unser Recht und unsere heilige Sache vertreten, ohne daß unser Herz unter dem Druck von Verewigung, Mißachtung, Zurücksetzung und Gering- ' schatzung krank und verbittert wird. Wir sehen auf eine lange Geschichte zurück. Sie zeigt uns auf jedem Blatte die Unüberwindlichkeit des Judentums. Nicht unter dem Eindruck des täglichen Aergers, sondern unter dem Gesichtspunkte der Ewigkeit betrachten wir die Angriffe, die die Stunde bringt. Wir schauen auf sie mit dem Ernst, zu dem unsere große Verantwortung verpflichtet, aber auch mit der ruhigen Gelassenheit, zu der uns eine lange, an Kämpfen und Erfolgen reiche Vergangenheit berechtigt. Sie werden uns nicht mehr wehe tun als jene, die wir in Jahrtausenden überftanden haben. Im Geiste des Jom Hakkipurim sehen wir ab von der eigenen Person und blicken um so mehr auf die erhabene Sache des Rechtes, die wir vertreten und für die wir uns im Kampfe um die persönliche Existenz ein setzen. Der C. D. hat seine Arbeit von Anfang an rn diesen Dienst des Rechtes gestellt, hat die deutschen Juden aus der Verstrickung in Verärgerung und Verbitterung losgelöst und sie hineingeführt in einen Kamps ums Recht, der aus so großen Gesichtspunkten geführt wird, daß sich die Seele in ihm wertet. Das ist der rechte Weg. So wird die Erkrankung geheilt und das Gift unschädlich gemacht, mit dem der Antisemitismus nicht nur unsere bürgerliche Stellung, sondern auch unsere Seele bedroht. So finden wir innere Versöhnung, Eintracht mit Gott, und mitten in allem Kampfe und trotz allem Kampf jenen Frieden inmitten einer von Haß erfüllten Welt, der die Frucht unseres Gebetes ist: „Mache rein unser Herz, daß wir Dir dienen in Wahrheit!" Eöler Wettstreit Zer Konfef/lonett! Las Bekenntnis des deutschen Katholikentages. Die große, unter dom Namen „Katholikentags bekannte Taounz des katholischen Deutschlands fand in diesem Jahr in llst a g d e b u r g statt. Die imposante Veranstaltung, deren ernste Verhandlungen in großen, öffentlich;: Kundgebungen ausklangen, stellte die Probleme von Staat und Volk m ben Vordergrund. Mich ihnen beschäftigte sich besonders der Abgeordnete Joos in seinem in der ^ch stchversammttmg gehaltenen Referat ,Der Dienst der Diaspora". In diesem Bortrag fand tzoos warme Worte für tai Geist der Versöhnung und des Friedens zwisckM den Konfessionen, denen auch wir nur mit ganzem Herzen küpflichten können. Er führte u. a. aus: ,W>ir Deutsche halben nickst das-Glück der Einheit im Glauben und im Bekenntnis wie curdore Völker . . . Mit diesem inneren Bruch muß das deutsche Volk seinen Weg durch die Geschichte nehmen und muß dennoch feiner: staatlichen und nationaler: Sinn erfüllen. Das geht nur, wenn wir ein würdiges Verhältnis der"K onfe s fronen zueinander finden. T«s - heißt, so wir die Zeiten geworden sind, konfessionelle Gegensätze müssen sich umsehen in etnen r ö l e n W e t i iu p i t « m b i t Lebendigkeit innerer Religiosität, in Werken helfender Liebe irn Volk."

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